»Also vorwärts!« rief das Männlein und sprang flink in den Wagen.
»Wolfram, komm an meine grüne Seite, du hast ganz nett Platz neben dem
alten Knaben! Wir wollen ja schwatzen unterwegs!«
Demnach setzte sich der junge Kutscher nicht auf den Bock, sondern
schickte sich an, vom bequemen Sitze des Landauers aus die Pferde zu
leiten. Es waren zwei muntere Braune, deren glatte Haut einen feinen
Seidenglanz hatte, als ob sie wie das Riemzeug gewichst worden wäre.
Der Kutscher war Wolfram Seltensteiner, der junge Wirt vom »Schwarzen
Adler« zu Kirchbrunn. Ein froh und freundlich in die Welt blickender
Blondkopf von etwa dreiundzwanzig Jahren. »Ein Gesicht, länglich-rund
wie ein Taubenei, Augen hell und blau wie der Himmel im Mai, Nase
schlank Und stramm, rote Oberlippe keck und zahm, der Mund so angetan,
daß er gut lachen und küssen kann. Vom Scheitel bis zur Zehe hinab ein
schlanker, hübscher, gesunder Knab'.«
»Junger Mann!« rief ihm der kleine Alte zu, »stelle ja nichts an! Wenn
du durchgehst und ich erlasse auf dich den Steckbrief, so kommst du
nicht weit, die Weiber fangen dich ein!«
Einen Schnalzer mit der Zunge machte der junge Mann, da trabten die
Rößlein fürbaß.
»Behüt' Gott, Herr Professor! Kommen Sie fein wieder im nächsten
Jahr!« So riefen jetzt die vor dem Wirtshause stehenden Leute. Männer
schwenkten die Hüte, Weiber die Sacktücher.
Das ältliche Herrlein im Wagen streckte die offene Hand zurück nach den
Leuten, als wollte er ihnen noch wie Körner die Worte hinstreuen, die
er sprach: »Grüß Gott das letzte Mal und gebet acht, Kinder, daß ihr
nicht weniger werdet, bis ich wiederum komm', und betet manchmal ein
Vaterunser oder ein Schnaderhüpfel für den alten Professor Nix!«
Der Wagen rollte die glatte Straße davon und verschwand bald im
tauenden Herbstnebel.
»Ist ein lieber Herr!« sagten jetzt die Zurückbleibenden untereinander,
»ist ein lustiger Herr! Alleweil heiter! So pudelnärrisch und so
gescheit dabei! Wer wird uns jetzt Geschichten erzählen, Liedeln lehren
am Feierabend, Rätsel aufgeben, Zaubereien vormachen und guten Rat
austeilen? Das ist ein lieber Schatz!«
»Er heißt Nix!« brummte einer der Umstehenden.
»Was sagst du! der Professor heißt Nix? Ich denk' wohl ein bissel
mehr wie du! Gib acht, daß wir dir dein Lästermaul nicht mit einer
Feigensalbe verkleben!«
»Nein, er heißt Nix!« lachte ein Junge.
»Nix heißt er!« lachten jetzt auch die übrigen.
»Wenn ich nur wüßte, woher er den dummen Namen hat!«
»Muß ein Spitzname sein, weil er allemal nix antwortet, wenn man ihn
fragt, wer er ist, was er treibt, was er weiß, was er hat, was er will!
Er ist nix und treibt nix und weiß nix und hat nix und will nix! Darauf
haben sie ihn den Professor Nix geheißen.«
»Ist nicht wahr!« rief der Nagelschmied. »Seit Jahren kommt er auf die
Sommerfrische nach Kirchbrunn, wir kennen ihn als braven Mann. Das ist
etwas! Nachher geht er in der Gegend umher, Pflanzen sammeln, Bäume und
Hunde zeichnen, traurige Leut' lustig machen. Das ist auch etwas. Er
weiß zu erzählen von Himmel und Erden, von den Russen und Franzosen,
auch wie die Eisenstiften gemacht werden, weiß er, und wie er zu mir
einmal in die Werkstatt kommt, nimmt er mir das Zeug aus der Hand und
macht den Eggnagel fertig, daß es nur so eine Form hat. Das ist schon
was, meine lieben Leut'. Wer ein Handwerk kann! Handwerk ist besser
wie Kopfwerk! Nur fürs Nixhaben und Nixwollen mag sein Name passen,
ich hab' mir oft gedacht: der lebt von der Luft und vom Wasser und vom
Lustigsein.«
»Er hat gegessen und getrunken und seine Sach' bezahlt!« berichtete der
alte Adlerwirt, der in Hemdärmeln und unter dem grünen Sammetkäppchen
am Pferdetrog stand und mit dem kurzen Worte die Ehre seines Hauses und
seines Gastes rettete.
Der Wagen fuhr mittlerweile hinaus über Wiesen und Fluren, durch Dörfer
und Wälder, dem Bahnhofe in Geßnitz zu.
»Wolfram!« sagte der kleine hagere Mann, den sie den Professor Nix
geheißen hatten, »warum rauchst du heut' keine Zigarre?«
»Weil ich keine habe,« antwortete der Bursche und zog den
Leitriemen an.
»Was ist denn das?« fragte der Professor und tippte an Wolframs
Brusttasche, aus welcher ihrer drei oder vier Glimmstengelspitzen
hervorguckten.
»Das da?« fragte der Bursche schmunzelnd entgegen, »das sind Zigarren.«
»Knabe, du glaubst, daß mir der Rauch unangenehm sei!«
»Wer selber nicht raucht --«
»Ich will dich nicht zwingen. Weiß nur, daß man den Mund nicht gern
leer stehen läßt. Wir Alten schwatzen, Ihr Jungen wollet busseln oder
rauchen. Zum Busseln wirst keine im Sack haben. Also steck' etwas
anderes in Brand!«
Lächelnd zündete Wolfram sich eine an.
Als sie aus dem Gebirgstal in die Fläche herausgekommen waren und
am Dorfe Schwambach vorüberfuhren, kehrten im dortigen Wirtshause,
denn es war Sonntag, gerade vier Musikanten ein: ein Trompeter, ein
Klarinetter, ein Geiger und ein Baßgeiger.
»Was denkest du darüber?« fragte Professor Nix seinen Kutscher.
»Bis ich zurückfahre, wird's schon umgehen,« antwortete dieser. »Der
Schwambacher gibt einen Freiball.«
»Du, da gib nur acht, daß dir die Pferde nicht scheuen auf der
Rückfahrt! Ein paar feurige Tiere, die du hast!« so neckte das magere
Männlein.
Auf der Hochebene, über die sie nachher wieder dahintrabten, kamen sie
in einen Eichenwald, an welchem bereits die Blätter gilbten. Manchmal
wehte ein goldig leuchtendes Blatt nieder auf die weiße Straße, und der
Wald war so still und feierlich, daß es dem Professor wie ein Seufzer
aus der Brust kam: »Ja, der Herbst!«
Jetzt sahen sie neben der Straße im Laubwerk und Schlinggewächse zwei
Mädchen. Junge, erwachsene Mädchen, das eine in putziger Bauerntracht,
das andere bürgerlich angetan; das eine mit einem roten Tuch über dem
Haupt, das andere mit einem schwarzen Hütchen. Die unter dem Tuche
hatte ein lachendes Rundgesichtlein, die unter dem Hute war blaß und
ernsthaft und hatte schwarze Augen.
»Was wollen denn die?« fragte der Professor den jungen Kutscher.
»Sie haben Körblein bei sich. Wahrscheinlich Brombeeren pflücken.«
»Wollt' ein Madel früh aufstehn,
Wollt' Brombeer brocken gehn« --
trillerte der Alte. »Kennst du das?«
»Ja, man singt so,« antwortete Wolfram.
»Wenn du der Jägerssohn wärest,« neckte der Alte weiter, »mit welcher
von den zweien wolltest du Brombeer brocken?«
»Weiß 's nit,« sagte der Bursche.
»Na, dann ist es mit dir noch nicht gefährlich!« lachte der Professor,
dem Burschen auf die Achsel klopfend.
»Just übel wär' keine -- von den zweien,« sagte der Wolfram.
»Na, dann ist es gefährlich,« setzte jener bei. Sein frisches
Gesichtlein unter dem grauenden Haar war plötzlich ernsthaft. Und die
Mädchen waren ihren Augen entschwunden.
Als der Wagen wieder aus dem Walde kam, sah man in der Ferne die
zwei weißen Türme von Geßnitz. Sie leuchteten nur schwach durch die
nebelgraue Luft. Hinter dem stattlichen Marktflecken die Berglehne
konnte man nicht mehr erkennen. Und gerade dorthin hatte Wolfram sein
Auge gerichtet.
»Siehst du den Salmhof?« fragte ihn der Professor.
»Man sieht nichts,« antwortete der Bursche.
»Liegt sie dir im Sinn?« fragte der Professor.
»Aber ich kenne sie ja gar nicht,« entgegnete Wolfram. »Das ist wieder
nur so von meinem Vater etwas. Weil sie Geld hätte, meint er. Ich
denke, es muß nicht alles Geschäft sein, was der Mensch tut.«
»Brav bist, mein Sohn!« sagte der Professor, »für Geld heiratest keine.
Aber ganz verachten mußt auch das Geld nicht, wenn sie zufällig eins
hat. Geld ist Mist, aber Mist ist Dung, und Geld ist der Dung des
ehelichen Glückes.«
»Die Salmhoferische wäre mir auch viel zu fürnehm,« bemerkte der
Bursche, »die will höher fliegen als auf ein Wirtshaus, sagen sie.
Körbe kann ich auch in Kirchbrunn haben, da brauch ich d'rum nicht gar
bis Geßnitz zu gehen.«
»Junge!« rief der Alte und hieb ihm die Hand auf den Rücken, »du bist
nur zu wenig keck! Ein Kerl, wie du bist, verlegt sich nicht auf
Korbhandel. Aber auch nicht dreinpatschen! Keck und klug!«
Der Wolfram schwieg. Über die Hochebene her strich ein kühler Wind, der
brachte Regenschauer.
»Ist schon gut,« rief der Professor ins Weite hinaus; »Herrgott, ich
sehe deinen guten Willen, mir den Abschied von der Sommerfrische so
leicht als möglich zu machen. Hast du nichts dagegen, Wolfram, so
machen wir den Wagen zu!«
Das war bald geschehen, aber dann saß der Kutscher auf dem Bock und der
alte Herr in dem finsteren Lederkotter. An das hatte er nicht gedacht.
Nach einer Weile klärte sich der Himmel wieder, und da waren sie auch
schon in Geßnitz auf dem Bahnhof. Professor Nix sprang rüstig aus dem
Wagen. »Wolfram, mein Sohn!« sagte er noch, »geweint und gelacht wird
nicht. Höre auf zum Wachsen, bleibe munter und mach' keine Dummheit. So
Gott will, im nächsten Sommer komme ich wieder!«
Damit sprang er auf das Trittbrett, denn es läutete das dritte Mal, und
der Sommerfrischler dampfte ab in die große Stadt.
Wolfram schaute dem Zuge nach und dachte: Der gute Professor Nix!
Seinen bluteigenen Oheim kann man nicht lieber haben. Die elf Jahre
kommt er schon nach Kirchbrunn und ist immer der gleiche. Wenn er
lacht, ein Kind, wenn er schwärmt, ein Jüngling, und wenn er guten Rat
gibt, ein Greis. Wenn man nur eigentlich wüßte, wie alt! Die Leute
tragen ihn auf den Händen, das deutet auf ein Kind hin. -- Und jetzt,
Fuchsen, heimwärts nach Kirchbrunn.
Der Bursche war seit fünf Minuten anders geworden. Früher der fast
befangene, wortkarge, dienstwillige Dorfwirt, der sein Verhältnis
fühlt dem vornehmen Gaste gegenüber; jetzt der aufgeweckte, keck
dareinschauende Hausbesitzerssohn von Kirchbrunn, sein eigener Diener
und Herr, Kutscher und Kavalier zugleich auf dem Wagen. Nachdem er
im Posthause etliche Briefe abgegeben, ein Kistchen mit Likören in
Empfang genommen und auf dem Kutschbocke noch ein paar Gläser Bier
ausgetrunken hatte, ließ er seine Zunge schnalzen, das ersetzte bei den
klugen Rößlein stets die Peitsche, und ließ heimwärts traben.
Bei einer Straßenbiegung sah er vor sich an der Berglehne einen
stattlichen Bauernhof liegen; der nahm sich fast schloßartig aus, hatte
sogar ein Türmchen, auf dem eben Mittag geläutet wurde. Es war, als ob
die Glocke zur Straße herabriefe: Komm, komm! Komm, komm! -- Allein der
Wirtssohn aus Kirchbrunn fuhr stolz vorüber. -- Oh, zu ~der~ hätte
ich weit! dachte der Wolfram. Wenn ich jetzt zur Haustochter im Salmhof
hinauf wollte, um zu freien, da müßt' ich erst wissen, ob sie mich gern
hat. Und ihr Gernhaben möchte mich nur freuen, wenn ich in sie verliebt
wäre. Und verliebt in sie könnte ich nur sein, wenn ich mit ihr bekannt
wäre, und das ist wieder nur möglich, wenn man sie einmal gesehen hat.
-- Ich weiß gar nichts von ihr, als daß mein Vater sagt, das wäre
eine Frau für den »Schwarzen Adler« zu Kirchbrunn. Gott, bis sich so
ein langer Faden abwickelt! Und am Ende wär' nachher ein Scheusal im
Knäuel. Hübsche Dirndln haben kein Geld. Reiche sind oft nicht recht
sauber. -- Hia, Füchseln! Heim zu geht's! --
Der Himmel hatte sich fast aufgeheitert, es ward ein sommerlich warmer
Mittag. Als der Wagen in den Eichenwald kam, leckerte es die Pferde
nach grünem Kraute, das am Wege wuchs, und sie nahmen im Vorbeigehen
manche Schnauze mit sich.
»Wenn es euch so sehr nach Preiselbeerkraut und Enzianen gelüstet,«
sagte der Wolfram, »ich fände zwar nichts Gutes dran, aber es sei euch
wohl vergunnt. Spannen wir ein bißchen aus.«
Er ließ den Wagen ein wenig von der Straße seitwärts auf ein grünes
Angerlein ziehen, löste die Pferde los und hieß sie sich frei ergehen
zwischen den Bäumen. Er selbst schlenderte auch so dahin, und da es gar
warm und wohlig geworden war und die Pferde eine prächtige Grasbank
gefunden hatten, so streckte er sich aufs Moos. Ein Stündel Rast kann
nicht schaden. Heute ist ja doch alles beim Schwambachwirt, und in
Kirchbrunn nichts los. Da kommt man noch früh genug heim. -- Die Arme
unter dem Haupte, so lag er auf dem Rücken schlank ausgestreckt und
schaute in die hohen Baumkronen auf. -- Warum im Herbst die Vögel nicht
singen wollen! dachte er, kein einziger! Ist es denn gar so schlimm?
Ich merke keinen Unterschied zwischen Frühjahr und Herbst ...
Fast ein wenig geschlafen mußte er haben. Regentropfen weckten ihn
auf. -- Ja, Knabe, es ist doch ein Unterschied zwischen Frühjahr und
Herbst. -- Eilig stand er auf, die Pferde waren nicht weit, er führte
sie über das weiche Moos hin gegen den Wagen. Jetzt erlebte Wolfram
eine Neuigkeit. In seinem Wagen hatten sich fremde Wesen eingeheimt.
Er hörte schon von weitem kichern und lachen. Die zwei Brombeermädchen
waren vom Sprühregen unter dieses Dach gejagt worden, und der Fürwitz
der einen hatte alsogleich Besitz ergriffen von dem herrenlosen Wagen,
der so mutterseelenallein unter den Bäumen stand. Der Schlag zu beiden
Seiten geschlossen und zugefenstert, so hockten sie nun darinnen auf
dem Lederpolster und waren just daran, in diesem feinen Gelasse ihr
mitgebrachtes Mittagsmahl zu verzehren. Brot und Käse hatten sie, das
schnitten sie auf dem Schoße säuberlich in Stückchen, naschten auch von
den gesammelten Brombeeren dazu. Die eine mit dem blassen Gesichtchen
war ernsthaft, die andere mit den blühenden Wangen und dem roten
Kopftuche darüber war voller Schalkheiten.
»Hui sauer!« kicherte diese; »da wär' mir schon ein Bussel lieber.«
»Das kannst auch haben, Frieda,« sagte die andere und tat, als wollte
sie einen Kuß hergeben.
»Geh, geh, Haustochter Kundel!« wehrte die Frieda ab, »da müßtest erst
einen Schnurrbart haben!«
»Ach so!« antwortete die andere. »Wie kommst du mir denn vor,
Jungdirn?«
Da trillerte Frieda:
»Busserlgebn, busserlgebn,
Das is nit Sünd,
Hat mir's schon d' Muater glernt
Als a kloans Kind!«
»Ich kann da nicht mitreden,« gestand die mit dem Hütchen.
»Mich ärgert 's nur,« warf die Frieda ein, »da reden und singen sie
immer davon, daß einem ordentlich der Mund wässerig wird, und wann's
Ernst werden will, ist's verboten. Und das ist auch dumm: heimlich
möcht' man's probieren, und kommt einer, schwupps hat er eine auf der
Wange!«
»Wer wird denn so leckerig sein!« sagte die Kundel, »das sind lauter
Dummheiten.«
»Weißt, von wem ich ein Bussel möcht'?« gab das frische Rundgesichtel
zu raten, denn es schien, als wollte sie einlenken.
»Wahrscheinlich von einem schönen Junggesellen,« antwortete die Kundel.
»Von einem Mannsbild nit!« versicherte die andere. »Von einem Mannsbild
möcht' 's mir grausen. Weißt du: ein Kindel, wenn ich hätt', von dem
möcht' ich ein Bussel.«
In demselben Augenblick machte der Wagen einen Ruck und rollte davon.
Einen grellen Schreckruf hatten die beiden Mädchen ausgestoßen und dann
ein Jammergeschrei erhoben. Das nützte nichts und schadete nichts, die
Rößlein trabten flink die Straße entlang, der Wolfram auf dem Bocke
schnalzte tapfer mit der Zunge, und so rollte es dahin wie der Wind,
die Richtung gegen Kirchbrunn. Der Wolfram hörte das Gekreische und
Hilfegeschrei in der Kutsche, er schmunzelte bei sich: »Das ist kein
schlechter Spaß, ich entführe sie zum Freiball nach Schwambach. Zwei
fremde Brombeerbrockerinnen, denen die Brombeeren nicht süß genug sind.
Na, wartet!«
Als die gefangenen Dirndeln merkten, daß ihr Geschrei nichts richtete
und das Hinausspringen zum Wagenschlag gefährlich sei, wurden sie
mäuschenstill und berieten unter sich.
»Zwei Rösser sind angespannt und auf dem Bock ein Mannsbild!« flüsterte
die Kundel. »Frieda, was wird mit uns geschehen?«
»Haustochter, wir kommen ins Afrika und werden als Sklaven verkauft,«
antwortete die in dem roten Tuche mit einer Ernsthaftigkeit, in der man
den Schalk kaum herausmerkte.
»Ich spring' aus!« rief die Kundel.
»Dann bist hin!« antwortete die Frieda. »Ich glaube, wir bleiben hübsch
sitzen. Kommen wir durch eine Ortschaft, so schlagen wir Lärm.«
»Um keinen Streich!« versetzte die Kundel. »Die Schande! Eher laß ich
mich entführen bis zum großen Wasser, dort springe ich hinein.«
Die Frieda hatte mittlerweile zum Fenster hinausgelauert und gefunden,
daß der Mann auf dem Kutschbocke, soweit man von ihm etwas erblicken
konnte, nicht allzu schrecklich aussehe. Ja, es wollte sie bedünken,
als hätte sie diesen Menschen schon irgendwo gesehen, ohne Furcht vor
ihm zu empfinden. Darüber waren die beiden nun ein bißchen getröstet.
Draußen regnete es, die Tropfen schlugen scharf ans Fenster, und
schwere Nebel hatten sich niedergelegt über die Ebene, daß es schier
dunkel ward. Und der Wagen rollte unablässig fort und in das Ungewisse
hinein.
»Ach, mein junges Leben!« seufzte die Kundel. »O dieses unglückliche
Brombeerbrocken.«
»So kommt es, wenn man am Sonntag die heilige Messe versäumt und im
Walde umgeht,« sagte die Frieda lustig.
»Zwick' mich am Arm!« bat die Kundel.
»Du kommst mir wunderlich für, Haustochter. Warum soll ich dich jetzt
am Arm zwicken?« fragte die Frieda.
»Damit ich wach werde. Drei Heuschöber verwett' ich, das ist nur ein
Traum. Ich habe vor kurzer Zeit eine Rittergeschichte gelesen, wie der
Raubritter Kuno das schöne Burgfräulein Adelgunde auf einem Rappen
entführt hat. Das kommt mir jetzt im Schlafe vor. Ich bitte dich, so
wecke mich doch auf!«
Frieda kicherte. »Wenn es bei mir auch ein Traum sollt' sein, dann
sei so gut, wecke mich nicht auf,« sagte sie. »In einer so fürnehmen
Kalesch' bin ich mein Lebtag noch nie gefahren und werd' auch gewiß
nicht mehr die Gnad' haben. Jetzt laß ich mir's schmecken und denk' an
nichts. Wenn er uns hinführt, so muß er uns auch zurückführen, jetzt
kommt mir die Kurasch.«
»Frieda, du bist schrecklich leichtsinnig!« sagte die andere.
»Du bist nicht leichtsinnig und mußt auch mit.«
»Wenn ich glücklich davonkomme, so stifte ich eine Kapelle im
Eichenwald,« beteuerte die Kundel.
»Und ich gehe hinein beten!« nahm die Frieda sich vor. »Jetzt wollen
wir die gnädige Frau spielen und Brombeeren naschen.«
Die Brombeeren wären großenteils auf dem Kutschboden zu suchen gewesen,
auf welchem sie zerstreut umherlagen.
»Sind die Rösser schwarz?« fragte die Kundel plötzlich.
»Fuchsbraun,« antwortete die Frieda.
»Gott sei Lob und Dank!« warf die Kundel hin.
»Warum?«
»'s kunnt auch der Teufel sein Spiel haben!«
»Ich weiß mich nicht schuldig. Bin eine arme Magd.«
»Schuldig weiß ich mich auch nicht,« sagte die Kundel, »wenn nicht etwa
die fürwitzigen Träume was machen, manchmal. Dem Ritter Kuno traue ich
um keinen Preis.«
»Ritter machen mir wieder nichts,« gestand die Frieda, »aber wenn
gerade so ein sauberer Bauernknecht käm', da wollt' ich für nichts
gutstehen.«
»Oder ein kernfester Holzknecht aus dem Siebenbachwald!« neckte die
andere.
»Laß das gut sein, Haustochter, ich mag nichts hören von ihm,« so
antwortete die Frieda.
Ähnliches sprachen sie halb im Ernst, halb im Scherz, halb in süßer
Verwirrung. Der Jungmagd Frieda kam es possierlich vor, daß sie heute
einmal mit der gleichen Elle wie die Haustochter gemessen wurde.
Plötzlich hielt der Wagen. Ringsum standen, von düsteren nässelnden
Nebeln halb verschleiert, Scheunen und Häuser, und aus einem solchen
klang helle und grelle Tanzmusik.
»Du,« flüsterte die Frieda zur Genossin, »jetzt kenn' ich mich aus, wir
sind in Schwambach.«