2. Abschnitt.

Der Wolfram öffnete den Wagenschlag. »Schöne Jungfrauen,« sagte er

schmunzelnd, »da sind wir. Ich bin der Adlerwirt aus Kirchbrunn, ein

durch und durch bösartiger Geselle, und lade euch zu einem Tanzel mit

mir beim Schwambachwirt.«

Die mit dem roten Tuche wollte zeigen, daß sie sich durchaus nicht so

leicht ins Bockshorn jagen lasse; sie machte daher, rasch aus dem Wagen

steigend, einen Knix und sagte: »Wird uns eine große Ehr' sein! Aber

nimm dich in acht, Adlerwirt, wir sind auch bösartig.«

»Nachher stimmt's,« versetzte der Wolfram, Roß und Wagen dem

Hausknechte überlassend. Er nahm die eine gleich am rechten Arme,

während die andere sich an seinen linken hielt. Diese schwieg, dachte

aber bei sich: Ist er nett, so wird's fein, und sonst wird er gefoppt.

Also trat zum Erstaunen der Leute der Schwarze Adler von Kirchbrunn

mit den beiden hübschen Dirndln ins Haus und alsogleich die Stiege

hinan auf den Tanzboden. Einen funkelnden Silbergulden warf er auf den

Spielleuttisch, da schrieen die Pfeifer und Geiger vor Freuden auf, und

einen »gestrampften« Steirischen machte der Wolfram mit der, welche

Frieda hieß. Wenigstens ein Dutzend junger Paare reigten zugleich, die

Burschen mit den Händen klatschend, mit der Zunge schnalzend, lustig

jauchzend oder kecke Liedlein singend, die Mädchen sich den Tänzern

sanft anschmiegend, ihre Köpflein hingegeben an die Brust der Burschen

legend; manche schloß also im Arme des Trauten die Augen, als wolle sie

die Seligkeit bis an die äußerste Grenze austräumen. -- Macht es nicht

auch die Frieda so? Liegt sie nicht hingegossen an die breite wogende

Brust Wolframs, von seinen Armen fest umschlossen, von seinem Auge, das

unverwandt auf ihrem blühenden Gesichtlein ruhte, bewacht, und angeweht

die heiße Stirn, die glühenden Wangen von seinem warmen Atemhauch!

Wohl war's nach ihrer scheinbar gelassenen Sicherheit zu vermuten, daß

sie heute vielleicht nicht ganz das erste Mal einer solchen Kopflehne

sich erfreute, doch aber der Unterschied! Ach Gott, was nicht für ein

Unterschied ist zwischen Mannsbild und Mannsbild! -- O du herziger

Schatz! dachte sich der Wolfram, dich habe ich gefangen, wie man das

Vöglein fängt mit der Falle, und dich laß ich nimmer frei, nimmer! mein

Lebtag nimmer! -- Die Frieda, die dachte gar nichts mehr, sie fühlte,

als würde sie hingetragen durch die Lüfte, hoch über den Erdboden,

hoch über den Wolken -- wohin? Das wußte sie nicht, war ihr auch ganz

gleichgültig.

Endlich war der Tanz aus. Der Wolfram ließ seine Genossin lockerer

und erinnerte sich nun, daß er deren zwei gehabt hatte. Wo war denn

die andere! -- Der Schwambachwirt hatte schon Lichter aufgesteckt im

Saale, aber die andere war nicht zu sehen. Sie wird schon auch gut

aufgehoben sein, flüsterte eins dem anderen zu, und die beiden machten

sich nicht viel daraus. Mittlerweile tranken sie auch Wein, die Frieda

mit, der Wolfram ohne Zucker. Die Leute ringsum wurden immer lauter,

lustiger und toller, und Weindunst und Menschendunst betäubten die

Herzen und regten sie auf. Dort und da im dämmernden Winkel kauerte

ein Einschichtiger und schleuderte scheelsüchtige Blicke auf die

glücklichen Pärchen, wovon viele ganz in sich selber versunken und

weder Auge noch Ohr hatten für die Umgebung. So auch der Adlerwirtssohn

von Kirchbrunn und seine Entführte. War nur erst der Abend vorgerückt,

dann wollte er mit ihr ein unbelauschtes Plauderstündchen halten und

sie nach ihrem Herkommen fragen. Übrigens war es recht reizend, daß er

nicht wußte, wer sie war, und falls er hätte voraussetzen können, daß

auch er ihr unbekannt gewesen, tat es ihm fast leid, sich vorgestellt

zu haben. Sich so weltfremd sein und sich so innig umschlungen halten,

das ist ja doch ein Hauptspaß, wie es nicht leicht einen zweiten gibt.

Als es draußen rabenschwarze Nacht geworden war, trat durch das

Gedränge ein Holzknecht aus der Kirchbrunner Gegend auf den Wolfram zu

und sagte: »Der Adlerwirt soll hinaus kommen in den Hof, dort möcht'

wer sprechen mit ihm.«

Aha, fiel es dem Burschen bei, die andere! Jetzt will die andere dran.

Hätte sie sich nicht einen anderen aussuchen können? Nun aber, da er

sie schon mit hergeführt hat, muß er auch an ihr Ritterdienste üben.

Es war aber nicht ~die~ andere, sondern ~ein~ anderer, der im

Hofe seiner wartete. Am Brunnentroge lehnte er, und vom Küchenfenster

hinaus fiel das breite Licht auf seine Gestalt. Ein baumstarker Kerl

stand da, in der Tracht der Gebirgsholzhauer, mit wildwucherndem Bart

und tief ins Gesicht gedrücktem Hute.

»Grüß dich Gott, Adlerwirt! Geh nur her! Komm nur herüber da!« Also

lockte der ruppige Geselle mit einem zarten Fistelstimmlein den Wolfram

hinter den Brunnentrog.

»Wer ist's denn?« fragte der Wolfram.

»Komm nur her zu mir!« sagte der andere.

Der junge Adlerwirt erkannte in dem Manne jetzt einen Holzarbeiter aus

dem Siebenbachwalde, welcher von den Leuten der Schopper-Schub genannt

ward. Der Mann war mehrmals schon im Adlerwirtshause zu Kirchbrunn

eingekehrt, hatte sich dort aber stets in die hinterste Ecke gesetzt,

ein paar Gläschen Branntwein getrunken und dabei stier vor sich auf

den Tisch geblickt. Er war ein Mann von etwa dreißig Jahren, aber

stets im Äußern so zerfahren und ungepflegt, daß es sogar den Weibern

zweifelhaft schien, ob das ein hübscher oder ein häßlicher Mann sei.

Er war nicht in der Gegend daheim, und man wußte nicht viel von ihm,

als daß er ein tüchtiger Arbeiter, sonst aber ein ungeselliger und

sonderbarer Mensch wäre. Irgend jemand wollte von seiner Vergangenheit

etwas gehört haben und deutete an, daß in derselben so etwas wie

Brandgeruch zu verspüren wäre.

»Du bist ja der Holzknecht Schopper,« sagte nun der Wolfram.

»Ah, kennst mich schon?«

»Was willst denn von mir?«

»Auf ein ganz kleines Wörtel, Adlerwirt. Da stell dich her, daß ich

auch was seh' von dir. So.« Hernach hob er seine Stimme in eine noch

weichere Tonlage und sagte: »Adlerwirt, was geht denn dich die Frieda

an?«

»Welche Frieda?«

»Tu' nicht so, mein Lieber, liegt dir doch nur eine im Kopf. Wo hast

sie denn her, deine Tänzerin?«

»So?! Meine Tänzerin? Wen kümmert denn die?«

»Die wird schier ~mich~ kümmern, Adlerwirt.« Dann wurde er um

einen halben Kopf höher und setzte in einer keuchenden, wie vor Wut

erstickten Stimme bei: »Wenn du mir sie nochmal anrührst, nachher --«

»Nachher --? -- Nun!« also jetzt der Adlerwirt und stellte sich stramm

vor den Waldgesellen hin.

»-- nachher siehst du keine Sonne mehr aufgehen!«

Der Wolfram trat einen Schritt zurück, so daß er über den Unterbalken

des Troges stolperte. In demselben Augenblicke war der finstere Bursche

schon über ihm, in der Hand das blinkende Messer.

»Stechen?!« schrie der andere, im Hause gellte die Musik, polterten die

Tanzenden.

»Stechen --« sagte es der Waldmensch langsam nach und ließ den Arm

sinken. »Nein, jetzt noch nicht. Du hast es vielleicht nicht wissen

können, daß sie mein ist. Das Unband sagt's ja keinem! Aber aufgesetzt

ist sie mir! Das Grausen, das sie haben, diese Gäns', vor einem

Manne, der kein Nest hat und bei dem 's Weib selber sein Brot muß

verdienen. Na freilich, besser ist's schon, wenn das Mandel alles

zusammenschleppt, was Weib und Kind not haben -- ich glaub's. Ein armer

Holzarbeiter kann so was nicht leisten und desweg ist er der Niemand

bei den Weibsbildern. Aber wenn eine ins Wasserfloß stürzt und unters

Mühlrad kommt, da ist er gut genug, der Waldbär, daß er sich gegen das

Rad stemmt, ehe die Kröt' -- Kreatur, will ich sagen -- totgedrückt ist

-- ja freilich, da ist er gut --«

Der Wolfram war wieder frei geworden und so fragte er nun: »Red'

deutlich, wie stehst denn mit ihr?«

»Hast es nicht gehört, im vorigen Winter? Am Faschingdienstag! Der

Salmhofer läßt seine Leute zum Freiball gehen nach Geßnitz. Die Frieda

auch mit. Ich vor sie hin, werb' um einen Tanz. Dank schön! sagt sie

und geht einem anderen nach. Sich halb zu Tod tanzen und beim Heimgehen

in der Nacht auf dem Steg schwindelig werden -- und plumps in den

Mühlbach. Schwimmen kann sie wie ein toter Spatz, und schnurgerade

der Mühle zu, wo das Rad geht. Jesus, wenn ich ihr in derselbigen

Nacht nicht wäre nachgeschlichen! Gleich spring' ich in die Radlaufe,

stemm' mich an. Das Zeug steht still, und wie mein stolzes Schätzel

dahergeschwommen kommt, zieh' ich's heraus und sag': Guten Morgen! --

Nach einer langen Weile, wie sie wahrnimmt, wo und bei wem sie ist,

und wie sie fertig vom Wasserspucken, sagt sie: Dank schön! und läuft

davon. Just wie auf dem Tanzboden. Dank schön! sagt sie und läuft

davon.«

»Das ist wohl brav von dir gewesen,« versetzte jetzt der Adlerwirt.

»Still sei!« knurrte der Holzhauer, »gelobt bin ich schon mehr als

genug worden, das hilft mir nichts. Die Dirn will ich haben.«

»Hätte ich das gewußt,« also der Wolfram, »daß du ein Recht auf sie

hast, so wollt' ich mich nicht an sie gemacht haben. Aber das möchte

ich wissen: hat sie dich auch gern?«

Jetzt zuckte der andere zusammen, tief ließ er sein Haupt sinken,

preßte das Gesicht in den Ellbogen seines Armes und hub an zu grölen.

»Zur Liebe kann man niemand zwingen,« sagte der Wolfram.

»Verfault! Ihre Knochen von den Würmern abgenagt, wenn ich nicht bin!«

gurgelte der Waldmensch schluchzend. »Und ihr Leben, mit dem sie jetzt

da drinnen wie eine Mairose steht, das hat sie von mir, das gehört mir!

Und wenn ich zum hohen Gericht gehe, so muß es mir zugesprochen

werden.«

»O du guter, armer Mensch,« sagte nun der Wolfram. »Leben und Liebe,

das wird wohl ein großer Unterschied sein. Dir ist gewiß noch die Zeit

im Kopfe, wo die Leute leibeigen gewesen sind. Wen du dazumal gekauft

oder gewonnen hast oder auf der Straße gefunden oder im Mühlbach,

der ist dein gewesen mit Seel' und Leib. Das ist anders geworden.

Eine Dienstmagd hat freilich auch ihren Herrn; wenn ihr wer das Leben

rettet, so soll sie dankbar sein, aber ihr Herz kann sie verschenken,

an wen sie will.«

»Nachher ist's aus,« sagte der Schopper-Schub.

»Hast sie denn gar so gern, Holzknecht?«

»Sündhaft gern. Und schon lang her. Und gerade die! Und just die! Als

ob ich besessen wär'! Zu Wallischdorf draußen habe ich einen Vetter,

der hat mir vor einem Jahre sein Bauerngut wollen in Pacht geben, es

wär' mir besser gangen, als wie da oben im Siebenbachwald. -- Ich habe

nicht fort können -- ihretwegen nicht. Alle Sonntage gehe ich hinaus in

die Geßnitzer Kirche und stehe hinter dem Turmpfeiler und schau' hin

auf den Platz unter der Kanzel, wo sie sitzt. Und geh' dann wieder in

den Wald zurück. -- Wenn ich wüßt', wer mir diese Lieb' hat angetan!«

Er knirschte mit den Zähnen, als wollte er einen Missetäter zermalmen.

Eine Magd, die mit dem Wasserzuber zum Brunnen kam, unterbrach dieses

Gespräch. Der Schopper-Schub packte den jungen Adlerwirt am Arm und

raunte ihm zu: »Hüte dich!« dann schritt er rasch über den dunklen Hof

dahin.

Als der Wolfram in einer recht wunderlichen Stimmung zurück ins Haus

kam, hörte er von mehreren Seiten zugleich, daß die Salmhofertochter

von Geßnitz da sei! -- Die Salmhofertochter! da horchte der junge

Adlerwirt einmal auf. Und die Erregung im Wirtshaus war keine geringe.

Das ist schon eine besondere Auszeichnung des Freiballes beim

Schwambachwirt, daß ihn die Salmhofertochter besucht. Die Fürnehmste

in der ganzen Gegend, die von den Burschen heimlich Begehrte und

doch nur wenig Umworbene, weil sie stolz und unnahbar. Ist sie mit

ihrem Vater da? oder mit einer Gesellschaft von Geßnitzer Bürgern und

Bürgerinnen? oder gar mit einem Bräutigam, der sie heute das erste

Mal als Braut aufzeigt! Das alles nicht! Ganz allein soll sie sitzen

d'rin im Extrazimmer, nur die Schwambachwirtin bei ihr, welche ihr

Gesellschaft leisten zu müssen glaubt, trotzdem sie draußen in der

Küche alle Hände voll Arbeit hätte. Will denn niemand ins Stübel, die

Salmhofertochter zu unterhalten? -- Dachte der Wolfram: Kennen lernen

möchte ich sie doch, dieselbige, von der es immer heißt, sie wäre die

richtige Adlerwirtin. Was kann mir geschehen, wenn ich sie zu einem

Tanz auffordere? Weist sie mich ab, so drehe ich mich vor ihrer Nase

mit einer anderen um und um.

Wie nun aber der Wolfram ins Extrazimmer trat, sah er am weißgedeckten,

mit feinem Backwerk besetzten Tische neben der dicken Wirtin das

schwarzbraune Mädel sitzen, welches er mit der anderen, der Frieda, in

seinem Wagen kecklich dem Walde entführt und nach Schwambach gebracht

hatte. Und das -- das wäre die Salmhofertochter, die stolze Kundel?

Er brauchte sich nicht erst nach einer Ansprache zu besinnen.

»Da ist er ja, der tapfere Ritter,« so redete sie ihn schier ernsthaft

und gelassen an. »Schön ist es nicht vom Adlerwirt, daß er sich um die

zweite Entführte gar nicht mehr umsehen will, bevor er die erste zu

Tode getanzt.«

Der Wolfram stammelte eine Entschuldigung. Die Kundel sah recht gut

ein, daß es das beste sei, das Abenteuer, welches ihr nun gar nicht

geheuer schien, ins Scherzhafte zu ziehen. Sie rückte daher ein wenig

auf der Bank und sagte: »Setzen Sie sich nur willig her zu mir, es

wird Ihnen nichts mehr anderes übrig bleiben. Sie zahlen mir jetzt ein

feines Nachtmahl, tanzen einen mit mir und führen mich dann wieder nach

Hause.«

Das war alles so ernsthaft und kühl gesprochen, als ob sie zu einem

Diener redete. Er setzte sich hin neben sie und tat, wie sie befohlen

hatte. Alsogleich ward es im ganzen Hause kund: der schwarze Adler von

Kirchbrunn und die Salmhofertochter von Geßnitz sitzen beieinander,

essen und trinken miteinander wie ein Brautpaar. Und als die beiden

gar Arm in Arm auf den Tanzboden traten, da wichen die Leute nur so in

Staunen und Ehrfurcht zurück, daß das schöne junge Paar fast allein

den Reigen tanzte im Saale. In der Ecke hinter dem Stiegenverschlag

stand die Frieda, ein großer Schreck hatte ihr Antlitz blaß gemacht.

-- Er ist verspielt! so konnte sie noch denken, meine Haustochter hat

ihn, da ist er verspielt für die arme Magd. Ist das ein Tag, dieser

heutige Sonntag! -- Wie das Paar in der Nähe vorüberreigte, trafen sich

die Blicke des Wolfram und der Frieda. In diesem Augenblick war ihm,

er tanze mit einem Stück Holz. Fast plötzlich, bevor der Tanz aus war,

ließ er die Kundel los und machte vor ihr eine höfliche Verbeugung.

Es half ihm aber nichts, er hatte für den Abend ihr Ritter zu sein und

war recht froh, als die Kundel den Wunsch aussprach, nach Hause zu

fahren. Endlich saßen die beiden Mädchen wieder im geschlossenen Wagen

und der Wolfram auf dem Kutschbock.

Als sie aus dem Hoftor des Schwambacher Wirtshauses fuhren, noch zum

Abschiede mit hellem Musikklang begrüßt, sah der Wolfram, wie hinter

dem Pfosten sich der Waldmensch duckte -- dann ging es fort, hinaus in

Nacht und Nebel.

Die beiden Mädchen im Wagen führten nicht die angelegentliche

Unterhaltung miteinander, wie auf der Herfahrt. Die Kundel war mürrisch

und breitete sich so sehr aus, daß die andere völlig in die Ecke

gedrückt wurde. Wohl auch die Frieda war nicht aufgelegt zum Sprechen,

sie hatte zu denken genug und zu tun genug, ihre Gedanken nicht zu

verraten. Wie erschrocken war sie daher, als die Haustochter mit einem

Male den Mund auftat: »Eine wahre Schand' ist's, wie du dich heute

aufgeführt hast!«

Es hatte schon den Anschein, als wollte die Magd nichts entgegnen,

endlich sagte sie aber doch: »Kann ich etwas dafür, daß er zuerst mit

mir gegangen ist?«

»Du hast dich ihm ja angeklettet! Männersüchtige Rassel, du!«

Nun sagte die Frieda nichts mehr.

»Ich werd' mir's merken,« setzte die Kundel noch bei, und damit war das

Gespräch zu Ende.

Der Kutscher Wolfram sah träumerisch auf die Bäume, Büsche und

Wegplanken hin, die im Scheine der Wagenlaternen gespenstisch

auftauchten und verschwanden. Die Laternenlichter warfen im dichten

Nebel eine Art Heiligenschein um die Kutsche. -- Ein sauberer

Heiligenschein, das! dachte der Wolfram; wenn ich heute nicht sündige,

so geschieht's einzig nur, weil die Gelegenheit dazu fehlt. Jetzt kann

ich in der ödweiligen Nacht den langen Weg dahinradeln und nachher

wieder zurück. Ein hübsches Vergnügen. Bis ich nach Kirchbrunn komme,

stehen schon die Leute auf. Das hat man von seinem Übermut. Sonst

nichts. -- Hia! den Braunen wird's auch schon zu dumm.

Endlich waren sie auf dem Marktplatz zu Geßnitz. Der Wolfram wollte

halten, aber die Kundel rief zum Wagenschlag heraus: »Vorwärts! Zum

Salmhof hinauf!«

Und nach einer weiteren Weile hielten sie vor dem großen Hofe, der

mit seinen weitläufigen Gebäuden wie leblos dalag. Nur ein gewaltiger

Hund reckte sich mitten im Hofe und der knurrte ein wenig, schien ihm

aber nicht der Mühe wert, sich weiter um das herangerollte Gefährte zu

bekümmern.

Die Kundel wartete im Wagen, bis der junge Adlerwirt abgestiegen war

und ihr den Arm zum Aussteigen bot.

»Und was wird jetzt mein Vater sagen?« fragte das Mädchen. »Wenn ich

ihm nicht gleich nach der Ankunft in Schwambach einen Boten geschickt

hätte, daß er weiß, wo ich bin -- Sie hätten seiner Angst nicht

geachtet.«

Jauchzen wollte der junge Mann über dieses Wort, es war ein Herzenswort

gewesen, das erste, welches er von ihr gehört. Ein gutes Kind kann wohl

auch ein gutes Weib sein ... Ei ja, mein Vater kann doch recht haben!

Wer die einmal heimführt!

»Anläuten, geh'!« hastete die Kundel der Jungmagd zu, die schier

kopflos dagestanden; und während diese nun an die Haustür eilte und den

Glockenstrang zog, flüsterte die Salmhofertochter zum Wolfram: »Seien

Sie schön bedankt, kühner Ritter! Aber wie böse ich auf Sie bin, das

sollen Sie noch erfahren. Warten Sie nur! Schnell hinweg! Gute Nacht!«

Diesen raschen Abschied erklärte der Adlerwirt sich so, als sollten die

Hausbewohner das nächtliche Gefährte nicht wahrnehmen; das war aber ein

wenig anders, die Haustochter wollte es verhindern, daß er der Jungmagd

gute Nacht sagen konnte. Und den Wolfram wurmte es richtig den ganzen

Weg heimwärts, daß er ohne einen Händedruck, ohne ein einziges gutes

Wort von Frieda hatte scheiden müssen.

[Illustration]

Der Adlerwirt von Kirchbrunn · 第 6 / 22 题