3. Abschnitt.

Jetzt würde männiglich raten, daß am anderen Tage der alte Adlerwirt

zu Kirchbrunn seinem Sohne ein arges Wetter gemacht hätte. Anstatt am

Sonntagnachmittage, war der Wolfram mit den Rössern am Montag früh nach

Hause gekommen!

Männiglich hätte aber schlecht geraten. Als am Montag nach zwölf Uhr

mittags der Wolfram erwacht war und die Küchenmagd ihm den Kaffee

ans Bett brachte, kam auch der alte Adlerwirt herein, er brachte

das Semmelkörbchen, schaute schmunzelnd auf den Burschen hin, der

kerzengerade ausgestreckt da lag und gähnend sich noch ein Weiteres

streckte.

»Geschlafen hast nicht schlecht,« sagte der Wirt.

Jetzt kommt's, dachte der Wolfram, und er hat ganz recht, ich verdiene

schon eine Portion.

Aber es kam nicht.

»Trink' ihn, so lange er noch heiß ist,« riet der Alte, auf die

Kaffeetasse deutend, »was Warmes tut immer gut nach einer solchen

Nacht.«

Der Wolfram richtete sich, auf den Ellbogen gestützt, halb empor; der

Hemdkragen war abzubinden vergessen worden, er lag noch um den Hals;

durch die Spalte des weißen Hemdes sah man einen Teil der nackten

Brust; das Gesicht des jungen Mannes war ein wenig blässer als sonst,

also daß der junge Bart um so dunkler schattete. Die wirren, feuchten

Haare hingen in braunen Tatzen und Ringen über die Stirn herab. Der

Wirt schaute nicht ohne Wohlgefallen auf seinen Sohn. So ein hübscher

Junge ist auch ein Kapital. Nur muß man ihn versilbern oder vergolden

lassen. Sind ja auch in der Kirche die größten Heiligen vergoldet.

»Trau' einer noch einmal so einem Duckmäuser!« sprach nun der alte

Wirt mit schwerem Wiegen des Hauptes und im Tone des Vorwurfes. »Wo

unsereiner erst hindenkt, ist der schon gewesen. -- Aber,« fuhr er

fort, »lachen habe ich auch müssen gestern abends. Wie der Weidknecht

heimkommt, sag' ich: Wo denn heute der Wolfram stecken mag mit den

Pferden! Daß ihm am Ende kein Malheur passiert ist! -- Oh, gibt

der Weidknecht Antwort, dem jungen Herrn fehlt nichts, der sitzt

draußen beim Schwambachwirt im Extrastübel und tut mit der jungen

Salmhofertochter aus Geßnitz Nachtmahl essen. Wär nicht schlecht! sage

ich. Ja freilich nicht, meint der Knecht und erzählt mir die ganze

Geschichte, wie du sie mit dem Wagen zum Tanz geholt hättest. Teufel!

denk' ich, der geht's scharf an! Der kennt sich aus. Je schwerer man

an eine herankann, desto kecker muß man sie anpacken. -- Jetzt hast

gewonnen, Wolf, und ich kann dir's nicht sagen, wie mich das freut.

Wirst sehen, jetzt stehst auf einmal ganz anders da. Neider wirst genug

haben, ich glaub's! Und nun, Wolf, kann ich dir's wohl sagen: wir

brauchen eine reiche Heirat so notwendig wie der Fisch den Schluck

Wasser. Seit die neue Eisenbahn drüben geht, steht's nicht gut mit

uns Wirtsleuten auf der Kirchbrunnerstraße. Zu harter Not, daß es mir

bisher gelungen ist, unser Ansehen aufrecht zu halten, lange wär' das

nicht mehr möglich gewesen. Wir stecken tief in der Schlamaß, mein

Bub', wir stecken tief!«

Der Wolfram war von dieser Mitteilung nicht gerade erbaut, er sagte

aber nichts darauf, sondern war von diesem bitteren Augenblicke an

entschlossen, das Abenteuer mit der Salmhoferischen ernsthafter

aufzufassen, als er es bisher getan.

»Schau nur dazu, Wolf, daß Ihr bald Hochzeit macht!« mahnte der Alte

noch. »Ist gut, daß dem Professor sein Zimmer leer geworden, das lassen

wir jetzt gleich herrichten. Wird Euch eh am liebsten sein, ist hübsch

groß und ruhig.«

»Ja ja!« sagte der Wolfram ziemlich barsch, um dieses Gespräch

abzubrechen, welches ihm durchaus nicht heimlich war. Er sah sein

Verhältnis zur Salmhofertochter lange nicht so rosig als sein Vater,

und wenn etwas Rosiges für ihn dabei war, so konnte es nur das blühende

Gesichtlein der -- anderen sein.

Auf gar keinen Fall war es zu leugnen, daß Wolframs Sinn nach dem

Salmhofe in Geßnitz stand. Und es ereignete sich auch, daß er nun

häufig nach Geßnitz fuhr, immer in Geschäften, wie es hieß. Einige

Wochen vergingen so, da hatte der alte Adlerwirt die feinste

Brautwerberfahrt veranstaltet.

Rollte eines Tages das sorgfältig aufgewichste Gefährte die Straße

entlang gegen Geßnitz. Auf dem Bock saß heute der Pferdeknecht, aber

hübsch mit flatterndem Hutbande. Im Wagen saßen der alte Adlerwirt

und sein Schwager, der Herr Amtskontrollor aus der Kreisstadt. Beide

im schwarzen Anzuge, mit Seidenhut und bunten Halsmaschen. Dem

Adlerwirt war besonders in den weißen, stramm um die fleischigen Finger

gespannten Handschuhen höchst unbehaglich, er war nicht imstande, den

einfachsten Handgriff zu tun, selbst den Überrock mußte -- als es gegen

Geßnitz hin schwüler wurde -- der Herr Schwager ihm aufknöpfen, und als

sie zur Wegmauth kamen, fanden die eingepferchten Finger in den Taschen

kein Geldschnäppchen, so daß wieder der Schwager aushelfen mußte.

Trotzdem war der Adlerwirt guten Mutes und hieb dem Genossen ein-

ums anderemal die breite Hand auf den Oberschenkel: »Na, was meinst,

Schwager, wirst stecken bleiben bei der Anrede?«

»Du wirst dir noch die Hundeledernen zersprengen!« mahnte der Schwager

fürsorglich.

Der Amtskontrollor war ein dürres Herrchen, dem auch die Kampflust,

das heißt die Brautwerbelust aus den Augen blitzte. Der Adlerwirt

hatte ihn eigens für diesen Zweck aus der Kreisstadt verschrieben.

Es fährt sich doch ganz anders auf mit einer Autorität aus der

Stadt, die Schick kennt und Vornehmheit hat. Das Amt, in welchem der

Herr Schwager saß, oder vielmehr auf und ab sprang, bestand in einer

Fahrkartenkontrollorstelle auf der Pferdeeisenbahn.

Nun also, im Bewußtsein voller Ehrenhaftigkeit fuhren sie den Hügel

hinan gegen den Salmhof. Da fielen ihnen die zahlreichen armen

Kinder auf, die -- obzwar schon zur Allerheiligenzeit -- barfuß und

in schlechten Gewändlein den Weg hin und her liefen. Durch das weit

offenstehende Tor rollte der Wagen so rasch in den Hof, daß es mit

einem der Kleinen schier ein Unglück gegeben hätte. Alsogleich stand

auch der dienstbare Bursche da, der die beiden Pferde in Obhut nahm,

während die beiden Herren sich an einen Mann wandten, um so gleichsam

wie im Vorübergehen ein wenig die Wirtschaft begucken zu können. Der

Angesprochene führte sie bereitwilligst durch verschiedene Gebäude, und

überall war es erstaunlich. Dieser Wohlstand, dieser Überfluß in allem.

Die Haustiere in schönsten Rassen, die Vorräte an Feldfrüchten, an Heu,

an Werkzeug, an Wagen und Schlitten, an Häuten, Pelzwerk und Wolle, an

Edelholz, kurz an allerlei, woran die meisten Leute gar nicht denken,

geschweige es besitzen.

Nach einem solchen Rundgang im Hofe kamen sie zum Eingange in das

stattliche Wohnhaus; das Untergeschoß desselben war gemauert und

weiß übertüncht, der obere Stock aus Holz gezimmert. Es hatte viele

Fenster, die größer waren als solche bei anderen Bauernhöfen und mit

zierlichen Holztäfelungen ausgeschlagen. Auch an den Dachvorsprüngen

waren Holzschnitzereien, das Dach selbst war aus Schindeln, und über

demselben ragten mehrere weiß übertünchte Schornsteine empor. Neben der

Haustür an der Wand hing eine schwarze Tafel, auf welcher Kundmachungen

klebten, denn der Salmhofer war Vorstand der Landgemeinde Geßnitz, die

sich einen eigenen »Bürgermeister« wählte, seitdem der Ort Geßnitz

selbst eine Marktgemeinde geworden war. Als die beiden Gemeinden sich

trennten, wollte jede den Salmhof für sich haben, der lag so gut

bürgerlich als bäuerlich, allein der Salmhofer mochte gedacht haben:

lieber der erste Bauer, denn der letzte Bürger, und hatte sich zur

Landgemeinde geschlagen, was ihm seine Nachbarn gar nicht hoch genug

anrechnen konnten.

An der offenen Haustüre war in der unteren Weite ein zierliches

Holztörchen, wie solche an vielen Bauernhöfen üblich sind und dazu

dienen, daß vom Hofe das Kleinvieh nicht ins Haus laufen kann. An

diesem Türchen grunzten heute aber weder Schweine, noch meckerten

Lämmer oder Ziegen, es war umdrängt von armen Kindern, dreijährigen bis

etwa zwölfjährigen, die ihre Händchen aufhoben und mit hellen Stimmen

schrieen: »Bitt' gar schön um ein Allerheiligenbrot!«

Und hinter dem Törchen stand ein feines, etwas blasses, ernsthaftes

Mädchen in dunkelblauem, fast städtisch geschnittenem Anzug, am Halse

ein weißes Kräglein, wie es Männer tragen. Dieses Mädchen nahm aus

einem großen Korbe, der neben ihm stand, geschnittene Brotstücke und

verteilte sie an die Kinder. Die vorne standen, denen gab sie es in

die Hand, den hinteren, vergeblich nach vorne drängenden warf sie

die Stücke über den Köpfen zu und kümmerte sich nicht weiter um das

Gebalge, welches darüber entstand.

»Da ist sie!« flüsterte der alte Adlerwirt dem Herrn Amtskontrollor zu,

und sie zogen ehrerbietig vor ihr die hohen Hüte. Das Mädchen dankte

dem Gruße mit einem fast unmerklichen Neigen des Hauptes, scheuchte mit

einer lebhaften Handbewegung die Kinder auseinander, und unsere beiden

Männer traten in das Haus.

Nach den »Herren Eltern« erkundigten sie sich bei der Kundel. »Bitte

nur die Treppe hinauf, Mutter wird in der Küche sein!« Also in

höflichem, aber entschiedenem Tone der Bescheid. Der Adlerwirt nickte

dem Genossen vielsagend zu. Der Kundel war ihr erheuchelter Gleichmut

ganz ausgezeichnet gelungen, nun aber huschte sie rasch unter die

Stiege hin und spähte nach. Es schwante ihr etwas, als gehe dieser

Besuch sie an. Für das Austeilen des Allerheiligenbrotes war nun alle

Neigung dahin, sie stellte den Kindern den Korb mit dem Reste der

Brote vor die Tür und schlich die Treppe hinan.

In der Küche waren zwei Weiber, welche mit langen Messern die

Kohlkopfstengel zerschnitten und die Scheibchen in einen Kessel warfen.

Beide waren wie Mägde angezogen, nur daß die ältere, eine magere und

fast kümmerlich aussehende Person, ein weißes breites Schürzenband

hatte, an welchem ein Schlüsselbund hing.

»Können wir mit der Frau Salmhoferin reden?« sprach diese der alte

Adlerwirt auf gut Glück an.

»Was wird's denn sein?« fragte das Weib in fast schüchterner Weise

entgegen und wischte ihre Hände an der Schürze ab.

»Wir sind von Kirchbrunn,« sagte nun der Herr Kontrollor, »und kommen

in einer wichtigen Angelegenheit, wie sich's schon manchmal so fügt auf

dieser Welt.«

»Dann müssen Sie schon zu meinem Manne gehen. Ich weiß nichts,« so

antwortete die Salmhoferin, wies sie über den Gang bis zur letzten Türe

links und ging wieder an die Bereitung des Schweinefutters.

Bei der letzten Türe links klopften die Männer höflich an. Drinnen

hustete jemand. Nach einem Weilchen klopften sie zum zweiten Male, und

drinnen hustete es zum zweiten Male. Nach dem dritten Klopfen schnarrte

es im Zimmer: »Zum Satan, ja hab' ich gesagt!«

Es war barsch, doch der Adlerwirt hielt das Ja im Vorhinein für ein

gutes Zeichen. Sie traten ein.

Es war eine schmale, längliche Stube mit zwei Fenstern und einem großen

Kachelofen. Zwischen den Fenstern stand eine lange Lehnbank und daneben

ein braunangestrichener Tisch. Auf der Lehnbank lag ein alter Mann, der

nur mit Socken, einem schwarzen Beinkleide und einem grauen, locker um

Brust und Arme flatternden Wollenhemde bekleidet war. Der Mann hatte

auf dem Haupte fast kein Haar, hingegen einen üppigen, schneeweißen

Bart. Das Gesicht war gerötet und hatte eine lange, wulstige Nase.

Auf dem Schoß hatte der Mann ein weißes Kätzchen, das er fortwährend

streichelte und mit Brotkrümchen fütterte. Auf dem Tische lag ein

blaues, zusammengeknülltes Sacktuch, ein paar Brillen und ein Pack mit

Schriften. Daneben stand ein grünglasierter Krug, aus welchem er häufig

einen Schluck nahm.

Dieser Mann war der Salmhofer. Der alte Adlerwirt verleugnete seine

Befangenheit und grüßte ihn wie einen Bekannten, denn der Salmhofer war

ja oftmals eingekehrt bei ihm in Kirchbrunn.

»Au!« sagte der Alte und richtete sich ein klein wenig auf. »Das ist

seltsam. Was seid Ihr denn so närrisch aufgestiefelt?«

Da stellte sich der Herr Kontrollor vor und begann so zu reden:

»Hochachtbarer Herr! Die Schicksale der Menschen sind mannigfach und

unerforschlich. Sie hätten wohl auch nie gedacht, daß wir einmal an

Ihres Hauses Schwelle stehen würden, und zwar in einer Angelegenheit,

die -- in einer Angelegenheit, welche --« Da stak er.

»Was wollt's denn?« fuhr der Salmhofer mit seiner breiten, röchelnden

Stimme drein.

»Daß wir an Ihres Hauses Schwelle stehen werden, und zwar in einer

Angelegenheit, die --« Trotz des neuen Anrandes konnte er noch nicht

weiter. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.

»Still sei, Mistvieh!« sagte der Salmhofer zum Kätzchen, welches

miaute, und gab ihm mit dem Finger einen zärtlichen Klapps.

»Bitt' Euch, macht's keine Faxen!« hierauf zu den Ankömmlingen,

»kann mir's ja eh denken. Meiner Tochter die Fahrgelegenheit zum

Schwambachwirt soll ich zahlen. Was kostet sie denn?«

Jetzt lachten die beiden und meinten, nun wären sie schon bei der

Stange. »Billig fahre der junge Adlerwirt nicht bei Nacht und Nebel,

leicht koste es den Passagier selber.«

Der Salmhofer hob von der Katze die Hand und machte damit einen Schlag

in die leere Luft. War das die Antwort? War das nicht gerade, als ob er

sagen wollte: Fort mit Schaden?

»Dafür stehe ich gut,« sprach nun der alte Adlerwirt, »einen braven

Mann bekommt sie. Und lieb haben sich die jungen Leut' wie Tauben.«

Der Salmhofer tat aus dem Kruge einen langen Schluck, und auf seinem

Barte noch die Tropfen, schnarrte er: »Mein Geld willst, Adlerwirt!«

»Aber! Aber!« rief der Adlerwirt. »Wer denkt denn an so was! Geld macht

nicht glücklich, sage ich alleweil. Daß sie zusammenpassen, ist die

Hauptsache. Das andere wird sich alles geben.«

»Losgehen kann's, wann's will,« sagte der Salmhofer und trank wieder.

Während er trank, sprang das Kätzchen auf den Fußboden hinab; da fuhr

der Alte empor, fing es ein und setzte es wieder sachte auf seinen

Schoß.

»Nachher könnten wir vielleicht jetzt mit der Kundel reden?« meinte der

Adlerwirt.

»Weiß schon, weiß schon,« wehrte der Salmhofer ab. »Das Mädel ist ja

schon ganz dumm vor lauter Verliebtheit. -- Da bleibst, Vieherl.«

Den beiden Männern kam es schier vor, der Alte sei nicht recht bei

Trost. Der grüne Krug! Auf jeden Fall reichte der Adlerwirt ihm nun die

Hand und sagte in feierlicher Stimmung: »Also abgemacht, Schwieger!

Bruder! Gott segne unsere Kinder!«

»Ist schon recht, ist schon gut!« murmelte der Alte, und seine

Handbewegung deutete an, sie könnten wieder gehen.

»Er hat zwar einen martialischen Rausch,« sagte der Herr Kontrollor

vor der Tür, »aber richtig ist's. Er hat mehr gestanden, als er im

nüchternen Zustande beigegeben hätte, und das kann uns recht sein.«

Auf der Hausflur begegneten sie der Kundel. Der alte Adlerwirt hielt

ihr die Hand hin und sagte weichmütig: »Jetzt mache ich nicht viel

Umstände mehr, Töchterl, ich darf wohl einen Gruß ausrichten beim

jungen Adlerwirt zu Kirchbrunn?«

»Bitt' schön,« antwortete das Mädchen und senkte das Aug'.

»Und wann darf die Hochzeit sein?« fragte kühnlich der Herr Kontrollor.

»Je eher, desto besser,« antwortete das Mädchen. Da wußten die

Brautwerber einstweilen genug.

[Illustration]

Der Adlerwirt von Kirchbrunn · 第 7 / 22 题