Spät abends kam sie in ihr Haus -- drei Stunden war sie durch den Wald
gefahren.
Sie machte Licht und sah gewohnheitsgemäß auf ihren Schreibtisch. Da
lagen Briefe, Drucksachen, Kondolenzkarten und amtliche Schreiben. Da lagen
ihre Entwürfe.
Ach ja, ihre Entwürfe.
Ihr Atem strich einen Augenblick schwer. Es war, als wollte sie etwas
niederreißen. Als stürmte ein schweres Wasser gegen sie an.
Sie ging ans Fenster.
Da lag ihr einsamer Garten. Er war dunkel, nur der Duft strich herauf. Es
war kein Frühlingsduft, er erinnerte sie an den Wald, an den der einsamen,
goldblühenden Linde, deren Blüten keiner pflückte.
Ihr Herz schlug hart und stark.
Und dann überkam es sie auf einmal wie mit festen Händen: es war die
Einsamkeit, das eiserne Geborgensein in sich.
Das war das beste, was ihr gehörte, und ihr höchstes Lebensgeschenk.
Tief in ihr lag unendliches Blühen, lagen unendliche Strecken unbetretenen
Landes, eisige Einsamkeiten.
Die gehörten ihr. Nur ihr allein.
Sie ging hin und her.
Dann machte sie Licht, sah auf das Bild und holte ihre Arbeit vor.
Schauer überrannen sie und verrannen.
Sie holte tief Atem.
»Der Abend allein ist das Beste.«
Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.