6. Abschnitt.

Endlich war der Winter vorbei.

Und eines Tages in den Maien kam der junge Adlerwirt zu seiner Frau mit

einem erbrochenen Briefe und sagte froh erregt: »Dies Jahr kommt er

früh. Er kann es schon kaum erwarten, die junge Adlerwirtin kennen zu

lernen, schreibt er. Der Professor Nix.«

»Wer ist denn der?« fragte Frau Kunigunde gleichmütig.

»Ich habe dir ja erzählt von dem Herrn, der allsommerlich zu uns kommt

und bei uns bleibt, und der mich so mancherlei gelehrt hat. In diesem

deinem Zimmer hat er immer gewohnt.«

»So soll ich wohl jetzt ausziehen und den Herrn Professor Nix

hereinlassen?«

»Kundel,« sprach der junge Adlerwirt und machte einen vorwurfsvollen

Blick. »Kundel, du bist immer so boshaft. Wie kann denn vom Ausziehen

die Rede sein! Der Professor bekommt das Stübchen gegen den Baumgarten

hinaus, er wird damit zufrieden sein. Es ist ein netter Herr, du wirst

ihn gewiß liebgewinnen.«

»Das Baumgartenzimmer kann ich ihm nicht abtreten, ich habe meine

Garderobe drin.«

»Vielleicht wolltest du deine Kleider hier in der Nebenkammer

unterbringen, es wäre bequemer für dich.«

»Geh, geh, Wolf,« entgegnete sie, »meine Bequemlichkeit, daß ich

nicht lachen muß! Nur um deinen Herrn Professor geht's dir. Nein, das

Baumgartenzimmer bekommt er nicht!«

»So werde ich ihm das große Zimmer über der Gaststube einräumen,«

sagte er, aber in einem Tone, der anzeigte, daß er nicht gewillt sei,

weiter mit sich handeln zu lassen.

»Das kannst du tun,« antwortete Frau Kunigunde. »Ich kümmere mich

nicht um deine guten Freunderln. Nur bitte ich dich, auch mir nichts

dreinzureden, ich will Ruhe haben.«

Und eine Woche nach Ankunft seines Briefes kam er selber. Es war noch

ganz der alte wie im vorigen Jahre. Dem Wolfram fiel er mit den Worten:

»Junge! Hat die Liebe noch ein Stückchen Wolfram übrig gelassen für den

alten Nix?« in die Arme.

Die Artigkeiten, welche der Adlerwirt stotterte, unterbrach er sofort:

»Ist schon recht. Laß die Torheiten, dein Weibchen will ich sehen.«

Er stürmte in die Gaststube, in die Küche, da war sie aber nicht. Als

er später hinaufstieg zu seiner neuen Stube, begegnete ihm auf der

Treppe eine Dame, die er flüchtig grüßte, weil er sie für eine Fremde

hielt. Es war aber Frau Kunigunde. Als er das gewahr wurde, eilte

er ihr nach: »Frau Adlerwirtin! So wollen wir zwei nicht beginnen

selbander. Einen herzhaften Händedruck oder so etwas! Mit meinem Segen

für den heiligen Ehestand komme ich wohl spät! Aber nie zu spät! Nie zu

spät! Gottes Gruß zu tausendmal, Frau Adlerwirtin!«

»Guten Morgen!« entgegnete die Frau ruhig.

Professor Nix war hübsch abgekühlt, und sie wechselten einige höfliche

Worte.

Mit der Stube war der Professor recht zufrieden, da hatte er Platz

genug für alle seine Bücher und Schriften und Ledertaschen und

Botanisierbüchsen und Staffeleien, und er breitete sich behaglich aus.

»Ein Herzenskerl bist du!« rief er dem Wolfram zu, »gut meinst du

mir's. Wenn ich einmal sterbe, so bedenke ich dich in meinem Testament.

Du sollst das ganze Firmament haben mit allen Sonnen und Sternen. Nur

der Halbmond ist ein Legat für die Türken. Ein charmantes Zimmer das!«

Der Wolfram sagte nichts auf diese Ergießung. Und bald machten sich

zwei kleine Nachteile fühlbar in der schönen großen Stube. Tagsüber

war's der Rauch des scharfen Bauerntabaks, dessen Düfte von dem

Gastzimmer durch die Fugen in des Professors Stube drangen. Aber das

war nicht das schlimmste, am Bauerntabak war auch noch eine Pfeife,

und an der Pfeife sog so ein unsauberer Geselle, der bis in die Nacht

hinein sitzen blieb und mit anderen ähnlichen Gesellen lärmte, so

daß der gute Professor Nix oben kein Auge schließen konnte. Aber er

tat nichts desgleichen, sondern tröstete sich damit, daß solches zur

Sommerfrische gehöre.

Bei einer nächsten Gelegenheit sagte er zu seinem jungen Wirte

folgendes: »Wolf! Ich muß dir nur gestehen, du hast ein schneidiges

Weib. Das hat mir alle Kurasch abgekauft. Eine solche Hausfrau wird

ganz gut sein, sie erspart den Kettenhund. Die Diebe und die Betrüger

und die Heuchler und Schmeichler wirst du nicht zu fürchten brauchen,

Frau Kunigunde hält sie alle fern. Einer Untreue wirst du bei ihr auch

sicher sein, sie läßt keinen an sich herankommen. Wenn sie dir so recht

ist, nachher bist du geborgen, nachher kann dir nichts mehr geschehen.«

Der Wolfram wußte nicht recht, waren diese Bemerkungen ein Lob auf

seine Frau oder etwas anderes. Er nahm's in Gottesnamen fürs erstere

und war's zufrieden.

Der Professor ging, wie es in den früheren Sommern geschehen, seinen

Vergnügungen nach in Wald und Flur. Die Gegend um Kirchbrunn ist so

recht das, was man freundlich nennt. Mittelhohe Berge mit sanften

Kuppen und Muldungen und alles, was nicht im Tale Feld und Wiese war,

hübsch bedeckt mit hellgrünenden Buchenwäldern, in welchen dunklere

Fichtenbestände eingesprenkelt waren. Aus den schattigen Engtälern

kamen Bäche hervor, zwischen den Wiesen gab es Teiche und Heuschoppen

und Getreidemühlen. Professor Nix kannte alle Wege und Stege und die

meisten Bewohner des Tales. Mit dem einen sprach er ernsthaft, mit dem

anderen scherzte er. Wenn er aber in Regentagen an das Adlerwirtshaus

gebannt war, da kam's ihm -- so sehr der Regen draußen auch rieseln

mochte -- in der Stube nicht mehr ganz so gemütlich vor wie sonst.

Häufig saß er in der Gaststube, doch es fehlte auch hier manchmal an

Gesellschaft. Der alte Wirt war mißlaunig, der junge wortkarg und die

Wirtin gar nicht zu sehen.

Eines Tages war der Wolfram davon. Am ersten Tage kümmerte sich um

seine Abwesenheit niemand; am zweiten Tage meinte der alte Wirt, sein

Sohn müsse auf einen Vieheinkauf gegangen sein, aber man wunderte sich

doch, daß er weder seiner Frau noch seinem Vater davon etwas gesagt

hatte. Als er am dritten Tage immer noch nicht zurück war, wurde dem

alten Wirt bang und wurde dem Professor bang. -- Wenn der Wolf nichts

gesagt hat, wohin, so dachte letzterer sich, und in der Nachbarschaft

weiß auch niemand etwas von ihm, und es ist sonst nicht seine Art, daß

er so davonläuft, so sieht das ja aus wie ein Unglück! Frau Kunigunde

hub an zu zanken. Der Professor stellte ihr vor, daß dem Wolfram etwas

zugestoßen sein könne.

»Ja natürlich, der Leichtsinn ist ihm zugestoßen!« rief sie. »Gott

weiß, wo er umherzigeunert! Ich laufe ihm nicht nach. Meinetwegen mag

er fortbleiben über Jahr und Tag. Wenn ich nicht will, da kriegt mich

keiner mit Lieb' und keiner mit Trutz.« --

Der Wolfram war unter dem Vorwande, vorjährigen Apfelwein zu kaufen,

die Geßnitzergegend abgegangen bis hinaus nach Niederleuth und Sankt

Magdalena; in allen Bauernhäusern hatte er zugesprochen, sich nebenbei

auch um Zuchtkälber umgesehen; erstanden jedoch hatte er nirgends

etwas. Dann war er in großem Umkreis gegen das Gebirge gewandert, hatte

dort anstatt nach Apfelwein nach Bauholz gefragt, aber auch hier nichts

gekauft. Endlich rückte er seiner Absicht näher und erkundigte sich

nach Dienstboten für die Sommerarbeit, vor allem nach Heuheberinnen und

Schnitterinnen -- es war vergebens, die er suchte, fand er nicht.

Und als er ratlos schon auf dem Heimweg war, fiel es ihm ein: sie ist

im Siebenbachwald bei den Holzleuten. Er mußte es aber wissen. Er

wanderte in die Wälder und kam zu den Siebenbachhütten, welche in einem

engen Waldtale standen, von zerrissenen Bergen umgeben. Hoch von einem

Bergschlag nieder ging eine neue Holzriesen, in deren Rinne glatte

wuchtige Blöcke herabglitten. Sausend und dröhnend kam das niederwärts

auf steiler Riesen, die in großen Bogen sich wand, über Hänge und

Schluchten gebrückt war und so sorgfältig und wohlberechnet gemuldet,

daß kein Block ausspringen konnte. So kam das herab bis zu Tale, wo die

Riesen sachte sich ebnete und die schwersten Blöcke fast sanft aufs

Erdreich warf, daß die Blöcke dann von etlichen Männern zur Kohlstatt

geschafft werden konnten. Bei diesen Männern war sie nicht. Der Wolfram

fragte dem Schopper-Schub nach. Der sei auf dem Berge an dem obersten

Ende der Riesen. Der Adlerwirt stieg hinauf; der Berghang war steil

und vielfach von Schluchten und Gräben durchfurcht. Da sah man erst

die ganze Kühnheit des Baues der Holzleitung. Streckenweise strich

sie in schönen Kurven an dem steilen Hang dahin, dann setzte sie, auf

schlanken Stämmen wie auf Strohhalmen gestützt, über Waldwipfel und

Abgründe, in deren Tiefen Wässer rauschten.

»Seit Menschengedenken,« so erzählte der Holzknecht, welcher den

Adlerwirt hinaufbegleitete, »hätte man es nicht für möglich gehalten,

daß wir den Zagelwald herabkriegen könnten. Zu Hunderten und zu

Tausenden sind sie vermodert und verfallen, oben, die schönsten

Tannen und Lärchen, und kein Mensch hat sie nutzen können, weil sie

nicht herabzubringen gewesen sind. Jetzt geht's spielend. Und haben

ihn zuerst alle ausgelacht, den Schopper, wie er gesagt, er baut die

Riesen. Hat aber den Holzmeister sauber überzeugt, daß es geht, hat

sie mit dreißig Holzknechten in vier Monaten gebaut, und jetzt lacht

niemand mehr. Der Schopper ist Vorknecht geworden.«

»Also der Schopper-Schub hat dieses Werk gebaut!« Der Adlerwirt hätte

es ihm nicht angesehen. Der Mann, der solches kann, darf sich am Ende

doch keck um die Herzliebste bewerben.

Auf der Höhe gab es eine schöne Aussicht hin in die Waldberge, aber

dem Wolfram ging es nicht um das. Rings um ihn lag der geschlagene

Urwald in vielen tausend Stämmen, welche von den Holzhauern entschält,

zu Blöcken geschnitten und an die Einmündung der Riesen gebracht

wurden; dem Wolfram ging's auch nicht um Holz. Inmitten der Leute

stand der Schopper in braunen Hemdärmeln und barhaupt. Er hielt einen

langen Maßstab in den Boden gestemmt und traf Anordnungen. Der Wolfram

hatte ihn erkannt an dem üppigen Barte und ging nun, über Stämme und

Rindenwälle kletternd, auf ihn zu.

Die beiden Männer standen sich ein Weilchen gegenüber und schauten sich

an, bevor das erste Wort gesprochen wurde.

»Dich suche ich,« sagte endlich der Adlerwirt. »Wenn ich den weiten Weg

her mache zu dir, so kannst dir denken, daß es etwas Wichtiges wird

sein. Willst so gut sein, Schopper, und mit mir ein wenig auf die Seite

gehen?«

»Das kann ich schon tun,« antwortete der Holzknecht, und sie gingen

gegen einige Schirmtannen hin, die man stehen gelassen hatte.

»Schopper,« bemerkte der Wolfram, »deine Riesen ist ein Meisterwerk.«

»Daß du mir das sagst, deswegen bist du nicht gekommen,« entgegnete der

Holzknecht. »Adlerwirt, tu' nicht lang' um und sag', was du willst.«

»Schopper,« sprach nun der andere im vertraulichen Tone. »Du kannst

dir's denken, es ist der Frieda wegen. Du bist offenherzig mit mir

gewesen, und ich will es auch sein. Hast du das Dirndel noch im Kopf?«

Der Schopper starrte den Fragenden an und entgegnete: »Was geht das

dich an? Du hast dein Weib.«

»Das wohl, Schopper, das habe ich, und just deswegen kann ich offen

mit dir sprechen. Die Frieda ist eine Jugendfreundin meiner Frau, und

wir wollen nicht, daß sie sollte verderben müssen. Vielleicht, daß ihr

meine Frau einen Platz verschaffen könnte.«

»Hat sie denn keinen?« fragte der Schopper.

»Du wirst doch wissen, daß sie nicht mehr im Salmhof ist.«

»Ei freilich weiß ich das.«

»Wo sie nur mag umherirren auf der weiten Welt? Und hat keinen

Menschen, der ihr's gut tät meinen!«

»Adlerwirt!« sagte der Schopper ganz leise, aber nachdrucksvoll, »sie

hat einen!«

»Heiratest sie, Schopper? Hast sie bei dir?« Ohne daß er es recht

wollte, waren ihm diese Worte über die Lippen gesprungen, denn es war

ein großer Sturm in ihm, und das Herz pochte so heftig in seiner Brust,

daß es nachklang in den Schläfen.

Der Schopper sagte: »Mein lieber Adlerwirt. So dumm bin ich nicht, daß

ich dir sie verrate. Geh' nur ruhig heim nach Kirchbrunn und kümmere

dich um deine Leut', die Frieda geht dich nichts an.«

Damit wendete er sich seiner Arbeit zu, und dem Adlerwirt blieb nichts

übrig, als den mühevollen Weg wieder zu Tale zu steigen.

»Wenn Sie bis zum Feierabend warten wollen,« rief ihm einer der

Arbeiter zu, »so können Sie auch hinabfahren. Wir rutschen alle hinab.

Mit dem Brettel ist man in fünf Minuten zu Tal. Aber jetzt geht's

nicht, jetzt haben die Holzblöcher das Vorrecht.«

Dem Adlerwirt kam aber die ganze Gegend ein wenig unheimlich vor, und

er ging angestrengt drei Stunden lang, bis er den Turm von Kirchbrunn

sah.

Als er hinaus über die Wiesen schritt, saß dort an einem Wassertümpel

der Professor Nix und schaute den Krebsen zu. Der Alte erhob ein

Freudengeschrei, als er seinen Hausherrn sah, und wollte alsogleich

wissen, was die Adlerwirtshausbewohner verbrochen hätten, daß er sie

über drei Tage lang im Fegfeuer zappeln lasse.

Der Wolfram setzte sich hin auf den Rasen und seufzte: »Ach ja, lieber

Professor!«

»Junge, du gefällst mir nicht!« sagte der Professor.

Der Wolfram schaute bekümmert in den Tümpel, dann sprach er: »Daß es

seine Ursache haben muß, wenn einer wie halbverrückt davonläuft, ohne

dem alten Vater, ohne dem Weibe zu sagen, wohin, das können Sie sich

denken. Und eine Ursache hat es. -- Sie wohnen gemütlich in Ihrer

großen Stube, Herr, ärgern sich vielleicht ein wenig über den Lärm der

Gäste am späten Abend, haben aber freilich keine Ahnung, was zwischen

uns vorgeht. Sie ist hart. Sie ist herzlos, daß ich's nicht sagen kann.

Sie macht mich ganz verzagt ...«

»Na, na!« beschwichtigte der Professor und neigte sich über den jungen

Mann, denn dieser preßte seine Hände ins Gesicht und schluchzte.

»Ich habe mir's gedacht,« sagte der Alte gedämpft, »ich habe mir's wohl

gedacht.«

Dann schwiegen beide eine lange Zeit und starrten in das klare Wasser,

wo langsam die Krebse krochen und stets nach rückwärts -- nach

rückwärts.

»In den ersten Wochen,« so fuhr Professor Nix endlich fort, »da habe

ich vorgehabt, dir Trost zuzusprechen, habe sie wohl für eine herbe

Natur gehalten, aber wer den Schlüssel findet zu solchen Naturen, der

hat's gut. Sie zeigen und feilen ihr Herz und Gemüt nicht auf der Gasse

umher, sie geizen gegen alle Welt mit ihrer Güte, um ja recht viel

davon aufzuhäufen für den einen und einzigen, den sie selig machen

wollen. So eine goldene, habe ich gemeint, hättest du dir auserwählt.

Freilich ist mir nach und nach anders zu Mute geworden. Ganz krampfig

ist mir zu Mute geworden, mein lieber Wolf! Aber reden! Wenn er nicht

redet, ich bin auch still. Wenn einer zum jungen Ehemann hingeht und

sagt: Du, dein Weib paßt nicht für dich! so ist das ein schlechter

Kerl, den man mit einem Rattenschwanz erdrosseln soll. Aber dir sage

ich es doch, Wolf, und du erdrosselst mich nicht, wenn ich dir sage:

Sie paßt nicht für dich!«

Der Adlerwirt von Kirchbrunn · 第 11 / 22 题