»Von der mußt du los, Junge!« rief der Professor.
»Aber wie?« seufzte der junge Mann.
»Scheidung! frisch! rasch! Heute besser als morgen.«
»Ehescheidung!« sagte der Adlerwirt. »Das geht nicht. Dieses Aufsehen!«
»Wenn sie dich in die Strafanstalt führen, das wird auch ein Aufsehen
sein!«
Der Wolfram sprang empor.
»Verzeihe!« begütigte der Professor. »Das Wort war schlimm. So
endet's bei dir nicht, so nicht. Du bist ein weicher Mensch, du wirst
verderben und vergehen, und wer dich umbringt, der kommt auch nicht
ins Zuchthaus, weil du dich vor Gram und Jammer selber verzehrst. Und
der, welcher dich mit kleinen Dosen täglich vergiftet, hat noch den
Triumph, als Leidtragender an deiner Grube zu stehen. -- Wolf, wenn du
bisher alle sieben Todsünden begangen, die eine mußt du sühnen, auf der
Stelle, ohne Säumnis sühnen: daß du dieses Weib genommen hast!«
»Ich hätte mir ja leicht eine andere gewußt.«
»Eine andere!« sprach nun der Professor. »Wolf, eine andere laß
einstweilen aus dem Spiele! Das ganze Firmament, habe ich gesagt,
vermach' ich dir, nur den Halbmond nicht, der gehört den Türken. Und
Türke wirst du keiner sein wollen. Jetzt eine andere! Das wäre hübsch!
Erst scheiden, dann wieder binden!«
»Nicht mir zulieb' habe ich sie genommen.«
»Man merkt es wohl, Junge. Wäre auch nur ein bißchen Neigung da, es
müßte sich anders zeigen.«
»Mein Vater wollte es so haben,« gestand nun der junge Adlerwirt, »ihm
zuliebe bin ich hineingesprungen. Wir stehen schlecht, wir müssen uns
mit ihrem Gelde aufhelfen.«
»Wolf,« sagte hierauf der Professor. »So lang dein Weib mißt, so lang
mißt dein Unglück. Wo das Weib aufhört und das Geld anfängt, fängt in
dir der Wicht an. -- Schelm, armseliger! Das Geld! -- Adlerwirtssohn.
Ich habe dich als Kind auf den Armen getragen und dabei gesungen:
Lieber Engel, werde ein braver Mensch! Hernach der wißbegierige Knabe!
Der warmherzige Jüngling! Es war eine Freude. Er wird's! habe ich oft
gejauchzt. -- Na, und wie der Mann fertig ist, von dem man glaubt, daß
er edle Früchte wird tragen -- steht der heißhungrige Geldwolf da. Irr
und toll könnt' einer werden!«
Da der Adlerwirt bei diesen herben Worten sich abgewendet hatte, fiel
der alte kleine Professor vor ihm auf die Kniee, umfaßte seine Beine
und rief: »Mußt mir's zugute halten, Wolf, mir tut deinetwegen das Herz
so weh, daß ich schreien muß. Dem Vater zulieb'! Es war ja gut gezielt,
aber es ist schlecht getroffen. Mein Wolf, glaube mir! Folge mir! Gehe
heute noch ins Amt und laß dich scheiden!«
»Dann bin ich ein Bettler!« rief der Adlerwirt.
Der Professor stutzte. Als er seiner Verblüffung einigermaßen Herr
geworden, sagte er in singendem Tone: »So, so. Also nur eine Ausrede
ist der Herr Vater. Du selber willst Geld haben. Du willst lieber ein
elender, verächtlicher Gauch sein, von deines Weibes Groschen zehrend,
unter eines Weibes Fuß wimmernd, dich windend wie ein zertretener Wurm,
anstatt mit gesunden Armen mannbar dir dein Brot zu verdienen! --
Adlerwirt, ich mag dich nicht mehr.«
Er erhob sich rasch und ging quer über die Wiese hin durch das lange
Gras, daß kaum sein Kopf manchmal hervorragte über den Germen und
Rispen. --
Als der Wolfram nach Hause kam, gab's von Vaters Seite ein arges
Wetter. Er ertrug's gleichgültig. Frau Kunigunde blieb drei Schritte
vor ihm stehen und fragte: »Bist denn schon da, Wolfram? Hast dir die
Socken lochig getreten, oder hat dich der Hunger nach Hause getrieben?
Die Köchin soll dich nur sattfüttern, daß du wieder gehen kannst.«
In der heißen Wut über solchen Hohn tat der Wolfram schon den Mund auf,
um sie zu fragen: ~wenn~ eins gehen müsse, welches von beiden? --
Aber der alte Adlerwirt hielt ihn fest am Arm und raunte ihm zu: »Um
Christi willen, schweig still! Wir müßten vom Haus ziehen wie ein paar
Zigeuner. Kein Nagel auf dem Dach ist mehr unser Eigentum. Nur noch
kurze Zeit Geduld! Hast du's schon gehört? Der Salmhofer liegt auf den
Tod!«
Der Wolfram hat sich die Lippen blutig gebissen und geschwiegen.
[Illustration]