Kapitel +XI.+

Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen.

Ich habe wiederholt versucht, dem Leser einzuprägen, daß die

Eskimos friedfertige, gutmütige Leute sind. Nichts scheint mir ein

schlagenderer Beweis dafür, als ihre ursprüngliche Rechtspflege.

Wer sich einbildet, daß es den heidnischen Eskimos an jeglicher

Gelegenheit gefehlt habe, erlittenes Unrecht dem Urteil ihrer

Mitmenschen zu unterbreiten, befindet sich im Irrtum. Ihre Justiz

war indessen ganz eigentümlicher Art und bestand in einer Art Duell.

Dieses wurde nicht, wie in zivilisierten Ländern, mit scharfen Waffen

ausgefochten; der Grönländer ging hierbei, wie in anderen Dingen,

vernünftiger vor: er forderte seinen Gegner zu einem Singstreit oder

Trommeltanz heraus. Man verlegte ihn gewöhnlich auf den Sommer an die

großen Lagerplätze, wo sich viele Leute mit ihren Zelten versammelt

hatten. Der Verlauf war der, daß die beiden Gegner sich in einem Kreise

von Zuschauern beiderlei Geschlechts einander gegenüber stellten. Auf

ein Tamburin oder eine Trommel schlagend, sangen sie nun abwechselnd

Spottlieder auf einander. In diesen Liedern, die in der Regel vorher

gedichtet, bisweilen aber auch improvisiert wurden, erzählten sie

alles, was der Gegner verbrochen hatte, und versuchten, ihn nach besten

Kräften lächerlich zu machen. Wer die Zuhörer am meisten über seine

Witze oder Anklagen lachen machte, blieb Sieger. Auf diese Weise wurde

auch über so schwere Verbrechen wie Mord abgeurteilt. Es mag uns das

als eine recht bequeme Strafjustiz erscheinen, aber für dieses Volk

mit seinem ausgeprägten Ehrgefühl genügte sie. Das Schlimmste, was

einem Grönländer passieren kann, ist, vor seinen Mitbürgern lächerlich

oder verächtlich gemacht zu werden, und es ist sogar vorgekommen, daß

einzelne einer Niederlage beim Trommeltanz wegen auswandern mußten.

Diesen Trommeltanz giebt es noch auf der Ostküste, und er scheint mir

eine sehr nützliche Einrichtung, die ich uns Europäern wohl wünschen

möchte. Denn eine schnellere Art, Streitigkeiten beizulegen und die

Schuldigen zu strafen, kann ich mir nicht denken.

Leider scheinen die Missionare auf der Westküste anderer Meinung

gewesen zu sein. Als einen heidnischen Brauch hielten sie ihn eo ipso

für unmoralisch und schädlich, und er wurde mit der Ausbreitung des

Christentums unterdrückt und ausgerottet. Dalager sagt sogar: »Es

giebt beinahe kein Laster in Grönland, gegen das unsere Missionare

heftiger predigen, als diesen Tanz, angeblich, weil dabei alle

möglichen Leichtfertigkeiten betrieben würden, besonders von der

Jugend.« Dies gefiel ihm gar nicht. Er räumt ein, daß vielleicht

einige Unregelmäßigkeiten vorkommen können, meint aber doch, wenn ein

Mädchen beschlossen habe, bei dieser Gelegenheit den Pfad der Tugend

zu verlassen, so habe sie sich einen recht unruhigen Zeitpunkt und Ort

dazu ausgesucht. Man muß ihm beipflichten, wenn er sagt: »Und wahrlich,

wenn man bei uns zu gleichem Zwecke und mit gleichem Nutzen tanzte,

würde man jeden zweiten Moralisten und Advokaten sich im Handumdrehen

in einen Tanzmeister verwandeln sehen.«

Die Folge dieses wenig überlegten Vorgehens ist, daß es in Grönland

jetzt wirklich weder Recht, noch Gesetz giebt. Die Europäer können

sich natürlich nicht in die Angelegenheiten mischen oder sollen es

jedenfalls nicht. Kommt aber einmal ein seltener Fall von schwerem

Verbrechen vor, so greifen die dänischen Behörden dennoch ein. Der

Erfolg ist manchmal überraschend. Als vor einigen Jahren ein Mann

in einer nordgrönländischen Kolonie seine Mutter erschlagen hatte,

wurde er zur Strafe auf eine einsame Insel verwiesen. Damit er dort

allein existieren könnte, mußte man ihm einen neuen Kajak und einige

Lebensmittel für den Anfang mitgeben. Nach einiger Zeit, als die

Vorräte verzehrt waren, kehrte er zurück und erklärte, dort draußen

nicht mehr leben zu können, weil sich da nichts fangen ließe. Er bezog

wieder sein altes Haus, und die einzige Veränderung, die sein Leben

dadurch erlitt, daß er seine Mutter erschlagen hatte, war -- daß er

kostenlos in den Besitz eines neuen Kajaks gekommen war.

Eine wirkungsvollere Strafe wenden die Kolonieverwalter bisweilen den

Frauen gegenüber an, indem sie ihnen für eine bestimmte Zeit den Besuch

des Kolonialladens verbieten.

Der Trommeltanz war außer dem Gerichtstag auch noch ein großes

Vergnügen, ja er wurde manchmal nur der Belustigung halber getanzt.

Dann sangen die Auftretenden Lieder verschiedenen Inhalts, schlugen

dabei auf eine Trommel und bewegten den Körper in den verschiedensten,

mehr oder minder burlesken Drehungen und Wendungen. Das hätte die

Missionare gleichfalls bedenklich machen sollen. Denn Vergnügungen sind

auch notwendig, sie beleben das Gemüt, was für ein Volk, das in einer

so harten Natur lebt und so wenige Zerstreuungen hat, gewiß von großer

Bedeutung ist. Als eine Art Ersatz dafür haben die Eskimos jetzt von

den europäischen Walfischfängern und Matrosen viele europäische Tänze,

besonders +reels+, gelernt, die sie zum Teil ihrem Geschmacke nach

veränderten. In den Kolonien dient gewöhnlich die Tischlerwerkstatt,

der Speckhausboden oder ein anderer großer Raum als Balllokal, und dort

wird so oft getanzt, als es der Kolonieverwalter oder die hohen Herren

erlauben, am liebsten jede Woche. An den andern Wohnplätzen tanzen sie

auch in den eigenen Häusern.

Solch ein grönländischer Ball mit den vielen Menschen, alten und

jungen, die teils tanzen, teils als Zuschauer in dichten Gruppen in

ihrer farbenreichen Tracht an den Wänden, auf den Pritschen und auf

Bänken stehen, nimmt sich in dem von Thranlampen schwach erleuchteten

Raume recht malerisch aus. Es ist ein reiches Gemisch von Schönheit

und herrlichen Formen neben auffallendster Häßlichkeit. Und dazu

diese übersprudelnde Freude und die außerordentliche, graziöse

Tanzfertigkeit. Im +reel+ bewegen sich die Beine oft so flink, daß

das Auge ihnen kaum folgen kann. Die Musik bestand früher meistens aus

Geigenspiel. Jetzt hat auch die Handharmonika schon angefangen, sich

dort einzubürgern.

Die armen Eskimos, die den deutschen Herrnhutergemeinden, deren ein

paar im Lande sind, angehören, dürfen nicht tanzen, ja nicht einmal

zusehen, wenn andere tanzen, sonst werden sie in den Bann gethan oder

von den Missionaren auf das schwarze Brett geschrieben.

Als weiteres Vergnügen ist das Kirchengehen anzuführen. Besonders

lustig finden sie das Singen der Kirchenlieder, und die Frauen mögen es

so gern, daß sie sich auch bei anderen Gelegenheiten damit ergötzen.

Nicht minder interessant finden die Weiber den Besuch des Ladens. Wenn

die Oeffnungszeit herannaht, kann man sie mitten im Winter im ärgsten

Schneegestöber in dichten Gruppen längs der Außenwände stehen und

auf den Augenblick warten sehen, in dem sich die Thür des Paradieses

öffnet und sie hineinstürzen können. Die meisten haben gar nicht die

Absicht zu kaufen, sondern verbringen die Stunden, in denen der Laden

geöffnet ist, teils damit, daß sie sich alle europäischen Luxusartikel,

namentlich Kleiderstoffe und Tücher, zeigen lassen, teils damit, daß

sie den Ladendienern den Hof machen, teils mit dem Austausch mehr oder

weniger derber Witze, und wohl auch einem wirklichen Einkauf.

[Illustration: Grönländischer Tanz.]

Im Sommer, wenn die Schiffe eben mit Warenvorräten aus Europa

angekommen sind, ist der Zudrang außergewöhnlich groß. Dann ist

der Laden den ganzen Tag über in förmlichem Belagerungszustand.

Die Grönländerinnen lieben, ganz wie ihre Schwestern diesseits des

Meeres alles Neue, und dies findet daher, sowie es ankommt, reißenden

Absatz. Die Hauptsache ist, wie ich gemerkt habe, daß die Ware neu

ist, welchem Zweck sie dient, ist weniger wichtig. So hatte einmal

die weise Regierung in Kopenhagen gefunden, die Eskimos seien jetzt

soweit vorgeschritten, daß sie wie andere civilisierte Menschen ohne

Nachttöpfe nicht mehr auskommen könnten, und demgemäß bestimmt, daß

dieses Geschirr dort eingeführt würde. Kaum waren diese merkwürdigen

Gefäße angelangt, kauften alle, die es dazu hatten, sich einen oder

zwei. Tags darauf kamen die eingeborenen Damen jede mit einem Nachttopf

in den Laden, stellten ihn auf den Ladentisch und ließen sich ihre

Butter oder ihre Grütze darin einpacken.

[Illustration]

[Illustration]

Eskimoleben · 第 17 / 21 题