von den Europäern, die Grönland von Osten nach Westen auf dem
Binneneise durchzogen, und von ihrer Ankunft in Ameralik und Godthaab
(geschrieben von Silas aus Umanak).
Ich will zuerst von unserer Reise nach Korkuk erzählen: Wir Grönländer,
die wir an den Fjorden wohnen, sind stets darauf bedacht, die Fuchsbaue
auszunehmen, damit wir durch den Fellverkauf ein wenig Geld in die
Hände bekommen. Ende September reisten wir, vier Mann hoch, nach
Korkuk. Nämlich ich, Peter, David und mein Pflegesohn Conrad. Conrad
hat im Monat Mai vom Vorstande einen Kajak erhalten. Als wir in Korkuk
angelangt waren, gingen David und ich den nächsten Morgen auf die
Renntierjagd, Peter und Conrad nach den Fuchsfeldern, wo sie wohl
Spuren, aber keine Füchse fanden. Da es auch sehr nach Regen aussah,
machten wir uns den folgenden Tag wieder auf den Weg nach Hause. Als
der Wind abflaute, gingen David und ich quer über die Bucht. Wir
sahen einen Fleckenseehund auftauchen, verfolgten ihn, schossen aber
mehrere Male vorbei, weil es zu hohe Dünung war. Da wir auch weiter
keinen Seehund sahen, ruderte David von mir fort zu den anderen auf
der entgegengesetzten Seite der Bucht, während ich dabei blieb, in
der Mitte zu rudern. Als ich mich unserem Wohnorte näherte, fiel es
mir auf, daß unterhalb der Häuser ein hölzernes Boot lag. Vor unserer
Abreise hatte ich gehört, daß die Missionare den Besuch des Verwalters
aus Godthaab erwarteten, sobald er in Kornok gewesen wäre. Er war auch
wirklich gekommen. Als ich am Ufer anlegte, entdeckte ich zwei Kajake,
die nur wenig über die Flutmarke hinaufgezogen waren. Nachher stellte
sich heraus, daß zwei Postbeamte in den Kajaken der Seminaristen
gekommen waren.
Sowie ich ausgestiegen war, kam auch schon mein Pflegesohn zu mir an
den Strand und erzählte mir, daß die Männer, die von der Ostküste
nach der Westküste über das Binneneis gegangen waren, glücklich am
Ameralikfjorde angekommen seien. Vier von ihnen wären noch dort in
der Bucht geblieben und zwei wären in einem Zeugboote in Godthaab
eingetroffen.
Als ich dieses hörte, erstaunte ich sehr und sagte gleich: »Hätte
ich sie doch nur im Sommer, als ich in Kapisilik Renntiere jagte,
getroffen!« (Wir hatten nämlich schon gehört, daß jemand die Reise über
das Binneneis wagen wollte.) Darauf sagte ich: »Wie haben sie nur in
einem Zeugboote vom Ameralikfjorde nach Godthaab reisen können? Die
ganze Küste besteht ja nur aus steilen, unzugänglichen Felswänden. Das
ist sehr merkwürdig, wir Grönländer würden den Weg nie in einem solchen
Fahrzeuge zurückgelegt haben.«
Ich ging dann in mein Haus, zog den Fellpelz und die Hosen aus und
begann zu essen. Bald darauf klopften Kinder an die Fensterscheiben
und riefen mir zu, ich solle zu Otto (dem Missionar) kommen. Ich zog
schnell die Hosen wieder an, aber die Kinder riefen mir da durch das
Fenster zu, daß Otto schon im Begriffe sei, in mein Haus einzutreten.
Da es zu lange gedauert haben würde, wenn ich noch meinen Anorak
angezogen hätte, ging ich in Hemdärmeln hinaus und traf ihn neben
meinem Hauseingange. Als ich heraustrat, sagte er zu mir: »Du kennst ja
den Weg nach dem Ameralikfjord. Da die vier Europäer dort zu bedauern
sind, sollt Ihr, Du und Peter, der Kajakmann des Vorstehers, ihnen
Proviant bringen. Mache Dich also schnell fertig.«
Da ich, wie gesagt, eben erst nach Hause gekommen war, hatte ich gerade
keine besondere Lust, gleich wieder abzureisen, sagte aber schließlich
doch ja. Es regnete sehr stark, und als die Uhr nachmittags vier war
und ich Kaffee getrunken hatte, ging ich, während ich auf die Briefe
wartete, in das Zelt der Besatzung des Vorstehers, um etwas Neues zu
hören, und der Steuermann erzählte mir, daß zwei von der Expedition
Lappen seien. Ich hatte wohl, als ich noch zur Schule ging, von einem
Volke namens Lappen gehört, aber von seinen Sitten und seinem Aussehen
wußte ich nichts.
Als die Briefe fertig waren und wir (Peter und ich) den Proviant,
Spiritus u. s. w. in unsere Kajake gestaut hatten, fuhren wir ab, um
womöglich noch vor Einbruch der Nacht das Lothaus zu erreichen, denn
es regnete zu heftig, als daß wir unter freiem Himmel hätten liegen
können, und es giebt doch keine großen Steine mit Erdlöchern darunter,
unter denen man schlafen kann.
Als es anfing, dunkel zu werden, landeten wir dort und gingen in das
Haus. Da aber das Dach nicht dicht war, rann der Regen in die Stube.
Ich hatte glücklicherweise einen Kaffeekessel und eine Untertasse bei
mir. Die Untertasse benutzten wir als Lampe und legten uns dann nieder,
um zu schlafen, so gut wir konnten.
Am andern Morgen kochten wir Kaffee, und sobald es hell war, fuhren wir
weiter.
Als wir in Itivdlek angelangt waren, trugen wir erst den mitgenommenen
Proviant u. s. w. über Land nach der unserem Landungsplatze
entgegengesetzten Seite der Landzunge. Dann nahmen wir unsere Kajake
auf den Kopf und trugen sie auch dorthin, um uns den Umweg um die
Landzunge herum zu sparen. Wir dachten vor Abend in den Ameralikfjord
hineinzukommen, da aber der Südwestwind immer stärker wurde und die
See hoch ging, kamen wir nur bis an die Nordseite von Kingak; denn ich
wagte nicht um die Kingakzunge herumzurudern, weil ich nicht genau
wußte, wie sie bei Sturm zu passieren ist, und da mir bekannt war, daß
es in der Nähe keine Stelle giebt, wo wir hätten landen können, wenn
uns der Wind zu stark wurde.
Wir fanden eine Felsenhöhle, krochen hinein und schliefen dort.
Als es anfing hell zu werden und das Wetter einigermaßen still war,
fuhren wir ab, nachdem wir unseren letzten Kaffee getrunken hatten.
Nach längerem Rudern kamen wir endlich über die Landzunge, vor der
ich mich am meisten gefürchtet hatte, hinaus und wandten uns wieder
dem Lande zu. Weil mein Begleiter diesen Weg noch nie gesehen hatte,
sagte ich ihm, wie die einzelnen Berge heißen und welchen Weg wir
einzuschlagen pflegen, wenn wir auf die Renntierjagd gehen.
Wir wußten nichts Bestimmtes über den Aufenthaltsort jener Leute, und
ich hielt es für das Wahrscheinlichste, daß sie an einem der Zeltplätze
am tiefsten Einschnitte der Bucht zu treffen wären. Deshalb ruderten
wir den Fjord hinauf und feuerten, als wir dicht bei Ivigtussok waren,
vier Schüsse ab, die aber nicht beantwortet wurden. Wir ruderten nun
gleichmäßig weiter, -- (trafen zwei Seehunde, wollten sie schießen, es
glückte uns aber nicht, auf Treffweite heranzukommen, da es zu windig
war), -- bis wir das Binnenende des Fjordes erreichten, und gaben dann
wieder einige Schüsse ab, die auch nicht beantwortet wurden, worauf wir
zu fürchten begannen, daß wir die, welche wir suchten, nicht treffen
würden.
Bald darauf glaubten wir einen Schuß zu hören, wie wir meinten von
Umiviarssuit her. Ich sagte deshalb zu meinem Begleiter: »Laß uns hier
bei Umiviarssuit landen und erst die andere Seite des großen Flusses
absuchen, ob wir sie nicht dort finden, es wäre ja möglich.«
Nachdem wir unsere Kajake durch den Uferschlamm auf das feste Land
gezogen hatten, nahm ich den Brief und meine Flinte; Peter nahm die
seine auch mit, damit wir Signalschüsse abgeben konnten. Als ich wieder
einmal geschossen hatte (Peters Gewehr war naß und dadurch unbrauchbar
geworden), hörten wir endlich einen Schuß in der Nähe und gewahrten
große Stiefelspuren; da wir nun nicht mehr daran zweifelten, daß
wir die Gesuchten finden würden, waren wir wieder bei guter Laune,
namentlich deswegen, weil wir nun die Lappen sehen würden. Doch als wir
weiter gingen, fanden wir auch Grönländerspuren. Wir hatten geglaubt,
wir würden die ersten sein, die zu ihnen kämen, erfuhren aber später,
daß kurz vor uns zwei andere Grönländer bei ihnen angelangt waren. Bald
darauf sah Peter ein Zelt, vor dem Leute standen. Er rief Hurrah, und
ich schoß vor Freude mein Gewehr ab. Dann suchten wir nach dem besten
Wege zum Zelt hinunter und wurden dabei auf Grönländisch angerufen:
»~Amuinak~.« (Kommt geraden Wegs herunter.) Wir erkannten die
beiden Grönländer, es waren der Vorsteher Terkel und sein jüngerer
Bruder Hoseas aus Sardlok, die eben auch mit Proviant angekommen waren.
Wir sahen die beiden Norweger und die beiden Lappen eine Mahlzeit
verzehren und von dem ihnen gesandten Kaffee trinken. Sie saßen an
einem gedeckten Tisch und benutzten dazu einen ihrer Schlitten.
Als wir bei ihnen ankamen, reichte ich dem einen den Brief, und sowie
er ihn in der Hand hatte, gab er ihn dem Manne, der am weitesten von
ihm entfernt saß (Kapitän Dietrichson).
Endlich sahen wir nun die Lappen, nach denen wir uns so gesehnt hatten.
Wir wunderten uns über ihren Anzug, denn solche Kleidung pflegen die
Europäer, die in unser Land kommen, nicht zu tragen. Ihr Schuhzeug
glich Schlittschuhen, die Spitzen waren aufwärts gekrümmt, die Stiefel
des einen hatten Sohlen, wie die Grönländer sie an ihren haben. Der
Aeltere der beiden Lappen hatte Sohlen von Renntierknochen, ebenfalls
mit gebogener Spitze. Sie trugen Renntierfellhosen, die sehr stramm
saßen, darunter weißwollene Unterhosen, und hatten in ihren Röcken so
viele Taschen, daß sich die ganze Vorderseite als Versteck benutzen
ließ. Sie trugen auch Halstücher an deren beiden Enden sich je ein
Versteck (Tasche) befand.
Der jüngere, Samuel Balto, trug eine hohe Mütze mit vier Hörnern, in
denen Federn steckten, und einem roten Bande um die Mitte. Der ältere
Lappe, Ole Ravna, hatte eine lange, rote Mütze, die immer spitzer wurde
und in einer Troddel endete.
Als die Briefe, die der Verwalter und Otto uns mitgegeben hatten,
gelesen waren, bekamen wir zu essen und auch Kaffee, der uns ein großer
Genuß war. Darauf folgten wir ihnen in das Zelt, um mit ihnen zu reden.
Als wir hörten, daß sie Bücher hätten, suchten wir eins davon aus, das
auf Dänisch und Grönländisch gedruckt war, und zwei ebenso beschriebene
Zettel. Indem wir diese benutzten, gelang es uns zuletzt, ihnen
begreiflich zu machen, was wir ihnen mitgebracht, und sie zu bitten,
uns die Sachen holen zu helfen, da wir nicht alles allein tragen
könnten.
Da Terkel und sein Bruder nach Godthaab mußten, sollten Peter und
ich die Ankunft des Bootes, das die vier Männer auch dorthin bringen
sollte, abwarten. Otto hatte mir allerdings gesagt, ich solle gleich
wieder nach Umanak zurückkehren, aber ich wollte lieber warten und die
Fremden nach Godthaab begleiten, da ich dann höher bezahlt werden
würde.
Nachdem wir den beiden, die uns beim Holen der mitgebrachten Sachen
helfen sollten, ein Zeichen gegeben hatten, gingen wir mit ihnen,
Terkel und seinem Bruder an den Strand und packten dort unsere Vorräte
aus. Die beiden freuten sich sehr über die Sachen, und wir hatten ihnen
ja auch vielerlei mitgebracht, unter anderem fünf Roggenbrote und zwei
Flaschen, in welchen Wein war.
Als wir umkehrten, um alles ins Zelt zu tragen, wünschten wir erst
Terkel und seinem Bruder eine glückliche Heimreise und verließen sie
dann. Da wir an eine Spur kamen, erzählte ich Kristiansen und Samuel
Balto (dem Lappen), daß die Spuren von mir und meinen Gefährten auf
der Sommerreise herrührten, als wir hier im Juli Renntiere jagten. Ich
zeigte ihnen auch die Akuliarusiarssukberge und sagte ihnen, daß meine
damaligen Reisegefährten Conrad und Fredrik hießen und wir dort fünf
Renntiere geschossen hätten.
Als wir wieder an das Zelt kamen, fing der Lappe an, Hurrah zu rufen,
und ich stimmte mit ein. Als der Herr (Kapitän Dietrichson) sah, was
wir mitgebracht hatten, schien er sich auch sehr zu freuen, und nun
wurde alles ins Zelt getragen, worauf sie sofort anfingen, in einem
großen Topf Kaffee zu kochen.
Als der Kaffee fertig war, tranken wir ihn und aßen uns satt; nachher
tranken wir Punsch. Als sie müde waren, sagten sie, wir sollten mit ins
Zelt kommen, und gaben uns dort einen Schlafsack, in dem drei Männer
liegen konnten, und in diesem sollten wir mit dem alten Lappen
schlafen.
Peter aber wollte nicht mit ihm zusammen im Sacke liegen, und ich
war auch ein bischen abergläubisch (bange), mit Lappen zusammen zu
schlafen; das kommt davon, weil wir Grönländer sonst nie mit Europäern
zusammenliegen.
Als Peter durchaus nicht wollte, kroch ich allein in den Sack, konnte
aber lange nicht einschlafen, teils weil der Lappe (mein Schlafkamerad)
sehr tief atmete, teils weil wir so viel lachten und die drei in dem
anderen Sacke sich immerzu neckten. Als sie endlich still waren,
schliefen wir auch ein.
Als wir am nächsten Morgen aufgewacht waren, gegessen und Kaffee
getrunken hatten, wollte ich gern auf die Renntierjagd gehen, denn das
Wetter war gut, und ich mag nicht faullenzen. Da Peter sagte, er habe
noch nie ein Renntier gesehen, wollte ich ihn mitnehmen, er aber wollte
nicht mitkommen, weil sein Gewehr noch nicht trocken war. Ich ging also
allein im Laufe des Vormittags, obwohl es ein Sonntag, der siebente
Oktober, war. An meinem Winterwohnorte Umanak wäre ich an einem solchen
Tage schwerlich auf Erwerb ausgegangen, aber ich wollte den Fremden
gern etwas Fleisch verschaffen, wenn es auch nur ein Hase wäre.
Im Gehen fiel mir ein, daß es Sonntag und der Feiertag ja Gott dem
Herrn geweiht sei, und ich betete da schnell: »Gieb uns unser täglich
Brot« u. s. w. Möchten doch alle Christen, wenn sie auf Erwerb
ausgehen, ohne Bedenken also beten! Ich erklomm langsam den Berg, und
als ich beinahe oben angelangt war, sah ich in eine Spalte hinein und
meinte, dort etwas niedergeduckt sitzen zu sehen. Da ich glaubte,
es seien Renntiere, blieb ich eine Zeitlang still sitzen und guckte
hinunter. Als sich dort aber gar nichts rührte, zweifelte ich an der
Richtigkeit meiner Vermutung und begann hinabzuklettern, um zu sehen,
was es eigentlich war; als ich weiter unten war, sprang eine ganze
Herde auf, darunter ein sehr großer Bock mit seinen Kühen und mehrere
andere. Ich ärgerte mich so über mich selbst, daß ich sagte: »Ich
Dummkopf, weshalb habe ich die Augen nicht aufgemacht, nun habe ich mir
durch meine Blindheit wieder selbst geschadet!«
Sie liefen anfangs ziemlich schnell, blieben aber bald stehen. Ich
verhielt mich ganz ruhig und behielt sie im Auge. Nach einer Weile
liefen sie den Berg, auf dem ich mich befand, hinunter. Als sie mit
allen Kälbern vorbeigelaufen waren, ging ich hinterdrein, um zu sehen,
wo sie blieben, und sah sie nun unterhalb des gegenüberliegenden
Berges. Als sie näher kamen, die Leitkuh in ziemlicher Entfernung von
mir voran, und der Bock, mir etwas näher, hinterdrein, schoß ich auf
diesen, obwohl ich die Kuh lieber gehabt hätte, und traf ihn. Aber die
Kugel verletzte ihn nur am Bug. Ich lud zum zweiten Male, lief ihnen
nach und traf ihn nun so, daß er tot hinfiel; um die übrigen Renntiere
kümmerte ich mich nicht mehr, da ich glaubte, sie doch nicht einholen
zu können.
Als ich das Tier abgehäutet und einen Teil des Fleisches unter Steinen
versteckt hatte, wickelte ich das, was ich mitnehmen wollte, in das
Fell und machte mich auf den Heimweg, ohne mich weiter umzusehen, ob
noch andere Renntiere in der Nähe seien. Unterwegs sah ich erst ein
großes weißes und dann noch ein sehr großes braunes Renntier über
den Weg laufen. Beide aber schienen mir zu weit entfernt, um sie zu
schießen.
Als ich unten am Berge ankam, war es schon Nachmittag geworden. Als ich
mich dem Zelte näherte, wollte ich erst einen Schuß abfeuern, wie wir
Grönländer zu thun pflegen, wenn wir ein großes Renntier erlegt haben.
Da die im Zelte aber Europäer waren und ich nicht viel Pulver hatte,
ließ ich es sein. Draußen vor dem Zelte war niemand, weshalb ich mich
ruhig verhielt. Peter kam zuerst heraus, und als er mich sah, fragte
er, ob ich ein Renntier hätte, und als ich diese Frage bejahte, ging
er in das Zelt und verkündete dort die Neuigkeit, so gut er es konnte,
worauf sie alle herauskamen und mich anstarrten.
Ich trat nun zu ihnen hin, und sie freuten sich sehr, ja
außerordentlich, als ich ihnen eine Keule gab und sagte, sie sollten
sie kochen. Leutnant Dietrichson gab ich etwas Mark und Fett, weil ich
gemerkt hatte, daß er anfing, mich lieb zu haben. Als ich gegessen
und Kaffee getrunken hatte, erzählte mir der alte Lappe, der das
Renntierfleisch kochte, daß er selbst dreihundert Renntiere besitze.
Obwohl es noch lange nicht gar war, aßen sie schon davon und wollten,
daß Peter und ich mit aus dem Topfe essen sollten. Ich gab ihnen noch
mehr Fleisch, das auch gekocht wurde, und so weiter, bis keiner von uns
einen Bissen mehr essen konnte.
Als wir uns schlafen legten, fingen sie wieder an sich gegenseitig zu
necken, und da ich sehr müde und schläfrig war, sagte ich zu Peter:
»Nun fangen sie wieder an und ich bin so müde; sie müssen doch wissen,
daß heute Sonntag ist.« Und ich sagte zu ihnen: »Heute ist Feiertag!«
Als sie endlich schwiegen, stimmten Peter und ich Kirchenlieder an, die
wir gelernt hatten. Da waren sie mäuschenstill, und der jüngere Lappe
sang auch ein frommes Lied.
Als wir erwacht waren, gingen Peter und ich aus, um den Rest des
Renntierfleisches zu holen, und als wir uns dem Zelte wieder näherten,
hatte sich der Himmel schon wieder bezogen. Wir legten das Fleisch in
unsere Kajake, aber sowie wir dort anlangten, kamen uns auch die beiden
Lappen nach, und ich gab ihnen noch ein großes Stück zum Kochen und
ging mit ihnen nach dem Zelte. Nachher erhielten sie auch noch den
Rücken und den Hals des Renntiers zum Verspeisen.
Der Aufenthalt dort wurde uns aber gründlich verleidet, da es zu
regnen begann und durchaus kein Boot kommen wollte, um uns zu holen.
Was uns am meisten verdroß, war, daß unser Schuhzeug, obwohl wir zwei
Paar mitgenommen hatten, ganz entzwei war, so daß wir zuletzt Kamiker
anziehen mußten, die auf denselben Fuß zugeschnitten waren.
Wir begannen schon davon zu sprechen, daß wir, sowie das Wetter es
erlaubte, sehen wollten, aus dem Fjord herauszukommen, und wir sagten
den Europäern, wir wollten die Nacht in unseren Kajaken zubringen, weil
wir des Morgens nicht so lange schlafen möchten, wie sie es zu thun
pflegten, da dieses bei uns Grönländern weder Sitte, noch Brauch sei.
Da sie auch nichts dagegen einwendeten, gingen wir an den Strand, um in
unseren Kajaken zu schlafen.
Als wir am nächsten Morgen ins Zelt kamen, fragten sie, ob wir gut
geschlafen hätten, und als wir ja sagten, bedankten sie sich. Nach
dem Abendessen sagten wir gute Nacht und gingen wieder an den Strand,
fest entschlossen, am nächsten Morgen, falls das Wetter es erlaubte,
abzufahren, da es uns zu ungemütlich war, auf Schuhen in solchem
Zustande herumzulaufen.
Das Wetter war am nächsten Morgen denn auch sehr schön, der Himmel klar
und blau, und wir machten uns reisefertig, stauten das Fleisch fort u.
s. w. Da hörten wir plötzlich draußen auf dem Fjord einen Schuß, gerade
als die Sonne aufging. Wir wußten nicht genau, ob wir recht gehört oder
nicht, aber bald darauf hörten wir wieder einen und dann noch mehrere.
Ich beantwortete sie mit meiner Flinte, eilte nach dem Zelte und sah
von dort hinten auf dem Fjorde zwei Boote mit einer ganzen Menge
Menschen.
Dieser Anblick machte uns sehr froh, da wir schon gefürchtet hatten,
daß sie ausbleiben würden.
Als wir alle versammelt waren, konnten wir ein Boot und ein Frauenboot
erkennen und freuten uns, weil wir nun ja wußten, daß wir alle nach
Godthaab kommen würden. Der Lappe Balto kochte Kaffee, und als dieser
fertig war, trank ich davon und wollte gehen. Doch da Peter mich
zurückrief, kehrte ich wieder um. Es stellte sich heraus, daß sie
wünschten, ich sollte erst mit ihnen allen essen. Wir aßen uns denn
auch gehörig satt und tranken Kaffee dazu.
Als sie sich zur Abreise rüsteten und die Bootsleute alle Sachen an
den Strand trugen, gingen wir wieder nach unseren Kajaken. Nachdem wir
dort alles reisefertig gemacht, sah ich mich nach den Booten um und
entdeckte, daß sie schon über den Fjord fuhren. Wir ruderten ihnen nach
und erreichten nun die entgegengesetzte Seite (Sonnenseite) der Bucht.
Dort trank die Besatzung wieder Kaffee und aß, worauf wir die Reise
fortsetzten, denn, obgleich die Ruderer die ganze letzte Nacht nicht
geschlafen hatten, wollten sie doch weiter. Erst als wir bei +Nûa+
(Landspitze) waren, erklärte die Besatzung des Frauenbootes, daß sie
dort Zelte aufschlagen und übernachten wollten, hauptsächlich, weil der
Fellbezug ihres Bootes zu naß geworden. Das Boot war zu lange im Wasser
gewesen, ohne daß sie es zwischendurch hatten trocknen lassen, und wir
meinten alle, es wäre gefährlich, das Boot nicht ein wenig trocknen zu
lassen und die Löcher im Bezuge nicht zuzunähen. Ich blieb die Nacht
über da, um ihnen am Abend das Boot ans Land ziehen und es am Morgen
wieder ins Wasser bringen zu helfen.
Um Mitternacht ging ich aus dem Zelte ins Freie und sah, daß es
windstill war. Es schien mir am besten, abzureisen, während Stille
herrschte, weshalb ich die anderen weckte und ihnen sagte, es sei
besser, jetzt zu fahren. Während der Kaffee gemacht wurde, beluden wir
das Boot und reisten dann weiter.
Bald darauf näherten wir uns Nunangiak, und der Wind fing jetzt an,
sich ein wenig aufzunehmen. Als sie nachher bis Tuapagssuak gekommen
waren, ging ich voraus, um nachzusehen, wo das Holzboot geblieben war,
da ich nicht wußte, wo jene sich befanden, ob sie die Reise fortgesetzt
oder für die Nacht Zelte aufgeschlagen hatten. Ich hatte nämlich schon
Heimweh, ich war ja auch lange von Hause fort. Im Sommer bin ich ja
manchmal ziemlich lange fort, wenn ich auf Erwerb ausgehe, habe dann
aber stets einen Kameraden aus meinem Orte, der mich begleitet. Als
es ganz hell zu werden begann und ich nach Tuapârssunguit gelangte,
erblickte ich dort das Boot und ein Zelt. Sie waren eben aufgestanden,
und als ich am Ufer anlegte, kam Peter zu mir hinunter und zog mich
aufs Land. Er erzählte mir, daß Thee gemacht werde. Es war ja auch sehr
kalt und wehte sehr frisch östlich von Ameralik her. Wir tranken nun
Thee und aßen, und die Europäer freuten sich, als sie mich wiedersahen.
Nachdem wir gespeist hatten, fuhren wir ab, und als wir Kingigtorssûp
erreichten, fingen Kristiansen und ich an, uns anzulachen, weil wir
jetzt hofften, noch an demselben Tage in Godthaab zu sein. Als wir an
die Landspitze von Urkusigssap kamen, gingen Peter und ich voran, um
dem Führer der Expedition einen Brief zu bringen, den sie geschrieben
hatten. Als wir uns Godthaab näherten, vermuteten die Einwohner dort,
daß wir kämen, weshalb sie sich versammelten.
Als wir anlegten und ihnen sagten, daß die anderen in der Nähe seien,
kamen immer mehr Leute herbei. Die Grönländer sehnten sich am meisten
nach den Lappen, und als sie hörten, daß ich ein großes Renntier
geschossen, wurden sie ganz eifrig, und ich hörte von ihnen allen
nichts weiter als Rufe nach einem Stückchen Talg.
Als Peter nach seinem Hause ging, begleitete ich ihn. Ich beneidete ihn
darum, daß er schon so weit war. Dort tranken wir Kaffee und gingen
dann zum Verwalter, weil wir glaubten, wir würden gleich bezahlt
werden. Bald darauf hörten wir rufen, daß die Lappen sich näherten
(d. h. von den Häusern aus gesehen werden könnten), und ich ging nun
nach dem Hause des Vorstehers Lars Heilman, bei dessen Frau ich Kaffee
trank. Ich pflege nämlich in diesem Hause zu schlafen, wenn ich in
der Kolonie übernachte. Nachdem ich Kaffee getrunken hatte, ging ich
mit all den anderen Menschen hin, um sie am Ufer anlegen zu sehen. Da
sich die Europäer und die Grönländer versammelt hatten, stand dort
eine große Menschenmenge. Nach und nach kam das Frauenboot, das die
Sachen der Reisenden brachte, und da sie auch mein Renntier in das
Boot gelegt hatten, ging ich näher ans Ufer hinan, um mein Eigentum in
Empfang zu nehmen. Nachdem ich etwas davon an die Grönländer verteilt
hatte, verkaufte ich den Rest vorteilhaft. Für das Fleisch, das die
Europäer im Fjorde verzehrt hatten, erhielt ich fünf Kronen, für die
Reise dorthin zwanzig Kronen, für den Renntierkopf drei Kronen und
für das Fell vier Kronen und fünfzig Oere. Für den Rest erhielt ich
ungefähr achtzehn Kronen.
Als ich alles Geld erhalten hatte, dachte ich stark daran, mir einen
Stutzen zu kaufen. Dies war lange meiner Wünsche Ziel gewesen, aber ich
hatte bisher nicht genug gehabt, um ihn mir kaufen zu können. Ich habe
freilich einen alten Stutzen, 1874 tauschte ich die Schrotflinte des
Volontärs (Irmingers, der im Kajak umkam) gegen ein älteres Stutzgewehr
aus. Diesen Irminger (der im Kajak umkam) werden die Südgrönländer
gewiß noch kennen. Als er umkam, war ich bei ihm.
Ich kaufte mir also einen Stutzen und werde den alten meinem
Pflegesohne geben, damit er sich im Schießen üben kann. Er ist 17 Jahre
alt, und für uns, die wir am inneren Ende der Fjordes wohnen, ist es
wichtig, ein Gewehr zu haben, sowohl der Renntiere, wie der Seehunde
und anderer lebender Wesen halber. Ich übernachtete in Godthaab, aber
ich war nicht recht vergnügt, da mich die Mitglieder der Expedition
immer quälten, ihnen das Fell des Renntieres, das ich geschossen hatte,
zu verkaufen, während ich es eigentlich am liebsten selber behalten
hätte, da es ein Schönes, dichtes Fell war, auf dem es sich im Winter,
wenn es kalt ist, gut liegt. Ich erlegte ja allerdings im August ein
großes Renntier, doch sein Fell war so dünn, daß ich es nicht als
+kâk+ (Unterlage auf der Pritsche) zurechtmachen ließ. Als sie
dreimal gekommen waren, um es zu kaufen, mochte ich nicht länger nein
sagen und verkaufte es ihnen. Ich sagte dann dem Verwalter, ich wolle
einen Stutzen kaufen, und bekam auch einen. Als ich mit dem Einkaufen
fertig war, wollte ich abreisen, da ich mich sehr danach sehnte, nach
Hause zu kommen. Aber der Nordostwind zwang mich, noch eine Nacht in
der Kolonie zu bleiben, da ich bei Kasigianguit nicht vorbeizugehen
wagte, teils des Windes wegen, teils, weil ich so vielerlei im Kajake
mitnehmen mußte. Am Morgen des nächsten Tages war, als ich aufstand,
besseres Wetter, und der Wind hatte sich gelegt. Ich fuhr dann über den
Ausbau Kôrnok nach meinem Wohnorte.
* * * * *
Die folgende Erzählung ist für den noch immer starken Aberglauben der
Eskimos bezeichnend und auch für das nächste Kapitel von Interesse.
Frau Signe Rink hat mir die Uebersetzung zur Verfügung gestellt.
»Endlich komme ich nun mit dem, was ich schon so lange zur
›Unterhaltungslektüre‹ beitragen wollte. Ich gebe nicht viel, aber was
ich gebe, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Es handelt von
den komischen Bräuchen beim Bärenfang in gewissen südlichen Gegenden,
welche Sitten kaum anderswo bekannt sind. Es war im Jahre 1882-83
bei ~Augpilagtut~ unweit ~Pamiagdluk~[47]. Bei Augpilagtut stehen
zwei Grönländerhäuser. In einem wohnen drei Seehundsfänger mit ihren
Familien, nämlich ~Benjamin~ mit dem Beinamen ~Akâtit~, ~Isak~, der
auch ~Umangûjok~ heißt, und ~Moritz~. Im andern lebt Matthäus, den wir
meistens ~Ulivkakaungamik~ oder den »Vollgepfropften« nennen, weil
»vollgepfropft« seine stehende Redensart ist. Er war damals schon über
Siebzig, aber doch noch ein guter Fänger, und hatte überdies wiederholt
ganz allein einen Bären erlegt.
Es begab sich an einem Sonntag, an dem die anderen Fänger alle in See
waren, daß wir, die Daheimgebliebenen, in Matthäi Hause Betstunde
hielten. Nach der Betstunde kam Benjamins Sohn, der gleich nach
beendetem Gottesdienste ins Freie gegangen war, hereingestürmt und
sagte: ›Draußen steht ein Bär und frißt unsern Speck auf!‹
Diese Nachricht erschreckte mich eben so sehr, wie sie mich erfreute;
der alte Matthäus aber zitterte förmlich vor Freude und rief: ›Bedankt
sei, wer eine so gute Nachricht bringt! Ich will gleich hinaus und
den Bären totstechen!‹ Ich sah ihn an und glaubte, er würde sich nun
schnell ein passendes Werkzeug dazu aussuchen, ein langes Messer
oder etwas dergleichen, aber weit gefehlt! Die Waffe, mit der er sich
versehen hatte, guckte kaum aus seiner geballten Hand hervor. ›Was soll
das bei dem Pelze und der dicken Speckschicht des Bären nützen,‹ dachte
ich. Uebrigens erlaubten die Frauenzimmer des Hauses ihm nicht, sich
mit dem Bären einzulassen, und klammerten sich alle an ihn an, um ihn
zurückzuhalten, und ich half ihnen dabei. Sie (die Frauenzimmer) lösten
auch alle ihre Haarknoten auf und schüttelten ihr Haar aus, damit der
Bär sie für Männer halten und zurückhaltender sein sollte. Unsere
heidnischen Vorfahren trauten dem Bären nämlich Menschenverstand zu.
Da wir fürchteten, es könne dem Bären einfallen, durch die
Darmhautscheiben ins Zimmer zu steigen, mußte ich darauf bedacht sein,
mir irgend eine Waffe zu verschaffen, und fragte deshalb nach der Axt.
Natürlich aber hatten sie die Axt den Leuten im anderen Hause geliehen.
Da erblickte ich ein Krummmesser, das auf dem ~Ipak~[48] neben der
Thranlampe lag, und ergriff es zugleich mit einem Holzstabe von einem
Kajakkiele, den ich als Schaft an dem Messer befestigen wollte. Kaum
aber hatte ich beides in der Hand, als mir jemand von hinten zurief:
›Gieb her, ich habe doch noch ganz andere Kräfte als Du!‹ Es war kein
andrer, als die verwitwete Tochter des alten Matthäus. Sie entriß mir
beide Teile.
Jetzt schlug die Wanduhr[49] Elf, und gleich würde der verwünschte Bär
gieriger aussehen. Ich lief gleich hin, um das Schlagwerk anzuhalten,
machte es aber in der Aufregung ungeschickt; der Spektakel wurde immer
größer, bis ich mich endlich soweit gefaßt hatte, daß ich das Lot
abhaken und das Geräusch dämpfen konnte. Die Frauen hingen noch immer
an Matthäus, um ihn zurückzuhalten. Da begann plötzlich die Mutter
des Jungen, der uns die Ankunft des Bären gemeldet hatte, ihre Hosen
bis übers Knie hinabzuziehen und schwankend im Kreise herumzugehen,
wobei sie ein paar Heuhalme zusammenflocht. Dies geschah, wie die
anderen sagten, um die Kraft des Bären zu schwächen und ihn leichter
zum Umfallen zu bringen. Unterdessen gelang es dem alten Matthäus sich
loszureißen, ich lief ihm nach und holte ihn ein, als er noch nicht
ganz aus dem Gange heraus war. Er tuschelte und flüsterte mir zu: »Sei
still -- er geht jetzt nach der See hinunter.«
Matthäus hatte seine Flinte im Kajak auf dem zur Ebbezeit freiliegenden
Strande, und als der Bär am Kajak vorübergegangen war, kroch der Alte
vorsichtig auf allen Vieren auch dorthin. Ich blieb vor dem Hause
stehen und sah von dort aus, wie sich der Bär auf einmal brummend nach
ihm umdrehte, und dies erschreckte mich so, daß ich in das andere
Haus flüchtete und dort in der Eile buchstäblich zur Thür hereinfiel.
Während ich auf dem Fußboden alle Viere von mir streckte, sah ich
durchs Fenster[50], wie der Bär und Matthäus einander unverwandt
anstarrten und nur noch der Kajak zwischen ihnen war, Matthäus Fratzen
schneidend und der Bär tief brummend, mit weitaufgerissenem Rachen
und sichtlich entschlossen, gleich zuzubeißen. Matthäus stemmte den
Fuß fest gegen den Kajak, legte an, ohne die Augen ein einziges
Mal von dem Bären abzuwenden, und drückte dann ab. Jetzt eilte ich
hinaus und sah ihn das Tier mit der Seehundslanze durchbohren, darauf
rief er laut nach dem Hause hinauf, wir möchten so gut sein, uns
unseren ~+Ningek+~ (Schmackhappen) zu holen. Die gerufenen
Frauenzimmer blieben im Eifer, an einander vorbeizukommen, in dem engen
Teil des Hausganges stecken und demolierten ihn zum Teil. Als sie bei
dem Bären ankamen, tauchten sie die Hände in seine Todeswunde und
tranken von dem warmen Blute, wobei jede gleich den Teil des Tieres,
den sie geschenkt haben wollte, nannte. Dann kam endlich die Reihe
an mich, von dem Blute zu trinken, was ich auch that, indem ich mir
den einen Schinken als Anteil ausbat. Da wurde erklärt, daß alles,
was Gliedmaßen heiße, schon versprochen sei und ich überdies versäumt
hätte, den Bären gleich bei meiner Ankunft anzurühren. Es war wirklich
dumm, daß ich daran nicht gedacht hatte. Die Mutter des Knaben, der den
Bären zuerst gesehen hatte, eilte nun ins Haus und kam mit einer Tasse
Wasser wieder, aus der wir alle einen Schluck trinken mußten, obgleich
keiner von uns durstig war; hierdurch sollte ihr Sohn beständiges
Glück auf der Bärenjagd gewinnen, und das Bluttrinken hatte dem ganzen
Bärengeschlechte zeigen sollen, daß die Menschen seine Todfeinde sind.
Ehe der Bär zerlegt wurde, klopften alle auf seinen Pelz und riefen:
»Du bist fett, fett, schön fett!« Doch das geschieht nur, weil aus
Höflichkeit angenommen wird, daß der Bär wirklich fett sei. Als wir
dem unseren aber zu Leibe gingen, stellte es sich heraus, daß er ein
wirklich außergewöhnlich mageres Tier war.
Als der Kopf ins Haus gebracht wurde, ging ich mit, da ich wußte, daß
mit ihm allerlei Künste würden vorgenommen werden. Er wurde dann auch
zuerst auf den Ipak gestellt, mit dem Gesicht nach Südosten, worauf
man ihm das Maul und die Nasenlöcher mit Lampenfettabfall und Speck
verstopfte und ihm schließlich den Schädel mit allerlei Kleinigkeiten,
wie zugeschnittenen Schuhsohlen, Sägespänen, Messern, Glasperlen u.
dergl. verzierte. Die südöstliche Richtung giebt den Weg an, auf
dem die Bären mit dem »großen Eise« um die Südspitze des Landes
herumzukommen pflegen. Die Salbe in den Nasenlöchern soll den Bären,
den man fangen will, daran hindern, die Nähe der Menschen zu wittern,
und mit dem Lampenfett im Maule will man ihm einen Liebesdienst
erweisen, da er als ein großer Liebhaber alles gebräunten Fettes
bekannt ist; die Dinge aber, mit denen sie den Bärenkopf schmücken,
beziehen sich auf den alten Glauben, daß die Geister ihrer Vorfahren
ihnen den Bären geschickt haben, um ihnen dadurch solche Dinge zu
verschaffen, und da nach altheidnischer Rechnung die Bärenseele fünf
Tage zur Heimreise brauchte, so aß man den Kopf eines Bären auch nie
vor Ablauf dieser Zeit, da die Bärenseele sonst unterwegs sterben mußte
und die Gaben der Familie dadurch verloren gehen konnten. Sogar die
Stelle, wo der Kopf abgeschnitten ist, wird sorgfältig verbunden, damit
sich die Seele nicht unterwegs verblutet. Ich nenne jetzt alles dieses
Abgötterei, aber die Heiden glaubten in alten Zeiten, daß alle Dinge,
sowohl leblose, wie lebende, eine Seele hätten. Doch dies darf man
nicht mit der unsterblichen Seele des Menschen verwechseln. Daß nun die
Leute, die hier so tief im Süden wohnen, noch in unseren Tagen, da doch
seit der Einführung des Christentums schon so lange Zeit verflossen
ist, noch so fest an den alten Bräuchen hängen, kommt wohl daher, daß
fast kein Jahr vergeht, ohne daß sie mit den Heiden von der Ostküste
zusammentreffen.
Im Jahre 1885 verließ ich ~Augpilagtut~. Ich kann nicht bestimmt
behaupten, daß es nicht auch in ~Pamiagdluk~ noch einzelne
Familien geben mag, die dem alten Bärenglauben noch anhängen.
Jedenfalls aber thun es nicht mehr alle -- Isaks nun schon ganz gewiß
nicht -- und an den Orten, die der Kolonie näher liegen, hat man kaum
von diesen Bräuchen sprechen hören.
Man hatte mir nicht mitgeteilt, an welchem Tage der Bärenkopf gekocht
werden sollte, und ich war daher sehr überrascht, als ich plötzlich
zum Mittagessen aufgefordert wurde. Ich schnitt mir ohne weiteres die
Schnauze ab, da aber bekam ich etwas zu hören, und sie wurde mir sofort
wieder aus der Hand gerissen. Dies aber nahm ich wirklich übel, das
leugne ich nicht, und ich sagte ihnen gerade heraus, daß ich keine Spur
von alledem glaubte, selbst wenn sie mich für noch so dumm hielten.
Doch sie versicherten sehr ernsthaft, daß ich von nun an nie einen
Bären würde fangen können, worauf ich ihnen antwortete, daß sie darin
wohl Recht behalten würden, weil ich nämlich so kurzsichtig sei, daß
ein Bär mich lecken könne, ehe ich ihn überhaupt sehen würde.
Außerdem giebt es noch folgende Bräuche: Sehen sie eine Bärenspur im
Schnee, so müssen sie ein wenig von dem Schnee essen, dann gelingt
es ihnen sicher, den Bären zu fangen, falls er auf demselben Wege
zurückkehren sollte. Die kleinen Knaben müssen die Nieren der
gefangenen Bären verspeisen, damit sie mutig und stark und tüchtige
Bärenfänger werden. Auch hüten sie sich in den oben erwähnten fünf
Tagen ängstlich davor, klirrende Geräusche hervorzubringen, da der Bär
jeglichen Klingklang hassen soll.
Matthäus sagte mir, der Bär, den ich ihn töten sah, sei sein elfter
gewesen und er habe sich garnicht gefürchtet, weil er hier seine Flinte
zur Hand gehabt. Früher aber habe er einmal einen auf dem Eise kriechen
sehen und sei, nur mit der Lanze bewaffnet, auf ihn losgegangen. Doch
wie lange dies her sei, wisse er nicht mehr, sagte er.«
[Illustration]
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