Der Wolfram öffnete den Wagenschlag. »Schöne Jungfrauen,« sagte er
schmunzelnd, »da sind wir. Ich bin der Adlerwirt aus Kirchbrunn, ein
durch und durch bösartiger Geselle, und lade euch zu einem Tanzel mit
mir beim Schwambachwirt.«
Die mit dem roten Tuche wollte zeigen, daß sie sich durchaus nicht so
leicht ins Bockshorn jagen lasse; sie machte daher, rasch aus dem Wagen
steigend, einen Knix und sagte: »Wird uns eine große Ehr' sein! Aber
nimm dich in acht, Adlerwirt, wir sind auch bösartig.«
»Nachher stimmt's,« versetzte der Wolfram, Roß und Wagen dem
Hausknechte überlassend. Er nahm die eine gleich am rechten Arme,
während die andere sich an seinen linken hielt. Diese schwieg, dachte
aber bei sich: Ist er nett, so wird's fein, und sonst wird er gefoppt.
Also trat zum Erstaunen der Leute der Schwarze Adler von Kirchbrunn
mit den beiden hübschen Dirndln ins Haus und alsogleich die Stiege
hinan auf den Tanzboden. Einen funkelnden Silbergulden warf er auf den
Spielleuttisch, da schrieen die Pfeifer und Geiger vor Freuden auf, und
einen »gestrampften« Steirischen machte der Wolfram mit der, welche
Frieda hieß. Wenigstens ein Dutzend junger Paare reigten zugleich, die
Burschen mit den Händen klatschend, mit der Zunge schnalzend, lustig
jauchzend oder kecke Liedlein singend, die Mädchen sich den Tänzern
sanft anschmiegend, ihre Köpflein hingegeben an die Brust der Burschen
legend; manche schloß also im Arme des Trauten die Augen, als wolle sie
die Seligkeit bis an die äußerste Grenze austräumen. -- Macht es nicht
auch die Frieda so? Liegt sie nicht hingegossen an die breite wogende
Brust Wolframs, von seinen Armen fest umschlossen, von seinem Auge, das
unverwandt auf ihrem blühenden Gesichtlein ruhte, bewacht, und angeweht
die heiße Stirn, die glühenden Wangen von seinem warmen Atemhauch!
Wohl war's nach ihrer scheinbar gelassenen Sicherheit zu vermuten, daß
sie heute vielleicht nicht ganz das erste Mal einer solchen Kopflehne
sich erfreute, doch aber der Unterschied! Ach Gott, was nicht für ein
Unterschied ist zwischen Mannsbild und Mannsbild! -- O du herziger
Schatz! dachte sich der Wolfram, dich habe ich gefangen, wie man das
Vöglein fängt mit der Falle, und dich laß ich nimmer frei, nimmer! mein
Lebtag nimmer! -- Die Frieda, die dachte gar nichts mehr, sie fühlte,
als würde sie hingetragen durch die Lüfte, hoch über den Erdboden,
hoch über den Wolken -- wohin? Das wußte sie nicht, war ihr auch ganz
gleichgültig.
Endlich war der Tanz aus. Der Wolfram ließ seine Genossin lockerer
und erinnerte sich nun, daß er deren zwei gehabt hatte. Wo war denn
die andere! -- Der Schwambachwirt hatte schon Lichter aufgesteckt im
Saale, aber die andere war nicht zu sehen. Sie wird schon auch gut
aufgehoben sein, flüsterte eins dem anderen zu, und die beiden machten
sich nicht viel daraus. Mittlerweile tranken sie auch Wein, die Frieda
mit, der Wolfram ohne Zucker. Die Leute ringsum wurden immer lauter,
lustiger und toller, und Weindunst und Menschendunst betäubten die
Herzen und regten sie auf. Dort und da im dämmernden Winkel kauerte
ein Einschichtiger und schleuderte scheelsüchtige Blicke auf die
glücklichen Pärchen, wovon viele ganz in sich selber versunken und
weder Auge noch Ohr hatten für die Umgebung. So auch der Adlerwirtssohn
von Kirchbrunn und seine Entführte. War nur erst der Abend vorgerückt,
dann wollte er mit ihr ein unbelauschtes Plauderstündchen halten und
sie nach ihrem Herkommen fragen. Übrigens war es recht reizend, daß er
nicht wußte, wer sie war, und falls er hätte voraussetzen können, daß
auch er ihr unbekannt gewesen, tat es ihm fast leid, sich vorgestellt
zu haben. Sich so weltfremd sein und sich so innig umschlungen halten,
das ist ja doch ein Hauptspaß, wie es nicht leicht einen zweiten gibt.
Als es draußen rabenschwarze Nacht geworden war, trat durch das
Gedränge ein Holzknecht aus der Kirchbrunner Gegend auf den Wolfram zu
und sagte: »Der Adlerwirt soll hinaus kommen in den Hof, dort möcht'
wer sprechen mit ihm.«
Aha, fiel es dem Burschen bei, die andere! Jetzt will die andere dran.
Hätte sie sich nicht einen anderen aussuchen können? Nun aber, da er
sie schon mit hergeführt hat, muß er auch an ihr Ritterdienste üben.
Es war aber nicht ~die~ andere, sondern ~ein~ anderer, der im
Hofe seiner wartete. Am Brunnentroge lehnte er, und vom Küchenfenster
hinaus fiel das breite Licht auf seine Gestalt. Ein baumstarker Kerl
stand da, in der Tracht der Gebirgsholzhauer, mit wildwucherndem Bart
und tief ins Gesicht gedrücktem Hute.
»Grüß dich Gott, Adlerwirt! Geh nur her! Komm nur herüber da!« Also
lockte der ruppige Geselle mit einem zarten Fistelstimmlein den Wolfram
hinter den Brunnentrog.
»Wer ist's denn?« fragte der Wolfram.
»Komm nur her zu mir!« sagte der andere.
Der junge Adlerwirt erkannte in dem Manne jetzt einen Holzarbeiter aus
dem Siebenbachwalde, welcher von den Leuten der Schopper-Schub genannt
ward. Der Mann war mehrmals schon im Adlerwirtshause zu Kirchbrunn
eingekehrt, hatte sich dort aber stets in die hinterste Ecke gesetzt,
ein paar Gläschen Branntwein getrunken und dabei stier vor sich auf
den Tisch geblickt. Er war ein Mann von etwa dreißig Jahren, aber
stets im Äußern so zerfahren und ungepflegt, daß es sogar den Weibern
zweifelhaft schien, ob das ein hübscher oder ein häßlicher Mann sei.
Er war nicht in der Gegend daheim, und man wußte nicht viel von ihm,
als daß er ein tüchtiger Arbeiter, sonst aber ein ungeselliger und
sonderbarer Mensch wäre. Irgend jemand wollte von seiner Vergangenheit
etwas gehört haben und deutete an, daß in derselben so etwas wie
Brandgeruch zu verspüren wäre.
»Du bist ja der Holzknecht Schopper,« sagte nun der Wolfram.
»Ah, kennst mich schon?«
»Was willst denn von mir?«
»Auf ein ganz kleines Wörtel, Adlerwirt. Da stell dich her, daß ich
auch was seh' von dir. So.« Hernach hob er seine Stimme in eine noch
weichere Tonlage und sagte: »Adlerwirt, was geht denn dich die Frieda
an?«
»Welche Frieda?«
»Tu' nicht so, mein Lieber, liegt dir doch nur eine im Kopf. Wo hast
sie denn her, deine Tänzerin?«
»So?! Meine Tänzerin? Wen kümmert denn die?«
»Die wird schier ~mich~ kümmern, Adlerwirt.« Dann wurde er um
einen halben Kopf höher und setzte in einer keuchenden, wie vor Wut
erstickten Stimme bei: »Wenn du mir sie nochmal anrührst, nachher --«
»Nachher --? -- Nun!« also jetzt der Adlerwirt und stellte sich stramm
vor den Waldgesellen hin.
»-- nachher siehst du keine Sonne mehr aufgehen!«
Der Wolfram trat einen Schritt zurück, so daß er über den Unterbalken
des Troges stolperte. In demselben Augenblicke war der finstere Bursche
schon über ihm, in der Hand das blinkende Messer.
»Stechen?!« schrie der andere, im Hause gellte die Musik, polterten die
Tanzenden.
»Stechen --« sagte es der Waldmensch langsam nach und ließ den Arm
sinken. »Nein, jetzt noch nicht. Du hast es vielleicht nicht wissen
können, daß sie mein ist. Das Unband sagt's ja keinem! Aber aufgesetzt
ist sie mir! Das Grausen, das sie haben, diese Gäns', vor einem
Manne, der kein Nest hat und bei dem 's Weib selber sein Brot muß
verdienen. Na freilich, besser ist's schon, wenn das Mandel alles
zusammenschleppt, was Weib und Kind not haben -- ich glaub's. Ein armer
Holzarbeiter kann so was nicht leisten und desweg ist er der Niemand
bei den Weibsbildern. Aber wenn eine ins Wasserfloß stürzt und unters
Mühlrad kommt, da ist er gut genug, der Waldbär, daß er sich gegen das
Rad stemmt, ehe die Kröt' -- Kreatur, will ich sagen -- totgedrückt ist
-- ja freilich, da ist er gut --«
Der Wolfram war wieder frei geworden und so fragte er nun: »Red'
deutlich, wie stehst denn mit ihr?«
»Hast es nicht gehört, im vorigen Winter? Am Faschingdienstag! Der
Salmhofer läßt seine Leute zum Freiball gehen nach Geßnitz. Die Frieda
auch mit. Ich vor sie hin, werb' um einen Tanz. Dank schön! sagt sie
und geht einem anderen nach. Sich halb zu Tod tanzen und beim Heimgehen
in der Nacht auf dem Steg schwindelig werden -- und plumps in den
Mühlbach. Schwimmen kann sie wie ein toter Spatz, und schnurgerade
der Mühle zu, wo das Rad geht. Jesus, wenn ich ihr in derselbigen
Nacht nicht wäre nachgeschlichen! Gleich spring' ich in die Radlaufe,
stemm' mich an. Das Zeug steht still, und wie mein stolzes Schätzel
dahergeschwommen kommt, zieh' ich's heraus und sag': Guten Morgen! --
Nach einer langen Weile, wie sie wahrnimmt, wo und bei wem sie ist,
und wie sie fertig vom Wasserspucken, sagt sie: Dank schön! und läuft
davon. Just wie auf dem Tanzboden. Dank schön! sagt sie und läuft
davon.«
»Das ist wohl brav von dir gewesen,« versetzte jetzt der Adlerwirt.
»Still sei!« knurrte der Holzhauer, »gelobt bin ich schon mehr als
genug worden, das hilft mir nichts. Die Dirn will ich haben.«
»Hätte ich das gewußt,« also der Wolfram, »daß du ein Recht auf sie
hast, so wollt' ich mich nicht an sie gemacht haben. Aber das möchte
ich wissen: hat sie dich auch gern?«
Jetzt zuckte der andere zusammen, tief ließ er sein Haupt sinken,
preßte das Gesicht in den Ellbogen seines Armes und hub an zu grölen.
»Zur Liebe kann man niemand zwingen,« sagte der Wolfram.
»Verfault! Ihre Knochen von den Würmern abgenagt, wenn ich nicht bin!«
gurgelte der Waldmensch schluchzend. »Und ihr Leben, mit dem sie jetzt
da drinnen wie eine Mairose steht, das hat sie von mir, das gehört mir!
Und wenn ich zum hohen Gericht gehe, so muß es mir zugesprochen
werden.«
»O du guter, armer Mensch,« sagte nun der Wolfram. »Leben und Liebe,
das wird wohl ein großer Unterschied sein. Dir ist gewiß noch die Zeit
im Kopfe, wo die Leute leibeigen gewesen sind. Wen du dazumal gekauft
oder gewonnen hast oder auf der Straße gefunden oder im Mühlbach,
der ist dein gewesen mit Seel' und Leib. Das ist anders geworden.
Eine Dienstmagd hat freilich auch ihren Herrn; wenn ihr wer das Leben
rettet, so soll sie dankbar sein, aber ihr Herz kann sie verschenken,
an wen sie will.«
»Nachher ist's aus,« sagte der Schopper-Schub.
»Hast sie denn gar so gern, Holzknecht?«
»Sündhaft gern. Und schon lang her. Und gerade die! Und just die! Als
ob ich besessen wär'! Zu Wallischdorf draußen habe ich einen Vetter,
der hat mir vor einem Jahre sein Bauerngut wollen in Pacht geben, es
wär' mir besser gangen, als wie da oben im Siebenbachwald. -- Ich habe
nicht fort können -- ihretwegen nicht. Alle Sonntage gehe ich hinaus in
die Geßnitzer Kirche und stehe hinter dem Turmpfeiler und schau' hin
auf den Platz unter der Kanzel, wo sie sitzt. Und geh' dann wieder in
den Wald zurück. -- Wenn ich wüßt', wer mir diese Lieb' hat angetan!«
Er knirschte mit den Zähnen, als wollte er einen Missetäter zermalmen.
Eine Magd, die mit dem Wasserzuber zum Brunnen kam, unterbrach dieses
Gespräch. Der Schopper-Schub packte den jungen Adlerwirt am Arm und
raunte ihm zu: »Hüte dich!« dann schritt er rasch über den dunklen Hof
dahin.
Als der Wolfram in einer recht wunderlichen Stimmung zurück ins Haus
kam, hörte er von mehreren Seiten zugleich, daß die Salmhofertochter
von Geßnitz da sei! -- Die Salmhofertochter! da horchte der junge
Adlerwirt einmal auf. Und die Erregung im Wirtshaus war keine geringe.
Das ist schon eine besondere Auszeichnung des Freiballes beim
Schwambachwirt, daß ihn die Salmhofertochter besucht. Die Fürnehmste
in der ganzen Gegend, die von den Burschen heimlich Begehrte und
doch nur wenig Umworbene, weil sie stolz und unnahbar. Ist sie mit
ihrem Vater da? oder mit einer Gesellschaft von Geßnitzer Bürgern und
Bürgerinnen? oder gar mit einem Bräutigam, der sie heute das erste
Mal als Braut aufzeigt! Das alles nicht! Ganz allein soll sie sitzen
d'rin im Extrazimmer, nur die Schwambachwirtin bei ihr, welche ihr
Gesellschaft leisten zu müssen glaubt, trotzdem sie draußen in der
Küche alle Hände voll Arbeit hätte. Will denn niemand ins Stübel, die
Salmhofertochter zu unterhalten? -- Dachte der Wolfram: Kennen lernen
möchte ich sie doch, dieselbige, von der es immer heißt, sie wäre die
richtige Adlerwirtin. Was kann mir geschehen, wenn ich sie zu einem
Tanz auffordere? Weist sie mich ab, so drehe ich mich vor ihrer Nase
mit einer anderen um und um.
Wie nun aber der Wolfram ins Extrazimmer trat, sah er am weißgedeckten,
mit feinem Backwerk besetzten Tische neben der dicken Wirtin das
schwarzbraune Mädel sitzen, welches er mit der anderen, der Frieda, in
seinem Wagen kecklich dem Walde entführt und nach Schwambach gebracht
hatte. Und das -- das wäre die Salmhofertochter, die stolze Kundel?
Er brauchte sich nicht erst nach einer Ansprache zu besinnen.
»Da ist er ja, der tapfere Ritter,« so redete sie ihn schier ernsthaft
und gelassen an. »Schön ist es nicht vom Adlerwirt, daß er sich um die
zweite Entführte gar nicht mehr umsehen will, bevor er die erste zu
Tode getanzt.«
Der Wolfram stammelte eine Entschuldigung. Die Kundel sah recht gut
ein, daß es das beste sei, das Abenteuer, welches ihr nun gar nicht
geheuer schien, ins Scherzhafte zu ziehen. Sie rückte daher ein wenig
auf der Bank und sagte: »Setzen Sie sich nur willig her zu mir, es
wird Ihnen nichts mehr anderes übrig bleiben. Sie zahlen mir jetzt ein
feines Nachtmahl, tanzen einen mit mir und führen mich dann wieder nach
Hause.«
Das war alles so ernsthaft und kühl gesprochen, als ob sie zu einem
Diener redete. Er setzte sich hin neben sie und tat, wie sie befohlen
hatte. Alsogleich ward es im ganzen Hause kund: der schwarze Adler von
Kirchbrunn und die Salmhofertochter von Geßnitz sitzen beieinander,
essen und trinken miteinander wie ein Brautpaar. Und als die beiden
gar Arm in Arm auf den Tanzboden traten, da wichen die Leute nur so in
Staunen und Ehrfurcht zurück, daß das schöne junge Paar fast allein
den Reigen tanzte im Saale. In der Ecke hinter dem Stiegenverschlag
stand die Frieda, ein großer Schreck hatte ihr Antlitz blaß gemacht.
-- Er ist verspielt! so konnte sie noch denken, meine Haustochter hat
ihn, da ist er verspielt für die arme Magd. Ist das ein Tag, dieser
heutige Sonntag! -- Wie das Paar in der Nähe vorüberreigte, trafen sich
die Blicke des Wolfram und der Frieda. In diesem Augenblick war ihm,
er tanze mit einem Stück Holz. Fast plötzlich, bevor der Tanz aus war,
ließ er die Kundel los und machte vor ihr eine höfliche Verbeugung.
Es half ihm aber nichts, er hatte für den Abend ihr Ritter zu sein und
war recht froh, als die Kundel den Wunsch aussprach, nach Hause zu
fahren. Endlich saßen die beiden Mädchen wieder im geschlossenen Wagen
und der Wolfram auf dem Kutschbock.
Als sie aus dem Hoftor des Schwambacher Wirtshauses fuhren, noch zum
Abschiede mit hellem Musikklang begrüßt, sah der Wolfram, wie hinter
dem Pfosten sich der Waldmensch duckte -- dann ging es fort, hinaus in
Nacht und Nebel.
Die beiden Mädchen im Wagen führten nicht die angelegentliche
Unterhaltung miteinander, wie auf der Herfahrt. Die Kundel war mürrisch
und breitete sich so sehr aus, daß die andere völlig in die Ecke
gedrückt wurde. Wohl auch die Frieda war nicht aufgelegt zum Sprechen,
sie hatte zu denken genug und zu tun genug, ihre Gedanken nicht zu
verraten. Wie erschrocken war sie daher, als die Haustochter mit einem
Male den Mund auftat: »Eine wahre Schand' ist's, wie du dich heute
aufgeführt hast!«
Es hatte schon den Anschein, als wollte die Magd nichts entgegnen,
endlich sagte sie aber doch: »Kann ich etwas dafür, daß er zuerst mit
mir gegangen ist?«
»Du hast dich ihm ja angeklettet! Männersüchtige Rassel, du!«
Nun sagte die Frieda nichts mehr.
»Ich werd' mir's merken,« setzte die Kundel noch bei, und damit war das
Gespräch zu Ende.
Der Kutscher Wolfram sah träumerisch auf die Bäume, Büsche und
Wegplanken hin, die im Scheine der Wagenlaternen gespenstisch
auftauchten und verschwanden. Die Laternenlichter warfen im dichten
Nebel eine Art Heiligenschein um die Kutsche. -- Ein sauberer
Heiligenschein, das! dachte der Wolfram; wenn ich heute nicht sündige,
so geschieht's einzig nur, weil die Gelegenheit dazu fehlt. Jetzt kann
ich in der ödweiligen Nacht den langen Weg dahinradeln und nachher
wieder zurück. Ein hübsches Vergnügen. Bis ich nach Kirchbrunn komme,
stehen schon die Leute auf. Das hat man von seinem Übermut. Sonst
nichts. -- Hia! den Braunen wird's auch schon zu dumm.
Endlich waren sie auf dem Marktplatz zu Geßnitz. Der Wolfram wollte
halten, aber die Kundel rief zum Wagenschlag heraus: »Vorwärts! Zum
Salmhof hinauf!«
Und nach einer weiteren Weile hielten sie vor dem großen Hofe, der
mit seinen weitläufigen Gebäuden wie leblos dalag. Nur ein gewaltiger
Hund reckte sich mitten im Hofe und der knurrte ein wenig, schien ihm
aber nicht der Mühe wert, sich weiter um das herangerollte Gefährte zu
bekümmern.
Die Kundel wartete im Wagen, bis der junge Adlerwirt abgestiegen war
und ihr den Arm zum Aussteigen bot.
»Und was wird jetzt mein Vater sagen?« fragte das Mädchen. »Wenn ich
ihm nicht gleich nach der Ankunft in Schwambach einen Boten geschickt
hätte, daß er weiß, wo ich bin -- Sie hätten seiner Angst nicht
geachtet.«
Jauchzen wollte der junge Mann über dieses Wort, es war ein Herzenswort
gewesen, das erste, welches er von ihr gehört. Ein gutes Kind kann wohl
auch ein gutes Weib sein ... Ei ja, mein Vater kann doch recht haben!
Wer die einmal heimführt!
»Anläuten, geh'!« hastete die Kundel der Jungmagd zu, die schier
kopflos dagestanden; und während diese nun an die Haustür eilte und den
Glockenstrang zog, flüsterte die Salmhofertochter zum Wolfram: »Seien
Sie schön bedankt, kühner Ritter! Aber wie böse ich auf Sie bin, das
sollen Sie noch erfahren. Warten Sie nur! Schnell hinweg! Gute Nacht!«
Diesen raschen Abschied erklärte der Adlerwirt sich so, als sollten die
Hausbewohner das nächtliche Gefährte nicht wahrnehmen; das war aber ein
wenig anders, die Haustochter wollte es verhindern, daß er der Jungmagd
gute Nacht sagen konnte. Und den Wolfram wurmte es richtig den ganzen
Weg heimwärts, daß er ohne einen Händedruck, ohne ein einziges gutes
Wort von Frieda hatte scheiden müssen.
[Illustration]