Kapitel +I.+

Grönland und der Eskimo.

Grönland ist auf eigentümliche Weise mit unserem Lande und Volke

verbunden. Unsere Vorfahren kamen als die ersten Europäer in dies Land.

Auf ihren alten Schuiten machten die alten Vikinger bei Sturm und durch

Treibeis die waghalsige Reise nach dem fernen Schneeland, ließen sich

dort nieder und machten es zu einer Besitzung der norwegischen Krone.

Dann hörte plötzlich der Zuzug von Norwegen auf, und sogar die Kunde

von dieser Kolonie ging verloren. Und wieder war es ein Norweger,

der das kalte Land entdeckte und dort im Auftrag einer norwegischen

Gesellschaft eine neue europäische Kolonisation begann.

Arm ist das Land, das wir den Eskimos raubten, arm an Gold und grünen

Wäldern, nackt, entlegen und keinem von Menschen bewohnten Lande

gleich. Und doch ist es in seiner Armut schön! Ja, wenn Norwegen schön

ist, so ist es Grönland nicht minder. Wer es sah, dem bleibt es in der

Erinnerung teuer! Ich weiß nicht, ob es anderen ebenso geht, mir aber

verschmilzt es mit der ganzen träumerischen Schönheit des Märchenlandes

meiner Kinderjahre, und ich habe dort unsere Natur wiedergefunden in

noch größerer und reinerer Gestalt.

Die starke, wilde Natur gleicht einer in Eis und Schnee gehauenen,

altersgrauen Sage, die bisweilen so feine weiche Stimmungsbilder

enthält, wie ein Gedicht. Sie gleicht dem kalten Stahl, in dem sich die

spielenden Farben des Sonnenscheines spiegeln.

Sehe ich Schneefelder und Gletscher, so eilen meine Gedanken nach

Grönland, wo die Schneefelder größer sind als bei uns und die Gletscher

in ein von Treibeis und Eisbergen erfülltes Meer abfallen. Höre ich

lautes Lobsingen über die Fortschritte der Kultur, große Männer und

große Thaten, dann sucht mein inneres Auge die weite Schneefläche, die

sich starr und weiß von einem Meer zum anderen erstreckt und einst

fruchtbare Thäler und Gebirge unter sich begrub. Vielleicht wird uns

alle dereinst ewiger Schnee bedecken.

Alles ist dort oben einfach und doch so großartig. Weißer Schnee,

blaues Eis, kahle, dunkle Berge wie schwarze Kegel, sturmbewegte,

heulende See. Aber wenn ich die Sonne glühend ins Meer sinken sehe,

denke ich an das ferne Land, wo die Klippen und Holme der glitzernden

See in der untergehenden Sonne rosenrot erscheinen und auf den

Eisbergen das herrlichste Alpenglühen dämmert. -- Und wenn ich

bisweilen das »Almleben« unserer Heimat auskoste, Sennerinnen und

weidende Kühe sehe, muß ich an das Zeltleben und die Renntierherden an

den Buchten und auf den Bergen Grönlands denken, an balzende Birkhähne,

an die mit Weiden bestandenen Moore, Sümpfe, Gewässer und Thäler jener

Gebirge, in denen der Eskimo seinen kurzen Sommer verlebt.

Doch nichts auf Erden läßt sich vergleichen mit der grönländischen

Nordlichtwinternacht. Sie ist der geheimnisvolle Atem der Natur selbst.

Das Land übt eine unerklärliche Macht auf das Gemüt aus, das Volk des

Landes aber ist nicht weniger merkwürdig.

Mehr als jedes andere Volk gehört der Eskimo der See und dem

Küstenlande an. Am Meere wohnt er, auf ihm sucht er seinen Unterhalt;

das Meer giebt ihm alles, was er braucht, und auf ihm macht er alle

seine Reisen; im Sommer in seinen mit Fellen überzogenen Booten, im

Winter in seinem Hundeschlitten. Darum spielt das Meer im Leben des

Eskimos auch die Hauptrolle -- und darum ist es auch kein Wunder, daß

sein Gemüt ein Bild des Meeres ist. Wie das Meer, verändert sich seine

Stimmung, ernst im Sturme, ausgelassen heiter bei Sonnenschein und

ruhiger See. Er ist ein Kind des Meeres, leichtsinnig, fröhlich wie

die spielenden Wellen, oft aber auch düster wie die schäumende Flut.

In seinem Kindergemüte verwischt sich alles schnell. Ist das Unwetter

vorüber, so glättet sich ja die See und gleicht nicht mehr dem tobenden

Wogenschwalle von vorhin. Die Güter dieser Welt sind hienieden sehr

ungleich verteilt. Einigen wird es sehr leicht gemacht, sie können

in ihrer Jugend einen Brotfruchtbaum pflanzen und sich damit für den

Rest ihres Lebens versorgen, während es den Anschein hat, als sei

anderen alles, außer der Kraft zu kämpfen, versagt und als müßten sie

der feindlichen Natur Schritt für Schritt jedes Bischen, dessen sie

zum Leben bedürfen, erst abtrotzen. Das große Heer der Menschheit

hat solchen Völkern bei seinem beständigen Kampfe zur Unterwerfung

der Natur die Stellung äußerster Vorposten angewiesen. Zu diesen

Vorposten gehört das Eskimovolk, und von allen lebenden Völkern ist

es das merkwürdigste. Es liefert den besten Beweis für die eigene

Begabung des Menschen, sich den Verhältnissen anzupassen und sich

über die Erde zu verbreiten. Der Eskimo bildet den äußersten Vorposten

gegen die Todesstille des ewigen Eises, und soweit wir bisher nach

Norden vorgedrungen sind, haben wir auch Spuren dieses abgehärteten

Volkschlags gefunden.

Die von allen anderen verschmähten Himmelsstriche nahm der Eskimo für

sich in Besitz. Durch steten Kampf und langsame Entwickelung lernte er

mehr als alle anderen. Wo für die anderen jede Möglichkeit des Lebens

aufhört, fängt für ihn das Leben an -- er hat sein Land lieben gelernt,

es ist für ihn die Welt, in der er »der Mensch« ist, und jenseits deren

er dem Untergange verfallen wäre.[1]

Dieses Volk will ich auf den folgenden Blättern schildern, ihm sei mein

Buch gewidmet.

So scharf sich der Eskimo im Aussehen, in der Körperbildung, durch

seine sinnreichen Gerätschaften und durch seine ganze Lebensweise von

allen anderen Völkern unterscheidet, so ähnlich sind die verschiedenen

Eskimostämme untereinander. Ein Eskimo von der Behringstraße gleicht

dem Grönländer so sehr, daß man keinen Augenblick an der Verwandtschaft

der beiden zweifeln kann. Ein Alaska-Eskimo und ein Ostgrönländer

verstehen einander ohne Schwierigkeit. Kapitän Adrian Jakobsen, der

Grönland und Alaska bereist hat, versichert, daß er sich mit den

Brocken der Eskimosprache, die er in Grönland erlernt hatte, in

Alaska habe verständigen können. Und doch sind beide Völker durch

mehr als sechshundert geographische Meilen voneinander getrennt, eine

Entfernung, wie von Christiania bis an die chinesische Grenze oder bis

Innerarabien. Solche Spracheinheit bei soweit voneinander wohnenden

Stämmen dürfte in der Geschichte der Menschheit einzig dastehen.

Die große Aehnlichkeit aller Eskimostämme, ihre abgesonderte Lage

anderen Völkern gegenüber und ihre vollkommenen Geräte scheinen auf

eine sehr alte Rasse hinzudeuten, bei der alles in bestimmten Formen

erstarrt ist und die sich nur unendlich langsam verändern kann. Andere

Umstände sprechen jedoch auch wieder gegen diese Annahme und machen

es wahrscheinlicher, daß dieses weit zerstreute Volk ursprünglich

ein kleiner Stamm war, der sich erst in neuerer Zeit über die

verschiedenen, heute von Eskimos bewohnten Länder verteilte.

Daß diese Einwanderung verhältnismäßig bald stattfinden konnte, ohne

doch zu einer Völkerwanderung zu werden, ist leicht erklärlich. Man

braucht nur zu bedenken, daß ihre jetzige unwirtsame Heimat, bevor sie

sich dort niederließen, garnicht oder doch fast nicht bewohnt war, daß

also niemand als die Natur selbst ihrer Ausbreitung Hindernisse in den

Weg legte.

Der jetzt von den Eskimos bewohnte Himmelsstrich erstreckt sich von der

Westküste der Behringstraße über Alaska, das nördlichste Nordamerika

und die zu diesem Kontinente gehörenden arktischen Inselgruppen bis

nach West- und Ostgrönland.

Durch seine in jeder Weise abgesonderte Lage hat der Eskimo den

Anthropologen viel Kopfzerbrechen gemacht, und die widersprechendsten

Ansichten wurden hinsichtlich seiner Herkunft laut.

Dr. H. Rink, der das Studium der grönländischen Natur und des

grönländischen Volkes zu seiner Lebensaufgabe machte und in diesem

Fache unzweifelhaft die größte Autorität ist, meint, daß die Geräte und

Waffen der Eskimos größtenteils aus Amerika stammen. Er hält es für

wahrscheinlich, daß die Eskimos ursprünglich als ein Stamm im Innern

von Alaska, wo es heute noch Eskimos giebt, wohnten und von dort aus an

die Küsten des Eismeeres auswanderten. Er hebt ferner hervor, daß ihre

Sprache mit der amerikanischen Ursprache nahe verwandt ist und ihre

Sitten und Sagen vieles mit denen der Indianer gemeinsam haben.

Ein Unterschied aber, der die Eskimos unter anderem von den Indianern

trennt, ist der Gebrauch der Hundeschlitten. Nehmen wir die

Inkaperuaner, die das Lama als Lasttier benutzten, aus, so finden wir

bei keinem der amerikanischen Urvölker Last- oder Zugtiere. Hierin

nähert sich der Eskimo also mehr den asiatischen Polarvölkern.

Ein näheres Eingehen auf diese verwickelte wissenschaftliche Forschung,

in der noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist, würde uns zu

weit führen. Nur soviel können wir mit einiger Sicherheit behaupten,

daß die Eskimos zuletzt von den Küsten der Behringstraße oder des

Behringmeeres -- möglicherweise von der amerikanischen Seite -- kamen

und sich von dort aus Schritt für Schritt nach Osten hin über das

arktische Amerika bis nach Grönland verbreiteten.

»~Wann~« sie sich dauernd in Grönland ansiedelten, wird,

meiner Meinung nach, nicht festzustellen sein. Daß dieser Zeitpunkt

verhältnismäßig neueren Datums sein muß, habe ich schon angedeutet. Im

Gegensatz zu mehreren Forschern halte ich es aber nicht für erwiesen,

daß die Eskimowanderungen erst im vierzehnten Jahrhundert, wie die

isländischen Sagen behaupten, stattfanden. Wenn ich auch von der

Richtigkeit der Thatsache überzeugt bin, daß um diese Zeit der erste

ernstliche Zusammenstoß der norwegischen Kolonisten mit den in großen

Scharen von Norden kommenden Eskimos oder Skraellingern (Scheusale)

stattfand, so schließt dies die Möglichkeit nicht aus, daß sie schon

in Westgrönland ansässig waren, bevor der Fuß eines Norwegers den

ostgrönländischen Boden betrat. In den ersten vierhundert Jahren

der norwegischen Ansiedelung scheinen in Südgrönland (dem Ost- und

Westgebiete) keine Eskimos gewohnt zu haben, da ihrer in den Sagen

nirgends erwähnt wird. Dagegen wird in diesen Sagen ausdrücklich

hervorgehoben, daß die ersten Norweger, die ins Land kamen, Erik

der Rote und seine Freunde, sowohl im Ost-, wie im Westgebiete

Südgrönlands verlassene Menschenwohnungen, Ueberreste von Booten und

steinerne Geräte fanden, die, ihrer Ansicht nach, einem häßlichen

Volke, das sie Skraellinger (Scheusale) nannten, gehört haben

mußten. Daraus läßt sich schließen, daß dort Skraellinger gewesen,

und ihre Hinterlassenschaft beweist, daß sie der Gegend nicht nur

einen flüchtigen Besuch abgestattet haben. Es ist nicht unmöglich,

daß die Eskimos Hals über Kopf davonliefen, als sie die nordischen

Vikingerschiffe heransegeln sahen. Dieselbe Erfahrung machten wir auf

der Ostküste. Doch weniger annehmbar scheint mir, daß sie ihre Flucht

ungesehen von den Norwegern sollten ausgeführt haben. Ich schließe

mich der vielfach ausgesprochenen Ansicht an, daß die Eskimos damals

ihre festen Wohnsitze höher hinauf an der Küste hatten, oberhalb

des 68. Grades nördlicher Breite. Dort ist noch heute die beste

Seehundsjagd und die häufigste Gelegenheit zum Walfischfang. Und

da sie von Norden[2] her in das Land gekommen sein müssen, lag hier

für sie auch die erste natürliche Station auf ihrem Zuge. Von diesem

festen Wohnsitz aus werden sie nach echter Eskimoweise häufig den

südlicheren Teil der Insel auf längere oder kürzere Zeit besucht und

dort jene zuerstgefundenen Spuren hinterlassen haben. Als sich dann die

Norweger dort angesiedelt hatten und später auch Streifzüge nach Norden

unternahmen, trafen sie schließlich mit den Eskimos zusammen, was nach

Professor Gustav Storms Erachten[3] vor dem zwölften Jahrhunderte

geschah.

Die +Historia Norvegiae+ berichtet, daß die grönländischen

Waidmänner in den unbebauten Gegenden Nordgrönlands kleine Menschen

antrafen, denen sie den Namen Skraellinger gaben und die Steinmesser

und Pfeilspitzen von Walfischknochen besaßen. -- Mit der Zeit begannen

jedoch die nördlichen Eskimoniederlassungen an Uebervölkerung zu

leiden, und ein Teil mußte sich weiter südlich neue Wohnsitze suchen.

Da die Norweger beim Zusammentreffen mit ihnen oft Gewalt gebraucht

hatten, scheinen die Eskimos sich gerächt zu haben. Sie griffen 1341

das »Westgebiet« an und sollen diese Kolonie verwüstet (?) haben.

1397 unternahmen sie einen Feldzug gegen das Ostgebiet[4], das im

folgenden Jahrhundert gleichfalls von der Bildfläche verschwunden zu

sein scheint. Um diese Zeit haben die Eskimos zuerst festen Fuß in

Südgrönland gefaßt.

Auch aus den Sagen der Eskimos geht hervor, daß zwischen ihnen und den

alten Norwegern Kämpfe stattfanden. Doch aus denselben Sagen ersehen

wir, daß sie mit ihnen auch oft in friedlichem Verkehr standen, ja,

an einigen Stellen wird sogar mit großer Anerkennung von den alten

Norwegern gesprochen. Es ist bei dem jetzigen Charakter der Eskimos

auch kaum glaublich, daß sie einen förmlichen Ausrottungskrieg führten,

und ein solcher kann jedenfalls kaum die alleinige Ursache des

Untergangs der Kolonien gewesen sein. Außer dem inneren Verfall infolge

der Loslösung vom Mutterlande, hat wohl auch die Vermischung der

Kolonisten mit den Eskimos mitgespielt. Die damaligen Europäer dürften

schwerlich unempfänglicher gegen die Reize der Eskimoschönen gewesen

sein, als unsere jungen Landsleute heute.

Ueber den ~Weg~, auf dem die Eskimos nach Westgrönland gelangten,

herrschen gleichfalls verschiedene Ansichten. Dr. ~Rink~

behauptet, die Eskimos seien, nachdem sie den ~Smithsund~

überschritten, nicht längs der Westküste nach Süden gezogen, was uns

doch am natürlichsten erscheint, sondern nordwärts um die Nordspitze

des Landes herumgegangen und dann längs der Ostküste herabgekommen.

Von hier aus wären sie dann später über Grönlands Südspitze nach der

Westküste gezogen. Diese Annahme gründet sich hauptsächlich darauf,

daß Thorgils Orrabeinfostre im Jahre 1000 an der Ostküste Eskimos

angetroffen haben soll, während die alten Norweger auf der Westküste

um diese Zeit noch keine Ahnung von der Existenz jenes Volkes hatten.

Die Handschrift über die Abenteuer jenes Thorgils stammt jedoch

aus dem vierzehnten Jahrhundert und steht in direktem Widerspruch

mit den übrigen Sagen, aus denen hervorgeht, daß die Eskimos von

Norden und nicht von Süden kamen, und daß die Westkolonie vor der

Ostkolonie unterging. Denselben Schluß kann man auch aus einer

Eskimosage ziehen, in welcher das erste Zusammentreffen mit den alten

Norwegern beschrieben wird. »In alten Zeiten,« heißt es da, »als

die Küste noch schwach bevölkert war, kam ein Boot mit Reisenden in

die Godthaabsbucht. Die Reisenden erblickten dort ein großes Haus,

dessen Bewohner sie nicht kannten, weil sie keine ›~Kaladlit~‹

(Eskimos) waren. Sie waren also zum ersten Male auf die alten Norweger

gestoßen. Diese sahen auch zum ersten Male Kaladlit und nahmen sie

sehr freundlich auf.« Das geschah also im alten Westgebiet der

Norweger, ihrer ~nördlichsten~ Kolonie an der Küste. Noch ein

anderer Umstand macht, meiner Meinung nach, die Wanderung um Grönland

herum unwahrscheinlich. Sollten sie bis an die Nordspitze Grönlands

vorgedrungen sein, so müssen sie dort wie die sogenannten arktischen

Hochländer (die Eskimos nördlich vom Kap York) gelebt haben. Dann

hätten sie natürlich von Jagd gelebt und wohl Hundeschlitten, aber

keine Boote besessen, da das in Nordgrönland stets eisbedeckte Meer den

Kajak überflüssig macht. Daß sie sich, als sie dann an die eisfreie

Küste kamen, neue Boote erbauten, ist an und für sich nicht unmöglich.

Aber mehr als unwahrscheinlich klingt es, daß sie die Boote und die

zum Fischfang nötigen Geräte hier in so kurzer Zeit in so hohem Grade

sollten vervollkommnet haben, nachdem sie so ganz aus der Gewohnheit

gekommen, den Fang vom Kajak aus zu betreiben.

Ich meine, die natürlichste Erklärung ist, daß die Eskimos über den

Smithsund kamen, den sie überschritten haben müssen, und dann an der

Westküste entlang und über die Südspitze nach der Ostküste zogen. Ob

sie schon vor der Ankunft der Norweger auf der Ostküste waren, wissen

wir nicht. Auf ihrem Wege vom Smithsunde nach Süden trat ihnen freilich

in dem Melvillegletscher (ungefähr auf 76° nördlicher Breite) ein

großes Hindernis entgegen, da dieser direkt ins Meer fällt und die

Küste eine ganze Strecke weit nicht von Inseln beschützt wird. Aber

einerseits konnten sie längs des inneren Randes des Treibeises in ihren

Fellbooten vordringen, und andererseits waren die Schwierigkeiten für

sie gewiß auch nicht größer, als es die bei einer Wanderung nördlich um

das Land herum gewesen wären. Gegen diese Annahme läßt sich freilich

einwenden, daß die Ostgrönländer Hundeschlitten haben, welche an

der Südwestküste des fehlenden Eises wegen nicht in Gebrauch sind.

Bedenkt man jedoch, wie verhältnismäßig schnell die Eskimos in ihren

Frauenbooten reisen, wie häufig sie in früheren Zeiten längs der Küste

hin- und herzogen, und daß auf der ganzen Westküste immer Hunde

gehalten wurden, so wird auch dieser Einwand beseitigt.

Die gegenwärtige Verbreitung der Eskimos über die Westküste Grönlands

erstreckt sich vom Smithsunde bis zum Kap Farvel. Ihre Zahl

beläuft sich im dänischen Teil der Küste auf nahezu Zehntausend.

Auf der Ostküste giebt es, nach dem, was wir durch die dänische

Frauenbootexpedition unter Kapitän Holms Führung (1884-1885) erfahren

haben, bis nach Angmagsalik (66° nördlicher Breite) hinauf Eskimos.

Ihre Anzahl betrug Herbst 1884 im ganzen fünfhundertachtundvierzig. Die

Eskimos erzählten Kapitän Holm, daß weiter nördlich ihres Wissens keine

Eskimos mehr ansässig seien. Sie selber machten jedoch häufig Reisen

nach Norden, manchmal bis an den 68. oder 69. Breitengrad, und vor

einigen Jahren hätten zwei Frauenboote auch diesen Weg eingeschlagen,

ohne daß man je wieder etwas von ihnen gehört habe. Ob nördlich vom

70. Breitengrade auf der Ostküste keine Eskimos mehr wohnen, ist noch

nicht festgestellt. ~Clavering~ fand, wie bekannt, 1823 ein paar

Familien auf dem 74. Grade nördlicher Breite, doch nach jener Zeit

hat man dort keine mehr gesehen, und die deutsche Expedition, die an

dieser entlangzog und dort überwinterte, fand wohl Hütten und Geräte,

aber keine Menschen und nahm daher an, daß letztere dort ausgestorben

seien. Dies kommt mir jedoch kaum wahrscheinlich vor. Die Eskimos sind

eine sehr zähe Rasse, und es mag andere Gründe haben, daß man sie

nicht antraf. Sie können grade um diese Zeit weiter nach Norden oder

nach Süden gezogen sein. Vielleicht wohnen sie auch sehr zerstreut,

und man ist zufällig nicht auf sie gestoßen. Es bleibt nämlich immer

zu bedenken, um welch ungeheuere Strecken eines sehr zerklüfteten

Landes es sich hier handelt. Meiner Ansicht nach können dort an der

Küste noch immer Eskimos wohnen, und wir wollen hoffen, daß die

dänische Expedition, die, wie bekannt, jetzt dort oben ist, mit ihnen

zusammentrifft. Durch ihre abgeschiedene Lage, die jede direkte oder

indirekte Verbindung mit der zivilisierten Welt unmöglich gemacht hat,

müßten sie in ethnologischer Hinsicht zu den interessantesten aller

lebenden Völker gehören.

[Illustration]

[Illustration]

Eskimoleben · 第 6 / 21 题