Kapitel +X.+

Moral.

Die Auffassung der Moral des Eskimos hing wie die Auffassung aller

Dinge sehr davon ab, mit welchen Augen man sie ansah. Man trifft

daher neben der ungeteiltesten Lobpreisung nicht selten minder

günstige Beschreibungen von ihr an. Die Sache ist natürlich die,

daß der Eskimo ebensowenig wie wir alle der reine Engel oder der

reine Teufel ist, sondern ein natürlicher Mensch mit menschlichen

Tugenden und menschlichen Schwächen, der sich von uns vielleicht darin

unterscheidet, daß er mehr von den ersteren als von den letzteren,

dafür aber keine von beiden in großer Entwickelung besitzt. Davon wird

man gewiß beim Lesen der ältesten Schilderungen von Grönland, wie

der Berichte von Egede, Cranz, Dalager und anderen, eine deutliche

Anschauung gewinnen.

Einer der hübschesten und markantesten Züge im Charakter des Eskimos

ist wohl seine Ehrlichkeit. Wenn einzelne Europäer ihm diese Tugend

abgesprochen haben, so kommt dies sicherlich wesentlich daher, daß die

Herren sich nicht die Mühe machten, sich ordentlich in seine Denkart zu

versetzen und zu ergründen, was er für unehrlich hält.

Für den Eskimo ist es von besonderer Bedeutung, daß er sich auf

seine Mitmenschen und Nachbarn verlassen kann. Damit aber dieses

gegenseitige Vertrauen, ohne das ja jedes Zusammenschließen im

Daseinskampf unmöglich ist, auch Bestand habe, ist es notwendig, daß

jeder gegen den andern ehrlich handle. Er hält es daher für unredlich,

seinen Hausgenossen oder Leuten aus seinem Wohnorte etwas zu stehlen,

was demnach auch sehr selten vorkommt. Schon Egede sagt: »Sie lassen

ihre Sachen vor jedem offen liegen, ohne Furcht, daß ihnen einer etwas

stehlen oder fortnehmen könnte. Ja, diese Untugend gilt bei ihnen für

so abscheulich, daß ein Mädchen, welches stiehlt, dadurch die Aussicht

auf eine vorteilhafte Heirat verliert.«

Aus demselben Grunde lügen sie, besonders die Männer, einander auch

nicht gern etwas vor. Ein rührender Beweis hierfür ist folgender, von

Dalager erzählter Zug: »Wenn sie einem anderen ein Ding beschreiben

sollen, hüten sie sich auch, es glänzender, als es verdient,

auszumalen. Ja, wenn einer etwas kaufen will, was er nicht gesehen hat,

beschreibt der Verkäufer, auch wenn er es gern los sein will, das Ding

doch immer etwas weniger gut als es ist.«

Ist einer einem anderen Geld schuldig, so kann man in der Regel sicher

sein, daß er seine Schuld bezahlt, sobald er es kann. Das werden auch

die dänischen Kaufleute bestätigen. Sie erzählten mir oft, daß sie den

Grönländern ruhig Kredit geben, da es äußerst selten vorkomme, daß sie

ihr Geld nicht richtig wieder erhielten.

Ueber seine Pflichten Fremden gegenüber, namentlich wenn es keine

Eskimos sind, hat der Eskimo eine etwas andere Anschauung. Man muß

jedoch bedenken, daß ihm jeder Fremde eine gleichgültige Person ist,

deren Wohlfahrt zu fördern für ihn kein Interesse hat, und von der es

ihm gleichgültig ist, ob er sich auf sie verlassen kann oder nicht, da

er ja nicht mit ihr zusammenleben soll. Er findet also, daß es nicht

immer seinen Interessen widerstreitet, wenn er sich etwas vom Eigentum

eines Fremden aneignet, immer vorausgesetzt, daß das Entwendete für ihn

von Nutzen ist.

Hierunter hatten besonders die ersten Europäer, die ins Land kamen,

sehr zu leiden. Daß die Eskimos sie bestahlen, ist auch wieder kein

Wunder, wenn man bedenkt, wie die europäischen Expeditionen sich

anfangs, als das Land wiederentdeckt worden war, dort oben betrugen.

Sie plünderten oft die Eingeborenen, schändeten die Weiber und, was

am ärgsten war, lockten sie an Bord, hißten die Segel und nahmen sie

mit nach Europa als Gefangene. Die Eskimos hatten also von Anfang an

keinen Grund, uns als Freunde zu betrachten. Fremde zu berauben und zu

bestehlen, scheint übrigens auch mit der europäischen Moral durchaus

nicht unvereinbar zu sein, wenn wir nach der Art und Weise schließen

dürfen, in der wir gegen die Eingeborenen in Afrika und anderswo

auftreten.

Zu dem Obenangeführten kommt natürlich hinzu, daß wir im Vergleich

zu den Eskimos im Ueberflusse leben. Daher meinen sie nach ihren

Moralbegriffen, daß wir etwas abgeben könnten, und sind der Ansicht,

daß wir dies nur aus Habgier und Selbstsucht unterlassen.

Nun, da die Europäer sich dort zu Lande fest ansiedelten und schon

lange nicht mehr als Fremde betrachtet werden, ist das Verhältnis

anders geworden, und es wird selbst ihnen selten etwas gestohlen.

Doch möchte ich glauben, daß die Eingeborenen ihnen Dinge, von denen

sie nicht glauben, daß sie vermißt werden, noch immer wegstibitzen,

sobald die Gelegenheit sich bietet. Ich habe selbst gesehen, daß sogar

gesittete Grönländer im Laden ihre Taschen und Fausthandschuhe aus den

Mehltonnen füllten, ohne sich im Geringsten vor mir zu genieren. Bei

dieser Gelegenheit legten sie sich die Sache wohl so zurecht: »Es ist

der königlich-grönländische Handel, dem wir dies fortnehmen; er hat

alles im Ueberfluß, und dieses bischen Mehl macht die Regierung weder

reicher, noch ärmer, für uns aber macht es viel aus.« -- Und sie gingen

vergnügt damit nach Hause. Ich fürchte, daß ein solcher Gedankengang

nicht nur in Grönland allein zu finden ist.

Uebrigens muß auch zur Entschuldigung der Grönländer hervorgehoben

werden, daß sie gleich von Anfang an und viele, viele Jahrzehnte lang

den schändlichsten Betrügereien seitens der europäischen Kaufleute

ausgesetzt waren, die sogar zum eigenen Vorteil falsch Maß und Gewicht

benutzten und ihnen im Austausche schlechte Waren gaben. Ich will nur

erwähnen, was Saabye erzählt, daß sie sich nämlich im achtzehnten

Jahrhundert zu großer Tonnenmaße, die obendrein noch ohne Boden waren

und über Vertiefungen im Fußboden gestellt wurden, bedienten. Da hinein

mußten die Eskimos den Speck legen, ehe er ihnen abgekauft wurde, und

gaben so mindestens anderthalb Tonnen statt einer. Dies wußten und

durchschauten sie, fanden sich aber darein. Dergleichen kommt jetzt

natürlich nicht mehr vor.

Als Beweis dafür, wie redlich der Eskimo die Moralgesetze hält, die er

achtet, sei daran erinnert, daß er nie über der Flutmarke liegendes

Treibholz anrührt, und gerade das könnte er doch so leicht nehmen,

ohne daß es jemand erführe. Wenn wir Europäer uns nun grade gegen

dieses Gesetz versündigen, was wir leider ebenso oft mit Wissen und

Willen, wie ohne beides gethan haben, hat dann der Eskimo nicht das

gleiche Recht, uns zu verachten, wie wir ihn?

Schlägereien und derartige Roheiten kommen, wie gesagt, bei ihnen

nicht vor. Mord ist gleichfalls eine große Seltenheit. Sie halten es

für grausam, ihre Mitmenschen zu töten. Krieg ist daher in ihren Augen

etwas Unverständliches und Verabscheuenswürdiges, ihre Sprache hat

nicht einmal ein Wort dafür; und Soldaten und Offiziere, die zu dem

Handwerke, Leute totzuschlagen, angelernt werden, sind ihnen reine

Menschenschlächter.

Wohl ist es, wie Egede sagt, »gelegentlich passiert, daß ein ~extrem

malitiöser~ Mensch einen andern aus verborgenem Hasse erschlagen

hat«. Wenn er sagt, daß »solches die andern mit größtem Kaltsinne

ansehen, ohne an Bestrafung zu denken oder es sich zu Herzen zu

nehmen«, so glaube ich freilich, daß er darin nicht ganz recht hat;

denn sie verabscheuen die That ganz gewiß, und wenn sie sich nicht

hineinmischen, so hat dies seinen Grund darin, daß sie dies für eine

Privatangelegenheit zwischen dem Angreifer und dem Angegriffenen

halten. Es kommt daher nur den nächsten Verwandten des Ermordeten

zu, ihn zu rächen, falls sie dies können, und man findet also selbst

bei diesem friedlichen Volke eine Andeutung von einer Art Blutrache,

wenn sie auch nur schwach entwickelt ist und auf die Ueberlebenden

keinen schweren Druck auszuüben scheint. Wird jedoch ein Mörder

gemeingefährlich, so hat man Beispiele davon, daß auch die Nachbarn

sich vereinigen, um ihn zu töten.

[Illustration: Eskimolager.]

Oft ist dort, wie anderswo, der Grund des Mordes eine Frau oder ein

Liebesverhältnis.

Der Ueberfall geschieht meistens auf dem Meere, wobei der eine den

andern von hinten angreift, ihn entweder mit der Harpune ersticht oder

ihn zum Kentern bringt oder ihm den Kajak anbohrt. Den Gegner von vorne

anzugreifen, paßt weniger zum Charakter eines Eskimos. Nicht so sehr

aus Furcht, als weil er sich davor schämen würde und es ihm peinlich

wäre, wenn der andere ihn ansähe.

Alte Hexen und Zauberer zu töten, halten sie für erlaubt, weil sie

meinen, daß diese mit ihren Künsten anderen schaden oder sie gar töten

können. Es scheint auch nicht gegen ihre Moral zu streiten, den Tod

Kranker, die schwer leiden, oder solcher Menschen, die phantasieren,

wovor sie besonders große Furcht haben, zu beschleunigen.

Dasjenige unserer Gebote, gegen welches sich die Grönländer am

häufigsten versündigen, ist das sechste, und der Leser wird wohl schon

aus dem vorhergehenden Kapitel den Eindruck gewonnen haben, daß Tugend

und Züchtigkeit in Grönland nicht in hohem Ansehen stehen. Dies ist

besonders der Fall bei den christlichen Eingeborenen auf der Westküste,

die viel mit uns Europäern in Berührung gestanden haben. Viele sehen

es dort für gar keine besondere Schande an, wenn ein unverheiratetes

Mädchen Kinder bekommt. Hiervon habe ich wiederholt Beweise gesehen.

Während wir in Godthaab waren, befanden sich dort in der Nachbarschaft

zwei Mädchen in gesegneten Umständen, verbargen dies aber durchaus

nicht, sondern legten schon lange, bevor es nötig war, die grüne

Haarbinde[38] an und schienen über diesen sichtbaren Beweis, daß sie

nicht verschmäht worden waren, beinahe stolz zu sein. Ich habe Grüne

gesehen, die nicht allein grüne Haarbinden hatten, sondern auch Besatz

und Schleifen von dieser Farbe auf ihrem Anorak trugen, was weder

vorgeschrieben, noch üblich ist.

Obwohl die Priester stark gegen die Schlaffheit in dieser Beziehung

geeifert und den jungen Leuten beiderlei Geschlechtes von der Schule an

strengere Moralbegriffe einzuprägen versucht haben, scheinen diese ihre

Auffassung dieser Sünde nicht verändert zu haben, ja es vielmehr noch

ärger zu treiben.

Wenn die jungen Grönländerinnen mit einem Manne ein Verhältnis haben,

machen sie kein Hehl daraus. Ist es ein Europäer, so prahlen sie

geradezu damit, und es scheint sogar, als ob sie dadurch größeres

Ansehen unter ihren Freundinnen gewönnen. Hieran sind die Europäer zum

wesentlichen Teile selber schuld; denn erstens haben die jungen Männer,

die nach Grönland kamen, sich oft schlecht gegen die Grönländerinnen

betragen und ein schlechtes Beispiel gegeben, und zweitens haben die

Europäer im ganzen dafür gesorgt, sich in solchen Respekt zu setzen,

daß der einfachste europäische Matrose jetzt dem besten grönländischen

Fänger von den Mädchen vorgezogen wird. Dies hat denn auch sichtbare

Früchte getragen, indem sich die Rasse in den anderthalb Jahrhunderten,

seitdem wir uns im Lande niederließen, derartig mit europäischem Blute

gemischt hat, daß es jetzt außerordentlich schwer fällt, auf der ganzen

Westküste einen wirklichen Vollbluteskimo zu finden[39]. Und dies,

trotzdem die Anzahl der Europäer im Lande einen geringen Bruchteil der

Zahl der Eingeborenen ausmacht; ein paar hundert gegen zehntausend.

Daß die Geneigtheit der Europäer zu derartigen Vergehen nicht dazu

beigetragen hat, ihren Geistlichen die Arbeit zur Hebung dieses Gebotes

zu erleichtern, versteht sich von selbst. Meiner und sicherlich

auch der allgemeinen Erfahrung nach sind die Grönländerinnen in den

Kolonieen, wo viele Europäer sind, sehr viel leichtfertiger als ihre

Schwestern dort, wo es keine gibt. Als Beispiel will ich erwähnen, daß

die Frauen in Sardlok, Kornok, Kangek und Narsak durchgehends einen

besseren Eindruck machten als die Frauen von Godthaab und Neuherrenhut,

die sich jungen Leuten, die ihnen gefielen, gegenüber gerade das

Gegenteil von zurückhaltend betrugen.

Es scheint, als sei die Moral in dieser Hinsicht unter den Heiden vor

Ankunft der Europäer bedeutend besser gewesen. Selbst Hans Egede, der

ihren moralischen Zustand doch sonst nicht in zu glänzenden Farben

schildert, sagt in seiner neuen Perlustration: »Dagegen sind die

Jungfrauen und Mädchen sehr züchtig, sowie wir nie gesehen haben, daß

sie mit jungen Kerlen leichtfertig verkehren oder mit Worten oder Taten

das geringst Zeichen solcher Gesinnung geben. In den 15 fahren, die ich

jetzt in Grönland verlebt habe, weiß ich nur von zwei oder drei Mädchen

mit unehelichen Kindern, denn sie halten dies für eine große Schande.«

Und Dalager, der ihnen überhaupt das heutzutage garnicht mehr

gerechtfertigte Zeugnis giebt, sie seien freilich »der Sünde der

Liederlichkeit ergeben, doch nicht in dem Grade wie andere Nationen«,

sagt von den Mädchen: »Sie sind in ihren ersten reifen Jahren dem

Anscheine nach sehr keusch, denn sonst würden sie sicher das Glück

verscherzen, einen Junggesellen zum Manne zu bekommen.«

Bei den Heiden auf der Ostküste scheint es damit heutzutage nicht

so streng genommen zu werden; denn Holm sagt, daß es dort für keine

Schande gilt, wenn eine Unverheiratete Kinder hat.

Die strenge Moral, die den unverheirateten jungen Leuten beiderlei

Geschlechts vorgeschrieben war, scheint jedoch nach der Heirat keine

Geltung mehr gehabt zu haben. Die Männer erfreuten sich jedenfalls dann

der ungebundensten Freiheit. Egede sagt: »Ich habe lange nichts davon

gehört, daß die Männer sich zu anderen Weibern als ihren eigenen und

die Weiber sich zu anderen Männern hielten; schließlich aber erfuhren

wir doch, daß sie es damit nicht so genau nehmen.« Er beschreibt

unter anderm ein merkwürdiges Spiel, wozu sich die Männer und die

verheirateten Frauen »wie zu einer Assemblee« versammeln. Hierbei

stellten sich die Männer der Reihe nach in die Mitte der Stube und

sangen zum Klange einer Trommel Loblieder auf die Frauen und die Liebe,

und dabei sollten alle Anwesenden völlige Freiheit ohne jeden Zwang

haben. »Aber zu diesem Spiele kommen die Jungen und Unverheirateten,

die sehr züchtig sind, niemals; nur die Verheirateten, meinen sie,

können dergleichen thun, ohne sich dessen schämen zu müssen.«

Egede sagt auch, daß die Frauen es für ein besonderes Glück und eine

große Ehre halten, mit einem Angekok, d. h. einem ihrer Propheten und

Gelehrten, in ein intimes Verhältnis zu treten, und fügt hinzu: »ja,

viele Männer sehen es selber gern und bezahlen den Angekok dafür, daß

er bei ihren Frauen schlafe, besonders wenn sie selber keine Kinder mit

ihnen zeugen können.«

Die Freiheit der Eskimoweiber in dieser Hinsicht ist also sehr

verschieden von der dem germanischen Weibe zustehenden. Der Grund

liegt wohl darin, daß, während die Erhaltung des Erbes, Geschlechtes

und Stammbaumes bei den Germanen stets eine große Rolle gespielt hat,

alles dieses für den Eskimo bedeutungslos ist, da er wenig oder nichts

zu vererben hat und es für ihn hauptsächlich darauf ankommt, Kinder zu

haben.

Hinsichtlich des erwähnten Spieles behauptet Dalager jedoch, daß es

sehr selten vorkommen solle, und es sei »wohl zu merken, daß eine

Ehefrau, die schon glückliche Mutter ist, sich nie darauf einläßt«.

Witwen und geschiedene Frauen aber, meint er, nehmen es nicht so genau.

Während man sehr selten hört, »daß ein Mädchen sich vergangen habe,

sieht man dagegen solche Weiber ebensoviele Kinder gebären wie richtige

Ehefrauen. Wird ihnen dies vorgeworfen, wenn auch von ihren eigenen

Landsleuten, so antworten viele, es geschehe nicht aus Liederlichkeit,

sondern aus einem natürlichen Antriebe, Kinder zu gebären, aus welchem

Grunde sie aber manchen redlichen Mann verführen.«

Auch auf der Ostküste scheint die Moral der Verheirateten nach unserem

Begriffe nichts weniger als gut zu sein. So habe ich erzählt, daß

die Männer ihre Frauen oft austauschen; doch geschieht dies unter

bestimmten Männern, und der Mann liebt es in der Regel nicht, daß seine

Frau sich mit anderen einläßt, als mit dem, welchem er sie geliehen

hat. Er selber aber beansprucht für sich völlige Freiheit. Im Winter,

wenn sie in Häusern wohnen, spielen sie oft ein Frauentausch- oder

Lampenlöschungsspiel, das dem obenerwähnten ähnelt und bei dem die

Lampen ausgeblasen werden. Hieran aber dürfen auch Unverheiratete

teilnehmen. Holm sagt, ein guter Wirt lasse, wenn er Gäste im Hause

habe, abends stets die Lampen auslöschen.

Auf der Westküste dagegen ist dieses Spiel jetzt verschwunden. Ich

möchte allerdings nicht dafür einstehen, daß es an Orten, wo es den

Predigern oder anderen Behörden schwer werden dürfte, dahinterzukommen,

nicht doch noch ausnahmsweise gespielt wird; denn auch die

verheirateten christlichen Grönländer scheinen keinen übertriebenen

Respekt vor dem sechsten Gebot zu haben und lassen sich in dieser

Hinsicht gewiß viele Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen.

Wir finden diese Moral auf den ersten Blick natürlich sehr schlecht.

Damit ist aber nicht gesagt, daß sie es auch für den Eskimo ist. Wir

müssen uns überhaupt hüten, von unserem Gesichtspunkt aus Anschauungen,

die sich durch viele Generationen und viele Erfahrung bei einem andern

Volke entwickelt haben, sofort zu verdammen, auch wenn sie den unseren

noch so sehr widerstreiten. Die Ansichten von Gut und Recht sind

hier auf Erden außerordentlich verschieden. Als Beispiel möchte ich

anführen, daß ein Eskimomädchen, als Nils Egede ihr von der Liebe zu

Gott und unserem Nächsten gesprochen hatte, erklärte: »... Ich habe

bewiesen, daß ich meinen Nächsten liebe, denn eine alte Frau, die krank

war und nicht sterben konnte, bat mich, daß ich sie für Geld nach der

steilen Klippe führe, von der sich immer die hinabstürzen, die nicht

mehr leben mögen. Weil ich aber meine Leute liebe, führte ich sie

umsonst hin und stürzte sie vom Felsen hinunter.« Egede meinte, dies

sei eine schlechte That, und sagte, sie habe einen Menschen getötet.

»Sie sagte nein; sie habe großes Mitleid mit der Alten gehabt und

geweint, als sie abgestürzt war.« Soll man dies nun eine gute oder eine

böse That nennen?

Als derselbe Egede einandermal davon sprach, daß Gott die Bösen

bestrafe, sagte ihm ein Eskimo, er gehöre auch zu denen, welche die

Bösen bestrafen, denn er habe drei alte Weiber, die Hexen waren,

erschlagen.

Derselbe Unterschied in der Auffassung von Gut und Böse macht sich auch

dem sechsten Gebote gegenüber geltend. Der Eskimo stellt das Gebot

»Seid fruchtbar und mehret Euch« höher. Dazu hat er um so mehr Grund,

als seine Rasse von Natur wenig fruchtbar ist.

Gleich vielen anderen Völkern fand der Eskimo es sehr wunderbar, daß

es nicht als etwas ganz Vorzügliches zu betrachten sei, wenn ein Mann

mehr als eine Frau hatte. Bei ihnen stieg das Ansehen mit der Zahl der

Frauen, und aus diesem Grunde fanden sie die Patriarchen des alten

Testamentes vernünftiger als uns. Uebrigens ist das eine Anschauung,

die wir bei unseren eigenen Vorfahren bis weit in die historische Zeit

hinein wiederfinden.

Als Paul Egede einmal den Grönländern ihre Neigung zur Polygamie

verwies, lobte einer seine Frau wegen ihres »guten Gemütes, denn sie

sei nie böse, wenn er fremde Weiber liebe«. Egede sagte, »in unserem

Lande duldeten die Frauenzimmer nicht, daß ihre Männer sich mit anderen

einließen; sie würden diese aus dem Hause jagen«. »Das ist kein Lob

für Eure Frauenzimmer,« meinte der Eskimo, »daß sie ihre Männer für

sich allein haben und Herr über sie sein wollen; bei uns würde man sie

tadeln.«

In dieser Beziehung denken sie weniger ideal, aber praktischer als

wir. Betrachten wir z. B. ihren Frauentausch und ihre Behandlung

unfruchtbarer Frauen, so erscheinen ihre Sitten uns recht locker. Aber

diese Sitten sind ja wesentlich darauf berechnet, Nachkommenschaft zu

erzielen, und erinnern wir uns der großen Bedeutung, die diese für sie

hat, so fällen wir vielleicht ein etwas milderes Urteil.

Bleibt die Gattin eines Grönländers kinderlos, so wird ja der

Hauptzweck seiner Ehe nicht erreicht, und es scheint ihm daher nur

natürlich, daß er dem abzuhelfen versucht. Als ein junger Mann, dessen

Frau keine Kinder hatte, einmal Nils Egede ein Fuchsfell dafür anbot,

daß entweder er selber ihm dazu verhelfen oder einen seiner Matrosen es

thun lassen sollte, war er sehr verdutzt, daß Egede darüber böse werden

konnte. Er antwortete: »Das ist keine Schande; sie ist verheiratet und

kann einen Deiner verheirateten Matrosen bekommen.«

Daß es jedoch auch den verheirateten Grönländern ursprünglich nicht an

dem, was wir Sittlichkeitsgefühl nennen, gefehlt hat, scheint unter

anderem daraus hervorzugehen, daß sie sich im täglichen Leben sehr

anständig betragen und in der Regel keinen Anstoß erregen, worüber alle

Reisenden einig sind.

Wenn ein Heide -- und viele christliche Grönländer desgleichen --

die Gattin eines anderen, wenn sie ihm gefällt, nicht antastet, so

geschieht dies wohl meistens mehr aus Scheu vor einem Zwiste mit

dem Manne, als weil er es für unrecht hält. Doch daß selbst auf der

Ostküste ein schwacher Rechtsbegriff in dieser Beziehung vorhanden ist,

ergiebt sich aus folgender, in Angmagsalik gebräuchlicher Redeweise:

»Die Walfische, Moschusochsen und Renntiere verließen das Land, weil

die Männer zu viel mit anderer Leute Frauen verkehrten.« Viele Männer

behaupten aber, es sei geschehen, »weil die Frauen darüber eifersüchtig

wurden, daß die Männer mit anderer Leute Frauen Umgang hatten«.

Letzteres soll auch daran schuld sein, daß der Sund, der früher vom

Sermelikfiord bis an die Westküste quer durch das Land ging, jetzt

vereist ist.[40]

Egede sagt, daß die Frauen, obwohl sie seltsamerweise bis zu seiner

Ankunft durchaus nicht eifersüchtig waren, wenn ihre Männer mehrere

Frauen hatten, und »sich stets gut mit letzteren vertrugen«, auf

einmal damit unzufrieden waren und nicht wollten, daß die Männer sich

eine Nebenfrau nahmen. Und zwar sei diese Sinnesänderung vor sich

gegangen, nachdem er ihnen über das Ungebührliche ihrer Sitte gepredigt

habe; er setzt noch hinzu: »Ja, nachdem ich es ihnen aus Gottes Wort

vorgelesen und nachgewiesen hatte, baten sie mich, nicht zu vergessen,

ihren Männern das sechste Gebot einzuschärfen.« Diese Wirksamkeit der

Missionare unter den Frauen sagte den Männern begreiflicherweise nicht

zu, und ein Eskimo, dessen beide Frauen einander in die Haare gekommen

waren, sagte voll Erbitterung zu Niels Egede: »Du hast sie mit Deiner

Leserei verdorben, und nun sind sie eifersüchtig aufeinander.« Mir

scheint der Groll des Mannes berechtigt. Was würden wir sagen, wenn die

Grönländer in unser Land kämen, in unsere Häuser drängen und unseren

Frauen ~ihre~ Sittlichkeitsmoral predigten?

Nach eskimoischer Anschauung ist das Heiraten zweier Geschwisterkinder

untereinander, wie überhaupt zwischen nahen Verwandten nicht erlaubt.

Nicht einmal Pflegegeschwister, die zufällig zusammen erzogen sind,

dürfen sich heiraten. Am besten soll die Braut von auswärts sein.

Dieses Gesetz entspricht also der sogenannten Exogamie oder

dem Verbote, sich mit mutmaßlichen Blutsverwandten desselben

Familiennamens, oder doch aus demselben Clan (bei den Chinesen),

Gotra (bei den Hindus) oder derselben Gens (bei den Römern) ehelich

zu verbinden. Dasselbe Verbot findet sich unter wenig verschiedenen

Formen bei den Hindus, den Chinesen, in der griechischen Kirche, in

der altkatholischen, zum Teil auch bei den Slawonen, den Indianern und

vielen anderen.

Unsere eigenen Vorfahren haben wohl auch früher der Exogamie gehuldigt,

die jedoch stark im Widerspruch steht zu der jetzt bei uns üblichen

Anschauung, daß Heiraten zwischen Leuten aus demselben Orte, ja

vorzugsweise unter nahen Verwandten, wenn nicht gar Geschwisterkindern

die besten seien. Im Großen und Ganzen scheinen die wilden Völker die

ausgedehntesten, umfassendsten Heiratsverbote zu haben, während die

beschränktesten Vorschriften darüber in den modernen, zivilisierten

Staaten zu finden sind. Die Exogamie wäre demnach ein Ueberbleibsel

der Barbarei, von dem sich unser Volk in hohem Grade freigemacht

hätte. Der Ursprung dieses Moralgesetzes ist sehr schwer zu erklären.

Trotzdem ich wissenschaftliche Autoritäten gegen mich habe, scheint

es mir nicht unmöglich, daß ihm zum Teil der Glaube zu Grunde liege,

die Verwandtenehe erzeuge schwächliche Nachkommen. Jedenfalls finden

wir solchen Glauben in seinem engsten Begriffe bei fast allen Völkern

in Form von Scheu vor Blutschande. Allerdings meinen mehrere moderne

Forscher beweisen zu können, daß Ehen zwischen Verwandten keine

schlechten Folgen haben. Doch berechtigt oder nicht berechtigt: es ist

Thatsache, daß ein solcher Glaube hat entstehen können, und ist erst

der Glaube da, so kommt das Gesetz von selbst. Daß es, wie bei den

Grönländern soweit geht, alle an einem Orte Wohnenden zu umfassen, läßt

sich leicht durch ihre obenbesprochenen Bräuche erklären, nach denen

man nie bestimmt wissen kann, ob die Brautleute aus einem Orte nicht am

Ende Halbgeschwister sind.

In vieler Beziehung steht die Moral des heidnischen Eskimos

durchgehends höher als die in den meisten christlichen Staaten. Da ich

dies schon im siebenten Kapitel angedeutet habe, will ich hier nur an

ihre aufopfernde Nächstenliebe erinnern, und an ihre Bereitwilligkeit,

einander zu helfen, wozu wir bei uns wahrhaftig kein Seitenstück

finden.

Die Nächstenliebe des Eskimos aber geht sogar soweit, daß er es

unterlassen kann, einen andern schlecht zu machen. Ja, er sagt

ihm nicht einmal etwas Nachteiliges, das wahr ist, nach, wenn er

sein Nachbar ist. Dergleichen würde nicht zu seiner friedlichen,

wohlwollenden Gesinnung passen. Wie schon erwähnt, scheinen die Frauen

in dieser Hinsicht nicht ganz so zuverlässig zu sein, doch dies soll ja

keine ungewöhnliche weibliche Schwäche sein.

Vor dem Alter hat der Eskimo keine sehr hervortretende Ehrfurcht.

Solange die Alten noch arbeiten können, werden sie allerdings geachtet,

und sind sie früher gute Fänger gewesen und haben Söhne, so können sie

sogar großen Einfluß haben und als das Oberhaupt des Hauses betrachtet

werden.

Eine Frau, die tüchtige Söhne hat, wird auch dann noch ehrerbietig

behandelt, wenn sie ein sehr hohes Alter erreicht. Ist sie Witwe, so

hat sie besonders großen Einfluß, da sie dann gewöhnlich das Haus

regiert und die Schwiegertöchter sich ihren Anordnungen unterwerfen

müssen. Doch werden die Leute sonst so alt, daß sie nicht mehr arbeiten

können, so werden sie, namentlich die Weiber, wenig rücksichtsvoll

behandelt. Bisweilen schämen sich die Jüngeren nicht einmal, sie

geradezu zu verspotten, und hierin finden die alten Knacker sich mit

großer Geduld, als sei es nun einmal so der Lauf der Welt.

Will der Leser sich selber eine Ansicht über die moralische Denkweise

eines ursprünglichen Eskimos bilden, so glaube ich, ist der beigefügte

Brief eines Grönländers an Paul Egede[41] von Interesse. Ich gebe ihn

hier wieder, weil er meine Anschauungen in vieler Beziehung unterstützt

und Egedes Buch, »Nachrichten über Grönland«, in dem die Uebersetzung

(Seite 230-236) abgedruckt ist, jetzt schwer zu haben sein dürfte.

Der Schreiber des Briefes war ein Heide, den Paul Egedes Vater,

Hans Egede, getauft hatte. Der Brief, der natürlich auf Eskimoisch

geschrieben war, verrät außer überraschenden moralischen Ansichten auch

scharfen Verstand und Gefühle, die man sicherlich, wie Paul Egede sagt,

»einem so dummen Volke, wie die Eskimos es der allgemeinen Meinung nach

sein sollen«, nicht zutrauen würde. Er bildet, wie man sehen wird, die

Antwort auf einen Brief Egedes und lautet folgendermaßen:

»Liebenswürdiger Pauia!«[42]

Du weißt selbst, wie wert und angenehm mir Dein Schreiben ist. Aber

wie erschrak ich, als ich darin von dem Untergange der vielen Menschen

bei dem Erdbeben, von dem wir hier nichts gehört haben, las, bei dem,

wie Du sagst, in einem Augenblicke mehr Menschen umgekommen sind, als

in unserem ganzen Lande wohnen. Ich kann nicht beschreiben, wie mich

dies erregt hat, und wir erschraken so, daß viele von ihrem Wohnorte

nach anderen Stellen flüchteten, die ebenso unsicher waren, obgleich

der Grund aus Felsen besteht. Denn wir sehen auch bei uns, daß Klippen

von oben bis in den Abgrund hinunter zerrissen sind, wann dies aber

geschehen ist, weiß keiner von uns. Die Granitfelsen unseres Landes

kann Gott, in dessen Macht alles liegt, ebenso leicht erschüttern,

und wir armes, elendes Gewürm sind leicht darunter begraben. Du läßt

mich wissen, daß der Winter Euch weder Schnee, noch Kälte gebracht

hat, und schließest daraus, daß er bei uns um so strenger gewesen sein

muß; wir haben jedoch einen ungewöhnlich milden Winter gehabt. Wie

ich gehört habe, meinen Eure Gelehrten, daß das milde Wetter von den

warmen Dünsten herrühre, die bei dem Erdbeben aus der Erde gekommen

sind, die Luft erwärmt und die Schneemasse geschmolzen haben sollen.

Doch, wenn ich nicht gehört hätte, daß die Gelehrten dies gesagt haben,

hätte ich geglaubt, daß die Wärme der Erde nicht ausreichen könne,

um die hohe, weite Luft zu erwärmen, ebensowenig wie der Atem eines

Menschen ein großes Haus heizen kann, wenn er einmal hineinhaucht

und dann gleich wieder hinausgeht. Die Südwinde, die immer warm sind

und bei uns das ganze Jahr geweht haben, sind die Ursache, daß hier

nur mäßige Kälte war; weshalb der Wind aber aus Süden wehte, weiß

ich nicht, vielleicht wissen es auch die Gelehrten nicht. Sind die

bedauernswerten, umgekommenen Menschen vor Hitze gestorben, oder hat

die Erde sie verschlungen, oder hat die Erschütterung sie getötet?

Schiffer B. meinte, ihre eigenen Häuser seien über ihnen eingestürzt

und hätten sie erschlagen. Eure Leute aber scheinen sich dies nicht

sehr zu Herzen zu nehmen, denn sie sind nicht allein munter und

zufrieden, sondern sie erzählen uns auch, daß die beiden Nationen[43],

die hierher zum Walfischfange kommen, -- nicht aus Eurem Lande,

aber doch Eure Glaubensgenossen -- einander zu Lande und zu Wasser

erschießen und totschlagen, auf einander Jagd machen wie auf Seehunde

und Renntiere und sich gegenseitig und solchen, die sie nie gesehen

haben und garnicht kennen, Schiffe und Güter stehlen und fortnehmen,

bloß weil ihr Oberherr es so haben will. Als ich den Schiffer durch

den Dolmetscher fragte, was der Grund solcher Unmenschlichkeit sei,

antwortete er, es sei ein Stück Land[44] dem unsrigen gegenüber, das so

weit fort liege, daß sie drei Monate brauchen, um dorthin zu segeln.

Ich dachte da, daß sie zu wenig Land hätten, um alle dort wohnen zu

können, er aber sagte nein! Es sei nur die Gier der großen Herren nach

mehr Völkern und Reichtümern. Ich war über diese Begehrlichkeit so

verwundert und wurde so bange, daß ich beinahe vor Schrecken gestorben

wäre; doch gleich darauf wurde ich wieder froh, Du kannst wohl kaum

erraten, weshalb? Ich dachte an unser schneebedecktes Land mit seinen

armen Bewohnern, und ich sagte zu mir selbst: ›Gott sei Dank! wir sind

arm und besitzen nichts, was diese gierigen Kavdlunaker, so nennen

wir alle Fremden, begehren könnten; was wir über der Erde besitzen,

gilt ihnen nichts; was uns zur Kleidung und Nahrung dient, schwimmt

im großen Meere, davon mögen sie nach Belieben soviel nehmen, wie

sie bekommen können, für uns bleibt doch noch genug übrig; wenn wir

nur soviel Speise haben, daß wir uns satt essen können, und genug

Felle bekommen, um uns gegen die Kälte zu schützen, so sind wir

zufrieden, und Du weißt selbst, daß wir den folgenden Tag für das

Seine sorgen lassen. Wir wollten also nicht darum Krieg führen, auch

wenn es in unserer Macht läge, obgleich wir ebenso gut sagen können,

es gehöre uns, wie die Gläubigen aus dem Osten von den ungläubigen im

Westen sagen, diese und ihre ganze Habe gehörten ihnen. Wir können

sagen, das Meer, das unsere Küste bespült, gehört uns, unser sind

auch die darin schwimmenden Walfische, Walrosse, Tümmler, Einhörner

(Narwale), Weißfische (Walart), Seehunde, Helbutten, Lachse, Dorsche

und Knurrhähne; doch wir haben nichts dagegen, daß sich andere soviel

von dem großen Vorrate nehmen, wie sie wollen. Wir haben das große

Glück, von Natur nicht so habgierig zu sein, wie sie. Ich habe mich

oft über die Christen gewundert und nicht recht gewußt, was ich von

ihnen denken sollte; sie verlassen ihr eigenes schönes Land und müssen

in diesem für sie so harten und häßlichen Lande viel aushalten, nur um

uns zu gesitteten Menschen zu machen, aber hast Du wohl so viel Böses

bei unserer Nation gefunden und je solchen merk würdigen, abgünstigen

Schnickschnack von einem der unseren gehört? Eure Lehrer unterweisen

uns, wie wir dem Teufel entgehen können, von dem wir doch nie etwas

gewußt haben, und Eure übermütigen Matrosen beten in vollem Ernste, der

Teufel wolle sie holen und zerreißen. Du wirst Dich noch erinnern, daß

ich ihnen zu Gefallen in meiner Jugend solche Redensarten von ihnen

gelernt habe, ohne die Bedeutung zu kennen, bis Du mir verboten hast,

sie zu gebrauchen, und seitdem ich sie selbst verstehen gelernt, habe

ich mehr davon gehört, als mir lieb ist. Besonders in diesem Jahre

habe ich soviel von den Christen gehört, daß wenn ich nicht durch den

langen Verkehr viele gute und gesittete kennen gelernt und ~Hans

Pungiok~ und ~Arnarsak~, die in Eurem Lande gewesen sind,

nicht erzählt hätten, daß es dort viele fromme, tugendhafte Leute

giebt, ich gewünscht haben würde, wir hätten sie nicht gesehen, damit

sie nicht unser Volk verderben. Du hast wohl mehr als einmal gehört,

daß meine Landsleute von Dir und den Deinen glaubten, solche Manier

sei Euch in Eurem Lande anerzogen worden, und von einem Frommen unter

Euch sagten, er gleiche einem Menschen oder Grönländer. Du erinnerst

Dich wohl des Einfalles des lustigen ~Okakos~, Hexenmeister,

d. h. Angekoker, in Euer Land zu senden, um die Leute dort zu

unterrichten, wie man ein gesitteter Mensch wird, gerade so, wie Euer

König Prediger hergesandt hat, um uns zu lehren, daß es einen Gott

giebt, den wir früher nicht kannten. Doch ich weiß wohl, daß es ihnen

nicht an Unterweisung fehlt und der Vorschlag daher nichts taugt. Es

ist wirklich merkwürdig, mein lieber Pauia! Euer Volk weiß, daß es

einen Gott, den Schöpfer und Erhalter aller Dinge, giebt, daß sie

nach diesem Leben entweder selig oder verdammt werden, je nachdem sie

sich betragen haben, und dennoch leben sie, als wäre ihnen befohlen

worden, böse zu sein, und als brächte ihnen das Sündigen Vorteil und

Ehre. Meine Landsleute dagegen wissen weder von Gott, noch vom Teufel

etwas, erwarten weder Lohn noch Strafe nach diesem Leben, und doch

benehmen sie sich anständig, verkehren liebevoll und einträchtig

miteinander, teilen alles miteinander und schaffen sich gemeinsam ihren

Lebensunterhalt. Es giebt wohl Böse unter uns, die zeigen, daß wir

mit Euch stammverwandt sein müssen, doch daß an den meisten von uns

kein Tadel ist, -- (Du denkst wohl nicht, daß ich meines Volkes wegen

lüge, Du weißt ja selbst aus Erfahrung, daß dies wahr ist) -- kommt

vielleicht von unserm unfruchtbaren Lande. Wie ich zuerst von Euren

schönen Ländern hörte, habe ich oft ihre Bewohner glücklich geschätzt,

weil sie solchen Ueberfluß an wohlschmeckenden Erdfrüchten, Tieren,

Vögeln und Fischen jeder Art, schön eingerichtete große und prächtige

Häuser, schöne Kleider, einen langen Sommer, keinen Schnee, keine

Kälte, keine Mücken, sondern nur wünschenswerte und angenehme Dinge

besitzen, und diese Glückseligkeit, dachte ich bei mir, sei Euch nur

deshalb zuteil geworden, weil Ihr Gläubige und sozusagen Gottes eigene

Kinder seid, während wir als Ungläubige zur Strafe in dieses harte

Land gesetzt seien. Doch oh! wir glücklichen Grönländer! Oh, Du teures

Vaterland! Wie gut, daß Du mit Eis und Schnee bedeckt bist! wie gut,

daß, falls Deine Felsen das Gold und Silber, nach welchem die Christen

so gierig sind, enthalten, dieses mit soviel Schnee bedeckt ist, daß es

unzugänglich ist. Deine Unfruchtbarkeit macht uns glücklich und befreit

uns von Gewalt. Pauia, wir sind wirklich mit unseren Lebensbedingungen

zufrieden. Fleisch und Fische sind unsere ganze Nahrung; Leckerbissen

kommen nur selten vor, sind dann aber um so willkommener. Das

eiskalte Wasser ist unser Getränk, es erquickt und umnebelt nicht den

Verstand, auch beraubt es uns nicht unserer natürlichen Kräfte, wie

das tollmachende Gebräu, an dem Eure Leute so viel Geschmack finden.

Unsere Kleidung besteht aus dicken, unansehnlichen Fellen, die aber

ganz wie für dieses Land geschaffen sind und sowohl den Tieren, solange

sie sie tragen, wie uns, wenn wir sie von ihnen bekommen haben, gute

Dienste leisten. Bei uns giebt es also -- Gottlob! -- nicht soviel,

daß jemand Lust bekommen könnte, uns deshalb totzuschlagen. Wir leben

somit ohne Furcht. Wohl haben wir hier im Norden die grimmigen weißen

Bären, doch da wir Hunde besitzen, die für uns mit ihnen kämpfen, haben

wir nicht die geringste Gefahr zu befürchten. Von Totschlag hört man

bei uns sehr selten, und er kommt auch nur vor, wenn jemand in den

Verdacht gerät oder von einem Angekok angeklagt wird, einen Menschen

mittelst Zauberei umgebracht zu haben; dann wird er ohne Gnade von den

Betreffenden umgebracht, die ebensoviel Recht zu haben glauben, ihre

Mitmenschen zu töten, wie die Henker Eures Landes Eure Missethäter.

Doch sie prahlen nachher nicht damit oder danken gar Gott dafür, wie

die Herren bei Euch zu Lande, wenn sie die Bewohner eines ganzen Landes

totgeschlagen haben, wie D. mir erzählt hat. Sie können doch wohl nicht

dem guten Gotte, der, wir Ihr uns lehrt, das Töten verboten hat, danken

und lobsingen; es muß ein anderer sein, der Totschlag und Vernichtung

liebt, am Ende ist es gar der ~Tornarsuk~ (der Teufel)? Doch dies

kann auch nicht sein, denn dem Satan Ehre geben, hieße dem frommen

Gotte zuwiderhandeln. Dies mußt Du mir gelegentlich erklären. Ich

verspreche Dir, daß ich meinen Landsleuten nichts davon sagen werde.

Sie könnten darüber so böse werden, wie ~Kana~, der nicht Christ

zu werden wagte, weil er fürchtete, dadurch den sittenlosen Matrosen

ähnlich zu werden. Ich schreibe Dir nichts über die Bekehrung meiner

Landsleute, da ich weiß, daß unser Lehrer Dir schon darüber berichtet

hat. Die Sache, die ich untersuchen soll, werde ich erforschen, so gut

ich kann. Die Probe mit dem Kompaß konnte ich nicht machen, da die

Kälte über Jahr nur mäßig war. Die Ursache der beiden widerstreitenden

Ströme wird wohl die sein, von der Du schreibst. Da Du von den beiden

beinahe versteinerten Fischen soviel hältst, werde ich Dir noch einige

zu verschaffen suchen. Sie sind, wie Du Dir gedacht hast, aus dem

Leersgrunde. Nun habe ich sozusagen mit Dir gesprochen, und Du mit

mir; jetzt muß ich meinen Brief versiegeln. Der Schiffer ist bereit,

und der Wind ist gut. Unser gemeinsamer mächtiger Beschirmer führe sie

glücklich über das große, gefährliche Meer und bewahre sie vor allem

vor den bösen Menschenjägern, vor denen sie sich, wie ich gemerkt habe,

am meisten fürchten, und lasse sie unverletzt ihr Vaterland erreichen

und dort die Freude haben, Dich, Du Lieber, zu treffen.

Grönland, 1756. Paul Grönländer.

Der Inhalt dieses Briefes verdient Beachtung, und unter anderen dürften

die Antifriedensbündler unserer Zeit viel daraus lernen können.

Er, wie alles andere, was sonst in diesem Kapitel hervorzuheben

war, berechtigt uns wohl zu der Behauptung, die ursprüngliche Moral

des Eskimos nähere sich oft der idealen christlichen, ja stehe

gewissermaßen über ihr. Denn, wie es oben heißt, die Grönländer wissen

»weder von Gott, noch vom Teufel, glauben weder an Lohn, noch an Strafe

nach diesem Leben und führen einen guten Lebenswandel« -- trotzalledem!

Manch einer wird es erstaunlich finden, daß dies vorkommen kann bei

einem in seinem äußeren Auftreten so tief stehenden Volke, wie es

am Ende des zweiten Kapitels dargestellt wurde. Andere überrascht

es vielleicht mehr, daß sich bei einem Volke ohne Religion oder

wenigstens mit einer sehr unvollkommenen, die wir noch besprechen

werden, eine so hohe Moral entwickeln konnte. Es steht das im

Widerspruch mit der bekannten Behauptung, Moral und Religion seien

nicht von einander zu trennen. Daß die Moral zum wesentlichen Teile

Naturgesetzen entspringt und sich auf solche aufbaut, dürfte sich beim

Studium der Eskimogesellschaft ziemlich deutlich ergeben.

[Illustration]

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Eskimoleben · 第 16 / 21 题