Ganz Geßnitz war in Aufruhr. Bald nach Mitternacht schon hatten sie
angefangen mit den Pöllern zu knallen, und zwar nicht bloß auf dem
Salmhof, wo hinter dem Hause ein großes Feuer brannte, sondern auch
bei anderen Bauernhöfen der Umgegend, die da zeigen wollten, welch
freudigen Anteil sie nähmen an dem Fest- und Ehrentage der Familie
ihres großständigen Gemeindevorstandes. Und als über den Dunstschichten
der große, rote Sonnenball heraufstieg und die Hochzeitsgäste gegangen,
gefahren kamen von allen Seiten her, da knatterten auch die Pistolen
drein, das Kleingewehrfeuer zu den Kanonenschüssen, daß es schier
zu hören war, als würde eine große Schlacht geschlagen im Tale von
Geßnitz. Wo der Weg vom Salmhofe in den Markt hineinmündet, war
sogar ein Schwibbogen gebaut aus Fichtenreisern. Von der Gärtnerei
der Herrschaft Klobenstein war ein großer Brautstrauß gekommen als
Hochzeitsgabe, denn der Klobensteiner Baron und der Salmhofer standen
miteinander in reger Geschäftsverbindung.
Übrigens hatte die Hochzeit des jungen Adlerwirtes mit der Salmhofer
Tochter etwas Städtisches. Es gab dabei Herrschaften in Frack und mit
hohen Seidenhüten, worunter der Herr Schwager Amtskontrollor eine der
würdigsten Erscheinungen war. Auch der Salmhofer trug einen sehr langen
Frack, einen schwarzen Röhrenhut, einen hohen, aufgesteiften Halskragen
mit zwei an beiden Seiten des Kinnes hervorstehenden Spitzen, eine
schneeweiße Weste, die über den halben Bauch hinabging, ein schwarzes
Beinkleid und tadellose weiße Handschuhe. Die Salmhoferin an seiner
Seite sah dagegen ganz bäuerlich und fast ärmlich aus. Der Bräutigam
war in schwarzem, dorf-bürgerlichem Anzug, der sich nur auszeichnete
durch das Myrtensträußchen am linken Brustflügel. Dieses schwarze
Gewand gab dem jungen Manne ein überaus interessantes Aussehen, sein
Gesicht schien blasser als sonst, und in seinem großen Auge war ein
seltsamer Schmelz, wer es nur hätte sagen können, ob mehr auf frischen
Mut oder auf weichmütige Rührseligkeit hinweisend. Seine natürliche
Heiterkeit schien er heute daheimgelassen zu haben beim Alltagsgewand,
ernsthaft, gesetzt, wie es einem Bräutigam ansteht, war sein Wesen,
und man sah gleich, daß die Würde des Großbauernhofes sich auf ihn
zu vererben begann. Die Braut Kunigunde trug ein schweres weißes
Seidenkleid mit Schleppe, und auf dem kunstvoll geflochtenen, fast
schwarzglänzenden Haar ein Myrtenkränzlein. Ihr schönes Gesicht war
jetzt, wie sie vor dem Altare standen, als ob es von reinstem weißen
Marmor gemeißelt wäre. Man hatte zu Geßnitz nie eine Braut gesehen,
die so würdig und ernst war, und nie eine, die am Hochzeitstage
nicht einmal ein wenig gelächelt und nicht einmal ein wenig geweint
hätte. Aber die Kunigunde war eine solche. Manche behaupteten, das
wäre ein tiefes Wasser, auswendig eine Mutter Gottes, inwendig
--. Ein Glücksmensch sei dieser Adlerwirt! Die Braut so schön, so
achtunggebietend, so reich! -- Ob sie für eine Wirtin am Ende nicht
doch ein wenig zu vornehm ist! Wirtinnen können nicht artig genug
sein. -- Oho, Wirtinnen können nicht zurückhaltend und ernsthaftig
genug sein! -- Ein Glücksmensch, dieser Adlerwirt!
Als das Brautpaar vor dem Altare stand, als der Wolfram ihre zarte
kleine Hand in der seinen hielt, als der Priester die Stola darüber
wand, da machte der junge Adlerwirt im Herzen ein Gelöbnis. -- Ich will
ein treuer Mensch sein. Junge, leblustige Weiber gibt es genug, auch
solche, die Ehrenhaftigkeit verkaufen! Nein. Ich habe jetzt mein Weib.
Und ist sie gleichwohl noch frostig wie ein Märztag, ich will so viel
Sonnenschein auf sie legen, bis die Blume aufblüht. Durch die Liebe
kann man alles überwinden, sagt mein Professor Nix, auch die schlimmen
Weiber. Schlimm aber ist sie gar nicht, nur ein wenig herb. Und herbe
Trauben geben den haltbarsten Wein. Mein liebes Weib, du! -- Er drückte
ihre Hand, sie wußte freilich nicht, was er dachte.
Die Mahlzeit im Salmhofe war üppig bis zum Tischbrechen. Auch dabei
ging es so vornehm zu, daß alle Kellner von Geßnitz anwesend waren,
um an der Tafel die Speiseschüsseln herumzutragen von Gast zu Gast.
Die Braut winkte fast jedes Gericht mit einer Handbewegung ab, sie aß
nichts, sie trank nichts, sie sprach nur wenig, ließ aber ihr wachsames
Auge stets in die Runde gehen, um die Ordnung des Dienervolkes zu
überwachen und etwaige Verstöße desselben mit einem strafenden Blick,
mit einem tadelnden Worte zu rügen. Der Wolfram suchte mit der
nebensitzenden Schwiegermutter ein Gespräch zu unterhalten; es war
jedoch mit der einfachen, bescheidenen Frau nicht viel anzufangen. Um
so mehr fröhlichen Lärm machte der Salmhofer, besonders wenn das weiße
Kätzchen, welches er bei sich auf dem Schoß hatte und mit Leckerbissen
fütterte, auf den Tisch sprang und ungebührlich ward. Also, dachte der
Wolfram, werden wir uns nur ans Essen und Trinken halten, dieser Tag
wird mit Gottes Hilfe ja auch nicht ewig dauern.
Am Abende, als die Lichter gekommen waren und die Musikanten, hub die
Hochzeitsgesellschaft einen anderen Takt an. Es ward laut und lustig,
die Leute wogten durcheinander, aber die Braut zog sich zurück auf
ihr Stübchen, weil ihr die Aufregung und der Lärm des Tages ein wenig
Kopfschmerz verursacht hatten.
Der Wolfram ging hinaus in die frische Luft. Ein klarer Sternenhimmel
flimmerte, der Adlerwirt sah ihn kaum, er war in verschiedenerlei
Empfindungen versunken, und auf einmal tat er einen tiefen Atemzug und
sagte halblaut: »Also wäre ich verheiratet!«
Dann kam ihm zu Sinn, was er am Altare gedacht und daß er nun von
jemandem Abschied nehmen müsse mit allem Ernst.
Im Wirtschaftsgebäude war die Gesindestube hell beleuchtet, da drin
ging's fröhlich zu, der Wolfram trat ein. Mit hellem Geschrei hoben
sie ihm die Gläser entgegen und tranken auf seine Gesundheit. Er
setzte sich ein bißchen zu dem Gesinde an den Tisch, da erschien die
Aufträgerin mit frischem Teller und Glase, legte ihm Krapfen vor, und
einschenken, meinte sie, würde er sich wohl selber können.
»Ja, Frieda!« lachte der Bräutigam der jungen Aufträgerin zu,
»einschenken, das kann ich, aber austrinken mußt du. Auch von dir will
ich eine Gesundheit haben.«
Die Jungdirn nahm das Glas, schwenkte es ein wenig gegen ihn: »Zur
guten Gesundheit!« und nippte.
»Jetzt ist's recht!« rief der Wolfram lustig mit der Zunge schnalzend
und faßte sie an der Hand und blickte ihr frisch ins Auge, »trink' noch
einmal, Frieda!«
»Dank' schön!« antwortete sie schmunzelnd, »es möcht' zu viel sein.«
»So gib her!« Er nahm ihr das Glas aus der Hand, und während er ihr
fest ins Auge blickte, leerte er es auf einen Zug.
Als er nachher wieder über den Hof schritt, ward ihm bedenklich. -- Ein
Abschied das? --
* * * * *
Also das war die Hochzeit gewesen.
Und nun kam das Siedeln. Der Möbelfuhren von Geßnitz nach Kirchbrunn
waren so viele, daß die Leute schon sagten: »Mein Gott, wie wird denn
das alles Platz haben beim Adlerwirt, es zersprengt ja das Haus!«
Frau Kunigunde war eingerichtet wie eine Gräfin. Alles nagelneue
Sachen. Rokoko war Mode. Rokoko! Man wußte zwar nicht, was das war,
bestellte es aber. »Kosten tut auch ein Trödel was,« hieß es, »also
am besten, sich gleich ordentlich einrichten.« Es gab Überraschungen,
als die Sachen ankamen. Frau Kunigunde war nicht so leicht
zufriedengestellt von den Arbeiten der Tischler und Tapezierer aus der
Kreisstadt, sie meinte, das plumpe Zeug sei gar nicht anzusehen und
es wäre am klügsten, solche Dinge geradeswegs aus Paris zu bestellen.
Mit diesem Sinn für die feinste Vornehmheit setzte die junge Frau ganz
Kirchbrunn in Erstaunen.
Ungefähr eine Woche nach der Hochzeit war der Salmhofer angefahren
gekommen, um sich das neueingerichtete Nest der jungen Leute
zu besehen.
»Nur so zu, Wolf!« schnarrte er den Schwiegersohn an. »Meine Tochter
hat Erziehung genossen. Halt' sie fein! Laß ihr nichts abgehen! Für die
Küche nimm dir eine Köchin, mein Kind hat Nerven, die nicht für den
Küchendunst sind.«
Der Wolfram nahm diese Verhaltungsmaßregeln ganz ruhig hin. Nach einem
Imbiß, der dem Schwiegervater vorgesetzt worden und wobei der Salmhofer
einmal seinen würdigen Bart streichelte und das andere Mal seinen
Oberschenkel, obzwar heute das weiße Kätzchen nicht darauf saß -- bat
der alte Adlerwirt ihn auf ein Wort in seine Stube. Der alte Wirt war
vor langem Zuwarten auf eine gewisse Unterredung schon ganz aufgeregt
geworden. Und weil der Schwieger auch heute wieder nichts desgleichen
tat, als wäre eine solche an der Zeit, so machte der Wirt nun keine
Umstände mehr.
»Schwieger,« sagte er, ihm einen Sessel hinschiebend, »mußt schon
entschuldigen, es ist, daß man sich einmal ausredet von wegen Lebens
und Sterbens. Wir sind nimmer jung, und mein Sohn weiß, was er von
mir zu erwarten hat. Es ist, daß er weiß, wie er daran ist und die
Wirtschaft einrichten kann.«
»Hast ganz recht, Adlerwirt, nur alles in Ordnung machen,« antwortete
der Salmhofer. »Weiß auch, daß mein Kind bei Euch gut gestellt ist. Ist
ein gutes Kind, wer es zu behandeln versteht, ein herzensgutes Kind.«
»Und eine rechtschaffen stolze Natur,« lenkte der schlaue Adlerwirt
über, »so daß ich mir schon gedacht habe, ob sie nicht etwa gedrückt
ist, wenn ... Das möchte ich ihr nicht wünschen! Sie wird auch auf was
pochen wollen, und hat ganz recht. Ich meine, Schwieger, du -- sollst
was schreiben lassen.«
Der Salmhofer hatte sich kaum gesetzt, so stand er jetzt wieder auf,
nahm Hut und Stock; aber noch an der Tür wendete er sich um und stieß
sprudelnd die Worte hervor:
»Ich glaube, die Ausstattung ist nicht zu gering ausgefallen. Hat mich
bare zweitausend Gulden gekostet. Nach meinem Ableben -- wenn ich um
ein Eichtel Geduld bitten darf! -- wird sie kriegen, was da ist. Wer
denn sonst?«
Ohne ein weiteres Abschiedswort ging der Großbauer zur Tür hinaus und
fuhr davon.
Etwas kleinlaut teilte der alte Adlerwirt dem jungen dieses Gespräch
mit und fügte bei: »Heißt's halt so weiter fretten derweil. Wie lang
wird er's denn machen! Er trinkt zu viel.«
Der Frau Kunigunde war es nach ihrem Einzuge ins Adlerwirtshaus vor
allem darum zu tun gewesen, jedermann zu zeigen, daß sie hier die Frau
sei. Alles wurde geändert, schon in den ersten Tagen. Kein Möbelstück
blieb an seinem Platze stehen, und wenn der Wolfram einwendete, das
sei schon bei seiner Mutter Lebzeiten so gewesen, gab sie zur Antwort:
»Liebes Kind, also hat's deine Mutter gestellt nach ihrem Belieben, und
ich werde es auch tun.« Im Salmhofe war um zwölf Uhr Mittagszeit, also
mußte auch im Adlerwirtshause die Suppe um zwölf Uhr auf dem Tische
stehen. »Kundel,« gab ihr der Wolfram zu bedenken, »in den Wirtshäusern
macht sich eine spätere Mittagsstunde besser, wenn die Gäste gespeist
haben.« -- »Was kümmern mich die Gäste!« war ihre Entgegnung.
Der Wolfram wußte wohl, was darauf zu sagen war, doch er wollte nicht
streiten. »Junge Hausfrauen sind schon so,« tröstete ihn der Vater,
»und sie wird sich die Hörner schon abstoßen.«
Auch mehrere Dienstboten, die sich nicht gleich in die neue Hausordnung
schicken konnten, wurden entlassen und neue aufgenommen. Und gerade
wenn eins recht brauchbar war und schon lange im Hause, gerade das
mußte fort. Die Frau Kunigunde wollte nicht, daß ein Dienstbote im
Hause sei, welcher besser Bescheid wußte als sie selber.
»Daß dir die fremden Gesichter nicht zuwider sind!« sagte einmal der
Wolfram zu seiner Frau.
»Mir sind die einen wie die anderen fremd,« war ihre Antwort.
»So möchte ich an deiner Stelle wenigstens solche nehmen, die ich schon
kenne. Dein Vater wollte dir gewiß gerne ein paar Leute von seinem
Hofe abtreten, die deiner Art und Weis' leichter nachkommen könnten.
Besonders Weibsleute solltest verläßliche um dich haben.«
»Meinst?« gab sie lauernd zurück.
»Wir haben jetzt keine ordentliche Küchenmagd und keine Weidmagd.«
»Wie soll sie denn heißen?«
»Heißen kann sie wie sie will, aber brav und fleißig muß sie sein.«
»Soll sie nicht Frieda heißen?« fragte spitzig die Frau Kunigunde.
Der Wolfram tat überlaut einen Lacher. »Wie du jetzt auf die Frieda
kommst!« Er brach ab und ging hinaus.
Von diesem Tage an war er eine Weile wortkarg. Und damit Frau
Kunigunde die Ursache nicht merken sollte, warf er ihr unverhohlen vor,
daß das nicht schön wäre von ihr, dem alten Vater die liebgewordenen
Gewohnheiten zu vergällen, ihm sogar die Mittagszeit nach ihrem
Gutdünken zu verlegen. Über die Speisen selbst rede man ohnehin
nichts, diese würden zubereitet nicht nach seinem, sondern nach ihrem
Geschmack, und der sei nicht allemal der beste.
»Einen besseren hast du,« gab sie rasch wie immer zur Antwort, »weil du
deiner eigenen Frau schon jetzt, wenige Wochen nach der Hochzeit, das
Essen mißgönnst und dich nach einer Stalldirne umsehen möchtest.« Da
weinte sie auch schon heftig in ihr Spitzentuch.
»Aber Kunigunde!« rief nun der Wolfram und wollte kosend begütigen, sie
stieß mit dem Ellbogen heftig nach ihm, da ging er zum Herde, zündete
sich eine Zigarre an, stieg in die Gaststube und unterhielt sich mit
den Gästen.
Ein Fleischhauergeselle aus Geßnitz war da, den fragte der junge
Adlerwirt nach Neuigkeiten. Natürlich marschierte der drohende Krieg
auf, der in den Zeitungen stand, denn er steht immer drin. Aber dem
Wolfram war das zu wenig. Als braver Schwiegersohn fragte er dem
Salmhofe nach, ob dort alles gesund sei, oder sonst beim alten? Ja,
der Salmhofer liege auf seiner Holzbank, schäkere mit den Katzen und
habe so manchmal sein Räuschchen. Man merkte es dem Fleischergesellen
an, welche Gewalt er sich antun mußte, um die ganz unverhältnismäßige
Verkleinerung zuwege zu bringen, aber anders mochte er mit dem
Schwiegersohne doch nicht sprechen. -- Und was die Mutter mache? wollte
der Wolfram wissen. -- »O Gott!« sagte der Fleischer.
»Daß sie nicht am Ende mehr Sorgen zu tragen hat, jetzt, weil die
Tochter fort ist!« fürchtete der junge Adlerwirt. »Sie wird sich doch
von den Dienstmägden eine abrichten fürs Haus oder so?«
»Im Gegenteil,« erzählte der Geßnitzer, »verjagen tut sie eins ums
andere. Gestern ist bei der Jungmagd die Dienstzeit aus worden.«
»Bei der Frieda?« fragte der Wolfram.
»Wird so geheißen haben. Bin just mit einem Kalb vorübergekommen, wie
sie mit ihrem Bündel den Hof verlassen hat. Und Augenwasser, daß ich
sie noch frag': Was hat's denn, Dirndel? Wandern mußt? Ja, wohin denn
jetzt im Winter? Wisse es selber nicht, hat sie gesagt, und fort nach
der Straßen.«
Nun wußte er's, der Adlerwirt, was er wissen wollte. Daß er jetzt aber
noch mehr wissen wollte, und was alles, das konnte er niemandem sagen.
[Illustration]