Kapitel +VIII.+

Stellung und Arbeit der Frau.

Es ist oft, und namentlich von Männern, behauptet worden, die

Kulturstufe eines Volkes lasse sich nach der gesellschaftlichen

Stellung seiner Frauen bemessen. Ich fühle mich nicht vollständig davon

überzeugt, daß sich dies in allen Fällen so verhält; ist es aber so,

dann glaube ich auch hierin einen Beweis zu haben, daß man dem Eskimo

einen ziemlich hohen Platz auf der Leiter der Entwickelung anweisen

muß. Die Eskimofrau spielt nämlich eine bedeutende Rolle in der

grönländischen Gesellschaft.

Allerdings gilt sie, ursprünglich eskimoischer Anschauung zufolge,

zunächst als das Eigentum des Mannes, das er sich entweder geraubt

oder auch wohl von dem Vater gekauft hat. Er kann sie daher auch

fortjagen, wenn er Lust dazu hat, oder sie verleihen, auch gegen eine

andere leihweise vertauschen, ebenso wie er sich mehrere Frauen nehmen

darf, wenn es ihm seine Mittel erlauben. Doch in der Regel wird sie

gut behandelt, und die Anschauung von der Frau als Eigentum des Mannes

finden wir bei vielen anderen Völkern noch weit mehr ausgeprägt, und

ein wenig davon giebt es auch bei uns, nur in etwas anderem Gewande.

Es giebt Leute, die behaupten, unsere Frauen hätten wohl genug zu

thun, es sei aber ein großer Fehler, daß sie nicht genau dieselbe

Arbeit wie die Männer hätten. Sie würden nicht mit den grönländischen

Verhältnissen zufrieden sein, denn jenes ist dort ebenso wenig der

Fall.

Freilich gehen dort beide Geschlechter in Hosen und haben es von

jeher gethan, doch noch ist ihnen kein Licht darüber aufgegangen, daß

zwischen Mann und Weib eigentlich gar kein Unterschied besteht.

Sie meinen, daß es u. a. in körperlicher Hinsicht gewisse entscheidende

Ungleichheiten zwischen ihnen giebt, und bilden sich ein, daß die

Frauen in der Regel nicht so stark, geschmeidig und mutig wie die

Männer seien und sich deshalb nicht so gut dazu eignen würden, in See

und auf den Fang zu gehen. Andrerseits glauben sie z. B. wieder nicht,

daß die Männer am besten das Kinderwarten verstehen, als Amme taugen u.

s. w.

Dies ist wohl der Grund, daß dort oben scharfbegrenzte Arbeitsteilung

zwischen beiden Geschlechtern eingeführt ist.

Der Mann hat sein schweres Leben auf der See als Jäger und Erwerber,

doch wenn er mit seiner Beute ans Ufer kommt, hört seine Arbeit für die

Aufrechthaltung des Gemeinwesens in der Hauptsache auf. Hier wird er

von seinen Frauenzimmern empfangen, die ihm an Land helfen, und während

er sich von nun an nur um seinen Kajak und seine Waffen kümmert, liegt

es den Weibern ob, die Beute nach Hause zu tragen. In früheren Zeiten

war es stets unter der Würde eines Fängers, bei dieser Arbeit zu

helfen, und so denken noch heute die meisten.

Die Frauen ziehen den Seehund ab und zerlegen die Beute nach bestimmten

Regeln, die Verteilung aber wird von der Hausfrau besorgt. Ferner

müssen sie das Essen bereiten, die Felle gerben, die Kajake und die

Frauenboote damit beziehen, Kleider nähen und alle häuslichen Arbeiten

verrichten. Außerdem bauen sie Häuser, schlagen die Zelte auf und

rudern die Frauenboote.

Kein Seehundsfänger hätte sich früher so weit herabgelassen, ein

Frauenboot zu rudern, dagegen kam es dem Hausvater zu, es zu steuern.

Jetzt kann man freilich öfter Männer die Ruder darin führen sehen,

besonders wenn Europäer sie auf Reisen als Ruderer gemietet haben.

Hat man sich dort erst eingelebt, so macht dies einen abstoßenden

Eindruck. Der Kajak ist und bleibt die Grundbedingung ihrer Existenz,

und sie müßten keine Gelegenheit versäumen, sich in seiner Führung zu

vervollkommnen. Noch heute hält sich jeder wirklich gute Fänger für zu

gut, um anders denn als Steuermann in ein Frauenboot zu steigen.

Ist die Familie auf Renntierjagd ausgezogen, so schießen die Männer

natürlich das Tier, während es meistens den Frauen obliegt, das erlegte

Wild in das Zelt zu schleppen; eine anstrengende Arbeit, bei der sie

große Ausdauer zeigen.

Der einzige Fang, den die Frauen in der Regel treiben, ist der

~Angmagsaet~- oder ~Kapelan-Fang~. Man betreibt ihn im Vorsommer, wo

der Kapelan (+Mallotus arcticus+) gewöhnlich in so dichten Schwärmen

an die Küste kommt, daß man ihn mit Eimern in die Frauenboote schöpfen

kann. Der Fang wird solange fortgesetzt, bis man seinen Wintervorrat

eingeheimst hat. Dann hört man auf, wenn auch noch so viel da ist. Der

Kapelan wird auf Klippen und Steinen getrocknet; ihn zu überwachen und,

wenn er trocken ist, zu verpacken, ist ebenfalls Arbeit der Frauen.

Manchmal helfen sie beim Seehundsfang, wenn diese Tiere bei einer Art

Klappjagd in enge Sunde und Fjorde eingeschlossen und dort aufs Land

gejagt werden.

Es sind nur wenige Beispiele bekannt, daß Frauen sich mit Kajakfang

beschäftigt haben.

Kapitän Holm erzählt, daß in ~Imarsivik~ auf der Ostküste zwei

Mädchen im Kajak auf See gingen. Dort war ein schlechtes Verhältnis

zwischen den Geschlechtern, da auf einundzwanzig Einwohner nur fünf

männliche kamen. Leider ist nicht bekannt, ob diese Frauen ebenso große

Fanggeschicklichkeit erlangt hatten, wie die Männer.

Sie hatten ganz die Lebensweise der Männer angenommen, kleideten sich

in Männertracht und trugen ihr Haar nach Männerart. Als Holm sie unter

seinen Tauschartikeln wählen ließ, nahmen sie weder Nähnadeln, noch

anderes Handarbeitswerkzeug, sondern suchten sich Pfeilspitzen für ihre

Waffen aus. Sie müssen kaum von Männern zu unterscheiden gewesen sein;

ich glaube, wir sahen sie auf der Ostküste, ohne jedoch ihr Geschlecht

zu ahnen. Holm erzählt, daß dort noch ein paar andere Mädchen zu

Fängern ausgebildet werden sollten, aber damals noch zu jung dazu

gewesen seien.

Während die Männer die meiste Zeit auf dem Meere zubringen, halten

die Frauen sich zu Hause, und dort sieht man sie in der Regel fleißig

arbeiten, indeß ihre Gatten zu Hause meistens nichts weiter thun, als

essen, faullenzen, Geschichten erzählen und schlafen. Beschäftigen sie

sich wirklich einmal, so putzen sie höchstens ihre Waffen, verzieren

sie mit Knochenschnitzereien u. s. w., denn ihre Waffen sind ihr Stolz.

Während die Männer mit herabhängenden Beinen auf dem Pritschenrande

sitzen, setzen sich die Frauen mit gekreuzten Beinen mitten auf die

Pritsche, wie ein Schneider auf seinen Tisch. Dort nähen und sticken

sie, schneiden mit ihrem eigentümlichen Krummmesser Leder zu, kauen

Vogelhaut und nehmen, mit einem Wort, jederlei Arbeit vor, während

ihr Mund keinen Augenblick stillsteht; denn sie sind von Natur sehr

lebhaft, und es fehlt ihnen selten an Stoff zur Unterhaltung. Leider

kann ich sie von der bekannten weiblichen Schwatzsucht nicht ganz

freisprechen, und wenn wir Dalager glauben dürfen, haben sie noch

schlimmere Eigenschaften. »Lüge und Verleumdung herrschen zumeist unter

den Weibern,« sagt er. »Die Männer sind viel aufrichtiger und erzählen

nicht gern etwas, was sie nicht beweisen können.«

»O Weib, Weib, überall bist du doch gleich!

Der erste Gedanke, den Loki hatte,

War eine Lüge, und er sandte sie

In Weibsgestalt den Erdenmännern.«

Die Zubereitung der Felle ist ein für das Eskimogemeinwesen sehr

wichtiger Teil der Frauenarbeit, und da sie zugleich außerordentlich

eigentümlich ist, so werde ich sie kurz beschreiben, wie ich sie bei

den Eskimos in Godthaab und Umgegend kennen gelernt habe. Sie variiert

je nach den verschiedenen Zwecken und Arten der Felle.

Die Kajakhäute werden entweder schwarz oder weiß gegerbt[22].

~Die schwarzen Häute~ (+~Erisâk~+) erhält man dadurch, daß der unter

der Haut befindliche Speck gleich nach dem Abziehen abgeschabt wird;

darauf legt man das Fell einen Tag oder zwei in alten Urin, bis sich

die Haare mit einem Messer abziehen lassen. Sind diese entfernt, so

wird die Haut in Seewasser gewaschen und, falls es Sommer ist, an der

Luft getrocknet, doch darf dies nicht in der Sonne geschehen. Im Winter

wird sie nicht getrocknet, sondern im Schnee vergraben. In beiden

Fällen ist es jedoch am besten, wenn man sofort nach dem Waschen den

Kajak damit beziehen und sie auf diesem trocknen lassen kann. Dieses

Leder ist deshalb dunkel, weil die Narbe oder äußerste Hautschicht beim

Seehunde schwarz oder dunkelbraun ist.

~Die weißen Kajakfelle~ (~+Unek+~) werden, nachdem der Speck

oberflächlich entfernt worden ist, in frischem Zustande zusammengerollt

und an einer hinreichend warmen Stelle im Freien oder im Hause

hingelegt. Dort bleiben sie so lange liegen, bis sich Narbe und

Haare mit einer Muschel leicht abschlagen lassen. Zu dieser Prozedur

gebrauchen die grönländischen Schönen jedoch vorzugsweise die Zähne,

weil sie dabei noch Fett aus der Haut saugen können, was ihnen

vortrefflich mundet. Darauf werden die Häute im Sommer über Balken --

nicht in die Sonne -- zum Trocknen gelegt und oft umgehängt, damit alle

Seiten gleichmäßig trocknen. Im Winter werden sie, wie die schwarzen

Häute, im Schnee aufbewahrt. Da die dunkle Narbe ja abgekratzt ist,

sind diese Häute, wenn sie fertiggegerbt sind, wirklich ganz hell oder

weiß.

Auffallend ist, daß keine der beiden Lederarten beim Trocknen

ausgespannt wird.

Beide werden auch zum Beziehen der Frauenboote verwendet.

Das weiße Leder, das ständig mit Seehundsfett eingeschmiert werden muß,

gilt als bester Sommerbezug, das schwarze dagegen, das nie geschmiert

wird, als bester Winterbezug für den Kajak. Ein wirklich bedeutender

Fänger bezieht daher seinen Kajak am liebsten jährlich zweimal, doch

gewöhnlich geschieht es jetzt nur einmal im Jahre, oft sogar nur alle

zwei Jahre.

Soll das Seehundsfell zu Kamikern (Schuhzeug) benutzt werden, so

wird der Speck mit den unteren Hautschichten auf einem eigens dazu

eingerichteten Brett aus dem Schulterblatte eines Walfisches mit einem

Krummmesser sorgfältig abgekratzt. Wenn die Haut durch das Schaben

dünn geworden ist, wird es ebenfalls einen oder zwei Tage in alten

Urin gelegt, bis sich die Haare mit einem Messer abziehen lassen. Ist

das besorgt, so wird die Haut mittelst kleiner Knochenpflöcke auf dem

Rasen oder dem Schnee ausgespannt und getrocknet. Darauf reibt man sie,

bis sie weich ist, und damit ist das Leder fertig. Da die Narbe nicht

entfernt wurde, sieht es dunkel aus.

Weißes Kamikleder wird anfangs ebenso behandelt wie das schwarze, doch

sobald die Haare entfernt sind, taucht man die Haut in warmes (nicht

zu warmes) Wasser, bis die schwarze Narbe sich ablöst, und spült sie

dann wiederholt in Seewasser. Hat sich die Narbe noch nicht vollständig

gelöst, so taucht man das Leder wieder abwechselnd in warmes Wasser

und in Seewasser. Nachher wird es ebenso wie das dunkle ausgespannt

getrocknet.

Da das helle Leder nicht so wasserdicht und gut ist wie das schwarze,

so wird es fast nur von den Frauen getragen, die es entweder weiß

lassen oder bunt färben.

Das Sohlleder zu dem Kamiker wird wie die schwarzen Kajakbezüge

behandelt, nur wird es beim Trocknen noch ausgespannt.

Leder zu Kajakhandschuhen gerbt man anfangs wie schwarzes Kamikleder,

wenn aber die Haare entfernt sind, reibt man es mit Blut ein, rollt es

auf und verwahrt es. Dies wird zwei- bis dreimal wiederholt, bis es

eine ziemlich dunkle Farbe angenommen hat. Dann wird es zum Trocknen

ausgespannt, -- im Sommer draußen auf der Erde, im Winter im Hause

unter dem Dach. Dieses Leder ist wunderbar wasserdicht.

Soll die Seehundshaut mit den Haaren gegerbt werden, wie man sie z. B.

zu Strümpfen in den Kamikern oder zu Pelzen braucht, so wird sie auf

dieselbe Weise wie gewöhnliche Kamikhäute auf der Speckseite mit dem

Krummmesser abgeschabt. Darauf wird sie in Wasser gelegt und mit grüner

Seife gewaschen. Sodann spült man sie in reinem Wasser, spannt sie aus

und läßt sie, wie oben angegeben, trocknen. Nachdem das Leder nun durch

Reiben schön weich geworden ist, kann man es in Gebrauch nehmen.

Renntierhaut wird nur getrocknet und gerieben, kommt aber mit Wasser

nicht in Berührung.

Wenn Vogelhäute gegerbt werden sollen, trocknet man erst die Federn

sorgfältig ab, dreht sodann die Bälge um, schabt die Fettschicht auf

der Fleischseite, so gut es geht, mit einem Löffel oder einer Muschel

ab und verzehrt das Fett, -- es schmeckt vorzüglich. Darauf werden

die Häute an der Decke zum Trocknen aufgehängt. Nach einigen Tagen

wird das letzte Fett herausgekaut. Dann läßt man sie wieder trocknen,

wäscht sie in heißem Wasser mit Seife und Soda dreimal hintereinander,

spült sie in wirklich kaltem Wasser, ringt sie aus und hängt sie nun

endgültig zum Trocknen auf. Sollen die Federn entfernt werden, wie bei

den Eidervogelbälgen, so werden sie, wenn die Häute halbtrocken sind,

gerupft (sodaß also nur die Daunen zurückbleiben). Dann trocknen sie

ganz, werden aufgeschnitten und sind fertig.

Das oben erwähnte Auskauen ist ein merkwürdiger Prozeß. Man nimmt den

trockenen, umgekehrten Balg, der von Fett beinahe trieft, und beginnt

an einer Stelle zu lutschen, bis das Fett dort ausgesogen und die Haut

weich und weiß ist, und so geht das Kauen langsam weiter, während

die Haut allmählich immer weiter in den Mund hineinspaziert, wo sie

schließlich oft ganz verschwindet, um dann in entfettetem Zustande

wieder ausgespuckt zu werden. Diese Arbeit wird hauptsächlich von

Frauen und Kindern verrichtet und ist wegen des vielen Fettes, das

man sich dabei einverleibt, eine gesuchte Unterhaltung. In schlechten

Zeiten kann es vorkommen, daß auch die Männer froh sind, wenn sie dabei

helfen dürfen. Es macht einen sonderbaren Eindruck, wenn man, beim

Eintreten in ein Haus, sämtliche Bewohner mit je einem Vogelbalg im

Munde kauend dasitzen sieht.

Diesem Prozesse ist es zuzuschreiben, daß die grönländischen Vogelbälge

so gut sind. Manch einer hat wohl schon die schönen Eiderdaunendecken,

die so manches elegante Heim in Europa schmücken, mit Bewunderung

betrachtet, ohne zu wissen, welche Stadien sie haben durchmachen

müssen. Und mancher europäischen Schönen, die sich mit köstlichem

Scharbenfederbesatz schmückt, würde grausen, wenn sie ahnte, wie viele

mehr oder weniger reizende Münder ihr Staat dort oben im hohen Norden

passiert hat, ehe er dazu kam, ihren schwellenden Busen zu umwogen.

Im Ganzen brauchen die Grönländerinnen ihre Zähne viel, bald zum Recken

der Felle, bald zum Festhalten dieser beim Abschaben, bald zum Schaben

selbst. Es wirkt auf uns Europäer geradezu verblüffend, wenn wir sie

ein Fell aus der stinkenden Urintonne nehmen, hineinbeißen und dann zu

arbeiten anfangen sehen -- für sie ist der Mund die dritte Hand. Daher

haben die alten Weiber dort oben auch auffallend kurze, abgestumpfte

Vorderzähne[23].

In ihrer Arbeit sind die grönländischen Frauen sehr tüchtig, und im

Nähen sind sie noch ganz besonders geschickt. Man braucht nur die Säume

eines Kajakbezuges, eines Wasserpelzes oder eines Darmhauthemdes zu

betrachten, um sich davon zu überzeugen. Noch auffallender wird ihre

Geschicklichkeit, wenn man die bewundernswerten Stickereien sieht,

mit denen sie ihre Hosen, Kamiker und andere Sachen verzieren. Diese

Stickereien werden auf der Westküste, wo die Eskimos von den Europäern

Farben erhalten haben, jetzt mit verschiedenfarbigen Lederstückchen,

die mosaikartig zusammengesetzt werden, ausgeführt. Sie werden aus

freier Hand ohne aufgezeichnete Muster angefertigt und verraten einen

hohen Grad von Akkuratesse und Handfertigkeit nebst großem Formen- und

Farbensinn.

Lebt man mit den Eskimos in ihrem Hause zusammen, so empfängt man

durchaus nicht den Eindruck, daß die Frauen irgendwie unterdrückt oder

zurückgesetzt werden. Es kam mir im Gegenteil vor, als spielten z. B.

die Hausmütter in Godthaab und Umgegend eine bedeutende Rolle, ja als

seien sie in einigen Fällen sogar die höchste Instanz. Nach meiner

Erfahrung ist es stark übertrieben, wenn Dalager von den Frauen sagt:

»Die Stunden ihres Lebens, die ihre besten sein sollten, wenn man von

der Zeit, da sie in reiferes Alter treten, rechnet, sind nichts weiter

als eine Kette von Kummer, Verachtung und Verdruß!«

Daß sich im gesellschaftlichen Leben ein gewisser Rangunterschied

zwischen Männern und Frauen geltend macht, läßt sich allerdings nicht

leugnen. So wurden bei den Mahlzeiten oder bei Kaffeegesellschaften

stets die großen Fänger und die bedeutendsten Männer zuerst bedient,

darauf kamen die weniger bedeutenden, und dann erst kamen Weiber und

Kinder an die Reihe. Etwas Aehnliches erzählt schon Dalager in seiner

Beschreibung eines Schmauses, bei dem die Männer als die Vornehmsten

einander ihre Geschichten erzählten, während »die Weiber unterdessen

auch ihre Mahlzeit in einer Ecke für sich verzehrten, wobei, wie man

annehmen darf, nur Klatschgeschichten verhandelt wurden«. Doch wenn man

es recht bedenkt, kann dies auch auf die Verhältnisse an anderen Orten

hier auf Erden passen.

Freilich muß ich zugeben, daß die Eskimomänner manchmal in ihrem

äußeren Benehmen gegen die Damen wenig Schliff zeigen, z. B. »wenn ihre

Frauen schwere Arbeit haben, wie beim Häuserbauen, Wassertragen und

Lastenheben, stehen sie mit gekreuzten Armen lachend dabei, ohne ihnen

im Geringsten zu helfen«. Doch ist dies eigentlich soviel schlimmer,

als wenn unsere Bauern aus dem Amte Bergen sich bei der Heimfahrt aus

der Stadt mit brennender Pfeife ins Boot legen und sich von den Frauen

nach Hause rudern lassen?

Daß die Frauen weniger angesehen sind als die Männer, scheint sich

leider schon daraus zu ergeben, daß bei der Geburt eines Sohnes der

Vater jubelt und die Mutter vor Freude strahlt, während bei der Geburt

einer Tochter beide weinen oder doch jedenfalls sehr unzufrieden sind.

Kann man sich eigentlich darüber wundern? Schließlich ist der Eskimo

bei all seiner Herzensgüte doch auch nur ein Mensch. In dem Knaben

sieht er natürlich den künftigen Kajakmann und die Stütze der Familie

in den alten Tagen der Eltern, also eine direkte Vermehrung des

Betriebskapitals, während er andererseits der Meinung ist, daß es schon

sowieso genug Mädchen auf der Welt giebt.

[Illustration: Fjordlandschaft von der Ostküste.]

Derselbe Unterschied macht sich daher auch bei der Erziehung geltend,

indem die Knaben stets als die künftigen Versorger betrachtet werden,

für die alles gethan werden muß. Wenn die Eltern eines Knaben sterben,

so ist bald für ihn gesorgt, da jeder ihn gern aufnimmt und so

behandelt, daß er sich wohl fühlt. Nicht so mit den Mädchen. Verlieren

sie ihre Eltern, so giebt man ihnen freilich überreichlich zu essen,

aber sie müssen sich mit den schlechtesten Kleidern begnügen

und bieten oft einen jämmerlichen Anblick dar. Erreichen sie das

heiratsfähige Alter, so nehmen sie jedoch ungefähr dieselbe Stellung

ein wie die bessergestellten Mädchen; denn diese erhalten ja auch kein

Erbe, und nun handelt es sich um »Schönheit und Tüchtigkeit, was allein

ihren Kredit bei dem jungen Mannsvolk hebt; fehlt es daran, so werden

sie verachtet und verheiraten sich nie, da genug da sind, unter denen

Musterung gehalten werden kann«. Hierüber können sie sich jedoch nicht

beklagen, da es den Männern in dieser Hinsicht auch nicht besser geht;

denn können sie nicht Fänger werden, was manchmal vorkommt, so haben

sie wahrhaftig keine große Aussichten, eine Frau zu bekommen und werden

von allen verachtet.

Daß Knaben ungefähr wie bei uns als ein Kapital betrachtet werden, geht

unter anderem daraus hervor, daß Witwen sich schwer wiederverheiraten,

es aber manchmal doch geschieht, »wenn sie männliche Kinder haben, denn

dann können sie schließlich wohl einen reputierlichen Witwer bekommen«.

Selbst im Tode scheinen die Frauen weniger Ansehen zu genießen, als

die Männer, wenn wir nach folgendem Ausspruche Dalagers urteilen.

»Einer Frau, die mit dem Tode ringt und sich keines besonderen Ansehens

erfreut hat, kann es wohl passieren, daß sie lebendig begraben wird.

Wovon wir am Orte vor Kurzem ein Beispiel hatten, das recht jämmerlich

war, indem mehrere erzählten, daß sie die Begrabene noch lange Zeit

im Grabe nach einem Trunke hätten rufen hören. Macht man ihnen

Vorstellungen über solch unmenschliche Grausamkeit, so antworten sie,

da die Sterbende doch nicht leben könne, sei es besser, sie der Erde

zu übergeben, als sich bei dem Anblick ihrer Qualen selbst nach dem

Tode zu sehnen. Diese Raison ist jedoch nicht stichhaltig, denn würde

solch eine barbarische That an einem Mannsbilde verübt, so würden

sie dies für den gröbsten Mord halten.« Ja, dies war scheußlich;

glücklicherweise geschieht es nicht allgemein. Der eigentliche Grund

liegt wohl hauptsächlich in der übermäßigen Furcht der Eskimos vor der

Berührung mit einem Toten. Infolgedessen ziehen sie dem Sterbenden,

ganz gleich ob Mann oder Frau, oft schon lange vor dem Eintreten

des Todes die Leichenkleider an und treffen alle Vorbereitungen zum

Hinausbringen und Begraben der Leiche, während der Kranke ihnen von

seinem Lager aus zusieht. Aus demselben Grunde würden sie einem im

See Verunglückten, falls er dem Tode schon nahe ist, schwerlich

beispringen, da sie fürchten dabei vielleicht eine Leiche anzufassen.

[Illustration]

[Illustration]

Eskimoleben · 第 14 / 21 题