Endlich war der Winter vorbei.
Und eines Tages in den Maien kam der junge Adlerwirt zu seiner Frau mit
einem erbrochenen Briefe und sagte froh erregt: »Dies Jahr kommt er
früh. Er kann es schon kaum erwarten, die junge Adlerwirtin kennen zu
lernen, schreibt er. Der Professor Nix.«
»Wer ist denn der?« fragte Frau Kunigunde gleichmütig.
»Ich habe dir ja erzählt von dem Herrn, der allsommerlich zu uns kommt
und bei uns bleibt, und der mich so mancherlei gelehrt hat. In diesem
deinem Zimmer hat er immer gewohnt.«
»So soll ich wohl jetzt ausziehen und den Herrn Professor Nix
hereinlassen?«
»Kundel,« sprach der junge Adlerwirt und machte einen vorwurfsvollen
Blick. »Kundel, du bist immer so boshaft. Wie kann denn vom Ausziehen
die Rede sein! Der Professor bekommt das Stübchen gegen den Baumgarten
hinaus, er wird damit zufrieden sein. Es ist ein netter Herr, du wirst
ihn gewiß liebgewinnen.«
»Das Baumgartenzimmer kann ich ihm nicht abtreten, ich habe meine
Garderobe drin.«
»Vielleicht wolltest du deine Kleider hier in der Nebenkammer
unterbringen, es wäre bequemer für dich.«
»Geh, geh, Wolf,« entgegnete sie, »meine Bequemlichkeit, daß ich
nicht lachen muß! Nur um deinen Herrn Professor geht's dir. Nein, das
Baumgartenzimmer bekommt er nicht!«
»So werde ich ihm das große Zimmer über der Gaststube einräumen,«
sagte er, aber in einem Tone, der anzeigte, daß er nicht gewillt sei,
weiter mit sich handeln zu lassen.
»Das kannst du tun,« antwortete Frau Kunigunde. »Ich kümmere mich
nicht um deine guten Freunderln. Nur bitte ich dich, auch mir nichts
dreinzureden, ich will Ruhe haben.«
Und eine Woche nach Ankunft seines Briefes kam er selber. Es war noch
ganz der alte wie im vorigen Jahre. Dem Wolfram fiel er mit den Worten:
»Junge! Hat die Liebe noch ein Stückchen Wolfram übrig gelassen für den
alten Nix?« in die Arme.
Die Artigkeiten, welche der Adlerwirt stotterte, unterbrach er sofort:
»Ist schon recht. Laß die Torheiten, dein Weibchen will ich sehen.«
Er stürmte in die Gaststube, in die Küche, da war sie aber nicht. Als
er später hinaufstieg zu seiner neuen Stube, begegnete ihm auf der
Treppe eine Dame, die er flüchtig grüßte, weil er sie für eine Fremde
hielt. Es war aber Frau Kunigunde. Als er das gewahr wurde, eilte
er ihr nach: »Frau Adlerwirtin! So wollen wir zwei nicht beginnen
selbander. Einen herzhaften Händedruck oder so etwas! Mit meinem Segen
für den heiligen Ehestand komme ich wohl spät! Aber nie zu spät! Nie zu
spät! Gottes Gruß zu tausendmal, Frau Adlerwirtin!«
»Guten Morgen!« entgegnete die Frau ruhig.
Professor Nix war hübsch abgekühlt, und sie wechselten einige höfliche
Worte.
Mit der Stube war der Professor recht zufrieden, da hatte er Platz
genug für alle seine Bücher und Schriften und Ledertaschen und
Botanisierbüchsen und Staffeleien, und er breitete sich behaglich aus.
»Ein Herzenskerl bist du!« rief er dem Wolfram zu, »gut meinst du
mir's. Wenn ich einmal sterbe, so bedenke ich dich in meinem Testament.
Du sollst das ganze Firmament haben mit allen Sonnen und Sternen. Nur
der Halbmond ist ein Legat für die Türken. Ein charmantes Zimmer das!«
Der Wolfram sagte nichts auf diese Ergießung. Und bald machten sich
zwei kleine Nachteile fühlbar in der schönen großen Stube. Tagsüber
war's der Rauch des scharfen Bauerntabaks, dessen Düfte von dem
Gastzimmer durch die Fugen in des Professors Stube drangen. Aber das
war nicht das schlimmste, am Bauerntabak war auch noch eine Pfeife,
und an der Pfeife sog so ein unsauberer Geselle, der bis in die Nacht
hinein sitzen blieb und mit anderen ähnlichen Gesellen lärmte, so
daß der gute Professor Nix oben kein Auge schließen konnte. Aber er
tat nichts desgleichen, sondern tröstete sich damit, daß solches zur
Sommerfrische gehöre.
Bei einer nächsten Gelegenheit sagte er zu seinem jungen Wirte
folgendes: »Wolf! Ich muß dir nur gestehen, du hast ein schneidiges
Weib. Das hat mir alle Kurasch abgekauft. Eine solche Hausfrau wird
ganz gut sein, sie erspart den Kettenhund. Die Diebe und die Betrüger
und die Heuchler und Schmeichler wirst du nicht zu fürchten brauchen,
Frau Kunigunde hält sie alle fern. Einer Untreue wirst du bei ihr auch
sicher sein, sie läßt keinen an sich herankommen. Wenn sie dir so recht
ist, nachher bist du geborgen, nachher kann dir nichts mehr geschehen.«
Der Wolfram wußte nicht recht, waren diese Bemerkungen ein Lob auf
seine Frau oder etwas anderes. Er nahm's in Gottesnamen fürs erstere
und war's zufrieden.
Der Professor ging, wie es in den früheren Sommern geschehen, seinen
Vergnügungen nach in Wald und Flur. Die Gegend um Kirchbrunn ist so
recht das, was man freundlich nennt. Mittelhohe Berge mit sanften
Kuppen und Muldungen und alles, was nicht im Tale Feld und Wiese war,
hübsch bedeckt mit hellgrünenden Buchenwäldern, in welchen dunklere
Fichtenbestände eingesprenkelt waren. Aus den schattigen Engtälern
kamen Bäche hervor, zwischen den Wiesen gab es Teiche und Heuschoppen
und Getreidemühlen. Professor Nix kannte alle Wege und Stege und die
meisten Bewohner des Tales. Mit dem einen sprach er ernsthaft, mit dem
anderen scherzte er. Wenn er aber in Regentagen an das Adlerwirtshaus
gebannt war, da kam's ihm -- so sehr der Regen draußen auch rieseln
mochte -- in der Stube nicht mehr ganz so gemütlich vor wie sonst.
Häufig saß er in der Gaststube, doch es fehlte auch hier manchmal an
Gesellschaft. Der alte Wirt war mißlaunig, der junge wortkarg und die
Wirtin gar nicht zu sehen.
Eines Tages war der Wolfram davon. Am ersten Tage kümmerte sich um
seine Abwesenheit niemand; am zweiten Tage meinte der alte Wirt, sein
Sohn müsse auf einen Vieheinkauf gegangen sein, aber man wunderte sich
doch, daß er weder seiner Frau noch seinem Vater davon etwas gesagt
hatte. Als er am dritten Tage immer noch nicht zurück war, wurde dem
alten Wirt bang und wurde dem Professor bang. -- Wenn der Wolf nichts
gesagt hat, wohin, so dachte letzterer sich, und in der Nachbarschaft
weiß auch niemand etwas von ihm, und es ist sonst nicht seine Art, daß
er so davonläuft, so sieht das ja aus wie ein Unglück! Frau Kunigunde
hub an zu zanken. Der Professor stellte ihr vor, daß dem Wolfram etwas
zugestoßen sein könne.
»Ja natürlich, der Leichtsinn ist ihm zugestoßen!« rief sie. »Gott
weiß, wo er umherzigeunert! Ich laufe ihm nicht nach. Meinetwegen mag
er fortbleiben über Jahr und Tag. Wenn ich nicht will, da kriegt mich
keiner mit Lieb' und keiner mit Trutz.« --
Der Wolfram war unter dem Vorwande, vorjährigen Apfelwein zu kaufen,
die Geßnitzergegend abgegangen bis hinaus nach Niederleuth und Sankt
Magdalena; in allen Bauernhäusern hatte er zugesprochen, sich nebenbei
auch um Zuchtkälber umgesehen; erstanden jedoch hatte er nirgends
etwas. Dann war er in großem Umkreis gegen das Gebirge gewandert, hatte
dort anstatt nach Apfelwein nach Bauholz gefragt, aber auch hier nichts
gekauft. Endlich rückte er seiner Absicht näher und erkundigte sich
nach Dienstboten für die Sommerarbeit, vor allem nach Heuheberinnen und
Schnitterinnen -- es war vergebens, die er suchte, fand er nicht.
Und als er ratlos schon auf dem Heimweg war, fiel es ihm ein: sie ist
im Siebenbachwald bei den Holzleuten. Er mußte es aber wissen. Er
wanderte in die Wälder und kam zu den Siebenbachhütten, welche in einem
engen Waldtale standen, von zerrissenen Bergen umgeben. Hoch von einem
Bergschlag nieder ging eine neue Holzriesen, in deren Rinne glatte
wuchtige Blöcke herabglitten. Sausend und dröhnend kam das niederwärts
auf steiler Riesen, die in großen Bogen sich wand, über Hänge und
Schluchten gebrückt war und so sorgfältig und wohlberechnet gemuldet,
daß kein Block ausspringen konnte. So kam das herab bis zu Tale, wo die
Riesen sachte sich ebnete und die schwersten Blöcke fast sanft aufs
Erdreich warf, daß die Blöcke dann von etlichen Männern zur Kohlstatt
geschafft werden konnten. Bei diesen Männern war sie nicht. Der Wolfram
fragte dem Schopper-Schub nach. Der sei auf dem Berge an dem obersten
Ende der Riesen. Der Adlerwirt stieg hinauf; der Berghang war steil
und vielfach von Schluchten und Gräben durchfurcht. Da sah man erst
die ganze Kühnheit des Baues der Holzleitung. Streckenweise strich
sie in schönen Kurven an dem steilen Hang dahin, dann setzte sie, auf
schlanken Stämmen wie auf Strohhalmen gestützt, über Waldwipfel und
Abgründe, in deren Tiefen Wässer rauschten.
»Seit Menschengedenken,« so erzählte der Holzknecht, welcher den
Adlerwirt hinaufbegleitete, »hätte man es nicht für möglich gehalten,
daß wir den Zagelwald herabkriegen könnten. Zu Hunderten und zu
Tausenden sind sie vermodert und verfallen, oben, die schönsten
Tannen und Lärchen, und kein Mensch hat sie nutzen können, weil sie
nicht herabzubringen gewesen sind. Jetzt geht's spielend. Und haben
ihn zuerst alle ausgelacht, den Schopper, wie er gesagt, er baut die
Riesen. Hat aber den Holzmeister sauber überzeugt, daß es geht, hat
sie mit dreißig Holzknechten in vier Monaten gebaut, und jetzt lacht
niemand mehr. Der Schopper ist Vorknecht geworden.«
»Also der Schopper-Schub hat dieses Werk gebaut!« Der Adlerwirt hätte
es ihm nicht angesehen. Der Mann, der solches kann, darf sich am Ende
doch keck um die Herzliebste bewerben.
Auf der Höhe gab es eine schöne Aussicht hin in die Waldberge, aber
dem Wolfram ging es nicht um das. Rings um ihn lag der geschlagene
Urwald in vielen tausend Stämmen, welche von den Holzhauern entschält,
zu Blöcken geschnitten und an die Einmündung der Riesen gebracht
wurden; dem Wolfram ging's auch nicht um Holz. Inmitten der Leute
stand der Schopper in braunen Hemdärmeln und barhaupt. Er hielt einen
langen Maßstab in den Boden gestemmt und traf Anordnungen. Der Wolfram
hatte ihn erkannt an dem üppigen Barte und ging nun, über Stämme und
Rindenwälle kletternd, auf ihn zu.
Die beiden Männer standen sich ein Weilchen gegenüber und schauten sich
an, bevor das erste Wort gesprochen wurde.
»Dich suche ich,« sagte endlich der Adlerwirt. »Wenn ich den weiten Weg
her mache zu dir, so kannst dir denken, daß es etwas Wichtiges wird
sein. Willst so gut sein, Schopper, und mit mir ein wenig auf die Seite
gehen?«
»Das kann ich schon tun,« antwortete der Holzknecht, und sie gingen
gegen einige Schirmtannen hin, die man stehen gelassen hatte.
»Schopper,« bemerkte der Wolfram, »deine Riesen ist ein Meisterwerk.«
»Daß du mir das sagst, deswegen bist du nicht gekommen,« entgegnete der
Holzknecht. »Adlerwirt, tu' nicht lang' um und sag', was du willst.«
»Schopper,« sprach nun der andere im vertraulichen Tone. »Du kannst
dir's denken, es ist der Frieda wegen. Du bist offenherzig mit mir
gewesen, und ich will es auch sein. Hast du das Dirndel noch im Kopf?«
Der Schopper starrte den Fragenden an und entgegnete: »Was geht das
dich an? Du hast dein Weib.«
»Das wohl, Schopper, das habe ich, und just deswegen kann ich offen
mit dir sprechen. Die Frieda ist eine Jugendfreundin meiner Frau, und
wir wollen nicht, daß sie sollte verderben müssen. Vielleicht, daß ihr
meine Frau einen Platz verschaffen könnte.«
»Hat sie denn keinen?« fragte der Schopper.
»Du wirst doch wissen, daß sie nicht mehr im Salmhof ist.«
»Ei freilich weiß ich das.«
»Wo sie nur mag umherirren auf der weiten Welt? Und hat keinen
Menschen, der ihr's gut tät meinen!«
»Adlerwirt!« sagte der Schopper ganz leise, aber nachdrucksvoll, »sie
hat einen!«
»Heiratest sie, Schopper? Hast sie bei dir?« Ohne daß er es recht
wollte, waren ihm diese Worte über die Lippen gesprungen, denn es war
ein großer Sturm in ihm, und das Herz pochte so heftig in seiner Brust,
daß es nachklang in den Schläfen.
Der Schopper sagte: »Mein lieber Adlerwirt. So dumm bin ich nicht, daß
ich dir sie verrate. Geh' nur ruhig heim nach Kirchbrunn und kümmere
dich um deine Leut', die Frieda geht dich nichts an.«
Damit wendete er sich seiner Arbeit zu, und dem Adlerwirt blieb nichts
übrig, als den mühevollen Weg wieder zu Tale zu steigen.
»Wenn Sie bis zum Feierabend warten wollen,« rief ihm einer der
Arbeiter zu, »so können Sie auch hinabfahren. Wir rutschen alle hinab.
Mit dem Brettel ist man in fünf Minuten zu Tal. Aber jetzt geht's
nicht, jetzt haben die Holzblöcher das Vorrecht.«
Dem Adlerwirt kam aber die ganze Gegend ein wenig unheimlich vor, und
er ging angestrengt drei Stunden lang, bis er den Turm von Kirchbrunn
sah.
Als er hinaus über die Wiesen schritt, saß dort an einem Wassertümpel
der Professor Nix und schaute den Krebsen zu. Der Alte erhob ein
Freudengeschrei, als er seinen Hausherrn sah, und wollte alsogleich
wissen, was die Adlerwirtshausbewohner verbrochen hätten, daß er sie
über drei Tage lang im Fegfeuer zappeln lasse.
Der Wolfram setzte sich hin auf den Rasen und seufzte: »Ach ja, lieber
Professor!«
»Junge, du gefällst mir nicht!« sagte der Professor.
Der Wolfram schaute bekümmert in den Tümpel, dann sprach er: »Daß es
seine Ursache haben muß, wenn einer wie halbverrückt davonläuft, ohne
dem alten Vater, ohne dem Weibe zu sagen, wohin, das können Sie sich
denken. Und eine Ursache hat es. -- Sie wohnen gemütlich in Ihrer
großen Stube, Herr, ärgern sich vielleicht ein wenig über den Lärm der
Gäste am späten Abend, haben aber freilich keine Ahnung, was zwischen
uns vorgeht. Sie ist hart. Sie ist herzlos, daß ich's nicht sagen kann.
Sie macht mich ganz verzagt ...«
»Na, na!« beschwichtigte der Professor und neigte sich über den jungen
Mann, denn dieser preßte seine Hände ins Gesicht und schluchzte.
»Ich habe mir's gedacht,« sagte der Alte gedämpft, »ich habe mir's wohl
gedacht.«
Dann schwiegen beide eine lange Zeit und starrten in das klare Wasser,
wo langsam die Krebse krochen und stets nach rückwärts -- nach
rückwärts.
»In den ersten Wochen,« so fuhr Professor Nix endlich fort, »da habe
ich vorgehabt, dir Trost zuzusprechen, habe sie wohl für eine herbe
Natur gehalten, aber wer den Schlüssel findet zu solchen Naturen, der
hat's gut. Sie zeigen und feilen ihr Herz und Gemüt nicht auf der Gasse
umher, sie geizen gegen alle Welt mit ihrer Güte, um ja recht viel
davon aufzuhäufen für den einen und einzigen, den sie selig machen
wollen. So eine goldene, habe ich gemeint, hättest du dir auserwählt.
Freilich ist mir nach und nach anders zu Mute geworden. Ganz krampfig
ist mir zu Mute geworden, mein lieber Wolf! Aber reden! Wenn er nicht
redet, ich bin auch still. Wenn einer zum jungen Ehemann hingeht und
sagt: Du, dein Weib paßt nicht für dich! so ist das ein schlechter
Kerl, den man mit einem Rattenschwanz erdrosseln soll. Aber dir sage
ich es doch, Wolf, und du erdrosselst mich nicht, wenn ich dir sage:
Sie paßt nicht für dich!«