Jetzt währte es noch zwei Tage, und von Geßnitz langte ein Bote ein.
Der Jungknecht aus dem Salmhofe war's. Er stand vor dem Adlerwirtshause
so eine Weile herum, stolperte dann ins Gastzimmer und ließ sich einen
Krug Apfelwein geben. Er zerrüttete sich fast den Kopf im Nachsinnen,
wie er es angehen werde, daß seine Neuigkeit nicht tödlichen Schreck
hervorbringe. Fürs erste tat er ein paar herzhafte Züge, das machte ihn
mutiger. Und als der alte Adlerwirt -- grau und mager war er geworden
die letzte Zeit her -- in die Stube trat und den allein dasitzenden
Gast fragte, was es Neues gäbe? antwortete der Jungknecht mit
unbehilflichen Worten, es sei halt so auf der Welt. Er bringe gerade
nichts Gutes. -- Dann trank er wieder.
Der alte Wirt horchte gespannt hin. »Wenn ich mich nicht verkenne,«
sagte er, »du bist ja ein Salmhoferischer?«
»Wohl eh, wohl eh,« antwortete der Knecht und fuhr sich mit der flachen
Hand über das breite Gesicht.
»Also wie geht's daheim, wie geht's?« fragte der Wirt unter den
lebhaftesten Zeichen der Teilnahme.
»Gestern auf den Abend ist's halt gar worden mit ihm,« berichtete der
Knecht.
»Was sagst?« fuhr der Wirt auf. »Der Salmhofer! Mein Schwieger! Wird
doch nicht --«
»Er liegt schon auf der langen Bank,« sagte der Bote.
Der alte Adlerwirt schlug sprachlos die Hände zusammen.
»So viel schnell ist es gegangen,« berichtete der Knecht. »Das Blut ins
Hirn gesprungen, sagt der Doktor. Morgen nachmittags ist die Leich.«
Der Wirt schritt mit gerungenen Händen die Stube auf und ab und konnte
sich nicht fassen. Immer schüttelte er den Kopf und murmelte: »Wer
hätte sich das gedacht!« Aber auf einmal rief er mit gehobener Stimme:
»Er hat's überstanden. Man muß noch froh sein, daß er kein großes
Ableiden gehabt hat. -- Trink aus, Bub, ich füll' dir noch einmal
nach.«
Als bald darauf der Wolfram eintrat, sagte der alte Wirt zu ihm: »Du,
Wolf, eine große Neuigkeit. Mußt aber nicht zu arg erschrecken. Morgen
heißt's nach Geßnitz fahren. Das Schlimmste ist eingetroffen.«
Der Wolfram schaute seinen Vater an, sagte aber kein Wort, blieb
gelassen, zeigte weder Trauer noch Freude. Dann stieg er die Treppe
hinan zu seiner Frau. Vor ihrer Tür stand er still und schöpfte Atem.
Es kam ihm sauer an, daß er ihr jetzt einen großen Schmerz bereiten
sollte. Doch wer wird's sonst tun als er? Mit der möglichsten Schonung
will er ihr die Nachricht mitteilen und ihr liebevoll beistehen im
kindlichen Leide. An die Vorteile, die durch des Schwiegervaters Tod
dem Adlerwirtshause zukommen sollen, konnte er nicht denken, es empörte
sich in ihm etwas dagegen. Ihm war der Salmhofer nie nahe gestanden,
aber mit seinem Weibe fühlte er Mitleid, und jetzt das erste Mal war
es ihm, als ob er sie doch lieb hätte. Endlich trat er ein. Sie saß
am Tischchen, war mit einer Stickerei beschäftigt und zählte just die
Maschen. Er setzte sich ihr gegenüber und tat, als schaue er aufmerksam
ihrer Arbeit zu. Sie wollte aufstehen, er faßte sanft ihre Hand und
sagte: »Bleib' ein wenig bei mir, Kunigunde.«
Sie blickte ihn forschend an. »Was bedeutet denn das?« fragte sie kalt.
»Ich muß dir's doch sagen,« fuhr er fort, »ein Bote ist da vom Salmhof.
Mit deinem Vater steht's recht schlecht.«
»Lüg' nicht!« herrschte sie ihm zu. »Tot ist er!«
Der Wolfram schwieg.
»Tot ist er!« rief sie und brach in ein heftiges Weinen aus.
Er stand zu ihr, sagte ihr gütige Worte, streichelte ihr Haupt. Mit dem
Arm stieß sie ihn von sich. »Heuchler! Ihr habt seinen Tod doch kaum
erwarten können!«
»Kunigunde!« sprach er nun scharf und herb. »Das Wort sagst du mir
nicht noch einmal! Meinetwegen hätte er noch hundert Jahre leben
können. Ich suche nichts mehr bei ihm. So klug bin ich wohl geworden,
meine liebe Kunigunde, daß ich endlich einsehe: vom Salmhof kommt
~mein~ Glück nicht.«
Sie hatte ihr Haupt ins Bettkissen gedrückt und weinte. Ihm wollte
das Herz zerspringen darob, daß er ihr jetzt, gerade jetzt das rohe
Wort gesagt. Aber so stand's mit ihm, je wärmer sein Gemüt war, desto
leichter und plötzlicher sprang es, wenn ihm wehe getan wurde, in das
Gegenteil um. Wenn er gegen sein Weib Gleichgültigkeit, ja Abneigung
empfand, da gab es nie etwas, da blieb er ruhig und überlegsam; so
oft er aber mit einem warmen, hoffenden Gefühl an sie herantrat und
enttäuscht ward, setzte es fast immer einen Wettersturz und wilden
Sturm.
Frau Kunigunde rüstete sich, um nach Geßnitz zu fahren. Sie fuhr
allein davon. Der Wolfram wollte zum Professor gehen, um ihm das
Herz auszuschütten, aber der war nicht zu Hause und seine Stube
verschlossen. Die Stubenmagd berichtete ihm, der alte Herr wäre seit
einigen Tagen recht mißmutig und verlange an jedem Abende die Rechnung.
Das Leichenbegängnis des Salmhofers ward mit großem Pompe vollzogen.
Wie zu einem Jahrmarkte kamen die Leute zusammen. Der alte Adlerwirt
war überaus gerührt, und manche weichherzige Person mußte nur darum
weinen auf dem Kirchhofe, weil sie den alten Mann so bitterlich
schluchzen sah. Der junge Adlerwirt schien merkwürdig gefaßt zu
sein; nur als er die Großbäuerin sah, die gebeugt, aber ergeben am
Grabe ihres Mannes kniete, ward ihm das Auge feucht. Frau Kunigunde
weinte nur wenig, aber in ihrem ganzen Wesen war eine kalte, fast
ehrfurchtgebietende Trauer ausgedrückt. Sie war stets an Seite ihrer
Mutter und suchte diese damit zu trösten, daß sie ihr zum künftigen
Aufenthalte das Adlerwirtshaus antrug. Der Salmhof soll verkauft werden
und die Mutter nach Kirchbrunn ziehen.
»Das wäre ja gut,« meinte die alte Bäuerin, »wenn's nur auch deinem
Manne recht ist.«
»Meinem Manne!« rief Frau Kunigunde fast lachend aus. »Was geht denn
das meinen Mann an! Glaubst du, Mutter, ich werde mich vom Manne auch
so tyrannisieren lassen wie du? Das wirst du anders erfahren, bis du im
Adlerwirtshaus bist. Was du hast leiden müssen, Mutter! Du bist still
gewesen, aber ich weiß es, und ich werde es den Männern heiß entgelten,
das hab' ich mir vorgenommen.«
»Gott tröst' seine Seel'!« sagte die alte Salmhoferin mit gefalteten
Händen, »ich trag' ihm nichts nach, meinetwegen soll er nichts zu
leiden haben.«
»Ja, ja, es soll's statt seiner nur ein anderer büßen!« versetzte Frau
Kunigunde.
Auf den Hof zurückgekehrt, sahen die beiden Frauen mehrere fremde Leute
in den Wirtschaftsgebäuden umhersteigen.
»Was wollen denn diese?« fragte die Adlerwirtin.
»Laß sie umhergehen,« antwortete die Mutter, »die Neugier plagt sie.
Mir scheint, es ist auch der Klobensteiner Verwalter dabei. Der wird
Vieh kaufen wollen. Der Großknecht wird's schon ordnen. -- Komm',
Kundel, wir wollen einen warmen Kaffee trinken.«
Die erste Zeit nach dem Tode des Großbauers blieb Frau Kunigunde nun im
Salmhofe bei ihrer Mutter.
Die beiden Adlerwirte kehrten alsbald nach Kirchbrunn zurück. Den
Wolfram erwartete zu Hause die Nachricht, daß der Professor Nix
abgereist sei und einen Brief hinterlassen habe. Dieser Brief lautete:
»Lieber Wolfram!
Mich geht die Sache nichts an, aber zusehen mag ich nicht. Und still
sein mag ich auch nicht. Ich werde unwirsch. Was soll ich Dir weh
tun? Du hast schon auch so Dein Teil. Zu helfen ist Dir nicht. Also
breche ich meinen Sommeraufenthalt im schönen Kirchbrunn ab und
gedenke eine Reise zu machen. Sei bedankt für alles. Umkehren wirst
Du kaum. Du stehst jetzt auf dem Punkte, wo viele Wege sich zweigen.
Schlimm ist jeder, aber wähle nicht den allerschlimmsten.
Gott walt's.
~Josue Nix.~«
Als der Wolfram diesen Brief gelesen hatte, befiel ihn ein solches
Leid, daß er zusammenbrach auf eine Bank und stöhnte. Jetzt war dieser
Mann von ihm gewichen, der seit Jahren als fröhlicher Genosse und
Ratgeber sein Vertrauen gewonnen. Er hatte einen Vater, aber der war
oft herrisch, eigennützig, launenhaft und nicht immer verläßlich. Er
hatte Jugendfreunde gehabt, hatte viele gute Kameraden, aber sie waren
Schmarotzer, Schelme oder Dummiane. So recht aus Herzensgrund sich
geben und vertrauen glaubte er nur mehr diesem Manne zu können, der
allsommerlich sich eingefunden mit seinem hellen Kopfe, mit seinem
heiteren, treuen Herzen. Er war selber schier ein anderer geworden in
dieser Gesellschaft, er hatte, bei aller Verehrung für ihn, manche
Schalkerei, manchen kecken Burschenstreich mit dem kleinen Alten
durchgemacht, er hatte manchen ernsten Rat desselben befolgt, und er
hatte es nicht ein einziges Mal zu bereuen gehabt. Und diesen seinen
letzten Rat -- Ehescheidung! kann er nicht befolgen, unmöglich! Wie
wird das enden?
Der alte Adlerwirt lebte ordentlich auf. Neue Geschäfte hub er
an, Bauholz kaufte er, einen Steinbruch unweit des Dorfes wollte
er erstehen, denn für das nächste Jahr hatte er einen Neubau des
Adlerwirtshauses vor. Kirchbrunn soll ein Hotel bekommen! Eine
Sommerfrischanstalt mit Lustgarten und Bädern. -- Seine Zeit muß man
verstehen! Die Passionen der Mitwelt muß man ergründen, auf die Lösung
dieses Rätsels ist eine große Prämie gesetzt -- die Million.
Endlich kam ein Schreiben aus Geßnitz vom Notar. Der alte Adlerwirt
atmete auf, er hatte es schon seit Wochen erwartet. Der Adlerwirt
zu Kirchbrunn wird ersucht, in Angelegenheit des Salmhoferischen
Nachlasses bei dem Notariat zu Geßnitz sich einzufinden.
»Einspannen!« kommandierte der alte Adlerwirt. Er selber wollte fahren,
der Wolfram war auf einem Holzeinkauf aus.
Der Notar, ein alter, hagerer Mann mit brauner Perücke und
schwarzgefärbtem Schnurrbarte, empfing den Adlerwirt sehr höflich,
kramte hernach eine Weile in Papieren um und stellte die Frage, ob
der Adlerwirt, als Schwiegersohn des seligen Salmhofers, geneigt sei,
dessen Erbe anzutreten.
Der alte Wirt war über die förmliche Frage in so selbstverständlicher
Sache etwas erstaunt. Er antwortete: »Ich brauche wohl nicht zu sagen,
daß ich als Bevollmächtigter meines Sohnes Wolfram hier bin, und daß
ich in seinem Namen erkläre --«
»Gemach!« unterbrach ihn der Notar. »Ich glaube, die Sache müßte wohl
überlegt werden. Ich würde nicht raten.«
»Wieso? Wie meinen Sie das, Herr Doktor?«
»Außer Ihr Sohn denkt so vornehm, daß er die Ehre seines
Schwiegervaters retten will.«
»Ich verstehe nicht, Herr Doktor.«
»Es ist höchst wahrscheinlich,« fuhr der Notar fort, »daß in dem
Nachlasse des verstorbenen Salmhofers die Passiven größer sind, als die
Aktiven.«
Es war heiß in der Kanzlei. Der Adlerwirt trocknete sich mit dem
Taschentuche die Stirn, dann lallte er mit grinsendem Gesichte: »Ist
ein Spaß, hi, hi.«
»Ist kein Spaß, lieber Adlerwirt,« sagte der Notar. »Mit dem Vermögen
des Salmhofers steht es ganz anders, als man angenommen hat. Es steht
unerhört schlecht.«
»Aber, Jesses, man sieht ja, was da ist!« brauste der alte Wirt auf.
»Nichts ist da,« versetzte der Notar mit fürchterlicher Ruhe. »Alles
gehört dem Baron Klobenstein. Seit vielen Jahren hat der Baron Geld
geborgt, den Viehbestand beigestellt, die Steuern bezahlt für den
Salmhof. Der Großknecht auf dem Hof war so viel als Klobensteinischer
Verweser, der alte Salmhofer genoß seit einiger Zeit vom Baron eine Art
Gnadenbrot. Alles, was Sie heute sehen, und mehr als alles, gehört der
Herrschaft Klobenstein. Leider, so steht es.«
Und jetzt wußte es der Adlerwirt. »Der Teufel hol' eine solche
Erbschaft!« schrie er in wilder Empörung. »Schulden! die habe ich
selber.«
Betäubt war er, wie er spät abends nach Hause kam. Als ein reicher
Mann war er ausgefahren, als Bettler kam er heim. In die Wut brachte
ihn erst der Wolfram. Als er diesem die saubere Neuigkeit mitteilte,
was geschah? Der Wolfram fuhr nicht auf, wurde nicht rasend, sagte gar
nichts, zuckte nur die Achseln.
»Ist das ein Hosenlupf?« fragte der Alte den Sohn voll giftigen
Grimmes. »Nein, Freund, das ist kein Hosenlupf. Wie wir jetzt
hingeworfen sind, da stehen wir nicht wieder auf. Was sagst denn dazu?
Pfeif' eins, wir sind ruiniert! Pfeif' eins, großer Geist, Narr,
angesteckt vom alten Narren, der gottlob zum Teufel gegangen ist.«
»Ich weiß nicht, was du willst, Vater,« sagte nun der Wolfram. »Dir
muß es immer sehr gut ergangen sein. Was mich anbelangt, habe ich
schon Schlimmeres erfahren, als was du mir da sagst. Du hast freilich
nur auf das Salmhoferische Geld gewartet und nicht gespürt, daß ich
deine Habsucht im Fegefeuer büße. Und nicht darnach gefragt, was
ich ausstehen muß neben dieser Person. Den Eltern zu gefallen eine
heiraten, das ist die achte Todsünde; heute noch gehe ich zum Pfarrer
und lasse sie in den Katechismus schreiben.«
»Du bist ein dummer Knabe!« schrie der Alte.
»Der Vatername schützt dich, daß ich dir jetzt nicht ein anderes Wort
sage!« so der Wolfram, blaß, glühenden Auges, am ganzen Körper bebend.
So viel Besinnung hatte er noch, daß er merkte, es wäre die höchste
Zeit, aus der Stube zu eilen.
In seinem einsamen Zimmer, nächtig dunkel, feindselig fast die Stimmung
des Raumes, in welchem Frau Kunigunde zu walten pflegte, saß der
Wolfram und stützte seinen schweren Kopf auf die Hand. Und weil in
dem Menschen etwas ist, das ihn nicht ganz versinken lassen will in
Verzweiflung, so fiel es ihm ein: Vielleicht ist diese Wendung zum
Glücke. Vielleicht ist ihr Stolz, ihre Härte jetzt gebrochen, wenn
sie weiß, daß sie arm ist wie ein Karnerweib, vielleicht kommt jetzt
ihre bessere Natur zum Vorschein. Ich will ihr's leicht machen. Kein
Vorwurf, keine Anspielung soll über meine Lippen kommen; beweisen will
ich ihr, daß ich nicht das Geld in ihr achte und suche, wohl aber das
warme Herz.
Zu seinem Vater ging er noch einmal, der im Hofe wie wahnsinnig hin
und her rannte, und zu diesem sprach er: »Vater! Eines merke dir! Sage
meiner Frau, wenn sie heimkommt, kein ungeschaffenes Wort! Ich will sie
respektiert wissen, verstehst!«
»Ja versteht sich,« höhnte der Alte, »eine ~solche~ Frau muß man
respektieren!« Dann schlug er um: »Bettelbub! Was ist das für eine
Manier?! Glaubst du, Laff', weil ich dich nicht mehr enterben kann, du
darfst mit mir umgehen, wie mit einem Landstromer?«
Der Sohn schritt ins Haus zurück.
In der Gaststube saßen ein paar angeheiterte Bauern und machten faule
Späße über ihre Weiber. Jeder prahlte sich damit, daß die seine daheim
die Häßlichste und Unsauberste und Zuwiderste wäre; und der eine
stieß sein leeres Glas von sich, hieb mit der Faust auf den Tisch und
gurgelte: »Das weiß ich!« Er wollte etwas sagen, wußte aber nichts.
»Wenn mich meine Alte recht fuchtig macht, so geh' ich ins Wirtshaus
und sauf' mir einen Rausch!« rief der andere.
»Ha ha, ha ha!« lachte der eine, »und wenn du nachher heimkommst,
siehst du den Drachen doppelt und dreifach. Das muß eine Freud' sein!«
Der Wolfram hörte ihnen mit Wehmut zu, diesen unglücklichen Ehemännern,
die so lustig sein und so tapfer trinken konnten. Auch er hatte das
Trinken schon versucht, es ging aber nicht. Nur in der Frohstimmung
schmeckte ihm der Wein, aber es kam nie zu einer.
Und es wird doch wieder zu einer kommen! also ermutigte er sich selbst.
Vielleicht nimmt's eine Wendung. Denn daß es so bleiben sollte fürs
ganze Leben -- er vermochte es nicht zu denken, geschweige zu ertragen.
Ein so hartes Weib als er -- also empfand er's -- hat keiner mehr auf
der Welt. Ihre Herbheit, ja Roheit gegen ihn tat ihm um so weher,
als Frau Kunigunde sonst manchmal und gegen andere Herz und Gemüt
zeigte. So war sie nicht karg gegen Arme; manchem Bettelmann, der ihr
zu schmeicheln wußte, gab sie mit vollen Händen. Ward ein Dienstbote
krank, so war sie zwar ungehalten, besorgte aber schleunigst Pflege und
Arzt; noch mehr Neigung wendete sie den Tieren zu, von denen sie sagte,
sie verdienten mehr Liebe als die Menschen. Am rücksichtsvollsten
und aufmerksamsten war sie gegen ihre Verwandten. So unzufrieden sie
zu Hause auf dem Salmhofe gewesen war, so lebhaft strebte sie jetzt
manchmal nach dem Salmhofe zurück, all ihre Herzenswärme verschwendete
sie dahin. Und nur ihrem Manne nichts und gar nichts als Trotz und
Bitterkeit.
Nach diesen ruppigen Tagen stand es an zwei Wochen lang, da kamen sie
plötzlich angefahren, die Frau Kunigunde und ihre Mutter. Und mit Sack
und Pack.
Für die Salmhoferin wurde alsbald das Baumgartenzimmer eingerichtet,
und als der Wolfram endlich Gelegenheit hatte, mit seiner Frau ein paar
Worte zu sprechen, sagte er: »Ganz recht, Kundel, daß du deine Mutter
mitgebracht hast. Solange wir selber in diesem Hause sind, wird sie
auch noch Platz haben. Es ist recht, es ist schon recht.«
»Habe ich dich darum gefragt?« entgegnete sie.
»Kundel,« sagte er und wollte ihre Hand fassen, was sie aber zu
verhindern wußte, »Kundel! wie du hart bist auf mich! Das kann nicht
dein Ernst sein. Du bist jetzt nur unglücklich, und das macht halt
bitter. Mich erbarmst du.«
»Schenke du dein Mitleid einer anderen, ich brauch' es nicht!« so ihre
Antwort, ging in ihr Zimmer und schlug hinter sich die Tür zu.
Der Wolfram stand noch eine Weile so allein da, dann tat er einen
Seufzer: »Ach! das ist ein Leben!«
Der alte Adlerwirt ließ sich von nun an selten mehr sehen. Er saß in
seiner kleinen Stube neben der Küche und brütete vor sich hin. Manchmal
ging er, anstatt zu seinen wenigen, verdrossenen Gästen sich zu setzen,
zum zweiten Dorfwirte hinüber und trank erstaunlich viel Wein. Aber die
Gläubiger und die Exekutionsbögen fanden ihn auch dort, und endlich
war es nicht mehr zu vertuschen, wie es stand. Und eines Tages war im
Bezirks-Wochenblatte die Anzeige zu lesen von einer großen Vergantung
zu Kirchbrunn.
Der Wolfram hätte sein schweres Herz gerne abgelastet vor dem einzigen
Menschen, der ihm beigesellt worden zum gemeinsamen Tragen von Freud
und Leid, aber die Tür ihres Zimmers war verschlossen und blieb
verschlossen, wenn er auch klopfte. Also litt es ihn nicht mehr in
den unwirtlichen Mauern seines Hauses, nicht mehr im Dorfe, wo er aus
jedem Gesichte Mitleid oder Schadenfreude und Hohn zu lesen glaubte.
Immer noch unter dem Vorwande, Vieh oder Holz einzukaufen, strich er im
Gebirge um, verbrachte manche Nacht auf harter Bank der Schenkstuben
oder in Heuscheunen. Mehrmals stieg er auf hohe Berge und blickte
hinaus ins weite, schöne, sonnige Land, und da ward er noch trauriger.
-- Wie ist die Welt so schön! Und wie sind die Menschen so arg!
In Waldgeschlägen fragte er an, ob man einen kräftigen Holzarbeiter
brauchen könne, er wisse einen solchen. Denn klar und gewiß war es
ihm endlich geworden, daß er mit seinem Weibe nicht mehr weiterleben
könne. So wollte er auch von ganz Kirchbrunn nichts mehr wissen,
sondern auf einem anderen Fleck ein neues Leben anfangen -- sei es noch
so armselig, besser als dieses auf jeden Fall. Es gibt ja so viele
Millionen Menschen, die Bankerott gemacht mit ihrem Glücke, und sie
fügen sich und leben geduldig dahin so lange, bis sie sterben. Warum
will es unsereiner besser haben als die meisten anderen? Je länger
einer an seinem Glücke baut, desto tiefer baut er in die finstere
Erde hinein, desto kümmerlicher wird's. Und es ist ganz gut so. Wie
hart wäre das Sterben, wenn diese Welt desto schöner würde, je länger
der Mensch daran verbessert und verschönert. Wenn es dem Unschuldigen
schon oft gottlos schlecht geht, was will erst ich sagen! Ich habe das
unrechte Weib genommen, habe es doch rechtzeitig bemerkt und bin nicht
zurückgestanden. Ich kann mich zum Teil auf meinen Vater ausreden, der
mich in diese Heirat hineingelockt hat, aber zum anderen Teil habe
ich auch selber an ihren Reichtum gedacht und darnach geplant. Mir
geschieht schon recht.
Also richtete der Wolfram sich selbst, und dann saß er wieder in
Straßenschenken und goß Wein auf sein wehes Herz.
Kauerte er einmal an einem heißen Sonntagsnachmittag auf dem
Schabelberg. Niemand war da als ein altes Weib, das im Bankwinkel
nickend den Wünschen des Gastes harrte. Zahllose Fliegen umsummten
den einsamen Zecher und sein Glas. Er starrte durch die trübe
Fensterscheibe hinaus auf die blendend weiße Straße und auf die
halbverdorrten, graubestaubten Halme und Sträucher, die am Rande hin
und her standen. Da ging ein Weibsbild vorüber. Dieses Weibsbild
hatte, um den schwarzen Spenzer, sowie das rote Halstuch vor Staub und
ihr Haupt vor den glühenden Sonnenstrahlen zu schützen, den blauen
Außenkittel so über ihre Gestalt geschlagen, daß er wie ein Schirmdach
muschelförmig den Oberkörper einhüllte. Der graue Unterrock ging bis
halb über die weißbestrümpften Waden und schlug bei jedem Schritte
in pendelartiger Gleichmäßigkeit sachte hin und her. Aus der Muschel
guckte ein frischrotes Gesicht, und dieses Gesicht war -- dem Wolfram
schoß alles Blut zum Herzen.
Rasch warf er ein paar Münzen auf den Tisch, stand auf und ging hinaus.
Die Straße zog bergwärts, das Dirndel stieg tapfer an, der Adlerwirt
duckte sich ein wenig hinter der Hausecke, und als sie einen gewissen
Vorsprung hatte, schnalzte er mit der Zunge und ging ihr nach.
[Illustration]