Sie brach es auf und las: ›Hardi soeben verschieden.‹

* * * * *

Es war zwei Tage später.

An Christianens Tür pochte es.

Es war das Brautpaar Dreher-Friedlein.

Sie gratulierte den beiden. Ihr Gesicht war ganz ruhig.

Der Oberlehrer sah an ihr herab, schrak ein bißchen auf, und es begann ihm

zu dämmern, daß der Besuch jetzt zu dieser Stunde eine Taktlosigkeit sei.

Aber im Übermaß seiner Freude hatte er an nichts anderes gedacht.

»Ich habe sie mir erobert,« sagte er mit bedächtigem Triumph, »seit dem

Unglück hatte ich doch Angst bekommen, die Schule zehrt unheimlich an den

Frauennerven -- ich sah Mai im Traum wirklich auch am Krähenteich --«

Mai zuckte bei dem Wort zusammen.

»Ja, ich hänge sehr an meiner Arbeit,« sagte sie.

Er guckte sie von der Seite an. »Jetzt weiß ich freilich, daß du mich

lieb hast, denn sonst würdest du sie wegen mir nicht aufgeben --! Das ist

das Gute an den modernen Frauen,« wandte er sich an das Fräulein Doktor,

»sie heiraten nur noch aus -- Liebe.«

»Ja,« sagte Mai, »wir haben uns ja schon immer so gut verstanden.«

Dann zupfte sie ihn am Arm -- die Mutter käme gleich. Ihr Telegramm war

schon da.

Beim Abschied fragte sie noch, ob sie auf der Stelle austreten könne

-- das für ein Vierteljahr im voraus empfangene Gehalt wolle sie gern

zurückzahlen --!

Christiane wies sie an das Patronat.

Dann war sie wieder allein.

Sie ging ans Fenster und starrte einen Augenblick in ihren Garten. Der war

ganz still.

Dann trat sie in ihr Schlafzimmer und machte sich zurecht. Sie mußte nach

Wiesental. Heute wurde Hardi begraben. Sie kam dort auf den Kirchhof. Das

hatte sie gewollt.

Sie war an den Folgen einer Frühgeburt gestorben.

Unten fuhr der Wagen vor.

Leise trug er sie über den weißen Waldweg, den sie noch vor ein paar

Tagen abends gewandert war.

Die Sonne schien mittsommerhell. Es wurde heiß. Der Wald stand

verschlafen. Einmal wandte sich Christiane: ein Duft streifte sie. Da sah

sie die einsam blühende Linde.

Nun war sie in Wiesental. Mit der Bahn, mit dem Wagen, mit dem Auto kam die

Trauergesellschaft.

Christiane trat in das kleine Haus. Der Sarg war schon geschlossen.

Sie hätte auch nicht danach verlangt, Hardi noch einmal zu sehen.

Sie ging nicht zu Ludwig hin, und er bemerkte sie auch weiter nicht. Leise

war er um die Mutter beschäftigt, und Christiane erkannte wieder, was sie

schon vorgestern gesehen hatte, als sie hinkam: die hatte alles verloren,

ihr Bestes und Ähnlichstes. Vorgestern hatte sie Ludwig noch verwünscht

und verflucht. Jetzt schien sie ruhiger.

Der Gottesacker lag hoch oben auf der anderen Seite des Berges, klein,

freundlich, aber ohne viel Baumbestand. Die Kirschbäume reichten bis dicht

heran.

Der Sarg versank.

Der erste Geistliche der Stadt hielt die Trauerrede, die erste Gesellschaft

der Stadt wischte sich die Augen.

Ludwig starrte vor sich hin. Er hatte die schluchzende Mutter am Arm.

Hinter ihm standen ein paar Rhanes, die grade auf ihrem Gut gewesen waren.

Sie waren in Uniform, und Christiane mußte flüchtig an den längst

verschollenen Potsdamer Tag denken.

Ludwig hatte noch immer kein Wort mit ihr gesprochen, hatte sie kaum

gesehen.

Nachher mußte sie sich verabschieden. Die Mutter ließ sich kaum sprechen.

Sie sah die älteste Tochter finster an, in ihren verstörten Zügen sprang

unbewußt ein harter Wunsch auf: wärst du es -- doch -- wärst du's! Sie

war wieder die, die sie in schweren Zeiten gewesen war.

Ludwig trat dann mit Christiane in das Hinterzimmer mit den roten Gardinen.

Sie sah einen ganz anderen Mann als den, den sie damals nach zehn Jahren

wiedergesehen hatte, so hatten ihn die zehn Wochen verwandelt. Und sie

hatte es gewußt und erwartet. Sie fühlte, in den zehn Wochen lagen für

ihn Erinnerungen, an die ihre ganze ehemalige Liebe nicht reichte, in denen

sie für immer untergegangen war.

Das große, halb unbewußte Opfer der zarten Frau hatte alles fremde Feuer

für immer gelöscht und verzehrt.

»Du gehst nun fort?« fragte sie.

»Ja, ich habe Urlaub,« sagte er monoton. »Hanni geht mit.«

Sie entdeckte im Hintergrunde auf einmal das Kind, etwas scheu, beklommen.

Über den rohen Egoismus dieses verwöhnten Geschöpfes schien es doch mit

einiger Wucht gefahren zu sein.

Er nahm die Kleine in die Höhe und legte sein Gesicht an das ihre.

»Du --« murmelte er.

Christiane merkte, daß er Hardis Kind wieder liebte.

Nebenan weinte die Mutter.

Draußen verging der Sommertag.

Christiane trat mit Ludwig vors Haus. Er hatte Hanni jetzt an der Hand.

»Du wirst nun bald für immer von Markburg weggehn?« fragte sie.

»Ja,« sagte er.

Sie wußte genug.

Er ging nach dem Osten zurück. Von Zeit zu Zeit würde er nach Wiesental

zu Hardis Grab kommen und zur Mutter, aber sie würde ihn nicht mehr

wiedersehen.

Mochte sein künftiges Schaffen nun so oder so ausschlagen -- es gab ihm

Halt und war seine Erlösung. Er würde über Hardis Opfer hinweg wieder

lebendig werden.

Christiane dachte ihm nicht mehr so weit nach, ihre Gedanken kehrten vor

den riesigen slawischen Feldern um -- sie gab ihm die Hand, küßte Hanni

und stieg in den Wagen.

Er fuhr auf und sah sie noch einmal an.

Sie winkte ihm leise zu.

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 42 / 50 题