Begabung. -- Kunst. -- Musik.
Dichtung.
Erzählungen Eingeborener.
Die Grönländer haben scharfen Verstand und zugleich großes
Erfindungstalent. Ihre Geräte und Waffen sind dafür, wie wir sahen,
ein schlagender Beweis. Daß sie Verstand haben, wurde den Missionaren,
namentlich im Anfange, sehr unangenehm fühlbar, wenn sie so dumm waren,
sich mit den heidnischen Angekokern aufs Disputieren einzulassen.
Wenn sie aber auch mundtot gemacht wurden, so hatten sie dafür doch
oft Argumente in der Hinterhand, die schlagender waren, als die der
Eingeborenen. Sie führten, wie mein Freund, der Zimmermeister in
Godthaab zu sagen pflegte, »eine proppere Faust«, und dieser überließ
die grönländische Friedfertigkeit das Feld.
Als Beispiel ihrer guten Anlagen ist anzuführen, daß sie
verhältnismäßig leicht lesen und schreiben lernen. Die meisten Christen
verstehen sich auf beides, und viele sogar ausgezeichnet; ihre
Schreibfertigkeit ist oft geradezu bewundernswert. Selbst die Heiden
lernen schnell Domino und Brettspiel, ja sogar das Schach. Mit den
Eingeborenen in der Gegend von Godthaab spielte ich oft Dame und wurde
manch liebes Mal von der Geschicklichkeit und Berechnung, die sie dabei
an den Tag legten, überrascht.
Unsere verschiedenen Fächer scheinen sie sich ziemlich leicht
anzueignen. Am schwersten wird ihnen das Rechnen, und nur
verhältnismäßig wenige kommen so weit, daß sie ordentlich mit Brüchen
rechnen lernen; die meisten haben schon vom Subtrahieren und Addieren
ganzer Zahlen übergenug, von Division und Multiplikation garnicht zu
reden. Dieser Mangel an Begabung wurzelt sicher in grauer Vorzeit.
Die Eskimosprache hat, wie die meisten Natursprachen, ein wenig
entwickeltes Zahlensystem. Nur für fünf Ziffern giebt es Worte,
und diese werden an den Fingern abgezählt: »1 = ~+atausek+~, 2 =
~+mardluk+~, 3 = ~+pingasut+~, 4 = ~+sisamet+~ und 5 = ~+tatdlimat+~,
welch letzteres annehmbarerweise das ursprüngliche Wort für eine ~Hand~
gewesen ist. Soll ein Eskimo weiter zählen, so hilft er sich damit,
daß er für sechs den ersten Finger der anderen Hand (~+arfinek+~ oder
~+igluane atausek+~), für sieben den zweiten Finger der anderen Hand
(~+arfinek mardluk+~) u. s. w. nennt. Ist er aber bis zehn gekommen,
so hat er keine Hand mehr zur Verfügung und muß daher mit den Füßen
aushelfen. Zwölf heißt also zwei Zehen des einen (~+arkanek mardluk+~
u. s. w.) und siebzehn zwei Zehen des anderen Fußes (~+arfersanek
mardluk+~ u. s. w.). So kann er bis zwanzig kommen, was er einen
ganzen Menschen zu Ende (~+inuk nâvdlugo+~) nennt. Hier haben die
mathematischen Begriffe vieler Eskimos ein Ende, aber wirklich
aufgeweckte Köpfe können noch weiter zählen und bezeichnen die Zahl
einundzwanzig mit einem Finger des zweiten Menschen (~+inûp áipagssâne
atausek+~) u. s. w. Achtunddreißig sind z. B. drei Zehen am anderen
Fuße des zweiten Menschen (~+inûp+ +áipagssâne arfinek pingasut+~),
und mit vierzig ist der zweite Mensch zu Ende (~+inûp áipagssá
nâvdlugo+~). So erreicht man hundert oder den fünften Menschen zu Ende,
dann aber kann selbst der begabteste Eskimo mit seiner Sprache nicht
weiter kommen.«
Dies ist, wie man begreifen wird, eine etwas schwerfällige Weise,
sich auszudrücken, wenn man sich oft in den hohen Zahlen über
20 bewegen soll, was früher dort oben selten vorkam, jetzt aber
durch die Einführung des Handels und des Geldes sich leider mehr
eingebürgert hat. Es ist daher auch ganz natürlich, daß die
Grönländer, trotz ihrer merkwürdigen Widerstandskraft gegen fremde
Worte, die dänischen Zahlworte auch für die niedrigen Zahlen
immermehr annehmen. Mit deren Hilfe können sie sogar über hundert,
von ihnen ~+untritigdlit+~ genannt, hinaus. Doch ich hege
den Verdacht, daß es ihnen noch immer schwer wird, eine so hohe
Zahl mit einem bestimmten Begriffe zu verbinden. Tausend nennen sie
~+tusintigdlit+~.
Die primitive Rechenmethode der Eskimos entspricht demjenigen der
meisten Naturvölker, da Finger und Zehen ja die natürlichsten
Hülfsmittel zu diesem Gebrauche sind. Auch unsere Vorfahren werden auf
ähnliche Weise gerechnet haben. Bei aller Unvollkommenheit ist es doch
ein großer Fortschritt gegen die australischen Stämme, die nur bis
drei, ja, eigentlich nur bis zwei zählen können und blos die Begriffen
»eins, zwei und viele« kennen. Daß auch die Vorfahren der Eskimos
einst auf dieser Stufe standen, deutet ihre ursprüngliche Grammatik
an, in der es einen +singularis+, einen +dualis+ und einen
+pluralis+ giebt; also grade wie im Gotischen, Griechischen,
Sanskrit, den semitischen und vielen anderen Sprachen.
Alle Reisenden sind einig im Lobe des Ortssinnes und der
topographischen Begabung der Eskimos. Als Kapitän ~Ommaney~ 1850
einen Eskimo vom Kap York bat, ihm die Küste zu zeichnen, nahm dieser
einen Bleistift, ein Ding, das er noch nie gesehen hatte, und zeichnete
die Küstenlinie längs des Smithsundes von seinem Geburtsorte nach
Norden mit verblüffender Genauigkeit auf. Er deutete dabei alle Inseln,
die größeren Hügel, Gletscher und Gebirge an und versah sie mit ihren
Namen.
Dem Kapitän ~Holm~ brachten die heidnischen Eingeborenen eine von
ihnen in Holz geschnitzte Karte der Ostküste von Angmasalik nach
Norden.
Für mein Empfinden haben die Grönländer ausgesprochen künstlerische
Anlagen, und wenn ihre Kultur sich wenig nach dieser Richtung hin
entwickelt hat, so ist dies, glaube ich, dem harten Kampf ums Dasein
zuzuschreiben, der ihnen dazu keine Zeit ließ. Ihre Kunst[45] besteht
wesentlich in der Verzierung der Waffen, Geräte und Kleidungsstücke mit
Mustern und Figuren, entweder in Holz- oder Knochenschnitzerei oder in
Lederstickerei. Die Figuren stellen oft Tiere, Menschen, Frauenboote
und Kajake vor, sind aber mehr darauf angelegt, dekorativ oder
symbolisch zu wirken, als wirkliche Nachbildungen der Natur zu sein, in
der Regel haben sie rein traditionelle Formen angenommen. Einige haben
auch religiöse Bedeutung und stellen z.B. den ~+tôrnârssuk+~
-- einen ihrer Geister übernatürlichen Wesens -- vor. Wenn sie
sich wirklich bestreben, die Natur nachzuahmen, zeigen sie einen
außergewöhnlichen Formensinn und große Geschicklichkeit, wovon man
sich überzeugen wird, wenn man die merkwürdigen Abbildungen sieht, die
Kapitän ~Holm~ von den Decken und dem Spielzeug auf der Ostküste
giebt.
Waffen und Geräte waren sicherlich eines der ersten Dinge, auf die
sich der menschliche Kunstdrang warf; noch früher aber war wohl der
menschliche Körper selbst sein Gegenstand. Ueberbleibsel dieser ersten
Kunstform finden wir auch bei den Eskimos, indem die Weiber ihren
Liebreiz dadurch zu erhöhen suchen, daß sie sich mit Lampenruß gefärbte
Fäden von Sehnen in geometrischen Figuren und Linien durch die Haut der
Arme und Beine, auch wohl der Brust und des Gesichtes ziehen.
Merkwürdigerweise scheinen die Grönländer eine Bildschrift, die, wie
viele meinen, zum Teil der Kunst zum Ausgangspunkt diente, nicht
gekannt zu haben; sofern man nicht die symbolischen Figuren ihrer
Ornamente so deuten will. Der einzige Versuch einer wirklichen
Bildschrift, den ich bei ihnen entdecken konnte, macht keinen
auffallend talentvollen Eindruck. Es war ein Brief an ~Paul Egede~
von einem Angekok. Er bestand schlechtweg aus einem Stocke, auf dem mit
Ruß und Thran Λ gezeichnet war. Der Angekok hatte dem Ueberbringer noch
nachgerufen: »Falls Pania Angekok nicht versteht, was ich meine, so
sage ihm, es bedeute ein paar Hosen, die ich vom Kaufmann haben will;
er wird es aber schon verstehen.«[46]
Eskimos, die groben europäischer Kunst und Darstellungsweise
gesehen haben, können wunderbare Dinge ausführen, ohne daß man sie
unterrichtete. Ein Grönländer, Namens Aron, wurde einmal krank und
durfte nicht ausgehen. +Dr.+ ~Rink~ sandte ihm ein paar
Schnitzmesser und einige ältere Holzschnitte. Im Bette liegend, begann
er nun die Sagen der Eskimos zu illustrieren, und er zeichnete nicht
nur seine Bilder, sondern schnitt auch die Clichés dazu in Holz.
Als Probe ihrer Fertigkeit in der Bildschnitzereikunst bringe ich
hier die Abbildung zweier in Holz geschnitzter Köpfe, die mir ein
Eingeborener von einer Ansiedlung im Godthaabdistrikte schenkte. Man
kann nicht im Zweifel darüber sein, daß der Künstler hier seine eigene
Rasse unsterblich gemacht hat.
In musikalischer Hinsicht sind die Grönländer recht begabt. Es ist
auffallend, wie leicht sie unsere Musik auffassen und wiedergeben,
sei es durch Gesang, den sie sehr lieben, oder auf der Violine, dem
Harmonium, der Handharmonika und anderen Instrumenten, die sie selbst
schnell spielen lernen. Dies ist um so auffallender, als ihre eigene
Musik, die bei den Trommeltänzen gebräuchlich war, wie die der meisten
Naturvölker eintönig und wenig entwickelt ist. Sie hat nur wenige
Töne, gewöhnlich nicht über fünf, ist aber trotzdem eigentümlich und
nicht uninteressant. Sie soll das Rauschen der Ströme nachbilden. Die
Ostgrönländer erzählten Holm, daß sie die Toten singen hören, wenn sie
an einem Flusse schlafen, und diesen Gesang versuchen sie
wiederzugeben.
Das Ursprüngliche ihrer Musik ging natürlich bei der Berührung mit den
Europäern mehr oder weniger verloren. Man hört dort jetzt auch viele
europäische Melodieen, und es wirkt recht überraschend, wenn droben
zwischen Felsen und Gletschern plötzlich Kopenhagener Gassenhauer, wie
»Gina, Du schöne Maid, willst Du nicht mit?« ertönen.
Die Grönländer haben einen großen Reichtum an Märchen und Sagen, von
denen viele sehr eigenartig sind. Nichts giebt einen so tiefen Einblick
in das ganze Seelenleben dieses Volkes, seine Anlagen, Gefühle und
Stimmungen, wie der Inhalt dieser Sagen und die Art, wie sie erzählt
werden. Man wird darin Darstellungskunst und Phantasie entdecken und
außerdem noch einen grotesken Humor, der jedoch natürlich oft in solche
Derbheiten ausartet, daß an Druck nicht zu denken war.
Außer dieser Sagendichtung und den Erzählungen merkwürdiger Thaten
hatten die Grönländer auch eine Poesie. Die Gedichte waren entweder
Spottlieder, die bei den oben erwähnten Trommeltänzen gesungen wurden,
oder Beschreibungen verschiedener Dinge und Begebenheiten.
Als der Trommeltanz bei der Einführung des Christentums abgeschafft
wurde, verfiel oder veränderte sich auch die Verskunst. Doch noch
immer dichten die Grönländer Lieder. Der Inhalt ist oft satirisch und
macht die Eigentümlichkeiten der Mitmenschen in mehr oder weniger
harmloser Art lächerlich. Derartige Lieder wurden auch auf einzelne
Mitglieder der Expedition gemacht, und ich hörte sie oft abends auf dem
Koloniewege diese Spottlieder singen, ohne daß es mir gelang, eines
davon zu erhalten. -- Auf +Dr.+ Rinks Veranstaltung wird seit 1861
in Godthaab ein grönländisches Journal »~+Atuagagdliutit+~«
herausgegeben. Es wird von ~Lars Möller~ gedruckt, einem
Eingeborenen, der in Kopenhagen war, um diese Kunst zu erlernen, und
der auch Bilder dazu zeichnet und lithographiert. Die Zeitschrift
erscheint alljährlich in zwölf Nummern und wird gratis verteilt;
die Kosten trägt die allgemeine Landeskasse. Der Inhalt besteht aus
Uebersetzungen aus dem Dänischen, sowie aus selbständigen Beiträgen von
Eingeborenen über ihren Fang, Reisen u. s. w. Dadurch ist dort oben
eine ganz neue Litteratur entstanden.
Ein paar groben von Erzählungen sollen bei dieser Gelegenheit
mitgeteilt werden. Die erste ist der Bericht des Eskimos Silas über
seine Reise von Umanak im Godthaabsfjorde nach dem Ameralikfjorde zur
Unterstützung der vier Mitglieder unserer Expedition, die dort im
Oktober 1888 zurückblieben, als Sverdrup und ich nach Godthaab reisten.
Der Kolonieverwalter ~Brummerstedt~ in Holstenborg hat die Güte
gehabt, den Bericht zu übersetzen. Die Uebersetzung ist eine möglichst
wortgetreue Wiedergabe des grönländischen Originaltextes. Ich muß noch
daran erinnern, daß der Verfasser ein gewöhnlicher eingeborener Fänger
ist, der weiter keine Bildung genossen hat, als den Unterricht, der
jetzt jedem dort oben zu teil wird.