5. Abschnitt.

Ganz Geßnitz war in Aufruhr. Bald nach Mitternacht schon hatten sie

angefangen mit den Pöllern zu knallen, und zwar nicht bloß auf dem

Salmhof, wo hinter dem Hause ein großes Feuer brannte, sondern auch

bei anderen Bauernhöfen der Umgegend, die da zeigen wollten, welch

freudigen Anteil sie nähmen an dem Fest- und Ehrentage der Familie

ihres großständigen Gemeindevorstandes. Und als über den Dunstschichten

der große, rote Sonnenball heraufstieg und die Hochzeitsgäste gegangen,

gefahren kamen von allen Seiten her, da knatterten auch die Pistolen

drein, das Kleingewehrfeuer zu den Kanonenschüssen, daß es schier

zu hören war, als würde eine große Schlacht geschlagen im Tale von

Geßnitz. Wo der Weg vom Salmhofe in den Markt hineinmündet, war

sogar ein Schwibbogen gebaut aus Fichtenreisern. Von der Gärtnerei

der Herrschaft Klobenstein war ein großer Brautstrauß gekommen als

Hochzeitsgabe, denn der Klobensteiner Baron und der Salmhofer standen

miteinander in reger Geschäftsverbindung.

Übrigens hatte die Hochzeit des jungen Adlerwirtes mit der Salmhofer

Tochter etwas Städtisches. Es gab dabei Herrschaften in Frack und mit

hohen Seidenhüten, worunter der Herr Schwager Amtskontrollor eine der

würdigsten Erscheinungen war. Auch der Salmhofer trug einen sehr langen

Frack, einen schwarzen Röhrenhut, einen hohen, aufgesteiften Halskragen

mit zwei an beiden Seiten des Kinnes hervorstehenden Spitzen, eine

schneeweiße Weste, die über den halben Bauch hinabging, ein schwarzes

Beinkleid und tadellose weiße Handschuhe. Die Salmhoferin an seiner

Seite sah dagegen ganz bäuerlich und fast ärmlich aus. Der Bräutigam

war in schwarzem, dorf-bürgerlichem Anzug, der sich nur auszeichnete

durch das Myrtensträußchen am linken Brustflügel. Dieses schwarze

Gewand gab dem jungen Manne ein überaus interessantes Aussehen, sein

Gesicht schien blasser als sonst, und in seinem großen Auge war ein

seltsamer Schmelz, wer es nur hätte sagen können, ob mehr auf frischen

Mut oder auf weichmütige Rührseligkeit hinweisend. Seine natürliche

Heiterkeit schien er heute daheimgelassen zu haben beim Alltagsgewand,

ernsthaft, gesetzt, wie es einem Bräutigam ansteht, war sein Wesen,

und man sah gleich, daß die Würde des Großbauernhofes sich auf ihn

zu vererben begann. Die Braut Kunigunde trug ein schweres weißes

Seidenkleid mit Schleppe, und auf dem kunstvoll geflochtenen, fast

schwarzglänzenden Haar ein Myrtenkränzlein. Ihr schönes Gesicht war

jetzt, wie sie vor dem Altare standen, als ob es von reinstem weißen

Marmor gemeißelt wäre. Man hatte zu Geßnitz nie eine Braut gesehen,

die so würdig und ernst war, und nie eine, die am Hochzeitstage

nicht einmal ein wenig gelächelt und nicht einmal ein wenig geweint

hätte. Aber die Kunigunde war eine solche. Manche behaupteten, das

wäre ein tiefes Wasser, auswendig eine Mutter Gottes, inwendig

--. Ein Glücksmensch sei dieser Adlerwirt! Die Braut so schön, so

achtunggebietend, so reich! -- Ob sie für eine Wirtin am Ende nicht

doch ein wenig zu vornehm ist! Wirtinnen können nicht artig genug

sein. -- Oho, Wirtinnen können nicht zurückhaltend und ernsthaftig

genug sein! -- Ein Glücksmensch, dieser Adlerwirt!

Als das Brautpaar vor dem Altare stand, als der Wolfram ihre zarte

kleine Hand in der seinen hielt, als der Priester die Stola darüber

wand, da machte der junge Adlerwirt im Herzen ein Gelöbnis. -- Ich will

ein treuer Mensch sein. Junge, leblustige Weiber gibt es genug, auch

solche, die Ehrenhaftigkeit verkaufen! Nein. Ich habe jetzt mein Weib.

Und ist sie gleichwohl noch frostig wie ein Märztag, ich will so viel

Sonnenschein auf sie legen, bis die Blume aufblüht. Durch die Liebe

kann man alles überwinden, sagt mein Professor Nix, auch die schlimmen

Weiber. Schlimm aber ist sie gar nicht, nur ein wenig herb. Und herbe

Trauben geben den haltbarsten Wein. Mein liebes Weib, du! -- Er drückte

ihre Hand, sie wußte freilich nicht, was er dachte.

Die Mahlzeit im Salmhofe war üppig bis zum Tischbrechen. Auch dabei

ging es so vornehm zu, daß alle Kellner von Geßnitz anwesend waren,

um an der Tafel die Speiseschüsseln herumzutragen von Gast zu Gast.

Die Braut winkte fast jedes Gericht mit einer Handbewegung ab, sie aß

nichts, sie trank nichts, sie sprach nur wenig, ließ aber ihr wachsames

Auge stets in die Runde gehen, um die Ordnung des Dienervolkes zu

überwachen und etwaige Verstöße desselben mit einem strafenden Blick,

mit einem tadelnden Worte zu rügen. Der Wolfram suchte mit der

nebensitzenden Schwiegermutter ein Gespräch zu unterhalten; es war

jedoch mit der einfachen, bescheidenen Frau nicht viel anzufangen. Um

so mehr fröhlichen Lärm machte der Salmhofer, besonders wenn das weiße

Kätzchen, welches er bei sich auf dem Schoß hatte und mit Leckerbissen

fütterte, auf den Tisch sprang und ungebührlich ward. Also, dachte der

Wolfram, werden wir uns nur ans Essen und Trinken halten, dieser Tag

wird mit Gottes Hilfe ja auch nicht ewig dauern.

Am Abende, als die Lichter gekommen waren und die Musikanten, hub die

Hochzeitsgesellschaft einen anderen Takt an. Es ward laut und lustig,

die Leute wogten durcheinander, aber die Braut zog sich zurück auf

ihr Stübchen, weil ihr die Aufregung und der Lärm des Tages ein wenig

Kopfschmerz verursacht hatten.

Der Wolfram ging hinaus in die frische Luft. Ein klarer Sternenhimmel

flimmerte, der Adlerwirt sah ihn kaum, er war in verschiedenerlei

Empfindungen versunken, und auf einmal tat er einen tiefen Atemzug und

sagte halblaut: »Also wäre ich verheiratet!«

Dann kam ihm zu Sinn, was er am Altare gedacht und daß er nun von

jemandem Abschied nehmen müsse mit allem Ernst.

Im Wirtschaftsgebäude war die Gesindestube hell beleuchtet, da drin

ging's fröhlich zu, der Wolfram trat ein. Mit hellem Geschrei hoben

sie ihm die Gläser entgegen und tranken auf seine Gesundheit. Er

setzte sich ein bißchen zu dem Gesinde an den Tisch, da erschien die

Aufträgerin mit frischem Teller und Glase, legte ihm Krapfen vor, und

einschenken, meinte sie, würde er sich wohl selber können.

»Ja, Frieda!« lachte der Bräutigam der jungen Aufträgerin zu,

»einschenken, das kann ich, aber austrinken mußt du. Auch von dir will

ich eine Gesundheit haben.«

Die Jungdirn nahm das Glas, schwenkte es ein wenig gegen ihn: »Zur

guten Gesundheit!« und nippte.

»Jetzt ist's recht!« rief der Wolfram lustig mit der Zunge schnalzend

und faßte sie an der Hand und blickte ihr frisch ins Auge, »trink' noch

einmal, Frieda!«

»Dank' schön!« antwortete sie schmunzelnd, »es möcht' zu viel sein.«

»So gib her!« Er nahm ihr das Glas aus der Hand, und während er ihr

fest ins Auge blickte, leerte er es auf einen Zug.

Als er nachher wieder über den Hof schritt, ward ihm bedenklich. -- Ein

Abschied das? --

* * * * *

Also das war die Hochzeit gewesen.

Und nun kam das Siedeln. Der Möbelfuhren von Geßnitz nach Kirchbrunn

waren so viele, daß die Leute schon sagten: »Mein Gott, wie wird denn

das alles Platz haben beim Adlerwirt, es zersprengt ja das Haus!«

Frau Kunigunde war eingerichtet wie eine Gräfin. Alles nagelneue

Sachen. Rokoko war Mode. Rokoko! Man wußte zwar nicht, was das war,

bestellte es aber. »Kosten tut auch ein Trödel was,« hieß es, »also

am besten, sich gleich ordentlich einrichten.« Es gab Überraschungen,

als die Sachen ankamen. Frau Kunigunde war nicht so leicht

zufriedengestellt von den Arbeiten der Tischler und Tapezierer aus der

Kreisstadt, sie meinte, das plumpe Zeug sei gar nicht anzusehen und

es wäre am klügsten, solche Dinge geradeswegs aus Paris zu bestellen.

Mit diesem Sinn für die feinste Vornehmheit setzte die junge Frau ganz

Kirchbrunn in Erstaunen.

Ungefähr eine Woche nach der Hochzeit war der Salmhofer angefahren

gekommen, um sich das neueingerichtete Nest der jungen Leute

zu besehen.

»Nur so zu, Wolf!« schnarrte er den Schwiegersohn an. »Meine Tochter

hat Erziehung genossen. Halt' sie fein! Laß ihr nichts abgehen! Für die

Küche nimm dir eine Köchin, mein Kind hat Nerven, die nicht für den

Küchendunst sind.«

Der Wolfram nahm diese Verhaltungsmaßregeln ganz ruhig hin. Nach einem

Imbiß, der dem Schwiegervater vorgesetzt worden und wobei der Salmhofer

einmal seinen würdigen Bart streichelte und das andere Mal seinen

Oberschenkel, obzwar heute das weiße Kätzchen nicht darauf saß -- bat

der alte Adlerwirt ihn auf ein Wort in seine Stube. Der alte Wirt war

vor langem Zuwarten auf eine gewisse Unterredung schon ganz aufgeregt

geworden. Und weil der Schwieger auch heute wieder nichts desgleichen

tat, als wäre eine solche an der Zeit, so machte der Wirt nun keine

Umstände mehr.

»Schwieger,« sagte er, ihm einen Sessel hinschiebend, »mußt schon

entschuldigen, es ist, daß man sich einmal ausredet von wegen Lebens

und Sterbens. Wir sind nimmer jung, und mein Sohn weiß, was er von

mir zu erwarten hat. Es ist, daß er weiß, wie er daran ist und die

Wirtschaft einrichten kann.«

»Hast ganz recht, Adlerwirt, nur alles in Ordnung machen,« antwortete

der Salmhofer. »Weiß auch, daß mein Kind bei Euch gut gestellt ist. Ist

ein gutes Kind, wer es zu behandeln versteht, ein herzensgutes Kind.«

»Und eine rechtschaffen stolze Natur,« lenkte der schlaue Adlerwirt

über, »so daß ich mir schon gedacht habe, ob sie nicht etwa gedrückt

ist, wenn ... Das möchte ich ihr nicht wünschen! Sie wird auch auf was

pochen wollen, und hat ganz recht. Ich meine, Schwieger, du -- sollst

was schreiben lassen.«

Der Salmhofer hatte sich kaum gesetzt, so stand er jetzt wieder auf,

nahm Hut und Stock; aber noch an der Tür wendete er sich um und stieß

sprudelnd die Worte hervor:

»Ich glaube, die Ausstattung ist nicht zu gering ausgefallen. Hat mich

bare zweitausend Gulden gekostet. Nach meinem Ableben -- wenn ich um

ein Eichtel Geduld bitten darf! -- wird sie kriegen, was da ist. Wer

denn sonst?«

Ohne ein weiteres Abschiedswort ging der Großbauer zur Tür hinaus und

fuhr davon.

Etwas kleinlaut teilte der alte Adlerwirt dem jungen dieses Gespräch

mit und fügte bei: »Heißt's halt so weiter fretten derweil. Wie lang

wird er's denn machen! Er trinkt zu viel.«

Der Frau Kunigunde war es nach ihrem Einzuge ins Adlerwirtshaus vor

allem darum zu tun gewesen, jedermann zu zeigen, daß sie hier die Frau

sei. Alles wurde geändert, schon in den ersten Tagen. Kein Möbelstück

blieb an seinem Platze stehen, und wenn der Wolfram einwendete, das

sei schon bei seiner Mutter Lebzeiten so gewesen, gab sie zur Antwort:

»Liebes Kind, also hat's deine Mutter gestellt nach ihrem Belieben, und

ich werde es auch tun.« Im Salmhofe war um zwölf Uhr Mittagszeit, also

mußte auch im Adlerwirtshause die Suppe um zwölf Uhr auf dem Tische

stehen. »Kundel,« gab ihr der Wolfram zu bedenken, »in den Wirtshäusern

macht sich eine spätere Mittagsstunde besser, wenn die Gäste gespeist

haben.« -- »Was kümmern mich die Gäste!« war ihre Entgegnung.

Der Wolfram wußte wohl, was darauf zu sagen war, doch er wollte nicht

streiten. »Junge Hausfrauen sind schon so,« tröstete ihn der Vater,

»und sie wird sich die Hörner schon abstoßen.«

Auch mehrere Dienstboten, die sich nicht gleich in die neue Hausordnung

schicken konnten, wurden entlassen und neue aufgenommen. Und gerade

wenn eins recht brauchbar war und schon lange im Hause, gerade das

mußte fort. Die Frau Kunigunde wollte nicht, daß ein Dienstbote im

Hause sei, welcher besser Bescheid wußte als sie selber.

»Daß dir die fremden Gesichter nicht zuwider sind!« sagte einmal der

Wolfram zu seiner Frau.

»Mir sind die einen wie die anderen fremd,« war ihre Antwort.

»So möchte ich an deiner Stelle wenigstens solche nehmen, die ich schon

kenne. Dein Vater wollte dir gewiß gerne ein paar Leute von seinem

Hofe abtreten, die deiner Art und Weis' leichter nachkommen könnten.

Besonders Weibsleute solltest verläßliche um dich haben.«

»Meinst?« gab sie lauernd zurück.

»Wir haben jetzt keine ordentliche Küchenmagd und keine Weidmagd.«

»Wie soll sie denn heißen?«

»Heißen kann sie wie sie will, aber brav und fleißig muß sie sein.«

»Soll sie nicht Frieda heißen?« fragte spitzig die Frau Kunigunde.

Der Wolfram tat überlaut einen Lacher. »Wie du jetzt auf die Frieda

kommst!« Er brach ab und ging hinaus.

Von diesem Tage an war er eine Weile wortkarg. Und damit Frau

Kunigunde die Ursache nicht merken sollte, warf er ihr unverhohlen vor,

daß das nicht schön wäre von ihr, dem alten Vater die liebgewordenen

Gewohnheiten zu vergällen, ihm sogar die Mittagszeit nach ihrem

Gutdünken zu verlegen. Über die Speisen selbst rede man ohnehin

nichts, diese würden zubereitet nicht nach seinem, sondern nach ihrem

Geschmack, und der sei nicht allemal der beste.

»Einen besseren hast du,« gab sie rasch wie immer zur Antwort, »weil du

deiner eigenen Frau schon jetzt, wenige Wochen nach der Hochzeit, das

Essen mißgönnst und dich nach einer Stalldirne umsehen möchtest.« Da

weinte sie auch schon heftig in ihr Spitzentuch.

»Aber Kunigunde!« rief nun der Wolfram und wollte kosend begütigen, sie

stieß mit dem Ellbogen heftig nach ihm, da ging er zum Herde, zündete

sich eine Zigarre an, stieg in die Gaststube und unterhielt sich mit

den Gästen.

Ein Fleischhauergeselle aus Geßnitz war da, den fragte der junge

Adlerwirt nach Neuigkeiten. Natürlich marschierte der drohende Krieg

auf, der in den Zeitungen stand, denn er steht immer drin. Aber dem

Wolfram war das zu wenig. Als braver Schwiegersohn fragte er dem

Salmhofe nach, ob dort alles gesund sei, oder sonst beim alten? Ja,

der Salmhofer liege auf seiner Holzbank, schäkere mit den Katzen und

habe so manchmal sein Räuschchen. Man merkte es dem Fleischergesellen

an, welche Gewalt er sich antun mußte, um die ganz unverhältnismäßige

Verkleinerung zuwege zu bringen, aber anders mochte er mit dem

Schwiegersohne doch nicht sprechen. -- Und was die Mutter mache? wollte

der Wolfram wissen. -- »O Gott!« sagte der Fleischer.

»Daß sie nicht am Ende mehr Sorgen zu tragen hat, jetzt, weil die

Tochter fort ist!« fürchtete der junge Adlerwirt. »Sie wird sich doch

von den Dienstmägden eine abrichten fürs Haus oder so?«

»Im Gegenteil,« erzählte der Geßnitzer, »verjagen tut sie eins ums

andere. Gestern ist bei der Jungmagd die Dienstzeit aus worden.«

»Bei der Frieda?« fragte der Wolfram.

»Wird so geheißen haben. Bin just mit einem Kalb vorübergekommen, wie

sie mit ihrem Bündel den Hof verlassen hat. Und Augenwasser, daß ich

sie noch frag': Was hat's denn, Dirndel? Wandern mußt? Ja, wohin denn

jetzt im Winter? Wisse es selber nicht, hat sie gesagt, und fort nach

der Straßen.«

Nun wußte er's, der Adlerwirt, was er wissen wollte. Daß er jetzt aber

noch mehr wissen wollte, und was alles, das konnte er niemandem sagen.

[Illustration]

Der Adlerwirt von Kirchbrunn · 第 10 / 22 题