Jetzt würde männiglich raten, daß am anderen Tage der alte Adlerwirt
zu Kirchbrunn seinem Sohne ein arges Wetter gemacht hätte. Anstatt am
Sonntagnachmittage, war der Wolfram mit den Rössern am Montag früh nach
Hause gekommen!
Männiglich hätte aber schlecht geraten. Als am Montag nach zwölf Uhr
mittags der Wolfram erwacht war und die Küchenmagd ihm den Kaffee
ans Bett brachte, kam auch der alte Adlerwirt herein, er brachte
das Semmelkörbchen, schaute schmunzelnd auf den Burschen hin, der
kerzengerade ausgestreckt da lag und gähnend sich noch ein Weiteres
streckte.
»Geschlafen hast nicht schlecht,« sagte der Wirt.
Jetzt kommt's, dachte der Wolfram, und er hat ganz recht, ich verdiene
schon eine Portion.
Aber es kam nicht.
»Trink' ihn, so lange er noch heiß ist,« riet der Alte, auf die
Kaffeetasse deutend, »was Warmes tut immer gut nach einer solchen
Nacht.«
Der Wolfram richtete sich, auf den Ellbogen gestützt, halb empor; der
Hemdkragen war abzubinden vergessen worden, er lag noch um den Hals;
durch die Spalte des weißen Hemdes sah man einen Teil der nackten
Brust; das Gesicht des jungen Mannes war ein wenig blässer als sonst,
also daß der junge Bart um so dunkler schattete. Die wirren, feuchten
Haare hingen in braunen Tatzen und Ringen über die Stirn herab. Der
Wirt schaute nicht ohne Wohlgefallen auf seinen Sohn. So ein hübscher
Junge ist auch ein Kapital. Nur muß man ihn versilbern oder vergolden
lassen. Sind ja auch in der Kirche die größten Heiligen vergoldet.
»Trau' einer noch einmal so einem Duckmäuser!« sprach nun der alte
Wirt mit schwerem Wiegen des Hauptes und im Tone des Vorwurfes. »Wo
unsereiner erst hindenkt, ist der schon gewesen. -- Aber,« fuhr er
fort, »lachen habe ich auch müssen gestern abends. Wie der Weidknecht
heimkommt, sag' ich: Wo denn heute der Wolfram stecken mag mit den
Pferden! Daß ihm am Ende kein Malheur passiert ist! -- Oh, gibt
der Weidknecht Antwort, dem jungen Herrn fehlt nichts, der sitzt
draußen beim Schwambachwirt im Extrastübel und tut mit der jungen
Salmhofertochter aus Geßnitz Nachtmahl essen. Wär nicht schlecht! sage
ich. Ja freilich nicht, meint der Knecht und erzählt mir die ganze
Geschichte, wie du sie mit dem Wagen zum Tanz geholt hättest. Teufel!
denk' ich, der geht's scharf an! Der kennt sich aus. Je schwerer man
an eine herankann, desto kecker muß man sie anpacken. -- Jetzt hast
gewonnen, Wolf, und ich kann dir's nicht sagen, wie mich das freut.
Wirst sehen, jetzt stehst auf einmal ganz anders da. Neider wirst genug
haben, ich glaub's! Und nun, Wolf, kann ich dir's wohl sagen: wir
brauchen eine reiche Heirat so notwendig wie der Fisch den Schluck
Wasser. Seit die neue Eisenbahn drüben geht, steht's nicht gut mit
uns Wirtsleuten auf der Kirchbrunnerstraße. Zu harter Not, daß es mir
bisher gelungen ist, unser Ansehen aufrecht zu halten, lange wär' das
nicht mehr möglich gewesen. Wir stecken tief in der Schlamaß, mein
Bub', wir stecken tief!«
Der Wolfram war von dieser Mitteilung nicht gerade erbaut, er sagte
aber nichts darauf, sondern war von diesem bitteren Augenblicke an
entschlossen, das Abenteuer mit der Salmhoferischen ernsthafter
aufzufassen, als er es bisher getan.
»Schau nur dazu, Wolf, daß Ihr bald Hochzeit macht!« mahnte der Alte
noch. »Ist gut, daß dem Professor sein Zimmer leer geworden, das lassen
wir jetzt gleich herrichten. Wird Euch eh am liebsten sein, ist hübsch
groß und ruhig.«
»Ja ja!« sagte der Wolfram ziemlich barsch, um dieses Gespräch
abzubrechen, welches ihm durchaus nicht heimlich war. Er sah sein
Verhältnis zur Salmhofertochter lange nicht so rosig als sein Vater,
und wenn etwas Rosiges für ihn dabei war, so konnte es nur das blühende
Gesichtlein der -- anderen sein.
Auf gar keinen Fall war es zu leugnen, daß Wolframs Sinn nach dem
Salmhofe in Geßnitz stand. Und es ereignete sich auch, daß er nun
häufig nach Geßnitz fuhr, immer in Geschäften, wie es hieß. Einige
Wochen vergingen so, da hatte der alte Adlerwirt die feinste
Brautwerberfahrt veranstaltet.
Rollte eines Tages das sorgfältig aufgewichste Gefährte die Straße
entlang gegen Geßnitz. Auf dem Bock saß heute der Pferdeknecht, aber
hübsch mit flatterndem Hutbande. Im Wagen saßen der alte Adlerwirt
und sein Schwager, der Herr Amtskontrollor aus der Kreisstadt. Beide
im schwarzen Anzuge, mit Seidenhut und bunten Halsmaschen. Dem
Adlerwirt war besonders in den weißen, stramm um die fleischigen Finger
gespannten Handschuhen höchst unbehaglich, er war nicht imstande, den
einfachsten Handgriff zu tun, selbst den Überrock mußte -- als es gegen
Geßnitz hin schwüler wurde -- der Herr Schwager ihm aufknöpfen, und als
sie zur Wegmauth kamen, fanden die eingepferchten Finger in den Taschen
kein Geldschnäppchen, so daß wieder der Schwager aushelfen mußte.
Trotzdem war der Adlerwirt guten Mutes und hieb dem Genossen ein-
ums anderemal die breite Hand auf den Oberschenkel: »Na, was meinst,
Schwager, wirst stecken bleiben bei der Anrede?«
»Du wirst dir noch die Hundeledernen zersprengen!« mahnte der Schwager
fürsorglich.
Der Amtskontrollor war ein dürres Herrchen, dem auch die Kampflust,
das heißt die Brautwerbelust aus den Augen blitzte. Der Adlerwirt
hatte ihn eigens für diesen Zweck aus der Kreisstadt verschrieben.
Es fährt sich doch ganz anders auf mit einer Autorität aus der
Stadt, die Schick kennt und Vornehmheit hat. Das Amt, in welchem der
Herr Schwager saß, oder vielmehr auf und ab sprang, bestand in einer
Fahrkartenkontrollorstelle auf der Pferdeeisenbahn.
Nun also, im Bewußtsein voller Ehrenhaftigkeit fuhren sie den Hügel
hinan gegen den Salmhof. Da fielen ihnen die zahlreichen armen
Kinder auf, die -- obzwar schon zur Allerheiligenzeit -- barfuß und
in schlechten Gewändlein den Weg hin und her liefen. Durch das weit
offenstehende Tor rollte der Wagen so rasch in den Hof, daß es mit
einem der Kleinen schier ein Unglück gegeben hätte. Alsogleich stand
auch der dienstbare Bursche da, der die beiden Pferde in Obhut nahm,
während die beiden Herren sich an einen Mann wandten, um so gleichsam
wie im Vorübergehen ein wenig die Wirtschaft begucken zu können. Der
Angesprochene führte sie bereitwilligst durch verschiedene Gebäude, und
überall war es erstaunlich. Dieser Wohlstand, dieser Überfluß in allem.
Die Haustiere in schönsten Rassen, die Vorräte an Feldfrüchten, an Heu,
an Werkzeug, an Wagen und Schlitten, an Häuten, Pelzwerk und Wolle, an
Edelholz, kurz an allerlei, woran die meisten Leute gar nicht denken,
geschweige es besitzen.
Nach einem solchen Rundgang im Hofe kamen sie zum Eingange in das
stattliche Wohnhaus; das Untergeschoß desselben war gemauert und
weiß übertüncht, der obere Stock aus Holz gezimmert. Es hatte viele
Fenster, die größer waren als solche bei anderen Bauernhöfen und mit
zierlichen Holztäfelungen ausgeschlagen. Auch an den Dachvorsprüngen
waren Holzschnitzereien, das Dach selbst war aus Schindeln, und über
demselben ragten mehrere weiß übertünchte Schornsteine empor. Neben der
Haustür an der Wand hing eine schwarze Tafel, auf welcher Kundmachungen
klebten, denn der Salmhofer war Vorstand der Landgemeinde Geßnitz, die
sich einen eigenen »Bürgermeister« wählte, seitdem der Ort Geßnitz
selbst eine Marktgemeinde geworden war. Als die beiden Gemeinden sich
trennten, wollte jede den Salmhof für sich haben, der lag so gut
bürgerlich als bäuerlich, allein der Salmhofer mochte gedacht haben:
lieber der erste Bauer, denn der letzte Bürger, und hatte sich zur
Landgemeinde geschlagen, was ihm seine Nachbarn gar nicht hoch genug
anrechnen konnten.
An der offenen Haustüre war in der unteren Weite ein zierliches
Holztörchen, wie solche an vielen Bauernhöfen üblich sind und dazu
dienen, daß vom Hofe das Kleinvieh nicht ins Haus laufen kann. An
diesem Türchen grunzten heute aber weder Schweine, noch meckerten
Lämmer oder Ziegen, es war umdrängt von armen Kindern, dreijährigen bis
etwa zwölfjährigen, die ihre Händchen aufhoben und mit hellen Stimmen
schrieen: »Bitt' gar schön um ein Allerheiligenbrot!«
Und hinter dem Törchen stand ein feines, etwas blasses, ernsthaftes
Mädchen in dunkelblauem, fast städtisch geschnittenem Anzug, am Halse
ein weißes Kräglein, wie es Männer tragen. Dieses Mädchen nahm aus
einem großen Korbe, der neben ihm stand, geschnittene Brotstücke und
verteilte sie an die Kinder. Die vorne standen, denen gab sie es in
die Hand, den hinteren, vergeblich nach vorne drängenden warf sie
die Stücke über den Köpfen zu und kümmerte sich nicht weiter um das
Gebalge, welches darüber entstand.
»Da ist sie!« flüsterte der alte Adlerwirt dem Herrn Amtskontrollor zu,
und sie zogen ehrerbietig vor ihr die hohen Hüte. Das Mädchen dankte
dem Gruße mit einem fast unmerklichen Neigen des Hauptes, scheuchte mit
einer lebhaften Handbewegung die Kinder auseinander, und unsere beiden
Männer traten in das Haus.
Nach den »Herren Eltern« erkundigten sie sich bei der Kundel. »Bitte
nur die Treppe hinauf, Mutter wird in der Küche sein!« Also in
höflichem, aber entschiedenem Tone der Bescheid. Der Adlerwirt nickte
dem Genossen vielsagend zu. Der Kundel war ihr erheuchelter Gleichmut
ganz ausgezeichnet gelungen, nun aber huschte sie rasch unter die
Stiege hin und spähte nach. Es schwante ihr etwas, als gehe dieser
Besuch sie an. Für das Austeilen des Allerheiligenbrotes war nun alle
Neigung dahin, sie stellte den Kindern den Korb mit dem Reste der
Brote vor die Tür und schlich die Treppe hinan.
In der Küche waren zwei Weiber, welche mit langen Messern die
Kohlkopfstengel zerschnitten und die Scheibchen in einen Kessel warfen.
Beide waren wie Mägde angezogen, nur daß die ältere, eine magere und
fast kümmerlich aussehende Person, ein weißes breites Schürzenband
hatte, an welchem ein Schlüsselbund hing.
»Können wir mit der Frau Salmhoferin reden?« sprach diese der alte
Adlerwirt auf gut Glück an.
»Was wird's denn sein?« fragte das Weib in fast schüchterner Weise
entgegen und wischte ihre Hände an der Schürze ab.
»Wir sind von Kirchbrunn,« sagte nun der Herr Kontrollor, »und kommen
in einer wichtigen Angelegenheit, wie sich's schon manchmal so fügt auf
dieser Welt.«
»Dann müssen Sie schon zu meinem Manne gehen. Ich weiß nichts,« so
antwortete die Salmhoferin, wies sie über den Gang bis zur letzten Türe
links und ging wieder an die Bereitung des Schweinefutters.
Bei der letzten Türe links klopften die Männer höflich an. Drinnen
hustete jemand. Nach einem Weilchen klopften sie zum zweiten Male, und
drinnen hustete es zum zweiten Male. Nach dem dritten Klopfen schnarrte
es im Zimmer: »Zum Satan, ja hab' ich gesagt!«
Es war barsch, doch der Adlerwirt hielt das Ja im Vorhinein für ein
gutes Zeichen. Sie traten ein.
Es war eine schmale, längliche Stube mit zwei Fenstern und einem großen
Kachelofen. Zwischen den Fenstern stand eine lange Lehnbank und daneben
ein braunangestrichener Tisch. Auf der Lehnbank lag ein alter Mann, der
nur mit Socken, einem schwarzen Beinkleide und einem grauen, locker um
Brust und Arme flatternden Wollenhemde bekleidet war. Der Mann hatte
auf dem Haupte fast kein Haar, hingegen einen üppigen, schneeweißen
Bart. Das Gesicht war gerötet und hatte eine lange, wulstige Nase.
Auf dem Schoß hatte der Mann ein weißes Kätzchen, das er fortwährend
streichelte und mit Brotkrümchen fütterte. Auf dem Tische lag ein
blaues, zusammengeknülltes Sacktuch, ein paar Brillen und ein Pack mit
Schriften. Daneben stand ein grünglasierter Krug, aus welchem er häufig
einen Schluck nahm.
Dieser Mann war der Salmhofer. Der alte Adlerwirt verleugnete seine
Befangenheit und grüßte ihn wie einen Bekannten, denn der Salmhofer war
ja oftmals eingekehrt bei ihm in Kirchbrunn.
»Au!« sagte der Alte und richtete sich ein klein wenig auf. »Das ist
seltsam. Was seid Ihr denn so närrisch aufgestiefelt?«
Da stellte sich der Herr Kontrollor vor und begann so zu reden:
»Hochachtbarer Herr! Die Schicksale der Menschen sind mannigfach und
unerforschlich. Sie hätten wohl auch nie gedacht, daß wir einmal an
Ihres Hauses Schwelle stehen würden, und zwar in einer Angelegenheit,
die -- in einer Angelegenheit, welche --« Da stak er.
»Was wollt's denn?« fuhr der Salmhofer mit seiner breiten, röchelnden
Stimme drein.
»Daß wir an Ihres Hauses Schwelle stehen werden, und zwar in einer
Angelegenheit, die --« Trotz des neuen Anrandes konnte er noch nicht
weiter. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.
»Still sei, Mistvieh!« sagte der Salmhofer zum Kätzchen, welches
miaute, und gab ihm mit dem Finger einen zärtlichen Klapps.
»Bitt' Euch, macht's keine Faxen!« hierauf zu den Ankömmlingen,
»kann mir's ja eh denken. Meiner Tochter die Fahrgelegenheit zum
Schwambachwirt soll ich zahlen. Was kostet sie denn?«
Jetzt lachten die beiden und meinten, nun wären sie schon bei der
Stange. »Billig fahre der junge Adlerwirt nicht bei Nacht und Nebel,
leicht koste es den Passagier selber.«
Der Salmhofer hob von der Katze die Hand und machte damit einen Schlag
in die leere Luft. War das die Antwort? War das nicht gerade, als ob er
sagen wollte: Fort mit Schaden?
»Dafür stehe ich gut,« sprach nun der alte Adlerwirt, »einen braven
Mann bekommt sie. Und lieb haben sich die jungen Leut' wie Tauben.«
Der Salmhofer tat aus dem Kruge einen langen Schluck, und auf seinem
Barte noch die Tropfen, schnarrte er: »Mein Geld willst, Adlerwirt!«
»Aber! Aber!« rief der Adlerwirt. »Wer denkt denn an so was! Geld macht
nicht glücklich, sage ich alleweil. Daß sie zusammenpassen, ist die
Hauptsache. Das andere wird sich alles geben.«
»Losgehen kann's, wann's will,« sagte der Salmhofer und trank wieder.
Während er trank, sprang das Kätzchen auf den Fußboden hinab; da fuhr
der Alte empor, fing es ein und setzte es wieder sachte auf seinen
Schoß.
»Nachher könnten wir vielleicht jetzt mit der Kundel reden?« meinte der
Adlerwirt.
»Weiß schon, weiß schon,« wehrte der Salmhofer ab. »Das Mädel ist ja
schon ganz dumm vor lauter Verliebtheit. -- Da bleibst, Vieherl.«
Den beiden Männern kam es schier vor, der Alte sei nicht recht bei
Trost. Der grüne Krug! Auf jeden Fall reichte der Adlerwirt ihm nun die
Hand und sagte in feierlicher Stimmung: »Also abgemacht, Schwieger!
Bruder! Gott segne unsere Kinder!«
»Ist schon recht, ist schon gut!« murmelte der Alte, und seine
Handbewegung deutete an, sie könnten wieder gehen.
»Er hat zwar einen martialischen Rausch,« sagte der Herr Kontrollor
vor der Tür, »aber richtig ist's. Er hat mehr gestanden, als er im
nüchternen Zustande beigegeben hätte, und das kann uns recht sein.«
Auf der Hausflur begegneten sie der Kundel. Der alte Adlerwirt hielt
ihr die Hand hin und sagte weichmütig: »Jetzt mache ich nicht viel
Umstände mehr, Töchterl, ich darf wohl einen Gruß ausrichten beim
jungen Adlerwirt zu Kirchbrunn?«
»Bitt' schön,« antwortete das Mädchen und senkte das Aug'.
»Und wann darf die Hochzeit sein?« fragte kühnlich der Herr Kontrollor.
»Je eher, desto besser,« antwortete das Mädchen. Da wußten die
Brautwerber einstweilen genug.
[Illustration]