Kapitel +XII.+

Begabung. -- Kunst. -- Musik.

Dichtung.

Erzählungen Eingeborener.

Die Grönländer haben scharfen Verstand und zugleich großes

Erfindungstalent. Ihre Geräte und Waffen sind dafür, wie wir sahen,

ein schlagender Beweis. Daß sie Verstand haben, wurde den Missionaren,

namentlich im Anfange, sehr unangenehm fühlbar, wenn sie so dumm waren,

sich mit den heidnischen Angekokern aufs Disputieren einzulassen.

Wenn sie aber auch mundtot gemacht wurden, so hatten sie dafür doch

oft Argumente in der Hinterhand, die schlagender waren, als die der

Eingeborenen. Sie führten, wie mein Freund, der Zimmermeister in

Godthaab zu sagen pflegte, »eine proppere Faust«, und dieser überließ

die grönländische Friedfertigkeit das Feld.

Als Beispiel ihrer guten Anlagen ist anzuführen, daß sie

verhältnismäßig leicht lesen und schreiben lernen. Die meisten Christen

verstehen sich auf beides, und viele sogar ausgezeichnet; ihre

Schreibfertigkeit ist oft geradezu bewundernswert. Selbst die Heiden

lernen schnell Domino und Brettspiel, ja sogar das Schach. Mit den

Eingeborenen in der Gegend von Godthaab spielte ich oft Dame und wurde

manch liebes Mal von der Geschicklichkeit und Berechnung, die sie dabei

an den Tag legten, überrascht.

Unsere verschiedenen Fächer scheinen sie sich ziemlich leicht

anzueignen. Am schwersten wird ihnen das Rechnen, und nur

verhältnismäßig wenige kommen so weit, daß sie ordentlich mit Brüchen

rechnen lernen; die meisten haben schon vom Subtrahieren und Addieren

ganzer Zahlen übergenug, von Division und Multiplikation garnicht zu

reden. Dieser Mangel an Begabung wurzelt sicher in grauer Vorzeit.

Die Eskimosprache hat, wie die meisten Natursprachen, ein wenig

entwickeltes Zahlensystem. Nur für fünf Ziffern giebt es Worte,

und diese werden an den Fingern abgezählt: »1 = ~+atausek+~, 2 =

~+mardluk+~, 3 = ~+pingasut+~, 4 = ~+sisamet+~ und 5 = ~+tatdlimat+~,

welch letzteres annehmbarerweise das ursprüngliche Wort für eine ~Hand~

gewesen ist. Soll ein Eskimo weiter zählen, so hilft er sich damit,

daß er für sechs den ersten Finger der anderen Hand (~+arfinek+~ oder

~+igluane atausek+~), für sieben den zweiten Finger der anderen Hand

(~+arfinek mardluk+~) u. s. w. nennt. Ist er aber bis zehn gekommen,

so hat er keine Hand mehr zur Verfügung und muß daher mit den Füßen

aushelfen. Zwölf heißt also zwei Zehen des einen (~+arkanek mardluk+~

u. s. w.) und siebzehn zwei Zehen des anderen Fußes (~+arfersanek

mardluk+~ u. s. w.). So kann er bis zwanzig kommen, was er einen

ganzen Menschen zu Ende (~+inuk nâvdlugo+~) nennt. Hier haben die

mathematischen Begriffe vieler Eskimos ein Ende, aber wirklich

aufgeweckte Köpfe können noch weiter zählen und bezeichnen die Zahl

einundzwanzig mit einem Finger des zweiten Menschen (~+inûp áipagssâne

atausek+~) u. s. w. Achtunddreißig sind z. B. drei Zehen am anderen

Fuße des zweiten Menschen (~+inûp+ +áipagssâne arfinek pingasut+~),

und mit vierzig ist der zweite Mensch zu Ende (~+inûp áipagssá

nâvdlugo+~). So erreicht man hundert oder den fünften Menschen zu Ende,

dann aber kann selbst der begabteste Eskimo mit seiner Sprache nicht

weiter kommen.«

Dies ist, wie man begreifen wird, eine etwas schwerfällige Weise,

sich auszudrücken, wenn man sich oft in den hohen Zahlen über

20 bewegen soll, was früher dort oben selten vorkam, jetzt aber

durch die Einführung des Handels und des Geldes sich leider mehr

eingebürgert hat. Es ist daher auch ganz natürlich, daß die

Grönländer, trotz ihrer merkwürdigen Widerstandskraft gegen fremde

Worte, die dänischen Zahlworte auch für die niedrigen Zahlen

immermehr annehmen. Mit deren Hilfe können sie sogar über hundert,

von ihnen ~+untritigdlit+~ genannt, hinaus. Doch ich hege

den Verdacht, daß es ihnen noch immer schwer wird, eine so hohe

Zahl mit einem bestimmten Begriffe zu verbinden. Tausend nennen sie

~+tusintigdlit+~.

Die primitive Rechenmethode der Eskimos entspricht demjenigen der

meisten Naturvölker, da Finger und Zehen ja die natürlichsten

Hülfsmittel zu diesem Gebrauche sind. Auch unsere Vorfahren werden auf

ähnliche Weise gerechnet haben. Bei aller Unvollkommenheit ist es doch

ein großer Fortschritt gegen die australischen Stämme, die nur bis

drei, ja, eigentlich nur bis zwei zählen können und blos die Begriffen

»eins, zwei und viele« kennen. Daß auch die Vorfahren der Eskimos

einst auf dieser Stufe standen, deutet ihre ursprüngliche Grammatik

an, in der es einen +singularis+, einen +dualis+ und einen

+pluralis+ giebt; also grade wie im Gotischen, Griechischen,

Sanskrit, den semitischen und vielen anderen Sprachen.

Alle Reisenden sind einig im Lobe des Ortssinnes und der

topographischen Begabung der Eskimos. Als Kapitän ~Ommaney~ 1850

einen Eskimo vom Kap York bat, ihm die Küste zu zeichnen, nahm dieser

einen Bleistift, ein Ding, das er noch nie gesehen hatte, und zeichnete

die Küstenlinie längs des Smithsundes von seinem Geburtsorte nach

Norden mit verblüffender Genauigkeit auf. Er deutete dabei alle Inseln,

die größeren Hügel, Gletscher und Gebirge an und versah sie mit ihren

Namen.

Dem Kapitän ~Holm~ brachten die heidnischen Eingeborenen eine von

ihnen in Holz geschnitzte Karte der Ostküste von Angmasalik nach

Norden.

Für mein Empfinden haben die Grönländer ausgesprochen künstlerische

Anlagen, und wenn ihre Kultur sich wenig nach dieser Richtung hin

entwickelt hat, so ist dies, glaube ich, dem harten Kampf ums Dasein

zuzuschreiben, der ihnen dazu keine Zeit ließ. Ihre Kunst[45] besteht

wesentlich in der Verzierung der Waffen, Geräte und Kleidungsstücke mit

Mustern und Figuren, entweder in Holz- oder Knochenschnitzerei oder in

Lederstickerei. Die Figuren stellen oft Tiere, Menschen, Frauenboote

und Kajake vor, sind aber mehr darauf angelegt, dekorativ oder

symbolisch zu wirken, als wirkliche Nachbildungen der Natur zu sein, in

der Regel haben sie rein traditionelle Formen angenommen. Einige haben

auch religiöse Bedeutung und stellen z.B. den ~+tôrnârssuk+~

-- einen ihrer Geister übernatürlichen Wesens -- vor. Wenn sie

sich wirklich bestreben, die Natur nachzuahmen, zeigen sie einen

außergewöhnlichen Formensinn und große Geschicklichkeit, wovon man

sich überzeugen wird, wenn man die merkwürdigen Abbildungen sieht, die

Kapitän ~Holm~ von den Decken und dem Spielzeug auf der Ostküste

giebt.

Waffen und Geräte waren sicherlich eines der ersten Dinge, auf die

sich der menschliche Kunstdrang warf; noch früher aber war wohl der

menschliche Körper selbst sein Gegenstand. Ueberbleibsel dieser ersten

Kunstform finden wir auch bei den Eskimos, indem die Weiber ihren

Liebreiz dadurch zu erhöhen suchen, daß sie sich mit Lampenruß gefärbte

Fäden von Sehnen in geometrischen Figuren und Linien durch die Haut der

Arme und Beine, auch wohl der Brust und des Gesichtes ziehen.

Merkwürdigerweise scheinen die Grönländer eine Bildschrift, die, wie

viele meinen, zum Teil der Kunst zum Ausgangspunkt diente, nicht

gekannt zu haben; sofern man nicht die symbolischen Figuren ihrer

Ornamente so deuten will. Der einzige Versuch einer wirklichen

Bildschrift, den ich bei ihnen entdecken konnte, macht keinen

auffallend talentvollen Eindruck. Es war ein Brief an ~Paul Egede~

von einem Angekok. Er bestand schlechtweg aus einem Stocke, auf dem mit

Ruß und Thran Λ gezeichnet war. Der Angekok hatte dem Ueberbringer noch

nachgerufen: »Falls Pania Angekok nicht versteht, was ich meine, so

sage ihm, es bedeute ein paar Hosen, die ich vom Kaufmann haben will;

er wird es aber schon verstehen.«[46]

Eskimos, die groben europäischer Kunst und Darstellungsweise

gesehen haben, können wunderbare Dinge ausführen, ohne daß man sie

unterrichtete. Ein Grönländer, Namens Aron, wurde einmal krank und

durfte nicht ausgehen. +Dr.+ ~Rink~ sandte ihm ein paar

Schnitzmesser und einige ältere Holzschnitte. Im Bette liegend, begann

er nun die Sagen der Eskimos zu illustrieren, und er zeichnete nicht

nur seine Bilder, sondern schnitt auch die Clichés dazu in Holz.

Als Probe ihrer Fertigkeit in der Bildschnitzereikunst bringe ich

hier die Abbildung zweier in Holz geschnitzter Köpfe, die mir ein

Eingeborener von einer Ansiedlung im Godthaabdistrikte schenkte. Man

kann nicht im Zweifel darüber sein, daß der Künstler hier seine eigene

Rasse unsterblich gemacht hat.

In musikalischer Hinsicht sind die Grönländer recht begabt. Es ist

auffallend, wie leicht sie unsere Musik auffassen und wiedergeben,

sei es durch Gesang, den sie sehr lieben, oder auf der Violine, dem

Harmonium, der Handharmonika und anderen Instrumenten, die sie selbst

schnell spielen lernen. Dies ist um so auffallender, als ihre eigene

Musik, die bei den Trommeltänzen gebräuchlich war, wie die der meisten

Naturvölker eintönig und wenig entwickelt ist. Sie hat nur wenige

Töne, gewöhnlich nicht über fünf, ist aber trotzdem eigentümlich und

nicht uninteressant. Sie soll das Rauschen der Ströme nachbilden. Die

Ostgrönländer erzählten Holm, daß sie die Toten singen hören, wenn sie

an einem Flusse schlafen, und diesen Gesang versuchen sie

wiederzugeben.

Das Ursprüngliche ihrer Musik ging natürlich bei der Berührung mit den

Europäern mehr oder weniger verloren. Man hört dort jetzt auch viele

europäische Melodieen, und es wirkt recht überraschend, wenn droben

zwischen Felsen und Gletschern plötzlich Kopenhagener Gassenhauer, wie

»Gina, Du schöne Maid, willst Du nicht mit?« ertönen.

Die Grönländer haben einen großen Reichtum an Märchen und Sagen, von

denen viele sehr eigenartig sind. Nichts giebt einen so tiefen Einblick

in das ganze Seelenleben dieses Volkes, seine Anlagen, Gefühle und

Stimmungen, wie der Inhalt dieser Sagen und die Art, wie sie erzählt

werden. Man wird darin Darstellungskunst und Phantasie entdecken und

außerdem noch einen grotesken Humor, der jedoch natürlich oft in solche

Derbheiten ausartet, daß an Druck nicht zu denken war.

Außer dieser Sagendichtung und den Erzählungen merkwürdiger Thaten

hatten die Grönländer auch eine Poesie. Die Gedichte waren entweder

Spottlieder, die bei den oben erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden,

oder Beschreibungen verschiedener Dinge und Begebenheiten.

Als der Trommeltanz bei der Einführung des Christentums abgeschafft

wurde, verfiel oder veränderte sich auch die Verskunst. Doch noch

immer dichten die Grönländer Lieder. Der Inhalt ist oft satirisch und

macht die Eigentümlichkeiten der Mitmenschen in mehr oder weniger

harmloser Art lächerlich. Derartige Lieder wurden auch auf einzelne

Mitglieder der Expedition gemacht, und ich hörte sie oft abends auf dem

Koloniewege diese Spottlieder singen, ohne daß es mir gelang, eines

davon zu erhalten. -- Auf +Dr.+ Rinks Veranstaltung wird seit 1861

in Godthaab ein grönländisches Journal »~+Atuagagdliutit+~«

herausgegeben. Es wird von ~Lars Möller~ gedruckt, einem

Eingeborenen, der in Kopenhagen war, um diese Kunst zu erlernen, und

der auch Bilder dazu zeichnet und lithographiert. Die Zeitschrift

erscheint alljährlich in zwölf Nummern und wird gratis verteilt;

die Kosten trägt die allgemeine Landeskasse. Der Inhalt besteht aus

Uebersetzungen aus dem Dänischen, sowie aus selbständigen Beiträgen von

Eingeborenen über ihren Fang, Reisen u. s. w. Dadurch ist dort oben

eine ganz neue Litteratur entstanden.

Ein paar groben von Erzählungen sollen bei dieser Gelegenheit

mitgeteilt werden. Die erste ist der Bericht des Eskimos Silas über

seine Reise von Umanak im Godthaabsfjorde nach dem Ameralikfjorde zur

Unterstützung der vier Mitglieder unserer Expedition, die dort im

Oktober 1888 zurückblieben, als Sverdrup und ich nach Godthaab reisten.

Der Kolonieverwalter ~Brummerstedt~ in Holstenborg hat die Güte

gehabt, den Bericht zu übersetzen. Die Uebersetzung ist eine möglichst

wortgetreue Wiedergabe des grönländischen Originaltextes. Ich muß noch

daran erinnern, daß der Verfasser ein gewöhnlicher eingeborener Fänger

ist, der weiter keine Bildung genossen hat, als den Unterricht, der

jetzt jedem dort oben zu teil wird.

Eskimoleben · 第 18 / 21 题