" II. Aussehen und Kleidung 14
" III. Der Kajak und die Kajakgeräte 25
" IV. Auf dem Meere im Kajak 46
" V. Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen 66
" VI. Kochkunst und Leckerbissen 75
" VII. Charakter und soziale Verhältnisse 84
" VIII. Stellung und Arbeit der Frau 101
" IX. Liebe und Ehe 115
" X. Moral 132
" XI. Gerichtspflege, Trommeltanz und Vergnügungen 155
" XII. Begabung. -- Kunst. -- Musik. -- Dichtung. --
Erzählungen Eingeborener 161
" XIII. Die Religion der Eskimos 187
" XIV. Europäer und Eingeborene 275
" XV. Was haben wir erreicht? 286
" XVI. Schluß 297
[Illustration]
[Illustration: »Die weite Schneefläche, die sich starr und weiß von
einem Meer zum anderen erstreckt.«]
Vorwort.
Den Winter über waren wir abgeschieden von aller Welt und ganz auf die
Gesellschaft der Grönländer angewiesen. Ich wohnte in ihren Hütten,
teilte ihre Arbeit und versuchte, so gut es ging, mich bei ihnen
einzuleben und ihre Sprache zu erlernen. Doch leider ist ein Winter
viel zu kurz, um dieses merkwürdige Volk, sein Gedankenleben und seine
Kultur von Grund aus kennen zu lernen. Dazu gehört ein ernsteres
Studium. Nichtsdestoweniger habe ich versucht, meine Eindrücke vom
Leben der Eskimos in diesem Buche wiederzugeben, und mich dabei,
soweit es mir möglich war, auf die Schriften älterer Grönlandsforscher
gestützt. Es giebt ja auch Dinge, die dem Ankommenden mehr ins Auge
fallen, als dem langjährigen Beobachter, der sie täglich vor Augen hat.
Sollte man mir auch nicht immer beistimmen, wenn ich mir gelegentlich
eine Kritik erlaube oder die Schwäche zeige, ein untergehendes Volk zu
beklagen, das, vom Giftstachel unserer Civilisation gestochen, nicht
mehr zu retten ist, so tröste ich mich damit, daß dadurch die Lage
der Eskimos nicht verschlimmert werden kann, und hoffe, daß man meine
Bemerkungen so auffassen wird, wie sie gemeint sind. -- +Amicus
Plato, amicus Socrates, magis amica veritas+ -- die Wahrheit vor
allem! Und sollte ich meinen Lesern manchmal unverständlich erscheinen,
so möge es mir zur Entschuldigung dienen, daß man nicht unter diesem
Volke leben kann, ohne es lieb zu gewinnen. Dazu ist ~ein~ Winter
lang genug.
An den langen dunklen Abenden, wenn ich in der niedrigen Stube
sitzend in die Flamme der Thranlampe starrte, hatte ich viel Zeit,
meinen Gedanken nachzuhängen. Da war es mir oft, als sähe ich diese
Naturmenschen Schritt für Schritt auf ihren Hundeschlitten und in
ihren eigentümlichen Fellbooten aus dem fernen Westen herangezogen
kommen. Ich sah sie sich durchkämpfen und ihre sinnreichen
Gerätschaften nach und nach vervollkommnen, sah sie sich selber zu
großartiger Seetüchtigkeit ausbilden. Jahrhunderte, Jahrtausende
vergingen, eine Generation nach der anderen erlag im Kampfe mit der
Natur, während die Stärkeren unter ihnen Sieger blieben. Und ich konnte
nicht umhin, für ein so tapferes Volk Bewunderung zu empfinden.
Doch hinter den glänzenden Bildern der Vergangenheit erhoben sich zwei
andere, Gegenwart und Zukunft, in düsterem, hoffnungslosem Grau.
Auf Grönland lernten die Eskimos die Europäer kennen. Die ersten waren
unsere Vorfahren, und die wurden von ihnen überwunden. Doch als wir
wiederkamen -- diesmal mit dem Christentum und unseren Kulturprodukten
-- da mußten sie uns als Herren anerkennen, und seitdem geht es mit
ihnen bergab. Die Welt zuckt mitleidig die Achseln. Du liebe Zeit,
»Was war's denn weiter! 's ist ja einerlei,
Wenn so ein Bettler stirbt!«
Und doch haben auch die Eskimos Gefühle wie andere Menschen. Auch sie
freuen sich ihres Lebens und der Natur und winden sich blutend unter
unseren Eisentritten. Wer daran zweifelt, sehe sie in ihrer Liebe zu
ihren Kindern, in ihrem gegenseitigen Mitgefühl oder lese ihre Sagen
und Ueberlieferungen.
»Ein großer Seehundsfänger von der Insel Aluk, an der Ostküste, liebte
seine Heimat so sehr, daß er sie nicht einmal im Sommer verließ. Es war
ihm ein besonderer Genuß, die Sonne morgens aus dem Meere aufsteigen
zu sehen. Einmal gelang es seinem Sohne jedoch, ihn zu einer Reise
nach dem Westen zu bereden. Als sie aber soweit gelangt waren, daß sie
morgens die Sonne über dem Lande statt über der See aufgehen sahen,
befahl der Vater sofort, alles zur Heimreise zu rüsten. Als sie endlich
wieder auf Aluk ankamen, schlugen sie ihr Zelt auf. Sobald der Tag
graute, ging der Alte zum Strand. Anfangs hörten seine Angehörigen noch
seine Stimme, dann wurde es plötzlich still, und als sie an den Strand
eilten, sahen sie ihn in demselben Augenblicke, als die Sonne aus dem
Meer emportauchte, zu Boden sinken. Er war tot. Die Freude hatte ihn
getötet.«
Ein Volk, das solche Erzählungen besitzt, ist nicht gefühllos!
Doch jedesmal, wenn ich einen dieser Menschen unter dem Elende, in
das wir sie gebracht haben, leiden oder erliegen sah, erwachte in mir
der Rest des Gerechtigkeitsgefühles, den die meisten von uns noch
besitzen. Und mich erfüllte der heiße Wunsch, die Wahrheit in die Welt
hinauszuschreien. Wüßte man es nur bei uns, so müßten ja alle Menschen
aus ihrer Gleichgiltigkeit aufgerüttelt werden und gleich wieder gut zu
machen suchen, was sie verbrochen.
Armer, junger Mann! Du hast nichts vorzubringen, was nicht schon besser
gesagt worden wäre. Das unglückliche Schicksal der Grönländer wie das
anderer Eingeborener ist den civilisierten Nationen schon von so vielen
Seiten vorgehalten worden, und alles hat doch nichts geändert.
Gleichviel, ich will mein Gewissen erleichtern. Es scheint mir heilige
Pflicht, ebenfalls Einspruch zu erheben. Meine Feder ist leider nur
schwach. Was ich am tiefsten empfinde, kann ich nicht mit Worten sagen
-- nie hat mir Dichtergabe mehr gefehlt. Ich weiß, meine Mahnung wird
einem Rufe in einer weiten Ebene gleichen, der das Echo der Berge nicht
erweckt. Mir bleibt nur die Hoffnung, daß ich vielleicht in einer Brust
Mitgefühl für die armen Eskimos und Trauer über ihr Geschick wachrufe.
~Godthaab, Lysaker.~
November 1891.
=Fridtjof Nansen.=
[Illustration]