Der Winter war mit viel Schnee gekommen. Das wirtschaftliche Leben des
Dorfes nahm eine neue Gestalt an, vom Walde wurden auf Schlarpfen[2]
große Reisigfuhren gezogen, aus den Berggräben mächtige Holzblöcke
geschleift, von den Teichen her schwere Eisladungen geführt. Wer einen
Bau vorhatte im nächsten Jahre, der zog jetzt Zimmerholz und Steine
zusammen; der Schnee -- von welchem nicht Unterrichtete glauben, daß
er die Wege versperre -- hatte die Bahnen geschaffen, auf welchen die
schwersten Lasten leicht weiter befördert werden konnten. Die Straße
entlang schellte manch leichtes Schlittenzeug lustig fürbaß und hielt
wohl mit seinen Insassen an in Kirchbrunn beim Adlerwirt auf ein Glas
Wein. Seit es laut geworden, daß die einzige Tochter des Großbauern
zu Geßnitz bald einfahren werde in das Adlerwirtshaus, war dieses
den Leuten neuerdings anziehend geworden. Einzig nur das Weibervolk
betrachtete nun dieses Haus nicht mehr ganz mit den wohlwollenden Augen
als ehedem, aber das verdirbt nicht viel; Weibsbilder, meinte der alte
Wirt, sind ohnehin nicht die besten Gäste.
[2] Aus zwei Baumstämmen gebaute Waldschlitten.]
Um diese Zeit kehrte eines Tages der Schopper-Schub ein im
Adlerwirtshause. Er hatte immer denselben verwilderten Bart, der nie
geschnitten wurde und der auch nicht eigentlich in die Länge wuchs,
sondern mehr Neigung hatte, sich zu kräuseln und zu filzen, was dem
Waldmenschen auch recht war. Mit dem Haupthaar stand es wahrscheinlich
auch ähnlich, man sah es aber nie, weil der Mann den Hut immer auf
hatte und die schweren schwammigen Krempen zu allen Seiten tief
herabhingen. Das mattbraune Lodengewand hatte einige Flicken, doch
sah man es an ihrer Ungefügigkeit, daß sie nicht von schlichtender
Weibeshand herrührten. Eben fast so unbehilflich war der Verband, den
er am linken Arme trug. Daß der Schopper mitten in der Woche Feiertag
hatte, kam daher, weil er sich mit der Holzaxt unversehens die Hand
gespalten hatte. Weiter war es nichts. Ein Kamerad hatte ihm ein
Harzpflaster gemacht und den Verband angelegt; somit ist die Sache in
Ordnung, nur daß der Mann einstweilen nicht arbeiten kann.
Also saß der Holzknecht da am dämmerigen Winkeltisch und trank etliche
Gläschen Branntwein.
»Wo ist denn der Jungherr?« fragte er auf einmal kurz und scharf.
»Wo wird er denn sein!« antwortete der alte Adlerwirt, »in Geßnitz wird
er sein. -- Hast was mit ihm?«
»Will selber mit ihm reden,« sagte der Schopper. »Ich kann ihm ja
nachgehen. Hab' eh Zeit dazu. Was macht's!«
»Dreimal drei macht neun,« rechnete der Wirt die drei Gläschen
zusammen. »Bekommst von zehn einen Kreuzer heraus.«
»Schenkt ihn einem Bettler,« sagte der Schopper. Da lugte der Wirt
einmal. -- Seit wann geben denn die Herren vom Siebenbachwald
Trinkgeld? Wahrscheinlich, seit sie sich selber die Knochen
entzweihauen.
»-- Soll einmal ein Vaterunser dafür beten,« setzte der Holzknecht bei,
während er sich rasch von der Bank erhob und, den Stock fest auf den
Boden stoßend, davoneilte.
»Für einen Kreuzer ein Vaterunser,« murmelte der Wirt, die kleine
Münze in der hohlen Hand schüttelnd, »viel Andacht wird man da nicht
verlangen können.«
Der Schopper-Schub wanderte die Straße entlang gegen Geßnitz. Der Weg
war wohl für den Schlitten eingerichtet, aber nicht für ungelenkige
Füße. Das glitt immer nach rechts oder nach links und brachte den Mann
in Gefahr, auf seine wunde Hand zu fallen. Trotzdem setzte er seinen
Stock fest ein und kam vorwärts. Er sann unterwegs, wie er es machen
werde auf dem Salmhof. Das waren ja zwei triftige Gründe, wesweg er
jetzt hinausging. Ein fast leidenschaftliches Dankgefühl hatte ihn
vom Siebenbachwald herausgetrieben. Der in sein enges Wesen zutiefst
eingesponnene und doch vielleicht gelegentlich einer Selbstentäußerung
fähige Waldmensch glaubte, daß der junge Adlerwirt rein ihm zuliebe von
der Frieda abgestanden sei und, damit aller Zwiespalt aufhöre, rasch
die andere heiraten wolle; denn es war ihm nicht möglich zu denken,
daß unter allen jungen Weibern der Welt nicht die Jungmagd Frieda die
Begehrenswerteste sein sollte! -- Adlerwirt! wollte er sagen und ihn um
den Hals packen, für mein Lebtag bin ich dein Knecht! Wenn du einmal
in Not solltest sein, so rufe mich! Du bist mein treuester Freund auf
der Welt! Du hättest das Mädel haben können und hast es mir überlassen,
hast dich einer Fremden angeschmiedet, die dir gleichgültig ist,
höllisch gleichgültig. Gott geb's, daß sie dich recht lieb hat! Und
wenn du einmal wen brauchen solltest, Wolfram, der für dich lebt und
stirbt, so laß mich holen! -- Also wollte der Schopper zu ihm sprechen,
daß seinem heißen, in Zorn wie in Freude überschwänglichen Herzen
Genüge getan werde. Dann wollte er aber auch ernstlich an die andere
herantreten und am heutigen Tage die Sache endgültig machen. -- Hopp!
jetzt lag er im Schnee.
Wenn es so fortgeht auf der Rutsche, so wird das mühsam bis Geßnitz.
Ein feines Schellen hörte er hinter sich. Mit flinkem Rößlein jagte und
auf leichtem Schlitten saß der Groß-Grübinger von Kirchbrunn, er fuhr
auch gegen Geßnitz. Ei, dachte der Holzknecht, dem ist's ein leichtes,
daß er mich mitnimmt. Als der Schlitten vorüberschliff, rückte der
Schopper manierlich den Hut, aber der Grübinger tat nichts desgleichen.
»He!« rief nun der Holzknecht dem Gefährte nach, zog sein blaues
Sacktuch aus der Tasche und hielt es hoch in die Luft, »he, Vetter!
Vetter Grübinger!«