9. Abschnitt.

Vom Schopper-Schub wissen wir, daß er seit Jahren die Jungmagd

Frieda nicht mehr aus den Augen ließ. Er verfolgte immer ihre Spuren

und oft war er in ihrer Nähe, ohne daß sie es ahnte. Beim Möstl

in der Abachleuten war es ihm gar bequem, da konnte er sich aus

seinem Holzschlag an den Samstagabenden und manchmal auch an den

Sonntagnachmittagen einfinden, um mit ihr zu plaudern. Die ganze Woche

hindurch freute er sich auf das Stündlein, an welchem er nahe bei ihr,

wenngleich durch eine Wand getrennt, sitzen konnte. Es waren zumeist

die allergewöhnlichsten Dinge, über die gesprochen wurde, aber dem

Holzknecht war wohl, wenn er ihre Stimme hörte und wenn er sah, wie sie

manchmal so kindlich lachte.

Also war er auch an diesem Sonntagnachmittage in die Abachleuten

gekommen, beim Möstlhaus zugekehrt, hatte sich auf die Stubenbank

hingesetzt und gesagt, er müsse doch ein wenig in den Schatten gehen.

»Ja,« hatte das Möstlweib neckend geantwortet, »Schattens wegen wirst

du in die Abachleuten kommen! Den hast in deinem Siebenbacherwald weit

besser. Wirst den weiten Weg heut wohl umsonst gemacht haben. Sie ist

zu den sieben Lärchen hinauf wallfahrten gegangen.«

»So,« antwortete der Schopper ganz gleichgültig. »Da hat sie schon

recht. Das Beten schadet niemandem.«

Und wenn das Beten niemandem schadet, dachte er für sich weiter, so

wird's ja auch mir nicht schaden. Und stieg an gegen die Schabelhöhe.

Er ging nicht den guten Fahrweg, er wählte die steileren, aber kürzeren

Steige; Bergesmühsal gibt's für den Holzknecht keine, und durch den

Wald hinauf mag er sich das Schlagholz ansehen. Als er auf die freien

Weiden kam und auf die weiße Straße hinüberblicken konnte, sah er sie

dort gehen, er erkannte sie ja schnell. Und einen Büchsenschuß hinter

ihr eilte ein Mann drein. Der Schopper schärfte sein Auge und erkannte

den jungen Adlerwirt von Kirchbrunn. -- Vor Überraschung wie gelähmt

blieb er einen Augenblick stehen. -- Was ist das? -- Was ist das? --

Steht es so mit der Wallfahrt zu den sieben Lärchen? Ei, da wollen wir

ihnen doch einen Baum über den Weg werfen. Ist denn schon alles falsch

auf der Welt? Gut, alsdann will ich's auch sein. -- So seine Gedanken.

Neuerdings zog er sich in den Wald zurück und lief durch denselben an

der rückwärtigen Berglehne der Kapelle zu. Er kam früher hinauf als

die anderen. Hinter der Kapelle kroch er in das Fichtendickicht und

kauerte sich an die Holzwand, um durch eine Spalte in das Innere der

Kapelle lugen zu können, während durch das Gezweige hin der Anger mit

den Tischen sichtbar war. So beherrschte er den Schauplatz nach beiden

Seiten. Er langte mit der Hand in seinen Sack, ob er das Messer bei

sich habe. -- Ja, mein lieber Adlerwirt, ich habe dir's gesagt, und

du hast es nicht geglaubt. Des Herrgotts Mühlen mahlen langsam, aber

sicher! --

Er hatte gesehen, wie die Frieda beklommen in die Kapelle getreten war,

und als er merkte, daß ihr Gebet ihm galt, da löste sich von seinem

Auge ein salziger Tropfen los und rann über die rauhe Wange, durch den

struppigen Bart bis an die Lippen. Dann stand plötzlich an der Tür der

junge Adlerwirt mit heißbegehrendem Blick. Der Holzknecht erfaßte die

Hirschhornschale seines Messers. Als er hernach vernahm, was draußen

gesprochen wurde an den Tischen, jedes Wort des armen Burschen voller

Unglück und voller Liebe, und wie das Dirndel dagegen ankämpfte, bis

doch in beiden die wilde Allgewalt Siegerin ward -- da loderte in ihm

Wut und Rachgier auf, daß der fliegende Atem glühte an seinem Munde.

Und er stürzte mit gezücktem Messer hin auf das Paar. Die Frieda tat

einen Schrei und wollte sich schützen unter dem Brette eines Tisches.

Der Wolfram jedoch stand wie ein Baumstamm da und fragte: »Holzknecht!

Was willst du?«

Diese starre Ruhe lähmte den Schopper für den Augenblick, denn er war

auf Gegenwehr gefaßt gewesen und in einem Zweikampfe wollte er siegen

oder fallen.

»Bist du da, um mich zu töten?« fragte der Wolfram. »So stoße zu. Ich

habe mein Leben verspielt und wehre mich nicht. Willst aber ihr etwas

zu Leide tun --!« Er ballte die Fäuste.

Dem Schopper sank der Arm mit dem Messer. Plötzlich wendete er sich,

stürzte in das Dickicht und hastete davon durch den Wald hin. -- Halb

betäubt war er, und seine Gedanken wurden wirr. -- Warum hast du es

denn nicht getan? fragte er sich selbst. Und er selbst antwortete: Er

hätte einen Bankbalken losreißen müssen. Nicht davonlaufen wollen und

sich auch nicht wehren, wer kann denn da zustoßen? Einen Baum fällt

man so, aber einen Menschen --. Und hernach, weiß ich denn, welches

fort muß? Soll der Adlerwirt sterben? Ist er nicht der Ehebrecher und

Verführer und der Räuber derer, die mir Gott gegeben hat? -- Oder

soll sie sterben? Ist nicht sie die Ursache seiner Treulosigkeit, die

den Sünder anlockt und einen treuen Menschen verschmäht, verachtet,

in Verzweiflung treibt? -- Oder soll ein dritter sterben? Soll der

Schopper sterben, weil alles aus ist, und freiwillig sterben, bevor er

zum Mörder wird? Mir kommt's nur auf den Schuldigen an. -- Denn das

sah er nun wohl, es war die unbändige, rasende Liebe, in welcher das

junge wehrlose Menschenpaar hinschmolz wie Wachs im brüllenden Feuer

eines brennenden Hauses. Armer Holzknecht, so wie du selber wehrlos

bist gegen diese Macht, so sind auch sie es. Was können sie dafür! --

Du hast dir vorgenommen, Schopper-Schub, für die Frieda alles zu wagen

und zu opfern, um sie glücklich zu machen. Siehst du es denn nicht,

~jetzt ist sie glücklich~! -- Was willst du denn noch? -- Einmal

hast du dein eigenes Haus angezündet, weil es böse Ursach' ist gewesen.

-- Kannst du rechnen, Holzknecht? Wenn du ein bißchen rechnen kannst,

so sage, was mehr ist, eins oder zwei. Wenn zwei mehr sind als eins, so

ist einer weniger als zwei. Laß die zwei sein, und den einen streiche

weg. --

Also dachte der arme Mensch und ging -- ach wie traurig! -- den

Holzhütten seines Tales zu.

[Illustration]

Der Adlerwirt von Kirchbrunn · 第 15 / 22 题