Wer genug Zeit und Tiefblick hat, um die Ursachen und Wirkungen zu
betrachten, der wird -- sei es zu seinem Schreck, sei es zu seinem
Trost -- finden, daß alle Fehltritte und Verstöße des Menschen gegen
Sitte und Gesetz, gegen das Gute und Rechte überhaupt, sich fast
allemal strafen, und zwar an derselben schuldigen Person oder an
demselben Geschlechte. Schade nur, daß die Strafe nicht unmittelbar
genug folgt, um stets als Strafe für Sünde und Vergehen empfunden zu
werden. So mancher, der sein Elend selbst geschmiedet, hält sich für
den Unschuldigsten von der Welt und ist geneigt, die Ursache dieses
Elendes anderen in die Schuhe zu schieben. Solches Mißkennen führt ihn
zu weiteren Fehlern und Ungerechtigkeiten, und im Gefühle des eigenen
Sturzes sucht er auch andere mit sich zu reißen. Leichter kehrt der
um, welcher ein schweres Verbrechen begangen, als einer, der tausend
Fehler hat und den Mitmenschen täglich im kleinen tausendmal unrecht
tut. Doch ist letzterer ebenso Verbrecher als ersterer, nur schreit er
Zeter und Mordio, wenn endlich auch an ihn die Nemesis herantritt mit
dem Richtschwert.
Frau Kunigunde hatte kaum eine Ahnung davon, daß sie eine der
Hauptursachen an dem Niedergang ihres Hauses und die einzige Ursache
an ihrem und ihres Mannes Unglück war. Sie war immer nur geneigt,
alles auf ihren Mann, auf seinen Vater, auf alles andere zu schieben.
Und je weher ihr ward, um so höher stieg ihre Verbitterung gegen die
eingebildeten Feinde. Und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Bei dem Adlerwirtshause zu Kirchbrunn hatte sich reges Leben entfaltet
wie schon lange nicht. Allerhand Wägen kamen angefahren von oben
und von unten und spannten aus, Bauern, Bürger und Herren waren da,
Schacher und Händler, und die Wirtsstube war viel zu enge, auch im
Vorhause und im Hofe standen Tische, und die Kellnerinnen liefen über
die Gasse hin und her. Das gab doch wieder einmal ein Geschäft.
Meint ihr?
Da müßte man erst noch die Wirtsleute fragen. Der alte Adlerwirt
lag bei einem Nachbar im Scheunenstroh und bat mit lallender Stimme
fortwährend um Branntwein. Er wolle nie mehr nüchtern werden auf dieser
verdammten Welt. Der junge Adlerwirt war seit Wochen verschollen. Im
Siebenbachwald, so hieß es, wäre er einmal gesehen worden, aber ganz
seltsam aufgeregt, er müsse etwas Besonderes im Sinne haben, man werde
noch merkwürdige Geschichten von ihm hören. So kam es, daß auch Frau
Kunigunde nicht ruhig sitzen bleiben konnte in ihrem Zimmer. Sie ließ
ihre Mutter, der ja alles gleichgültig war, allein, und als sie auf
einem Steirerwäglein und in ihrer tadellosen Trauerkleidung hübsch
fein geputzt aus dem Hofe fuhr, klang in demselben das erste Mal der
Ganthammer. Alles wurde versteigert im Adlerwirtshause, nur nach den
Insassen war keine Nachfrage.
Frau Kunigunde fuhr in das Gebirge hinein. Sie hieß auf das Pferd
dreinhauen, sie bewarf den Pferdeknecht mit Schimpfnamen, denn sie
wußte ihrer Galle kein Ende. Was sie dem Knecht und dem Pferde antat,
das war alles ihrem Manne vermeint. Dem Flüchtling! dem gewissenlosen
Ausreißer! Solange er Geld erwartet von ihrem Vater, hat er den
Hausherrn gespielt, jetzt weil nichts ist, weil alles in die Brüche
geht, verläßt er sein armes Weib in Not und Schande und stromert in
allen Weiten um, man weiß nicht wo und mit wem. Aber warte, Schelm,
wir werden dich noch einfangen. Du sollst Gott erkennen lernen! Du
sollst mir kirre werden! Hinwärts zieht mich noch das spottschlechte
Roß, es ist aber vieltausendmal besser als du; herwärts sollst du den
Bettelkarren ziehen, und daß du zahm wirst wie ein Pfründnerschaf und
mir Brennesseln aus der Hand frißt, das soll meine Sorge sein. --
Unter solchen Liebesgedanken fuhr Frau Kunigunde auf die Suche
nach ihrem Manne. Sie sprach bei manchen Häusern zu, schämte sich
aber, geradehin zu fragen: Habt Ihr meinen Mann, den Adlerwirt von
Kirchbrunn, nicht irgendwo gesehen? -- Ja, Frau Adlerwirtin, ist Euch
Euer Mann durchgegangen? -- Das wäre eine hübsche Unterhaltung gewesen.
Also faßte sie es so: »Hat nicht mein Mann hier zugefragt?« -- »Wissen
nichts, vor einer Woche oder wann haben wir ihn vorbeigehen gesehen.«
-- »Sollte er nach mir fragen, so weiset ihn, ich bin vorausgefahren in
den Siebenbacherwald, wegen des Holzkaufes.«
Bei den Holzknechthütten im Siebenbachwald ließ sie ausspannen und
begehrte etwas zu essen.
»Ja,« meinte ein resches Holzerweib, »kein Wirtshaus ist halt bei uns
nicht. Geißmilch mit Schoten, wenn's recht wäre?«
Von Herzen gern hätte Frau Kunigunde geantwortet, daß sie
Schweinefutter nicht gewohnt sei, wäre nur ihr Hunger nicht gar zu
groß gewesen. Während sie die Milch trank, erzählte sie, daß mit ihrem
Mann eine Zusammenkunft draußen bei den drei Brücken verabredet gewesen
sei, daß sie sich aber verfehlt hätten. Und sie fragte, ob er, der
Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht etwa hier herum gesehen worden wäre?
»Seid Ihr die Adlerwirtin?« fragte das Holzerweib. »Nachher glaub'
ich's gern, daß er bei den drei Brücken nicht gekommen ist. Von Euch
ist er ja eben davongelaufen, sagen die Leute.«
Frau Kunigunde warf eine Münze hin und machte sich entrüstet auf die
Wander zu den Köhlerstätten.
Bei der Kohlenbrennerei fragte sie wieder an.
»Der Adlerwirt?!« schrie der alte Köhler, denn er war schwerhörig,
daher hielt er auch andere dafür. »Weiß nichts davon. Aber der
Vorknecht soll letzt' Zeit her alleweil vom Adlerwirt reden.«
»Wo ist denn dieser Vorknecht?«
»Der ist jetzt nicht da, der ist oben im Zagelwald. Für ein Weibsbild
nicht gut hinaufzusteigen.«
»Ich ~will~ hinauf!« sagte Frau Kunigunde.
»Weiß nicht, ob es Euch viel nutzen wird,« meinte der Kohlenbrenner,
»letzt' Zeit her ist der Schopper -- so heißt der Vorknecht -- nicht
recht im Kopf, ganz kleinsinnig oder was lauter. Ist nichts Rechtes von
ihm herauszubringen. Vom Adlerwirt redet er nächtig im Traum.«
Die Frau dingte sich einen herumlungernden Knaben und stieg mit diesem
hinan gegen den Zagelwald. Mehrmals ging es in tiefen Schluchten über
Sand, Gerölle und wuchtige Steinblöcke dahin an brausenden Wässern,
mehrmals unter einem schwindelnd hohen Holzgerüste durch.
»Was das für ein hoher Steg wäre?« fragte die Adlerwirtin.
»Das ist kein Steg,« antwortete der Knabe, »das ist die neue
Holzriesen, wo die großen Blöcker herabrutschen und zum Feierabend die
Holzknechte selber. Wie viele Kreuzer krieg' ich denn dafür, daß ich
mitgeh'?«
Nach einer Stunde waren sie auf der Höhe bei dem Holzschlag. Die Leute,
welche hier arbeiteten, blickten einander nur so an, als sie vernahmen,
die junge Frau wolle mit dem Vorknecht sprechen. Der Vorknecht sei aber
gar nicht auf dem Schlag, der liege auf dem Buchenanger im Grase; er
sage, er arbeite nichts mehr, und das liebe Christenvolk möge gesund
bleiben und ihm an den Buckel gucken. »Wollt Ihr das, so könnt Ihr ihn
ja aufsuchen,« setzte der Berichterstatter bei.
Da ist etwas dahinter! dachte Frau Kunigunde und ließ sich zum
Buchenanger führen.
Der Schopper, als er sah, wer daherkam, sprang rasch vom Rasen auf. Er
sah wirklich wild und wirr aus. Ohne viele Einleitung fragte sie in
strengem Tone nach ihrem Manne, dem Adlerwirt.
»Was weiß ich?« knurrte der Holzknecht. »Habt Ihr mir ihn zum Aufheben
geschickt?«
»Du weißt, wo er ist!« sprach sie scharf.
»So? Na, wenn ich's weiß, dann muß ich's freilich sagen. Den Adlerwirt
hat sein Weib verlassen, da ist er zu einer anderen gegangen.«
»Wo er ist, will ich wissen!«
»Vor etlichen Tagen,« antwortete der Holzknecht gottlos ruhig, fast
träge, »hat er sich auf der Schabelhöh' aufgehalten oder im Wirtshaus
dort herum. Jetzt kann's sein, daß er drüben in der Abachleuten ist.«
»Ein Schandmensch! Ein Schandmensch!« keuchte sie, und fast verging
ihr der Atem vor Wut. »Der soll das höllische Feuer beizeiten kennen
lernen, dafür stehe ich gut!«
»Dieweilen sitzt er im Himmel,« sagte der Schopper. »Und ich wäre der
Meinung, wer so fest drin sitzt, den laßt man sitzen.«
Frau Kunigunde hatte sich niedergelassen auf einem Baumstock, ihr
zitterten die Beine.
»Wie weit ist's bis in die Abachleuten?« fragte sie.
»Zwei Stunden, wer gut antaucht.«
»Mein Gott, mich verlassen schon die Füße.«
»Wenn die Frau ein Stündlein wartet, so kann sie mit mir auf dem
Brettel hinabrutschen,« sagte der Holzknecht.
Ja, sie wolle warten. Und der Schopper dachte: Herrgott im Himmel, was
ist das für ein Schick! Ich rutsche mit seinem Weib auf der Riesen
hinab. Und ganz plötzlich fuhr es ihm durch den Kopf: Wenn er mir die
Meine nimmt, so nimm ich die Seine. Wert ist sie's, daß sie mit mir
kommt. Es geht nichts über die Ordnung. Und nachher ist Fried. --
Dieweilen Frau Kunigunde erschöpft auf dem Baumstock saß und mißmutig
den Holzhauern zusah, die immer Blöcke an die Riesen schleppten und
hinabgleiten ließen, strich der Schopper wie halb verloren auf dem
Schlage um. Manchmal blieb er stehen und starrte auf den Erdboden, dann
hob er das krause Haupt gegen Himmel und schnappte nach Luft. Dann
lachte er hell auf, und einer der Männer hörte ihn sagen: »Besser kunnt
sich's nicht mehr reimen. Wer ungeschickt ist, der muß hinab, daß er
anderen nicht im Wege steht.«
»Du, Franzel,« redete er, als die Abendstunde kam, einen Arbeiter an.
»Wenn du einmal beim Möstl in der Abachleuten vorbeigehst, gelt, so
bist so gut und gibst das Ding dort ab. Es ist für die Magd Frieda.«
Damit gab er ihm ein rotes, zusammengeknulltes Tüchlein. »Und jetzt,
Leute!« rief er laut hinaus über den Schlag, »jetzt ist Feierabend. --
Fahrt ihr nur voraus hinab, wir, ich und die Frau Adlerwirtin, rutschen
hinten drein.«
Die Werkzeuge brachte man in Sicherheit, die Lodenröcke hing man sich
über die Achsel, und da war's fertig.
Muldenförmige, vorn ein wenig aufgekurfte Bretter wurden in die Rinne
der Riesen gelegt, und auf je einem solchen Fahrzeuge glitten ein oder
auch zwei Mann hinab. In der Hand hatten sie lange Stöcke, mit welchen
sie sich nötigenfalls leiten, anstemmen oder weiterschnellen konnten.
Auf etwa hundert Schritte Zwischenräume wurden sie abgelassen. Anfangs
glitt es gemächlich dahin, allmählich kam's in rascheren Lauf, und
auf steileren Strecken sauste es unheimlich schnell dahin, manchmal
an Erdeinschnitten und zweimal über grauenhaft tiefe Schluchten, aus
welchen Schutt und Gestein und schäumendes Wasser heraufleuchtete. Über
den schwindelndsten Stellen jauchzten einige. An den Rinnbäumen der
Riesen dröhnte noch lange das Rollen herauf, selbst als die Bretter
schon den Augen entschwunden waren.
Als die Holzknechte dermaßen alle angefahren waren, ging der Schopper
zur Frau Kunigunde, die noch immer auf dem Stocke saß, machte eine
kleine Verbeugung und sagte: »Also, Adlerwirtin, jetzt ist's an uns
zweien.«
»Ist wohl doch keine Gefahr dabei?« fragte sie.
»Ihr seht ja, wie sie jauchzen unterwegs. In die ewige Seligkeit kann
man nicht lustiger hineinfahren. Im Siebenbachwald gibt's halt keine
so feinen Eisenbahnzüge wie in Geßnitz. Wir haben das lange Brettel
mit zwei Sitzen. Ich setze mich voran, Ihr habt hinterwärts Platz. Nur
frisch dran, Frau Adlerwirtin!«
»Es ist grauenhaft!« sagte die Frau.
»Nichts ist grauenhaft,« lachte der Schopper. »An fünf Minuten sind wir
unten. Kommt nur. Prächtig wird's.«
»Ich will heut' ja noch weiterfahren.«
»Freilich, Adlerwirtin. Nur hübsch anhalten. Sitzen wir fest?«
»Ich sitze.«
»Also, im Gottesnamen!« Mit diesem Worte stieß der Schopper aus,
und das Schifflein begann zu gleiten. Erst hielt der Mann mit
beiden Händen den langen, derben Stock in die Luft. Vorwärts ging's
rasch und rascher. Steiler wurde die Bahn, und da sauste das Brett
pfeifend dahin. Es schoß über den ersten Abgrund, es schoß durch den
Erdeinschnitt, es schoß dem zweiten großen Abgrunde zu, und als es hoch
über der Schlucht rasend schnell hinglitt, senkte ganz plötzlich der
Schopper den Stock, stemmte ihn vor sich in die Riesen, da sprang das
Fahrzeug hinten empor, schlug über, und die beiden Menschen flogen in
weitem Bogen durch die Luft -- stürzten in die Tiefe.
Ein ganz kurzer Schrei gellte durch die abendlichen Lüfte, und dann war
nichts mehr zu hören als das rauschende Wasser in der Schlucht. -- --
[Illustration]