Kapitel +VII.+

Charakter und soziale Verhältnisse.

Sehe ich alle die Zänkereien und das widerwärtige Ausschimpfen jedes

Gegners, die uns die Zeitungen der verschiedenen Parteien täglich

auftischen, so muß ich oft denken, was diese Herren Politiker wohl

sagen würden, wenn sie die grönländische Gesellschaft kennten!

Ob sie nicht vor Scham erröten würden, wenn man sie den Leuten

gegenüberstellte, die der Gottesmann Hans Egede folgendermaßen

tituliert: »Solch wahnwitzige, kaltsinnige, ohne Kenntnis irgend

welcher Gottesverehrung in viehischer Dummheit, ohne Ordnung und

Disziplin lebende Menschen!« Wie tief stehen aber wir, und mit wie

großer Berechtigung könnten diese »Wilden« verächtlich auf uns

herabsehen, wenn sie erführen, daß man sich bei uns, sogar in der

öffentlichen Presse, der gemeinsten Schimpfwörter, wie: »Lügner«,

»Verräter«, »Meineidiger«, »Schmutzblatt«, »Skandalpresse«, »Lümmel«,

»Schuft« u. s. w. bedient. Sie selber nehmen ja nie ein Schimpfwort in

den Mund, ja, diese bei uns so reich entwickelte Wortklasse fehlt sogar

in ihrer Sprache.

In diesem Verhältnisse liegt eine Grundverschiedenheit des Charakters

ausdrückt. Der Grönländer ist von allen Menschen, die unser Herrgott

erschaffen hat, der gesittetste. Gutmütigkeit, Friedfertigkeit und

Verträglichkeit sind die Hauptzüge seines Charakters. Er will gern

mit allen seinen Mitmenschen auf möglichst gutem Fuße stehn und denkt

daher nicht dran, sie zu verletzen, geschweige denn ihnen Grobheiten

zu sagen. Er widerspricht nicht gern, selbst wenn ihm jemand etwas

erzählt, was, wie er weiß, sich anders verhält. Jeden Einwand kleidet

er in die mildeste Form, und es würde ihm sehr schwer fallen, den

anderen geradeheraus der Unwahrheit zu zeihen. Er sagt anderen

auch nicht gern Wahrheiten, die sie seiner Ansicht nach unangenehm

berühren könnten. In solchem Falle bedient er sich lieber unbestimmter

Ausdrücke, auch wenn es sich um so gleichgültige Dinge, wie Wind und

Wetter, handelt. Seine Friedfertigkeit geht soweit, daß er, wenn ihm

etwas gestohlen wird, -- was freilich selten vorkommt -- das Seinige in

der Regel nicht zurückfordert, obgleich er oft weiß, wer der Dieb ist.

-- »Wer Dich bittet, dem gieb; und wer Dir das Deine nimmt, da fordere

es nicht wieder.« (Ev. Luc. 6, 30.)

Infolgedessen giebt es dort selten oder nie Streit. Die Grönländer

können es sich nicht erlauben, ihre Zeit mit Wortgefechten zu

vergeuden. Der Kampf um die Unterjochung der Natur, jene große Aufgabe

des Menschengeschlechtes, ist dort schwerer als sonst irgendwo, und

darum ist dieses kleine Volk übereingekommen, ihn ohne unnötige

Zersplitterung der Kräfte zu führen.

Der Grönländer ist eigentlich ein glücklicher Mensch, sein Sinn

fröhlich und leicht wie der eines Kindes. Jeden Kummer empfindet

er im ersten Augenblick sehr heftig, vergißt ihn aber bald und ist

dann wieder so strahlend heiter und mit seinem Dasein zufrieden wie

gewöhnlich. Dieser lebensfrohe, leichte Sinn läßt ihn wenig an die

Zukunft denken. Hat er für den Augenblick Speise, so freut er sich und

ißt, solange noch etwas da ist, wenn er nachher auch darben muß, was

ihm jetzt leider oft passiert und von Jahr zu Jahr immer allgemeiner

wird.

Diese Sorglosigkeit ist ihm oft in starken Ausdrücken vorgeworfen

worden. Die Missionare behaupten, und gewiß nicht ohne Berechtigung,

daß sie ihn für die Civilisation unempfänglich mache, und haben

versucht, ihn zu größerer Vorsorge und besserem Haushalten mit seinen

Vorräten anzuhalten. Doch sie vergessen dabei, daß auch geschrieben

steht: »Sorget nicht für den anderen Morgen« und: »Sehet die Vögel

unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln

nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch.«

Dieser Leichtsinn hat aber auch seine Lichtseite, er macht sogar

gewissermaßen die Stärke des Eskimos aus.

Armut und Not haben bei uns zwei Folgen. Die unmittelbare ist natürlich

körperliches Leiden, doch mit diesem zusammen und nach ihm kommt das

geistige, jenes unerbittliche Nagen, das uns Tag und Nacht, bis in

den Schlaf hinein, verfolgt und uns jeden Augenblick verbittert. Dies

ist in der Regel das Schwerste für unsere Armen, und wäre dies nicht,

so würden die körperlichen Leiden, die ja meistens nur vorübergehend

sind, viel leichter ertragen werden. Von dieser Seite der Armut ist

jedoch der leichte Sinn des Eskimos frei. Selbst wenn er sehr lange

hat hungern müssen und es ihm sehr schlecht ergangen ist, hat er

alles Ausgestandene vergessen, sobald er etwas zu essen bekommt. Die

Erinnerung an die überstandenen Qualen ist ebensowenig imstande, ihm

den Genuß und die Freude zu stören, wie das Bangen vor dem, was morgen

oder übermorgen kommen wird. Das Einzige, was sein Glück zu trüben

vermag, ist, andere Not leiden zu sehen, und deshalb teilt er mit

ihnen, solange er selbst etwas zu teilen hat.

Besonders aber schneidet es den Eskimos ins Herz, wenn sie ihre kleinen

Kinder hungern sehen, »und deshalb,« sagt Dalager, »geben sie den

Kindern alles, auch wenn sie selber beinahe vor Hunger krepieren; denn

sie leben täglich in der Hoffnung auf bessere Zeiten, die wirklich

manchen am Leben erhält.«

Will man die Grundverschiedenheit des Charakters der Eskimos von dem

unsrigen deutlich erkennen, so studiere man ihre sozialen Verhältnisse.

Man hört nicht selten die Ansicht aussprechen, daß der Eskimostaat

gesetzlos und ungeordnet sei. Das ist ein Irrtum.

Ursprünglich war er im Gegenteil außerordentlich wohlgeordnet. Sie

hatten ihre bestimmten Bräuche und Regeln für all und jedes, die im

Munde des Volkes fortlebten und selten übertreten wurden; denn die

Eskimos sind unglaublich gefügige Leute, was selbst Hans Egede, der

sie, wie oben gesagt, doch gehörig anschwärzt, zugiebt, wenn er unter

anderem berichtet: »Es ist wirklich merkwürdig, welche Eintracht unter

ihnen herrscht; Zank und Streit, Haß und Nachtragen nimmt man bei

ihnen selten wahr. Und[17] wenn einer auch einem anderen böse sein

mag, so läßt er es sich doch nicht anmerken, sondern erlaubt sich aus

großer Scham vor anderen nicht, ihn mit Schimpfreden oder gar Schlägen

anzugreifen, wie sie auch gar keine Weise und Worte kennen, einander

auszuschelten.« Dies sagt, wohlbemerkt, ein Prediger von Heiden, die

diesen friedfertigen Sinn also nicht durch das Christentum bekommen

haben konnten.

Da kamen die Europäer ins Land. Ohne das Volk und seine Bedürfnisse

zu kennen und zu verstehen, gingen sie von der Ansicht aus, daß der

Eskimostaat von Grund aus der Verbesserung bedürfe, und griffen

zerstörend in alle seine Institutionen ein. Sie suchten ihm einen

vollständig neuen Stempel aufzudrücken, gaben den Grönländern mit

einem Schlage eine ganz neue Religion und zerstörten die Achtung vor

den alten Bräuchen und Ueberlieferungen, natürlich ohne ihm neue dafür

wiederzugeben. Ja, die Missionare meinten, dieses wilde, freilebende

Jagdvolk in eine civilisierte, christliche Nation umwandeln zu können,

ohne zu bedenken, daß dieses Volk in seinem Herzen in vieler Beziehung

christlicher war, als sie selber, und die christliche Nächstenliebe

z. B. in der Praxis weit besser durchgeführt hatte, als es je eine

christliche Nation gethan hat. Kurz, die Europäer betrugen sich in

Grönland gerade so, wie sie es überall thun, wo sie im Namen Jesu

auftreten, um »die armen Heiden des Segens der ewigen Wahrheit

teilhaftig zu machen«. Diese Anschauung wird am besten durch den schon

oben erwähnten Ausspruch Egedes charakterisiert. »Die angeborene

Dummheit und Gleichgültigkeit der Grönländer, ihre viehische, thörichte

Kindererziehung, ihre unstäte, umherschweifende Lebensweise, alles

dieses legt ihrer Bekehrung große Hindernisse in den Weg und muß,

soweit es möglich ist, abgeändert und remediert werden.« Welch ein

Mangel an Verständnis! Man denke nur, das umherschweifende Leben eines

Jagdvolkes ändern und remedieren zu wollen! Was bliebe ihm dann?

Garnicht davon zu reden, daß sich dies durch »Zucht und Disziplin«,

seiner Meinung nach, recht wohl erreichen ließe.

[Illustration: Seehundfischerei.]

Die Grönländer hörten zuerst die Fremden verwundert an. Sie waren

bisher mit sich selber und dem ganzen Dasein zufrieden gewesen und

hatten keine Ahnung gehabt, daß die Welt und die Menschen so schlecht

seien, wie die Missionare ihnen immer wieder sagten. Es fehlte

ihnen, wie Egede sagt, gänzlich »die rechte Erkenntnis ihrer eigenen

Verderbtheit«, und es wurde ihnen sehr schwer, eine so grausame

Religion, die die Menschen zum ewigen Höllenfeuer verdammt, zu

verstehen. An die Erbsünde glaubten sie schon eher, aber nur als an

ein allgemeines Uebel bei den +~Kavdlunakern~+ (Europäern);

denn daß diese zum großen Teile schlechte Menschen waren, sahen sie ja

täglich, die ~+Kaladlit+~ (Eskimos) aber, die doch gute Leute

waren, hätten eigentlich ohne weiteres in das Himmelreich kommen

müssen.

Als im Jahre 1728 ein dänisches Schiff mit Männern und Frauen zur

Kolonisation des Landes in Godthaab ankam, erregten viele von der

Besatzung durch ihr schlechtes Benehmen großes Aergernis bei den

Heiden, und diese »fragten oft, woher es denn eigentlich komme, daß so

viele von unseren Leuten so ungesittet seien. Statt daß Frauenzimmer

(die Grönländerinnen) sonst still und ehrbar zu sein pflegten,

betrügen sich diese (die Europäerinnen) toll, frech und ohne jede

weibliche Scham. Sie kennten doch wohl alle Gottes Willen«.[18] Und

die Grönländer verachteten und verlachten die dummen, selbstbewußten

Europäer, die so fein predigten, aber so schlecht handelten und

überdies nichts vom Fange und allem, was sie selber für das Wichtigste

im Leben hielten, verstanden.

Durch die Macht, die eine höhere Kultur verleiht, konnten die Fremden

so nach und nach siegen und im Laufe der Zeit eine durchgreifende

Umwälzung und ein schwankendes Gemisch von altgrönländischer und

moderneuropäischer Volkssitte und Kultur zustande bringen, wie sie auch

in unerlaubt hohem Grade ihr Blut mit dem der Eskimos kreuzten und ohne

priesterliche Hülfe stark gemischte Nachkommenschaft erzeugten.

Da die Eskimos jedoch ein sehr konservatives Volk sind, findet man

bei ihnen noch immer viele wesentliche Züge der ursprünglichen

Zustände. Wie bei allen Jagdvölkern, ist auch bei den Grönländern der

Eigentumsbegriff sehr beschränkt; es wäre jedoch verkehrt, anzunehmen,

daß er ihnen ganz fehle.

Hinsichtlich der meisten Dinge herrscht allerdings eine gewisse

Gütergemeinschaft; doch sie beschränkt sich je nach der Natur der

verschiedenen Gegenstände auf bestimmte engere und weitere Kreise.

Nächst dem Individuum selbst kommt als engster Kreis die Familie,

dann die Hausgenossen und die Verwandtschaft, und schließlich alle in

demselben Orte wohnenden Familien. Als das eigentlichste Privateigentum

werden der Kajak, der Kajakanzug und die Fanggeräte angesehen, die

dem Fänger allein gehören und die weiter keiner anrühren darf; denn

damit ernährt er sich und seine Familie und muß deshalb sicher sein,

sie immer da finden zu können, wo er sie zuletzt hingelegt hat;

sie werden auch selten verliehen. In früheren Zeiten hatten gute

Fänger gewöhnlich zwei Kajake, doch heutzutage läßt sich das selten

ermöglichen. Etwas, was sich eigentlich auch den Fanggeräten nähern

dürfte, sind die Ski. Da diese indessen erst durch die Europäer

eingeführt wurden, gilt der Eigentumsbegriff für sie nicht in demselben

Grade, und während der Eskimo selten oder nie die Waffen eines andern

anrühren würde, trägt er kein Bedenken, den Ski eines andern zu

brauchen, ohne ihn vorher zu fragen.

Nach den Fanggeräten und Kleidungsstücken kommen die Werkzeuge für den

Hausgebrauch, wie Messer, Beile, Sägen, Fellschabeisen u. s. w. Vieles

davon, namentlich die Nähutensilien der Weiber, wird jedoch auch als

Privateigentum im eigentlichen Sinne betrachtet.

Andere Hausgeräte sind Gemeingut der Familie oder aller Hausgenossen.

Das Frauenboot gehört dem Familienvater oder der Familie, das Zelt

ebenfalls. Das Haus gehört auch der Familie, und wohnen mehrere

Familien darin, so allen zusammen.

Grundbesitz kennt der Eskimo nicht, doch scheint es dort Brauch zu

sein, daß man auf einem Platze, wo schon Leute wohnen, ohne deren

Zustimmung weder sein Zelt aufschlagen, noch ein Haus bauen darf.

Als Beispiel ihrer Rücksicht für einander in dieser Beziehung sei

ein Zug angeführt, der vor mehr als hundert Jahren von Lars Dalager

beschrieben worden ist:

»Wenn sie im Sommer mit ihren Zelten und sonstiger Bagage an der Küste

längsfahren und an einer Stelle, wo schon Grönländer stehen, zu bleiben

gedenken, rudern sie sehr langsam ans Land und halten ungefähr einen

Flintenschuß vom Ufer, ohne ein Wort zu sagen. Schweigen die am Ufer

Stehenden ebenfalls, so denken die Kommenden, sie seien nicht gern

gesehen, und rudern in größter Eile nach einem leeren Platze. Doch wenn

vom Lande her, wie es meistens geschieht, diese Komplimente gemacht

werden: Seht her! Hier sind gute Zeltplätze, gutes Lager für Eure

Frauenboote, kommt und ruht Euch von des Tages Last aus!, so legen

sie nach kurzer Ueberlegung am Ufer an, wo man bereit steht, sie zu

empfangen und beim Ausladen der Bagage zu helfen. Doch wenn sie wieder

abreisen, wird ihnen nur beim Aussetzen der Frauenboote geholfen, alle

übrige Arbeit läßt man sie allein thun, wenn nicht der Reisende ein

sehr guter Freund oder naher Verwandter ist. In diesem Falle wird er

mit derselben Ehrenbezeugung, mit der er empfangen worden, und mit den

Abschiedsworten: Euer Fortgehen wird bei uns eine stille Erinnerung

verursachen dimittiert.«[19]

Ein Anflug von Grundbesitzbegriff scheint auch darin zu liegen, daß

falls jemand in lachsreichen Flüssen Dämme zur Ansammlung der Fische

gebaut hat, es übel vermerkt wird, wenn Fremde diese Einhegungen

verändern oder innerhalb derselben Netze auswerfen, wie es die Europäer

in früheren Zeiten häufig gethan haben (auch von Dalager berichtet).

~Treibholz~ gehört dem, der es zuerst im Wasser findet, wo es auch

sei. Um sein Recht zu behaupten, ist er verpflichtet, es ans Land zu

bugsieren, über die Flutmarke hinaufzuziehen und auf irgend eine Art zu

zeichnen. Vor diesem Eigentum hat der Eskimo großen Respekt, und hat

einer Treibholz am Ufer niedergelegt, so kann er, falls keine Europäer

dort hingekommen sind, sicher sein, es noch nach Jahren wiederzufinden;

wer es nähme, würde fortan für einen Schuft gelten.

Hinsichtlich ihrer Auffassung des Eigentumsbegriffes beim Leihen und

Handeln sei angeführt, was Dalager darüber sagt:

»Leiht ein Mann einem anderen etwas, wie Boote, Pfeile, Angelschnüre

oder sonst ein Angelgerät, und dieser kommt damit zu Schaden, sei

es, daß der Seehund oder das Tier mit dem Pfeile durchgeht oder der

Fisch die Schnur zerreißt oder auch, daß der Fisch oder der Seehund

das Boot beschädigt, so geht dies alles auf Kosten des Besitzers, und

der Leihende ersetzt nichts davon. -- Nimmt jemand Pfeile oder Geräte

leihweise in Gebrauch, ohne daß der Besitzer davon weiß, und werden sie

beschädigt, so ist der Leihende verpflichtet, den Eigentümer schadlos

zu halten. Dies kommt sehr selten vor, denn ein Grönländer muß in sehr

großer Verlegenheit sein, ehe er einen andern mit dem Ansinnen, ihm

etwas zu leihen, inkommodiert, aus Furcht, es könnte zu Schaden

kommen.«

»Kauft man etwas von einem anderen, und die Waren gefallen ihm nicht,

so kann er sie zurückschicken, auch wenn schon längere Zeit seit dem

Kaufe verstrichen ist.«

»Kauft einer von dem andern teure Sachen, wie Boote oder Flinten, und

ist der Käufer nicht imstande, den Verkäufer in Betreff der geforderten

Bezahlung zu befriedigen, so erhält er Kredit, bis er es kann. Stirbt

der Debitor aber vorher, so macht der Kreditor nie seine Forderung

geltend.« Dies ist, fügt Dalager hinzu, »ein schädlicher Articul für

die Kaufleute der Kolonie, die immer Kredit geben müssen, und wovon ich

selbst besonders in diesem Jahre viele Proben gehabt, da viele meiner

Debitoren mit dem Tode abgegangen sind und mich dadurch in ein ekliches

Labyrinth gebracht haben.«

Als er sich bei »verschiedenen vornehmen und vernünftigen Grönländern«

beklagte, gaben sie ihm den Rat, »seine Forderung gleich zu

legitimieren, aber erst die Läuse des Mannes (nach ihrer Redeweise) im

Grabe sterben zu lassen, ehe er zur Exekution schritte.«

Viel mehr als das Obengenannte[20] kann ein Grönländer den

ursprünglichen Bräuchen nach also eigentlich nicht sein eigen nennen.

Selbst wenn er Sinn für das Sammeln von Reichtümern hätte, den er

jedoch selten besitzt, würden seine bedürftigen Genossen allem weniger

Notwendigen gegenüber Forderungen geltend machen können. Daher herrscht

in Grönland das Mißverhältnis, daß die in das Land übergesiedelten

Europäer, die sich ja im Grunde von den Eingeborenen ernähren, sich oft

Reichtum erwerben und im Ueberflusse leben, während die Eingeborenen

selber dies nicht können.

Denn nicht einmal die von ihm erlegte Beute gehört dem Grönländer

rechtlich ganz allein. Ueber die Verteilung entscheiden von Alters

her feststehende Regeln, und nur einzelne Tierarten darf er

größtenteils für sich und seine Familie behalten. Hierzu gehört der

~+Atak+~ oder Grönlandsseehund, aber auch davon muß er den

Kajakmännern, die ihn gleich nach dem Fange ansprechen, und allen

Kindern seines Wohnortes je ein kleines Stück Speck abgeben. Andere

Seehundarten werden nach bestimmten Regeln unter diejenigen verteilt,

die beim Fange zugegen oder behülflich waren, manchmal erhält sogar

jedes Haus des Wohnortes ein Stück. Letzteres gilt namentlich für das

Walroß und mehrere Walfischarten, wie den Weißwal; von diesen erhält

der Fänger einen verhältnismäßig kleinen Teil, auch wenn er das Tier

ganz allein erlegt hat. Wird ein größerer Wal ans Land gebracht, so

soll es ein scheußlicher Anblick sein, wie sich alle Bewohner des

Ortes mit Messern bewaffnet auf das noch im Wasser befindliche Tier

stürzen, um jeder seinen Anteil zu nehmen. Dabei geht es dann so blutig

zu, daß Dalager behauptet, er habe weder »gehört, noch gesehen, daß

je ein Wal zerstückt sei, ohne daß Verstümmelungen oder wenigstens

schwere Blessuren vorgekommen, was von einer unvorsichtigen Hitzigkeit

vorkommt, wenn wohl einige Hundert Menschen auf dem Fische liegen

und darum nicht so genau darauf achten, wo das Messer hin- oder

hineinschneidet.« Charakteristisch für ihr gutes Herz ist übrigens,

»daß der, welcher so zu Schaden kommt, dem Thäter deshalb niemals

grollt, sondern es für einen Unfall ansieht«.

Diese Regeln gelten nicht nur für größere Tiere, sondern auch für

einzelne Fischarten. Wird also eine Hellbutte gefangen, so ist der

Fänger verpflichtet, den anderen Kajakmännern, die auf dem Fangplatze

halten, ein Stück Haut zum Verteilen zu geben. Außerdem teilt er

gewöhnlich, wenn er heimkommt, seinen Hausgenossen und den Nachbarn

etwas von dem Tiere zu.[21]

Selbst wenn der Grönländer alle diese Vorschriften gewissenhaft befolgt

hat, kann er doch nicht immer seinen Anteil von seiner eigenen Beute

unverkürzt behalten. Erbeutet er z. B. etwas, wenn in seinem Wohnorte

Mangel oder gar Hungersnot herrscht, so gilt es für seine Pflicht,

entweder ein Gastmahl zu geben oder mit den anderen Haushalten, die

vielleicht lange Zeit frisches Fleisch haben entbehren müssen, zu

teilen.

Ist der Fang gut, so giebt es ein Gastmahl, und man schmaust, bis

man nicht mehr kann. Wird nicht alles verzehrt und ist in den andern

Häusern auch noch genug da, so wird es für den Winter aufgehoben.

Kommt aber eine Zeit der Not, so haben die, welche etwas haben, die

Pflicht, denen, die nichts haben, zu helfen, solange etwas zum Abgeben

da ist. Nachher hungern sie gemeinsam, und manchmal verhungern sie

auch. Daß einige in Ueberfluß leben, während andere Not leiden, was

in den europäischen Staaten ja tagtäglich vorkommt, ist in Grönland

unerhört, wenn man davon absieht, daß die dort wohnenden Europäer mit

der gewöhnlichen Vorsorge unserer Rasse oft Vorräte haben, während die

Grönländer darben.

[Illustration: Auf der Seehundjagd.]

Aus dem Angeführten wird man ersehen, daß die Gesetze darauf

hinauslaufen, die Beute möglichst dem ganzen Orte zugute kommen zu

lassen, damit die einzelnen Familien nicht darauf angewiesen sind, daß

ihre Versorger täglich etwas fange. Es sind Gesetze, die sich durch die

Erfahrung langer Zeiten ausgebildet haben und schon viele Menschenalter

hindurch fest im Volke wurzeln.

Der Grönländer steht der Not anderer wie ein mitleidiges Kind

gegenüber; ~sein erstes Staatsgesetz ist, anderen zu helfen~.

Hierauf und auf dem Zusammenhalten in guten, wie in bösen Tagen basiert

die Existenz aller kleinen grönländischen Gemeinwesen. Ein hartes Leben

hat den Eskimo gelehrt, daß, auch wenn er tüchtig ist und sich in der

Regel selbst versorgen kann, doch bisweilen Zeiten kommen, da er ohne

den Beistand seiner Mitmenschen untergehen müßte, und daß es deshalb

besser ist, selber stets hilfsbereit zu sein. »Was Du willst, daß

andere Dir thun sollen, das thue auch ihnen«, diesen Lehrsatz, einen

der ersten und wichtigsten des Christentums, hat die Natur selbst den

Grönländer gelehrt, und er führt ihn praktisch durch, was man von den

Christen nicht immer behaupten kann. Leider aber scheint diese Lehre in

demselben Verhältnis, als er sich civilisiert, an Kraft zu verlieren.

Wie Gefälligkeit gegen Nachbarn ein Gesetz ist, so ist es Gastfreiheit

gegen Fremde nicht minder. Der Reisende kehrt ins erste Haus ein, an

das er kommt, und bleibt dort, so lange es ihm nötig dünkt. Er wird

freundlich aufgenommen, und es wird ihm vorgesetzt, was das Haus

vermag, auch wenn er kein Freund ist. Zieht er weiter, so wird ihm

oft noch eine Wegzehrung mitgegeben; ich habe Kajakmänner Häuser, in

denen sie sich des Sturmes wegen mehrere Tage aufgehalten hatten,

mit Heilbuttenfleisch, das ihnen beim Abschiede geschenkt worden,

förmlich beladen verlassen sehen. Bezahlt darf für die Unterkunft nicht

werden. Ein Europäer wird auch überall gastfrei aufgenommen, obwohl die

Grönländer nicht dieselben Ansprüche ihm gegenüber machen würden, wenn

sie auf Reisen an seinem Hause vorbeikämen. Die Europäer geben jedoch

häufig eine Art Vergütung in Kaffee und ähnlichem, was sie mit sich

führen, um ihre Wirte damit zu traktieren.

Daß Gastfreiheit eine Pflicht ist, die auch auf der Ostküste Grönlands

in hohem Maße geübt wird, davon erzählt Kapitän Holm mehrere

merkwürdige Beispiele. So sei auf seine Erzählung von dem Mörder

~Maratuk~, der seinen Stiefvater erschlagen hatte, hingewiesen. Es

war ein schlechter Mensch, den keiner mochte; trotzdem wurde er, als er

die nächsten Verwandten des Ermordeten besuchte, aufgenommen und lange

bewirtet, -- doch wurde ihm Böses nachgesagt, als er abgereist war.

Zur Gastfreiheit zwingen sie selbstverständlich auch die harten

Naturverhältnisse; denn häufig überfällt sie weit von Hause ein

Unwetter, das sie zwingt, in das nächste Haus zu flüchten.

Leider scheint die Gastfreiheit in den letzten Jahren auf der Westküste

abgenommen zu haben. Auch hierin geben die Europäer wieder das

Beispiel. Freilich kommt noch dazu, daß dort kein solcher Wohlstand

mehr herrscht wie in früheren Zeiten und man also oft nicht imstande

ist, Fremde zu beköstigen.

Manch einem wird es wohl scheinen, als sei ich oft ungerecht gegen die

Europäer; das ist aber durchaus nicht meine Absicht. Wenn die Europäer

auch nicht den besten Einfluß gehabt haben, so kann man ihnen dies

doch nicht immer direkt zur Last legen, denn obwohl sie selber es oft

sehr gut gemeint, haben die Verhältnisse es doch unvermeidlich so mit

sich gebracht. So haben sie zum Beispiel in der besten Absicht eifrig

daran gearbeitet, den Eigentumsbegriff der Grönländer auszubilden.

Diese werden angehalten, etwas von ihrer Beute aufzuheben, statt

alles in ihrer gewohnten freigebigen Weise zu verschleudern. Man

beruft sich darauf, daß die Grundbedingung einer Civilisation ein

besser entwickelter Eigentumsbegriff sei. Ob dies gut ist, mag manchem

zweifelhaft erscheinen, mir aber kommt es nicht so vor. Ich muß

freilich einräumen, daß zur Basis einer Civilisation bedeutend mehr

Sinn für irdische Habe erforderlich ist, als der Eskimo besitzt. Aber

ich kann nicht begreifen, was die armen Menschen mit der Civilisation

sollen; glücklicher macht sie sie wahrhaftig nicht, sondern sie

zerstört das Schöne und Gute in ihnen, schwächt sie im Kampf ums Dasein

und führt sie unumgänglich in Armut und Elend. Doch davon später.

Die Gesetze, auf denen der grönländische Heidenstaat basiert, sind,

wie wir gesehen haben, nach Möglichkeit in der Praxis durchgeführter

Sozialismus. In dieser Beziehung war er christlicher als irgend ein

christlicher Staat, und unsere heutigen Gesellschaftsreformatoren

könnten dort oben allerlei lernen.

~Spencer~ hat in einer seiner Schriften behauptet, die Menschheit

habe zwei Religionen; die erste und natürlichste sei der

Selbsterhaltungstrieb, der das Individuum zur Verteidigung seiner

selbst gegen jeden äußeren Widerstand oder jede außenstehende

feindliche Macht antreibt. Er nennt dies die Religion der Feindschaft.

Die zweite sei der Vereinigungstrieb, der den Menschen veranlaßt, mit

seinen Nachbarn und Mitbürgern in Gemeinschaft zu treten, und diesem

entstamme die christliche Lehre »Du sollst Deinen Nächsten lieben wie

Dich selbst«, ja »Du sollst auch Deine Feinde lieben«. Dies nennt

er die Religion der Freundschaft. Die erste ist die Religion der

Vergangenheit, die zweite die der Zukunft.

Doch gerade diese Zukunftsreligion scheint sich der Eskimo in seltenem

Grade zu eigen gemacht zu haben.

Einige Stämme oder Rassen werden durch Feinde zum Zusammenschließen

getrieben, während bei anderen ungünstige Naturverhältnisse die

Triebfeder dazu bilden. Letzteres war bei den Eskimos der Fall. Wo

der Trieb, sich aneinander anzuschließen und einander zu helfen,

am stärksten ausgebildet war, da war auch die Bestandkraft des

Gemeinwesens am größten, es konnte an Wohlstand und Volkszahl zunehmen,

während andere kleine, weniger in jener Hinsicht entwickelte Staaten

zurück-, wenn nicht gar untergingen. Sobald wir mit Spencer die

Religion der Freundschaft für die der Zukunft halten und der Ansicht

sind, daß Selbstverleugnung zu Gunsten des allgemeinen Besten das Ziel

der Entwickelung ist, müssen wir den Eskimos einen hohen Rang unter den

Völkern einräumen.

Es fragt sich allerdings, ob unsere Vorfahren nicht vielleicht auch

einst in alten Zeiten einer ähnlichen Lehre gehuldigt haben. Die

soziale Entwickelung bewegt sich vielleicht in einer Spirale mit immer

größer werdenden Windungen.

[Illustration]

[Illustration]

Eskimoleben · 第 13 / 21 题