Liebe und Ehe.
Der Liebe, dieser die ganze Schöpfung durchströmenden Kraft, begegnen
wir auch in Grönland. Die grönländische Liebe ist eine starke,
aufrichtige Naturempfindung, einem gesunden Boden entsprossen. Sie hat
nicht die vielen zarten Blätter und verwickelten Blumenkronen unserer
Kulturgewächse, sondern gleicht der wilden Feldblume, die sich einfach
und kräftig in einer ursprünglichen Natur entfaltet.
Sie ist das Gefallen zweier junger Menschen aneinander. Den Mann
macht sie nicht schwärmerisch, sondern treibt ihn aufs Meer hinaus
zum Fang, stärkt ihm den Arm und schärft ihm das Auge, denn er will
tüchtig werden, damit er seine ~Naja~ als Frau heimführen und
eine Familie versorgen kann. Und die junge schüchterne Naja steht auf
dem Aussichtsberge und schaut ihm nach. Sie sieht, wie kräftig und
sicher er vordringt, wie gewandt er die Ruder führt, und wie leicht
sein Kajak über den Wasserspiegel hintanzt. Warmes Gefühl leuchtet
aus ihren Augen, die sehnsuchtsvolle Gestalt wirkt stimmungsvoll.
Dann verschwindet er draußen in der Ferne, während sie noch auf die
unendliche blaue Fläche, die sich über dem Grabe manch eines kühnen
Kajakruderers wölbt, hinausstarrt. --
Endlich kehrt er bugsierend heim, sie eilt an den Strand und hilft mit
den andern seine Beute bergen, während er ruhig seine Waffen nimmt
und nach Hause geht. Sie blickt ihm bewundernd nach -- bald wird die
Hochzeit sein können. --
Doch eines Abends kommt er nicht heim; sie wartet und hält Ausguck;
alle andern sind schon herein. -- Er ist auf dem Meere verunglückt.
-- Das Auge wird feucht, und große Thränen rollen über ihre Wangen.
Sie weint und weint, sie wird es nicht überleben. -- Das dauert zwei,
vielleicht drei Tage -- dann giebt sich der Kummer. -- Es giebt ja noch
mehr Männer auf Erden, und sie sieht sich nach einem anderen um.
Der Vollbluteskimo verheiratet sich gewöhnlich, sobald er eine Frau
versorgen kann. Der Grund ist nicht allemal Liebe, die »Rechte« mag
noch nicht gekommen sein, und da scheint es denn häufig deshalb zu
geschehen, weil er weiblicher Hülfe bedarf, um seine Felle zu gerben,
seine Kleider zu nähen u. s. w. Er verheiratet sich oft schon, bevor er
zeugungsfähig ist, und auf der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches,
daß er drei- bis viermal verheiratet gewesen ist, ehe jener Zeitpunkt
eintritt. Später kommen Ehescheidungen seltener vor[24].
Eheschließungen gingen früher in Grönland sehr leicht vor sich. Wollte
ein Mann ein Mädchen haben, so ging er in ihr Haus oder Zelt, ergriff
sie beim Schopf oder wo er sie am besten packen konnte und schleppte
sie ohne weitere Umstände in sein Haus[25], wo er sie auf die Pritsche
setzte. Allenfalls schenkte ihr der künftige Gatte noch eine Lampe
oder einen neuen Wassereimer, und damit war die Geschichte fertig.
Es gehörte jedoch in Grönland ebenso wie an anderen Orten auf Erden
zum guten Ton, daß es die betreffende Dame unter keiner Bedingung
merken lassen durfte, daß sie den Freier haben wollte, selbst wenn sie
noch so verliebt in ihn war. Wie bei uns in Norwegen eine anständige
Braut bei der Trauung weinen muß, so mußte sie sich aus Leibeskräften
sträuben, jammern und klagen. War sie wirklich wohlerzogen, so weinte
und schrie sie tagelang, ja sie lief sogar ihrem Manne fort. Ging die
Wohlerzogenheit zu weit, so konnt es, dem Vermelden nach, vorkommen,
daß der Mann, wenn er ihrer noch nicht überdrüssig geworden war, ihr
mit einem Messer unter den Fußsohlen die Haut aufritzte, um ihr das
Fortlaufen unmöglich zu machen. Dann war sie gewöhnlich eine zufriedene
Hausfrau, wenn die Wunden geheilt waren.
Als sie zuerst eine Trauung nach unserer Art sahen, fanden sie es sehr
anstößig, daß die Braut auf die Frage, ob sie den Bräutigam zum Manne
haben wolle, mit Ja antwortete. Ihrer Ansicht nach hätte sie lieber
nein sagen sollen, denn sie halten es für eine große Schande für ein
Mädchen, Ja zu sagen, wenn eine solche Frage gestellt wird. Als sie
hörten, daß es bei uns so Sitte sei, meinten sie, unsere Weibsleute
müßten aber auch gar keine Schamhaftigkeit besitzen.
Die oben geschilderte Eheschließungsart ist auf der Ostküste
Grönlands noch immer die einzig gebräuchliche, und es kann bei
solchen Entführungen ziemlich gewaltsam hergehen. Die Verwandten der
betreffenden Dame sehen jedoch ruhig zu, denn das Ganze ist eine
Privatsache, und die Neigung der Grönländer, mit ihren Landsleuten
in gutem Einvernehmen zu leben, läßt sie sich nur ungern in die
Angelegenheiten anderer mischen.
Es kommt natürlich auch vor, daß die junge Dame den Bewerber wirklich
nicht haben will. In diesem Falle setzt sie sich so lange zu Wehr, bis
sie sich entweder selbst beruhigt oder der Freier verzichtet.
Wie schwer es für den Unbeteiligten ist, ihre wirklichen Wünsche zu
erkennen, sieht man an einem merkwürdigen Beispiele, das uns von Graah
erzählt wird[26]. Kellitiuk, eine flinke Ruderin seines Bootes an der
Ostküste, wurde eines Tages von einem Ostländer, namens Siorakitsok,
trotz des heftigsten Sträubens ihrerseits geraubt und in die Berge
geschleppt. Da Graah der Ansicht war, daß sie den Entführer durchaus
nicht haben wolle, was auch die bestätigten, die ihr nahe standen,
so verfolgte er ihre Spur und befreite sie. Einige Tage darauf, als
man im Begriffe stand, sich reisefertig zu machen, und das Boot eben
ausgesetzt worden war, sprang Kellitiuk hinein, kroch unter die Bänke
und deckte sich mit Säcken und Fellen zu. Es stellte sich bald heraus,
daß sie dies that, weil Siorakitsok gerade mit seinem Vater, den er als
Sekundanten mitgebracht hatte, an der Insel gelandet war. Als Graah
sich einen Augenblick entfernte, eilte der Grönländer nach dem Boot
und zog seine Angebetete aus ihrem Verstecke hervor. Ueberzeugt, daß
sie ihren brutalen Freier wirklich verabscheue, hielt Graah es für
seine Pflicht, sie abermals zu befreien. Als er hinzukam, hatte der
Freier sie schon halb aus dem Boote gezogen, und der Vater stand auf
dem Lande, bereit, ihm zu helfen. Als Graah ihm das Mädchen entriß und
ihm Anweisung auf die »schwarze Dorthe«, eine andere Rudererin, die
er selbst gern los sein wollte, gab, hörte der Enttäuschte ihn ruhig
an, murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin und entfernte
sich mit erzürnter Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich
das Mißgeschick seines Sohnes nicht weiter zu Herzen, »er half uns,
das Fahrzeug beladen,« sagt Graah, »und rief uns ein sicherlich gut
gemeintes Lebewohl zu.« Als sie abfahren wollten, war jedoch Kellitiuk
nirgends zu finden, obwohl überall auf der kleinen Insel, wo sie sich
nur hätte verstecken können, nach ihr gesucht und gerufen wurde, und
man mußte ohne sie reisen. Sie hat Siorakitsok also doch gemocht.
Die Vollblutgrönländer sind ebenso schnell mit der Scheidung fertig,
wie mit der Heirat. Ist der Mann seiner Frau überdrüssig -- das
Umgekehrte kommt seltener vor -- so braucht er sich nur von ihr
zu retirieren, wenn er sich schlafen legt, und dabei kein Wort zu
sprechen. Sie merkt dann sogleich die Absicht, sammelt am nächsten
Morgen ihre Kleider zusammen und kehrt in aller Stille in ihr
Elternhaus zurück, indem sie gewöhnlich thut, als ginge es ihr garnicht
nahe. Wie mancher Ehemann bei uns würde wünschen, daß seine Gattin eine
Grönländerin wäre!
Gelüstet es einen Mann nach der Gattin eines anderen, so nimmt er
sie sich ohne weiteres, wenn er der Stärkere ist. Als Papik, ein
angesehener, tüchtiger Fänger in Angmagsalik auf der Ostküste, Patuaks
junge Frau haben wollte, reiste er nach Patuaks Zelte und nahm einen
leeren Kajak mit. Er trat ein, holte die Frau und führte sie ans Ufer,
wo er sie in den leeren Kajak steigen ließ und mit ihr fortruderte.
Patuak, der jünger als Papik ist und sich mit diesem an Tüchtigkeit
und Kräften nicht messen kann, mußte sich in den Verlust seiner Frau
finden[27].
Es giebt auf der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit zehn Männern
verheiratet waren. Utukuluk in Angmagsalik hatte es mit achten probiert
und verheiratete sich das neunte Mal mit Mann Nr. 6 wieder.[28]
Besonders leicht geht die Scheidung, solange noch keine Kinder da sind.
Hat die Frau schon ein Kind und ist dieses gar ein Knabe, so hat das
Eheverhältnis in der Regel mehr Bestand.
Kann ein Mann auf der Ostküste mehr als eine Frau ernähren, so nimmt
er noch eine; die meisten guten Fänger haben daher zwei, aber nie
mehr.[29] Oft scheint die erste eine Rivalin nicht gern zu sehen,
bisweilen aber geschieht es auf ihren ausdrücklichen Wunsch, damit sie
mehr Hülfe bei der Hausarbeit hat. Der Grund kann auch ein andrer sein.
»Einmal fragte ich eine Frau,« sagt Dalager, »warum ihr Gatte eine
Nebenfrau genommen. -- Ich bat ihn selbst darum, antwortete sie, weil
ich keine Kinder mehr haben mag.«
Die erste Frau scheint immer als die vornehmste angesehen zu werden,
selbst wenn der Mann mehr von der zweiten hält.
[Illustration: Jäger, Frau und Mädchen von der Westküste.]
Polyandrie kommt nur selten vor. Nils Egede erzählt von einer Frau, die
zwei Männer hatte; alle drei aber waren Angekoker.
Mit der Einführung des Christentums wurde die alte, bequeme
Eheschließungsart auf der grönländischen Westküste natürlich
abgeschafft, und jetzt wird man dort unter ähnlichen religiösen
Ceremonien wie in Europa verbunden. Die Braut braucht sich auch nicht
mehr so sehr zu sträuben.
Doch bekam man früher eine Gattin nur zu leicht, so wird es jetzt
oft schwer genug gemacht. Die Trauung darf nämlich nur ein Prediger
vollziehen, die eingeborenen Katecheten, die in den verschiedenen
Ansiedlungen seine Stelle vertreten, haben dazu keine Vollmacht. Wohnt
man nun an einem Orte, den der Prediger alljährlich nur einmal oder
vielleicht nur alle zwei Jahre besucht, so muß man die Gelegenheit
wahrnehmen, sich gerade dann eine Braut anzuschaffen. Hat aber ein
junger, kräftiger Bursche Lust, sich zu verheiraten, wenn der Prediger
schon wieder fort ist, so muß er auf die nötige kirchliche Einsegnung
noch ein bis zwei Jährchen warten.
Daß eine derartige Einrichtung zum Eingehen lockerer Verbindungen oder
Heiraten ohne kirchlichen Segen führt, würde auch dann unvermeidlich
sein, wenn nicht die Grönländer schon von Natur dazu neigten. Ich habe
von Beispielen gehört, daß ein Prediger nach zweijähriger Abwesenheit
an einem Orte an ein und demselben Tage ein Mädchen konfirmieren
und trauen und ihr Kind taufen mußte. Das kann man ein summarisches
Verfahren nennen. Jene Einrichtung muß schädlich wirken und den Respekt
vor der Amtshandlung, der man wohl zunächst dadurch, daß nur ein
Prediger sie verrichten darf, höheren Wert verleihen wollte, gründlich
vernichten.
Bei der Einführung des Christentums wurde natürlich auch die
Vielweiberei abgeschafft. Die Missionare verlangten sogar, daß ein
Heide, der schon zwei Frauen hatte, sich, wenn er das Christentum
annahm, von einer trennte. Im Jahre 1745 hatte ein Eskimo in
Fredrikshaab Lust, sich taufen zu lassen, »als aber darüber verhandelt
wurde, daß er sich von seiner Nebenfrau trennen müsse, wurde er
wankelmütig, da er von ihr zwei Söhne hatte, die er bei dieser
Gelegenheit dann auch verloren hätte, und daher sattelte er um und ging
seiner Wege«.[30] Das kann man ihm kaum verdenken. Aehnliche Fälle,
in denen verlangt wird, daß ein Mann eine seiner Frauen, mit der er
vielleicht viele Jahre glücklich gelebt hat, verstoße, kommen noch
immer vor, sobald Grönländer von der Ostküste sich auf der Westküste
(beim Kap Farvel) ansiedeln und taufen lassen. Auf das Unrecht, das der
Mann hierdurch gezwungenermaßen gegen sein rechtmäßiges Weib begehen
soll, braucht nicht näher hingewiesen zu werden. Uebrigens erschien es
schon Dalager als ein Unrecht, und »inwiefern es gegen Gottes Ordnung
streitet, daß ein Mann mehr als eine Frau habe, ist ihm ein Rätsel«.
Jedoch noch heute kommt auch auf der Westküste hin und wieder
Vielweiberei vor, und eine zweite Gattin scheint so ziemlich das Erste
zu sein, was sich ein tüchtiger Fänger anschafft, d. h. wenn er sich
überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. Ein paar Beispiele davon wurden
mir in Godthaab erzählt.
Renatus, der tüchtigste Fänger am Graedefjord, hatte sich in ein
junges Mädchen verliebt und nahm sie eines Tages zur zweiten Frau. Das
Verhältnis zwischen ihr und seiner ersten Gattin schien indessen gut zu
sein, und alles ging in Ruhe und Frieden, bis es dem Missionar[31] zu
Ohren kam. Dieser hielt dem Manne vor, daß er sich schwer versündige,
und versuchte ihn zu zwingen, die zweite Frau wieder aufzugeben. Das
half jedoch nichts. Dann wurde er beim Vorstande in Godthaab[32]
verklagt. Renatus stellte sich und ließ sich schließlich dazu bewegen,
sich gutwillig zu fügen, und er sandte auch richtig seine Frau nach
~Kangek~ (außerhalb des Godthaabbezirkes), wo sie im Hause des
Katecheten Simon aufgenommen wurde. Gleichzeitig siedelte er sich
jedoch weiter nördlich, in der Nähe von Narsak, an, und da er dadurch
teilweise dieselben Fangstellen wie die ~Kangeker~ hatte, kam es
öfter vor, daß er diese besuchte, wodurch er Gelegenheit fand, mit
seiner zweiten Gattin zusammenzutreffen. Als später jedoch viele Klagen
aus seinem früheren Wohnorte am Graedefjord einliefen, weil dort große
Not herrschte, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen,
siedelte er wieder dorthin über und hat seitdem anständig gelebt. Dies
trug sich vor einigen Jahren zu, die zweite Frau lebt noch in Kangek,
wo ich sie selbst gesehen habe. Sie trägt eine grüne Haarbinde als
Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder für uneheliche gelten.
Ein anderer tüchtiger Fänger in ~Lichtenfels~ hatte sich
gleichfalls eine Nebenfrau zugelegt. Als der Missionar davon hörte,
ließ er ihn vorladen und versuchte mit eindringlichen Ermahnungen auf
ihn einzuwirken, doch ohne Resultat. Der Missionar versuchte es nun
schriftlich. Er schrieb strenger und strenger und kam schließlich
sogar mit ernstgemeinten Drohungen. Hierauf erhielt er endlich ein
Antwortschreiben, in dem nur ein Wort stand: +~susal~+, auf
gut Deutsch: »Du kannst Dir 'was scheißen!«
Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland, wie anderswo auf
Erden, verschieden. In der Regel bestimmt der Mann, aber ich habe auch
Beispiele davon gesehen, daß er unter dem Pantoffel steht. Das gehört
jedoch sicherlich zu den Ausnahmen.
Ursprünglich scheint die Frau bei den Eskimos als das Eigentum ihres
Gatten betrachtet worden zu sein. Auf der Ostküste kommt es vor, daß
bei der Heirat ein förmlicher Handel vor sich geht, indem ein junger
Mann dem Vater für die Erlaubnis, die hübsche Tochter heimzuführen,
eine Harpune oder dergleichen bezahlen muß, ebenso wie umgekehrt gute
Fänger von den Vätern dafür bezahlt werden, daß sie die Töchter nehmen,
während letztere einwilligen müssen, sobald der Vater es will.[33] Auf
der Ostküste geschieht es auch oft, daß zwei Fänger übereinkommen, ihre
Frauen auf kürzere oder längere Zeit auszutauschen; bisweilen wird die
eingetauschte Frau behalten. Zeitweiliger Frauentausch kommt sicherlich
noch heute auch auf der Westküste vor, besonders wenn sie im Sommer
der Renntierjagd halber im Binnenlande in Zelten hausen. Dann nehmen
sie sich viele Freiheiten, die von den Missionaren nicht kontrolliert
werden können.
In der Regel leben die Eheleute in außerordentlich gutem Einvernehmen.
Ich habe nie gesehen oder gehört, daß zwischen Mann und Frau ein
unfreundliches Wort fiel. Das entspricht der allgemeinen Erfahrung;
schon Dalager sagt: »Je länger Eheleute zusammenleben, desto
liebevoller schließen sie sich aneinander an, und im Alter gehen sie
miteinander um wie unschuldige Kinder.« Sie sind im ganzen äußerst
rücksichtsvoll gegen einander, auch kann man sie einander liebkosen
sehen. Sie sollen sich nicht nach unserer Art küssen, sondern die Nasen
auf einander pressen und sich zuschnupfen. Wie das gemacht wird, kann
ich leider nicht beschreiben, da mir die nötige Praxis abgeht.
Auf der Ostküste scheint das eheliche Verhältnis ebenfalls sehr gut
zu sein, doch kommen dort, wie Kapitän Holm behauptet, auch blutige
Auftritte vor. Als Sanimuinak eines Tages mit einer jungen Frau
(der obenerwähnten Utukuluk mit den neun Männern) zu seiner Gattin
Puitek ins Haus kam, wurde diese böse und schalt ihn aus. Hierüber
geriet er in Wut, ergriff sie beim Haarknoten und schlug ihr mit der
geballten Faust auf den Rücken und ins Gesicht. Schließlich nahm
er ein Messer und stach sie damit ins Knie, so daß das Blut hoch
aufspritzte[34]. Nach Holm wurde einmal auch ein Mann von seiner Gattin
tüchtig durchgeprügelt. -- Derartige Fälle gehören aber bei diesem
friedliebenden Volke zu den Ausnahmen.
Innige Liebe zu einander hegen die Ehegatten wohl nur ausnahmsweise,
wie denn tiefe Empfindungen dort oben im ganzen nicht oft vorkommen.
Stirbt der eine, so tröstet sich der andere in der Regel recht bald.
»Verliert ein Mann seine Frau«, sagt Dalager, »so wird ihm nicht von
vielen seines Geschlechtes kondoliert. Die Frauenzimmer aber setzen
sich zu ihm auf die Pritsche und beweinen die Tote, wozu er schluckst
und sich die Nase putzt.« Einige Tage darauf fängt er schon wieder
an, sich wie in seinen Junggesellentagen fein zu machen, besonders
werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, als dasjenige, womit ein
Grönländer stets am meisten paradiert. Wenn er nun in so glänzender
Equipage andere Grönländer auf See anspricht, dann sagen sie: Gebt
acht, da kommt ein neuer Schwager. Hört er dies, so schweigt er still
und lächelt dazu. Es gehört sich, daß die zweite Frau eines Witwers
über ihre eigene Unvollkommenheit klage und die Tugenden ihrer
Vorgängerin preise, »und hieraus ersieht man, daß die Grönländerinnen
ebenso gewiegt sind, interessierte Rollen zu spielen, wie andere ihres
Geschlechtes in zivilisierten Ländern«.
Der Hauptzweck der grönländischen Ehe ist unbedingt die
Kindererzeugung. Daher werden, wie zu Zeiten des alten Testamentes,
unfruchtbare Weiber geringgeschätzt und Ehen, die keine Nachkommen
bringen, oft aufgelöst.
Durchschnittlich sind die Grönländer reiner Rasse wenig fruchtbar. Zwei
bis vier Kinder in jeder Ehe ist die Regel, wenn auch Beispiele von
sechs bis acht, ja noch mehr, vorkommen.
Zwillinge sind selten, und die Frauen fragten mich oft, ob es wirklich
wahr sei, daß man im Lande der Langbärtigen (Norwegen) Zwillinge
gebäre. Als ich darauf antwortete, daß dort nicht nur Zwillinge,
sondern auch Drillinge, ja sogar Vierlinge das Licht des Tages
erblickten, lachten sie laut und meinten, unsere Frauen seien ja wie
die Hunde, denn Menschen und Seehunde brächten immer nur ein Junges auf
einmal zur Welt.
Die Grönländerinnen gebären gewöhnlich leicht. Als Beispiel dafür,
wie wenig Umstände sie in dieser Beziehung machen, sei angeführt,
was Graah mitteilt. Als er auf seiner Reise längs der Ostküste den
Bernstorffsfjord passierte, sollte eine der Frauen entbunden werden.
Sie legten eilig an einem kahlen Berge auf der Nordseite des Fjordes
an. Während der Entbindung streckte sich der Ehemann auf dem Berge aus
und schlief ein, wurde aber bald mit der freudigen Nachricht erweckt,
daß er einen Sohn bekommen habe. Wie schon erwähnt, gilt dies für ein
Glück, während eine Tochter etwas Gleichgültiges ist. »Auch äußerte
Ernenek (so hieß der Mann) dadurch seine Zufriedenheit, daß er der Frau
schmunzelnd ein »+ajungilatit+« (Du bist nicht übel) zurief. Wir
setzten unsere Reise mit unserem neuen Passagiere unverzüglich
fort[35].
Doch auch bei diesem Naturvolke kommen bisweilen schwere Entbindungen
vor. Egede erwähnt einer eigentümlichen Ceremonie, die seiner Zeit
in derartigen Fällen vorgenommen wurde. Er sagt: »Sie halten der
Gebärenden ein Nachtgeschirr über den Kopf in der Einbildung, daß die
Entbindung dann leichter und schneller gehe.« Eine solche Verwendung
dieses Möbels dürfte einzig dastehen.
Die heidnischen Grönländer töten alle Mißgeburten, die für nicht
lebensfähig gehaltenen kranken Kinder und alle Kleinen, deren Mutter
bei der Geburt stirbt, falls keine andere Frau sie säugen kann.
Gewöhnlich werden sie ausgesetzt oder ins Meer geworfen[36]. So
grausam dies den Ohren vieler europäischer Mütter auch klingen mag,
so geschieht es ja doch aus Mitleid, und es läßt sich nicht leugnen,
daß es vernünftig ist; denn lebt man unter so harten Lebensbedingungen
wie die Grönländer, so ist es geboten, einen Sprößling, der nie etwas
leisten, sondern immer nur auf Kosten anderer leben wird, überhaupt
nicht aufzuziehen[37]. Aus ähnlichen Gründen sind auch Leute, die
schon so alt geworden, daß sie sich nicht mehr erhalten können, wenig
geachtet, und ihr Fortgang wird gern gesehen.
Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier
Jahre lang ist nichts Ungewöhnliches, doch habe ich auch Beispiele
von zehn bis zwölf Jahren gehört. Ein Europäer in Godthaab erzählte
mir, er habe einen zwölfjährigen Helden in seinem Kajake beutebeladen
heimkehren und ins Haus zu seiner Mutter stürmen sehen, wo der junge
Fänger zwischen ihren Knieen stehend ein Stück Schiffszwieback
verzehrte und dazu sein Getränk aus der mütterlichen Brust sog.
Die Kinder der christlichen Grönländer werden natürlich getauft
und erhalten bei dieser Gelegenheit auch Namen. Die ursprünglichen
grönländischen Namen sind indessen unter dem Einflusse der Missionare
beinahe ganz verschwunden. Statt ihrer nimmt man alle möglichen alt-
und neutestamentlichen, und es giebt wohl keine Stelle auf Erden, wo
man das gesamte Personal der Heiligen Schrift, vom seligen Vater Adam
an bis auf Petrus und Paulus, so vollzählig vertreten findet, wie dort.
Unser berühmter Freund Dalager scheint diesen Mißbrauch der Bibel als
Namensbuch nicht gemocht zu haben, und darum »fragte ich einmal«, sagt
er, »einen gewissen Missionar, weshalb ein Grönländer seinen früheren
Namen, der ja natürlich und gut sein könnte, nicht behalten dürfe. --
Es klingt schlecht, antwortete er, wenn man einen Christen wie einen
Seehund oder Seevogel ruft. -- Ich lächelte hierzu und sagte, es gebe
doch bei uns zu Lande manchen Ravn (Rabe), Hög (Habicht) und Krage
(Krähe), die für gute Menschen passieren.« Mir scheint, ich muß dem
Manne hierin recht geben.
Die Grönländer hängen mit außergewöhnlicher Liebe an ihren Kindern und
thun alles, was sie ihnen an den Augen absehen können, besonders wenn
es Knaben sind. Diese kleinen Tyrannen regieren gewöhnlich das ganze
Haus, und die Worte des weisen Salomo: »Wer seinen Sohn liebt, der
züchtige ihn«, finden hier keine Anerkennung. Sie halten ja überhaupt
jede Züchtigung für unmenschlich und selbstverständlich für noch etwas
Schlimmeres, wenn ihr eigenes Fleisch und Blut dabei in Frage kommt.
Nicht ein einziges Mal habe ich einen Eskimo seinem Kinde ein hartes
Wort sagen hören. Bei dieser Erziehung sollte man erwarten, daß die
Kinder unmanierlich und unartig würden. Das ist aber keineswegs der
Fall; obwohl ich in vielen Eskimohäusern auf der Westküste verkehrt
habe, ist mir nur ein einziges Mal eine ungezogene Eskimorange
begegnet und dies war in einer mehr europäischen als grönländischen
Familie. Wenn die Kinder größer und verständiger waren, genügte stets
eine freundliche Aufforderung seitens des Vaters oder der Mutter, damit
sie das unterließen, wozu sie keine Erlaubnis hatten. Nie habe ich
Eskimokinder, sei es im Hause oder im Freien, sich erzürnen, schimpfen
oder gar schlagen sehen. Ich habe ihnen oft beim Spielen zugesehen,
auch oft genug mit ihnen Fußball (ein eigenes, von ihnen erfundenes,
dem englischen +foot-ball+ sehr ähnliches Spiel) gespielt, und
dabei haben, wie bekannt, Knaben oft Grund zum Zanken, aber nie sah
ich einen heftig werden, ja, ich sah nicht einmal ein unfreundliches
Gesicht. Wo könnte das in Europa vorkommen! Den Grund dieses
auffallenden Unterschiedes zwischen grönländischen und europäischen
Kindern kann ich nicht feststellen. Zum wesentlichen Teile liegt er
wohl in der außerordentlich friedfertigen und gutmütigen Gemütsart
der Grönländer. Etwas dürfte es auch dem zuzuschreiben sein, daß die
Eskimomutter stets mit ihren Kindern in denselben Räumen lebt und sie
draußen auf ihrem Rücken im +Amaut+ mit zur Arbeit nimmt. Sie
giebt sich also viel mehr mit ihnen ab, und es entsteht ein festeres
Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern in Grönland, als in Europa.
Daß die Eskimobuben sich hin und wieder damit amüsieren, die Enten
und Hühner des Kolonialverwalters oder des Predigers mit Steinen zu
werfen, muß man ihnen nicht zu sehr anrechnen und ebenso wenig, daß
sie vielleicht einmal in den Garten des Verwalters einsteigen und dort
pflanzen ausreißen oder zertreten. Es sei daran erinnert, daß Achtung
vor Grundbesitz oder das Gebot, daß man nicht alles fangen oder nehmen
darf, was auf der Erde wächst oder sich da bewegt, außerhalb ihrer
ursprünglichen Begriffe liegt. Selbst wenn es ihnen eingeprägt wird,
erhalten sie keinen scharf ausgeprägten Begriff davon; denn dies ist
und bleibt ihnen etwas, das die fremden, zugezogenen Europäer, ohne
dazu das Recht zu besitzen, im eigenen Interesse einführen wollen.
Damit Auge und Arm geübt werde, giebt der vernünftige Grönländer seinen
Söhnen, während sie noch ganz klein sind, schon kleine Vogelpfeile und
Harpunen als Spielzeug. Und hiermit oder in Ermangelung dessen mit
gewöhnlichen Steinen kann man die drei- und vierjährigen Fänger sich an
kleinen Vögeln und allem ihrer Jagdlust Würdigem, was ihnen vor Augen
kommt, üben sehen. Daß sie zeitig anfangen, den Kajak zu besteigen,
habe ich schon erwähnt.
Es ist für die grönländische Gesellschaft natürlich von größter
Wichtigkeit, daß die Knaben zu tüchtigen Fängern erzogen werden; denn
davon hängt ihre ganze Zukunft ab.
Die Mädchen werden gleichfalls früh an ihren Beruf gewöhnt. Sie lernen
nähen und müssen der Mutter im Hause zur Hand gehen.
[Illustration]
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