Der Bauer hielt an: »Was ist denn?«

»Ihr habt Euer Sacktuch verloren!« rief der Holzknecht. Die List

gelang; während der Bauer seine Taschen durchsuchte, kam der Schopper

zum Schlitten heran und legte seine Hand schon an das Joch.

»Mir gehört er nicht, der Fetzen!« brummte der Bauer und wollte es

wieder vorwärts gehen lassen.

»Nachher muß er wem anderen gehören,« meinte der Holzknecht und steckte

das Tüchel in seinen Sack. »Aber gelt, Vetter Grübinger, Ihr seid so

gut und habt nichts dagegen, wenn ich mich da hinten auf die Kurve

stelle. Ich will nach Geßnitz und es geht so kläglich auf den Füßen.

Euer braver Rappen --«

»Kunnt mir einfallen!« lachte der Bauer grell auf, »Hia!« Und der

Schlitten glitt rasch dahin, kaum hatte der Schopper Zeit, das Joch

auszulassen; sich an dasselbe haltend, stolperte er eine Weile hinten

drein, bis der Bauer ihm mit dem Peitschenstock eins auf die Finger

gab. Da ließ er los und stand wieder allein mitten in Schnee und Nebel.

»Die Leute sind hart,« murmelte er vor sich hin; um so weicher ist der

Schnee, in welchen er seine Fersen wieder kräftig einsetzte. Es ging

langsam fürbaß.

Als er nach Stunden durch den Markt Geßnitz schritt, war es finster,

was sich gar nicht übel traf. Schon einmal hatte ihn hier der Gendarm

festgenommen, obschon auch bald wieder losgelassen, nachdem es sich

herausgestellt, daß hinter der verwilderten Hülle ein gewöhnlicher

Holzknecht steckte. -- Auf dem Turme läutete die Abendglocke. Er zog

seinen Hut vom Kopfe und betete: »Der Engel des Herrn brachte Maria

die Botschaft ...« Der junge Adlerwirt war ihm nicht begegnet, also

mußte er wohl noch im Salmhofe sein. Der Schopper ging den Hügel

hinan, aber nicht nach dem breiten Fahrweg, sondern hinterwärts auf

dem Rainsteige. Den Wirtschaftsgebäuden trachtete er zu, er wußte wohl

die Futterkammer, in welcher die Jungmagd um diese Zeit ihre Arbeit zu

verrichten pflegte. -- »Heut' nimm dich zusammen, Schopper-Schub,« so

ermahnte er sich selbst. »Denk' nicht immer daran, daß du verachtet

bist. Denk', daß du auch ein Mensch bist wie alle anderen, und

sei herzhaft. Gesund und stark zum Arbeiten, niemand kann dir was

ausstellen im Holzschlag, du verstehst dein Geschäft. Niemand kann dir

was nachsagen; was du dein Lebtag hast angestellt, das ist nur dein

eigener Schaden gewest. Die neue Riesen wird sich machen im Waldschlag.

In ein paar Jahren bist Holzmeister, da kannst Weib und Kind erhalten

so gut wie ein Graf. Warum soll sie dich nicht gern haben? Wenn ihr

dein Gewand nicht gefällt, so wirf's weg, der inwendige Kerl wird nicht

zu schlecht sein für eine brave Dirn. In Gottesnamen, Schopper!«

Der junge Adlerwirt hatte sich im Laufe desselben Nachmittags in der

großen Wirtschaft des Salmhofes herumgetrieben. Anfangs tat er solches

in Begleitung seines künftigen Schwiegervaters, dieser wurde aber bald

zurückgerufen, er hatte in Gemeindevorstandsgeschäften zu tun. Der

Wolfram spähte überall umher und spielte mit dem Gedanken, was mit

all dem geschehen werde, wenn einmal Vater und Mutter mit Tod abgehen

sollten. Gegen Abend ins Haus zurückgekommen, gab's eine Jause, aber

eine etwas zerrissene. Die Salmhoferin trank ihren Kaffee in der Küche,

der Salmhofer trank seinen Weinkrug auf der Stube aus, die Haustochter

Kundel schlürfte ihren Tee im Küchenzimmerchen und knusperte süßes

Backwerk dazu. Der Wolfram, welcher neben ihr saß, dankte für den ihm

gebotenen Imbiß, er sei nicht gewohnt, eine Jause zu nehmen, aber

eine Zigarre, wenn er sich anzünden dürfte! Hierauf besprachen sie

die Hochzeit. Die Kundel gestand vielleicht mehr unwillkürlich als

absichtlich, daß es ihr manchmal schrecklich sei auf dem Salmhofe,

daß sie froh sei, diesem Orte zu entkommen. Elternliebe, wovon andere

Leute sprechen, habe sie ja doch nie kennen gelernt. Der Vater habe

sie ein paar Jahre lang in ein Institut gesteckt, sie nachher zu einer

Zierpuppe herrichten wollen, um sich mit ihr zu prahlen; bei der

Mutter wäre überhaupt nichts zu suchen, diese verrichte in der Küche

ihre tägliche Arbeit, die gerade so gut auch eine Magd besorgen könne,

und sei dann zufrieden. -- Dem jungen Adlerwirt schmeichelte dieses

Vertrauen der Braut und es kam ihm fast gemütlich vor im Stübchen, bis

die Kundel plötzlich und ziemlich rasch das Fenster aufmachte. Der

Tabakrauch ging freilich hinaus, aber die kalte, neblige Winterluft

ging herein. Endlich verabschiedete der Bräutigam sich, und während

die Pferde eingespannt wurden, stand er draußen in der Tür der

Heukammer und plauderte ein wenig mit der Jungmagd. Er lehnte an dem

einen Pfosten der Tür, sie an dem anderen, weiter ließ sie ihn mit

der brennenden Zigarre nicht in die Kammer. Sie tat's aber nicht des

Rauches, sondern der Feuersgefahr wegen.

Ihr Gespräch wurde ganz leise geführt. »Frieda,« sagte der Wolfram, »du

wirst doch auch bei der Hochzeit sein?«

»Weiß es nicht,« antwortete sie, »ich werde wohl müssen haushüten. Die

Haustochter hat schon so etwas gesagt.«

»Hat sie?« fragte flüsternd der Bräutigam. »Nein, Frieda, ich will's

haben, daß du bei meiner Hochzeit die erste Kranzljungfrau sein sollst.

Es geht doch!«

»Ja, gehen tät's schon,« meinte die junge Magd, »aber sein darf's

nicht.«

»Wer sagt das?«

»-- Sie.«

»Das möchte ich wissen. Ihr seid ja immer gut gewesen miteinander? Und

kameradschaftlich.«

»Früher, ja,« sagte die Frieda, »aber seit dem Tanz beim Schwambachwirt

ist sie arg auf mich.«

»Laß es gut sein, Dirndel,« entgegnete der junge Adlerwirt. »In das

Kapitel werde ich auch etwas dreinzureden haben. Sie mag zur Hochzeit

laden, wen sie will, ich werde es auch tun. Und verhoff's, daß wir

uns bei der Hochzeit nicht das letzte Mal sehen werden, Dirndel. Gib

mir die Hand drauf!« Und er schnalzte mit der Zunge, was so seine

Gewohnheit war, wenn er Mut und Übermut in sich fühlte. »Dirndel, die

Hand drauf!«

»Auf das gebe ich keine Hand,« war ihre Antwort, »der Mensch weiß nicht

Zeit und Stund.« Zögernd und zagend hatte sie das gesprochen.

»Und auch zum Abschied willst mir die Hand nicht geben?« fragte er

nicht ohne Beklommenheit.

»Zum Abschied -- schon gar nicht,« antwortete das Mädchen.

»Frieda!« erscholl es in diesem Augenblicke von der Stallwand her. Die

beiden stoben auseinander. Eine männliche, hohle Stimme war es gewesen.

Der junge Adlerwirt sprang in den Schlitten, und vorwärts ging's durch

Nacht und Winter gegen Kirchbrunn.

An demselben Abende war's, als die Jungmagd Frieda die Tür ihrer Kammer

verschlossen hatte und nun vor einem Muttergottesbildchen, welches an

der Wand klebte, ihr Nachtgebet sprach, als auf einmal wie ein Gespenst

der Holzknecht vor ihr stand. Der Schreck war so groß, daß ihr zum

Schrei die Stimme versagte. Beide Hände ans Herz gedrückt, so sank sie

mit einem Hauch auf den Schemel hin.

»Geschehen tut dir nichts,« also sprach nun der Schopper. »Aber das

Leutrufen laß sein. Sie brauchen es nicht zu wissen, was wir zwei

miteinander zu reden haben.«

»Wir haben nichts miteinander zu reden,« konnte jetzt die Frieda sagen.

»Geh fort! Du hast dich wie ein Dieb hereingeschlichen! Geh fort!«

»Hast wohl recht, Dirndel, wie ein Dieb!« entgegnete der Schopper.

»Weil ich deinetwegen schlecht werden muß. Aber daran schuldig bist du.

Zu einem Engel hättest mich machen können. Und jetzt -- jetzt kann ein

Teufel draus werden.«

»Fort geh!« rief das Dirndel und sprang zur Tür, um sie zu öffnen.

Er fing sie auf, hielt ihr die Hand fest und sagte: »Frieda. Sei

barmherzig. Schau, ich bin ein armer Bursch'. Glaubt hätt' ich's

nimmer, daß einen die Lieb' so kunnt zurichten. Zwingen kann ich dich

nicht, Frieda. Ich sag' dir nur das: Wenn du mich nicht nimmst, so

erleben wir was. Mit mir und mit dir! Ich spring' ins Verderben und du

in dein Unglück. Der junge Adlerwirt! Unterwegs her bin ich noch voller

Vertrau gewesen zu ihm. Und was ich jetzt hab' gehört!«

»Was hast denn gehört?«

»Mehr, als er geredet hat, meine liebe Dirn! Daß der so schlau ist, das

hätte ich mir nicht gedacht. Die eine heiraten, die andere gern haben!

Bist denn du blind, Frieda! Oder bist wirklich so schlecht?«

»Holzknecht,« versetzte jetzt das Mädchen ruhiger, »laß mich aus, dann

will ich reden.«

Im Augenblick ließ er ihre Hand los.

»Für mich,« so redete sie nun, »wär' es auch besser, du hättest mich

zerdrucken lassen vom Mühlrad. Ich dank' dir's nicht, daß du mich hast

herausgezogen. In der Unschuld wäre ich gestorben, und wie es jetzt

steht, seh' ich vor mir nichts, als lauter Sünd' und Elend.«

»Den Adlerwirt mußt vergessen!« sagte der Schopper.

»Vergessen! Weißt du, was du redest? Kannst du vergessen? So vergiß

mich, ich geh' dich ja nichts an. Bin nicht deine Schwester und nicht

dein Geschwisterkind. Such' dir eine, die besser für dich paßt, und

mich laß in Gottesnamen zugrunde gehen, wenn es mir schon aufgesetzt

ist, daß ich seinetwegen zugrunde gehen soll.« Sie weinte.

Der Waldmensch stand wie erstarrt vor ihr. Endlich antwortete er: »Um

~das~ von dir zu hören, bin ich heute weit aus dem Siebenbachwald

herausgekommen. -- Du, Frieda! Flennen darfst mir nicht! Flennen kann

ich dich nicht sehen!« Fast wie drohend stieß er die letzten Worte

heraus, und dann fuhr er mit den Fingerspitzen über ihr Haar hin, als

ob er sie streicheln wollte. »Frieda!« fuhr er milder fort. »Vor neun

Jahren am Magdalenatag, wie sie deine Mutter haben in die Erden gelegt,

habe ich dich zum ersten Mal gesehen. Wie du dazumal geweint hast,

du liebes Kind, du arme Waise, so verlassen auf der Welt, -- wie du

dazumal so geweint hast, das geht mir nimmer aus dem Kopf, gar nimmer.«

»Mein Gott,« flüsterte jetzt die Frieda, »du bist ja ein guter Mensch,

ein herzensguter Mensch. Aber jetzt mußt du fortgehen, du armer Bursch,

schau, es kann nicht anders sein. Ich habe ja nichts gegen dich, wenn

ich nur könnt', wie wollt' ich dich lieb haben mit Freuden, dich ganz

allein. Und es hätt' eine gute Wendung. Wie es jetzt steht, ich weiß

mir ja nicht zu raten und nicht zu helfen.«

»Sollst schuldigerweis so reden?« fragte er.

»Gott Lob und Dank, nein!« antwortete die Jungmagd, »aber fürchten

tu' ich mich, so oft ich ihn sehe. Bei der Hochzeit will ich nicht

sein, nach Kirchbrunn auch mein Lebtag nicht gehen. Ich will mich

ja hüten, soviel es menschenmöglich ist. An meine Mutter hast mich

gemahnt, Schopper. Ihr letztes Wort zu mir ist gewesen: Frieda, wenn

du dir nicht aus weißt, so knie' hin und tu' beten. Ich will's tun,

Holzknecht, und will so lange beten, bis ich dich recht lieb hab, und

nur dich allein.«

Das sagte sie mit solcher Innigkeit, als wäre die Liebe zu ihm bereits

da.

»O glückselige Stund'!« wimmerte der Waldmensch und drückte sein

bärtiges Gesicht an ihre Schulter, in ihr Haar, »du herzliebe Dirn,

ich geh' schon, ich geh' gern. Beten! Beten! Gute Nacht, du

herzliebe Dirn!«

Also stürzte er wie rasend vor Glück davon, hinaus in die tiefe

Winternacht, den jauchzenden Himmel im Herzen, seinen fernen

Wäldern zu.

[Illustration]

Der Adlerwirt von Kirchbrunn · 第 9 / 22 题