Vom Schopper-Schub wissen wir, daß er seit Jahren die Jungmagd
Frieda nicht mehr aus den Augen ließ. Er verfolgte immer ihre Spuren
und oft war er in ihrer Nähe, ohne daß sie es ahnte. Beim Möstl
in der Abachleuten war es ihm gar bequem, da konnte er sich aus
seinem Holzschlag an den Samstagabenden und manchmal auch an den
Sonntagnachmittagen einfinden, um mit ihr zu plaudern. Die ganze Woche
hindurch freute er sich auf das Stündlein, an welchem er nahe bei ihr,
wenngleich durch eine Wand getrennt, sitzen konnte. Es waren zumeist
die allergewöhnlichsten Dinge, über die gesprochen wurde, aber dem
Holzknecht war wohl, wenn er ihre Stimme hörte und wenn er sah, wie sie
manchmal so kindlich lachte.
Also war er auch an diesem Sonntagnachmittage in die Abachleuten
gekommen, beim Möstlhaus zugekehrt, hatte sich auf die Stubenbank
hingesetzt und gesagt, er müsse doch ein wenig in den Schatten gehen.
»Ja,« hatte das Möstlweib neckend geantwortet, »Schattens wegen wirst
du in die Abachleuten kommen! Den hast in deinem Siebenbacherwald weit
besser. Wirst den weiten Weg heut wohl umsonst gemacht haben. Sie ist
zu den sieben Lärchen hinauf wallfahrten gegangen.«
»So,« antwortete der Schopper ganz gleichgültig. »Da hat sie schon
recht. Das Beten schadet niemandem.«
Und wenn das Beten niemandem schadet, dachte er für sich weiter, so
wird's ja auch mir nicht schaden. Und stieg an gegen die Schabelhöhe.
Er ging nicht den guten Fahrweg, er wählte die steileren, aber kürzeren
Steige; Bergesmühsal gibt's für den Holzknecht keine, und durch den
Wald hinauf mag er sich das Schlagholz ansehen. Als er auf die freien
Weiden kam und auf die weiße Straße hinüberblicken konnte, sah er sie
dort gehen, er erkannte sie ja schnell. Und einen Büchsenschuß hinter
ihr eilte ein Mann drein. Der Schopper schärfte sein Auge und erkannte
den jungen Adlerwirt von Kirchbrunn. -- Vor Überraschung wie gelähmt
blieb er einen Augenblick stehen. -- Was ist das? -- Was ist das? --
Steht es so mit der Wallfahrt zu den sieben Lärchen? Ei, da wollen wir
ihnen doch einen Baum über den Weg werfen. Ist denn schon alles falsch
auf der Welt? Gut, alsdann will ich's auch sein. -- So seine Gedanken.
Neuerdings zog er sich in den Wald zurück und lief durch denselben an
der rückwärtigen Berglehne der Kapelle zu. Er kam früher hinauf als
die anderen. Hinter der Kapelle kroch er in das Fichtendickicht und
kauerte sich an die Holzwand, um durch eine Spalte in das Innere der
Kapelle lugen zu können, während durch das Gezweige hin der Anger mit
den Tischen sichtbar war. So beherrschte er den Schauplatz nach beiden
Seiten. Er langte mit der Hand in seinen Sack, ob er das Messer bei
sich habe. -- Ja, mein lieber Adlerwirt, ich habe dir's gesagt, und
du hast es nicht geglaubt. Des Herrgotts Mühlen mahlen langsam, aber
sicher! --
Er hatte gesehen, wie die Frieda beklommen in die Kapelle getreten war,
und als er merkte, daß ihr Gebet ihm galt, da löste sich von seinem
Auge ein salziger Tropfen los und rann über die rauhe Wange, durch den
struppigen Bart bis an die Lippen. Dann stand plötzlich an der Tür der
junge Adlerwirt mit heißbegehrendem Blick. Der Holzknecht erfaßte die
Hirschhornschale seines Messers. Als er hernach vernahm, was draußen
gesprochen wurde an den Tischen, jedes Wort des armen Burschen voller
Unglück und voller Liebe, und wie das Dirndel dagegen ankämpfte, bis
doch in beiden die wilde Allgewalt Siegerin ward -- da loderte in ihm
Wut und Rachgier auf, daß der fliegende Atem glühte an seinem Munde.
Und er stürzte mit gezücktem Messer hin auf das Paar. Die Frieda tat
einen Schrei und wollte sich schützen unter dem Brette eines Tisches.
Der Wolfram jedoch stand wie ein Baumstamm da und fragte: »Holzknecht!
Was willst du?«
Diese starre Ruhe lähmte den Schopper für den Augenblick, denn er war
auf Gegenwehr gefaßt gewesen und in einem Zweikampfe wollte er siegen
oder fallen.
»Bist du da, um mich zu töten?« fragte der Wolfram. »So stoße zu. Ich
habe mein Leben verspielt und wehre mich nicht. Willst aber ihr etwas
zu Leide tun --!« Er ballte die Fäuste.
Dem Schopper sank der Arm mit dem Messer. Plötzlich wendete er sich,
stürzte in das Dickicht und hastete davon durch den Wald hin. -- Halb
betäubt war er, und seine Gedanken wurden wirr. -- Warum hast du es
denn nicht getan? fragte er sich selbst. Und er selbst antwortete: Er
hätte einen Bankbalken losreißen müssen. Nicht davonlaufen wollen und
sich auch nicht wehren, wer kann denn da zustoßen? Einen Baum fällt
man so, aber einen Menschen --. Und hernach, weiß ich denn, welches
fort muß? Soll der Adlerwirt sterben? Ist er nicht der Ehebrecher und
Verführer und der Räuber derer, die mir Gott gegeben hat? -- Oder
soll sie sterben? Ist nicht sie die Ursache seiner Treulosigkeit, die
den Sünder anlockt und einen treuen Menschen verschmäht, verachtet,
in Verzweiflung treibt? -- Oder soll ein dritter sterben? Soll der
Schopper sterben, weil alles aus ist, und freiwillig sterben, bevor er
zum Mörder wird? Mir kommt's nur auf den Schuldigen an. -- Denn das
sah er nun wohl, es war die unbändige, rasende Liebe, in welcher das
junge wehrlose Menschenpaar hinschmolz wie Wachs im brüllenden Feuer
eines brennenden Hauses. Armer Holzknecht, so wie du selber wehrlos
bist gegen diese Macht, so sind auch sie es. Was können sie dafür! --
Du hast dir vorgenommen, Schopper-Schub, für die Frieda alles zu wagen
und zu opfern, um sie glücklich zu machen. Siehst du es denn nicht,
~jetzt ist sie glücklich~! -- Was willst du denn noch? -- Einmal
hast du dein eigenes Haus angezündet, weil es böse Ursach' ist gewesen.
-- Kannst du rechnen, Holzknecht? Wenn du ein bißchen rechnen kannst,
so sage, was mehr ist, eins oder zwei. Wenn zwei mehr sind als eins, so
ist einer weniger als zwei. Laß die zwei sein, und den einen streiche
weg. --
Also dachte der arme Mensch und ging -- ach wie traurig! -- den
Holzhütten seines Tales zu.
[Illustration]