Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen.
Ich habe wiederholt versucht, dem Leser einzuprägen, daß die
Eskimos friedfertige, gutmütige Leute sind. Nichts scheint mir ein
schlagenderer Beweis dafür, als ihre ursprüngliche Rechtspflege.
Wer sich einbildet, daß es den heidnischen Eskimos an jeglicher
Gelegenheit gefehlt habe, erlittenes Unrecht dem Urteil ihrer
Mitmenschen zu unterbreiten, befindet sich im Irrtum. Ihre Justiz
war indessen ganz eigentümlicher Art und bestand in einer Art Duell.
Dieses wurde nicht, wie in zivilisierten Ländern, mit scharfen Waffen
ausgefochten; der Grönländer ging hierbei, wie in anderen Dingen,
vernünftiger vor: er forderte seinen Gegner zu einem Singstreit oder
Trommeltanz heraus. Man verlegte ihn gewöhnlich auf den Sommer an die
großen Lagerplätze, wo sich viele Leute mit ihren Zelten versammelt
hatten. Der Verlauf war der, daß die beiden Gegner sich in einem Kreise
von Zuschauern beiderlei Geschlechts einander gegenüber stellten. Auf
ein Tamburin oder eine Trommel schlagend, sangen sie nun abwechselnd
Spottlieder auf einander. In diesen Liedern, die in der Regel vorher
gedichtet, bisweilen aber auch improvisiert wurden, erzählten sie
alles, was der Gegner verbrochen hatte, und versuchten, ihn nach besten
Kräften lächerlich zu machen. Wer die Zuhörer am meisten über seine
Witze oder Anklagen lachen machte, blieb Sieger. Auf diese Weise wurde
auch über so schwere Verbrechen wie Mord abgeurteilt. Es mag uns das
als eine recht bequeme Strafjustiz erscheinen, aber für dieses Volk
mit seinem ausgeprägten Ehrgefühl genügte sie. Das Schlimmste, was
einem Grönländer passieren kann, ist, vor seinen Mitbürgern lächerlich
oder verächtlich gemacht zu werden, und es ist sogar vorgekommen, daß
einzelne einer Niederlage beim Trommeltanz wegen auswandern mußten.
Diesen Trommeltanz giebt es noch auf der Ostküste, und er scheint mir
eine sehr nützliche Einrichtung, die ich uns Europäern wohl wünschen
möchte. Denn eine schnellere Art, Streitigkeiten beizulegen und die
Schuldigen zu strafen, kann ich mir nicht denken.
Leider scheinen die Missionare auf der Westküste anderer Meinung
gewesen zu sein. Als einen heidnischen Brauch hielten sie ihn eo ipso
für unmoralisch und schädlich, und er wurde mit der Ausbreitung des
Christentums unterdrückt und ausgerottet. Dalager sagt sogar: »Es
giebt beinahe kein Laster in Grönland, gegen das unsere Missionare
heftiger predigen, als diesen Tanz, angeblich, weil dabei alle
möglichen Leichtfertigkeiten betrieben würden, besonders von der
Jugend.« Dies gefiel ihm gar nicht. Er räumt ein, daß vielleicht
einige Unregelmäßigkeiten vorkommen können, meint aber doch, wenn ein
Mädchen beschlossen habe, bei dieser Gelegenheit den Pfad der Tugend
zu verlassen, so habe sie sich einen recht unruhigen Zeitpunkt und Ort
dazu ausgesucht. Man muß ihm beipflichten, wenn er sagt: »Und wahrlich,
wenn man bei uns zu gleichem Zwecke und mit gleichem Nutzen tanzte,
würde man jeden zweiten Moralisten und Advokaten sich im Handumdrehen
in einen Tanzmeister verwandeln sehen.«
Die Folge dieses wenig überlegten Vorgehens ist, daß es in Grönland
jetzt wirklich weder Recht, noch Gesetz giebt. Die Europäer können
sich natürlich nicht in die Angelegenheiten mischen oder sollen es
jedenfalls nicht. Kommt aber einmal ein seltener Fall von schwerem
Verbrechen vor, so greifen die dänischen Behörden dennoch ein. Der
Erfolg ist manchmal überraschend. Als vor einigen Jahren ein Mann
in einer nordgrönländischen Kolonie seine Mutter erschlagen hatte,
wurde er zur Strafe auf eine einsame Insel verwiesen. Damit er dort
allein existieren könnte, mußte man ihm einen neuen Kajak und einige
Lebensmittel für den Anfang mitgeben. Nach einiger Zeit, als die
Vorräte verzehrt waren, kehrte er zurück und erklärte, dort draußen
nicht mehr leben zu können, weil sich da nichts fangen ließe. Er bezog
wieder sein altes Haus, und die einzige Veränderung, die sein Leben
dadurch erlitt, daß er seine Mutter erschlagen hatte, war -- daß er
kostenlos in den Besitz eines neuen Kajaks gekommen war.
Eine wirkungsvollere Strafe wenden die Kolonieverwalter bisweilen den
Frauen gegenüber an, indem sie ihnen für eine bestimmte Zeit den Besuch
des Kolonialladens verbieten.
Der Trommeltanz war außer dem Gerichtstag auch noch ein großes
Vergnügen, ja er wurde manchmal nur der Belustigung halber getanzt.
Dann sangen die Auftretenden Lieder verschiedenen Inhalts, schlugen
dabei auf eine Trommel und bewegten den Körper in den verschiedensten,
mehr oder minder burlesken Drehungen und Wendungen. Das hätte die
Missionare gleichfalls bedenklich machen sollen. Denn Vergnügungen sind
auch notwendig, sie beleben das Gemüt, was für ein Volk, das in einer
so harten Natur lebt und so wenige Zerstreuungen hat, gewiß von großer
Bedeutung ist. Als eine Art Ersatz dafür haben die Eskimos jetzt von
den europäischen Walfischfängern und Matrosen viele europäische Tänze,
besonders +reels+, gelernt, die sie zum Teil ihrem Geschmacke nach
veränderten. In den Kolonien dient gewöhnlich die Tischlerwerkstatt,
der Speckhausboden oder ein anderer großer Raum als Balllokal, und dort
wird so oft getanzt, als es der Kolonieverwalter oder die hohen Herren
erlauben, am liebsten jede Woche. An den andern Wohnplätzen tanzen sie
auch in den eigenen Häusern.
Solch ein grönländischer Ball mit den vielen Menschen, alten und
jungen, die teils tanzen, teils als Zuschauer in dichten Gruppen in
ihrer farbenreichen Tracht an den Wänden, auf den Pritschen und auf
Bänken stehen, nimmt sich in dem von Thranlampen schwach erleuchteten
Raume recht malerisch aus. Es ist ein reiches Gemisch von Schönheit
und herrlichen Formen neben auffallendster Häßlichkeit. Und dazu
diese übersprudelnde Freude und die außerordentliche, graziöse
Tanzfertigkeit. Im +reel+ bewegen sich die Beine oft so flink, daß
das Auge ihnen kaum folgen kann. Die Musik bestand früher meistens aus
Geigenspiel. Jetzt hat auch die Handharmonika schon angefangen, sich
dort einzubürgern.
Die armen Eskimos, die den deutschen Herrnhutergemeinden, deren ein
paar im Lande sind, angehören, dürfen nicht tanzen, ja nicht einmal
zusehen, wenn andere tanzen, sonst werden sie in den Bann gethan oder
von den Missionaren auf das schwarze Brett geschrieben.
Als weiteres Vergnügen ist das Kirchengehen anzuführen. Besonders
lustig finden sie das Singen der Kirchenlieder, und die Frauen mögen es
so gern, daß sie sich auch bei anderen Gelegenheiten damit ergötzen.
Nicht minder interessant finden die Weiber den Besuch des Ladens. Wenn
die Oeffnungszeit herannaht, kann man sie mitten im Winter im ärgsten
Schneegestöber in dichten Gruppen längs der Außenwände stehen und
auf den Augenblick warten sehen, in dem sich die Thür des Paradieses
öffnet und sie hineinstürzen können. Die meisten haben gar nicht die
Absicht zu kaufen, sondern verbringen die Stunden, in denen der Laden
geöffnet ist, teils damit, daß sie sich alle europäischen Luxusartikel,
namentlich Kleiderstoffe und Tücher, zeigen lassen, teils damit, daß
sie den Ladendienern den Hof machen, teils mit dem Austausch mehr oder
weniger derber Witze, und wohl auch einem wirklichen Einkauf.
[Illustration: Grönländischer Tanz.]
Im Sommer, wenn die Schiffe eben mit Warenvorräten aus Europa
angekommen sind, ist der Zudrang außergewöhnlich groß. Dann ist
der Laden den ganzen Tag über in förmlichem Belagerungszustand.
Die Grönländerinnen lieben, ganz wie ihre Schwestern diesseits des
Meeres alles Neue, und dies findet daher, sowie es ankommt, reißenden
Absatz. Die Hauptsache ist, wie ich gemerkt habe, daß die Ware neu
ist, welchem Zweck sie dient, ist weniger wichtig. So hatte einmal
die weise Regierung in Kopenhagen gefunden, die Eskimos seien jetzt
soweit vorgeschritten, daß sie wie andere civilisierte Menschen ohne
Nachttöpfe nicht mehr auskommen könnten, und demgemäß bestimmt, daß
dieses Geschirr dort eingeführt würde. Kaum waren diese merkwürdigen
Gefäße angelangt, kauften alle, die es dazu hatten, sich einen oder
zwei. Tags darauf kamen die eingeborenen Damen jede mit einem Nachttopf
in den Laden, stellten ihn auf den Ladentisch und ließen sich ihre
Butter oder ihre Grütze darin einpacken.
[Illustration]
[Illustration]