Er sah Christiane an: »Nun? Ist es nicht schön?«

Sie schwieg.

Er blieb etwas mit ihr zurück. Die Schar zog vor ihnen. Sie sang noch

immer. Leise, ganz zart. Es verschwamm jetzt fast. Es ging sanft in diesem

sanften Abend unter, der seine wilden Farben jetzt eingezogen hatte.

Sie schaute zurück.

Wo war das Rot?

Sie sah auf die Straße.

Wo war der Reiter?

Bartelmes stand vor ihr. Seine Blicke überglitten sie, er sprach kein

Wort.

Wie ein seidenweicher Schleier überrann sie das Gefühl: ich bin doch

schön. Ich bin vielleicht noch nie so schön gewesen, wie jetzt -- in

meiner Reife.

Verwirrt horchte sie. Kein Hufschlag mehr.

Ihre Seele schrie auf, schrie nach Feuern hin, nach Flammen, nach einer

einzigen schönen Glut, nach einem Glück, wie sie es noch nie besessen

hatte. Sie wollte nicht immer Muster sein, Tugend, Vorbild, sie wollte

Flamme sein, Schönheit, Genuß -- sie wollte geben, was noch keiner

besessen hatte und was alle gaben. Sie wollte mit Kränzen in feinen

Melodien schreiten und purpurn untergehen, wie der Abend untergeht. Sie

wollte dem Leben nahe sein, ganz nahe, sie wollte Leben sein.

Seine Miene blieb unbeweglich.

Und eben deshalb sah sie ihn schärfer an, als sie es sonst in ihrer

Erregung getan hätte.

Er hielt stand. Es war vielleicht in seinem Willen, daß die Maske jetzt

fiel, die er doch für jeden Kundigen nur lose vorgehabt hatte, denn

er gedachte nicht weiter zu gehen und sich keinerlei Schwierigkeiten zu

machen.

In den Augen blieb sein Lächeln.

Verwirrt grübelte sie, wo sie es schon gewahrt hatte: wenn er mit der

Haberkorn sprach, auch mit der Seifert oder mit der Mehlmann -- alle

belächelte er so aus einer gewissen Mannesüberlegenheit heraus, und nun

hatte er das Lächeln, das Blinzeln auch für sie -- --?

Sie begriff noch nicht. -- Auch -- für -- sie -- --?

Und dann kam ihr Gewißheit. Ihre hellsichtige Menschenbeobachtung fand

sich wieder ein, vielleicht noch nie so scharf, wie in dieser Sekunde. Sie

durchschaute sein Spiel, das auf ihre innere Demütigung auslief und auf

das äußere Vorzeigen: seht, ich habe die Herrin unter mir. Ich bin der

Herr. Die haben sie angestaunt, wie ein neues Wunder, die sind argwöhnisch

vor ihr geflohen, ein Narr ist sogar vor Schrecken gestorben -- ich aber

habe festgestellt, daß es unter den Frauen nichts Neues gibt und niemals

etwas Neues geben wird. Es gibt gar keine modernen Frauen. Wenn sie es

können, so begehren sie immer nur den Kranz, den der Mann ihnen aufsetzt,

und ihr Wille, ihre Pläne sind rasch zu biegen ... an jedem Platz!

Sie erkannte noch mehr: Er war ihr gegenüber nie in Unruhe geraten,

vermißte nichts und begehrte nichts. Seine Sinne waren unbeteiligt, denn

er hatte ein anderes Weib um sich, von dem ihm die scharfe Erkenntnis

jedenfalls mit geflossen war -- -- --

Er wollte nun doch näher an sie heran.

Sie sah ihn mit funkelnden Augen an.

»Sie haben ja eine Geliebte,« sagte sie hart.

Er schnellte etwas zurück.

Dann besann er sich.

Der wissende Hohn in seinen Augen wurde stärker.

»Ja. Ich habe Ihnen sogar schon ihr Bild gezeigt, Fräulein Doktor

Dorreyter -- eine junge Bühnenkünstlerin.«

Er lachte ein wenig. Sein Fuß rührte im Staub.

»Ich wollte Ihnen damals das Bild meiner Schwester zeigen -- sie schauen

sich übrigens ähnlich -- da griff ich zufällig das andere.«

Sie gab keine Antwort.

Rasch schritt sie an ihm vorbei.

Die Kinder vorn sangen wieder.

Christiane sah, daß der Wald zu Ende war. Da kam schon die Stadt. Sie war

so voller Lichter, wie sie nur sein konnte.

Christiane wandte sich und schaute noch einmal nach dem Walde zurück.

Das Feuer war erloschen.

* * * * *

Am nächsten Tage ereignete sich das Unglück.

Einige der Patronatsherren kamen in die Klasse der kleinen Wehrendorf. Sie

hatten es noch mehr auf den Doktor Bartelmes abgesehen, dessen beargwöhnte

Methode sie sich näher begucken wollten, aber die Hilfslehrerin stand mit

auf dem Programm.

Ada wußte sofort Bescheid.

Christiane hatte ihr schon einen Wink gegeben: nimm dich zusammen! Aber was

heißt ›Sich zusammennehmen‹, wenn die Nerven und alle Hoffnung ohnehin

zu Ende sind. Wenn sie nicht so an der Arbeit gehangen hätte, wenn sie ihr

nicht das Wichtigste, die schwere Hauptsache ihres Lebens gewesen wäre,

dann wäre sie leichter über die Klippe hinweggekommen.

So aber gab sie sofort das Spiel verloren, als keine Ruhe unter den Kleinen

wurde und Hanni Cöldt ganz offen in ihre Worte hineinlachte.

Die Herren sahen Ada fragend an.

Die aber stürzte an ihnen vorüber zur Tür hinaus.

Die Gäste wußten nicht, wie ihnen geschah. Deshalb warteten sie noch ein

paar Minuten.

Aber auf einmal fingen ein paar der Kleinen heftig an zu weinen. Und eine

drehte sich zu Hanni Cöldt um und schrie: »Du! Du!«

Und plötzlich sah der Geheimrat Meckebier die fliehende Gestalt drüben am

Walde.

»Herrgott,« sagte er und faßte den anderen am Arm.

Nun eilten sie zu Christiane und schlugen Lärm.

Die Jong wurde gerufen und sagte: »Ich habe es kommen gesehen. Sie aß und

schlief nicht mehr. Gestern gab ich ihr noch einen Brief von meinem Onkel

und redete ihr flehentlich zu: sie solle kommen und wenn es nur für ein

Ausruhen war -- man wollte sie dort pflegen. Aber sie wollte nicht.«

-- Als Ada im Walde war, fing sie an zu denken.

Von neuem kam die Gewißheit über sie: es war aus. Man behielt sie nicht

mehr an der Reutterschule. Da konnte Christiane es so gut meinen, wie sie

wollte -- man behielt sie nicht mehr.

Und ohne die Kinder konnte sie doch nicht leben. So viel sie sie in ihrer

süßen Dummheit auch gequält hatten, sie hatten sie doch auch lieb

gehabt. O ja, die meisten hatten sie doch lieb gehabt. Und nun konnte sie

es nicht vertragen, daß eine andere an ihre Stelle kam -- das konnte sie

ihr nicht gönnen! Nicht einmal die kleine Cöldt konnte sie ihr gönnen!

Der ganze schwere Kampf -- wie war er schön -- wie war er schön.

Sie blieb wieder stehen. Unbewußt war sie richtig gelaufen, denn ihre

Phantasie hatte den Weg schon Tag und Nacht gemacht.

Da war der Krähenteich.

Mit zitternden Gliedern, halb besinnungslos, glitt sie nieder und ins

Wasser hinein. Schnell. Schnell.

Es war grade die Stelle, an der Herr von Wratislawski Mai die Rosen

überreicht hatte.

* * * * *

Vierundzwanzig Stunden später waren die Reutterschülerinnen und das

ganze Kollegium zur Gedächtnisfeier für die Tote in der Aula versammelt.

Diesmal sprach Christiane schwer und fest.

Die Herren und Damen spähten argwöhnisch zu ihr empor. Alle wußten,

daß der schöne Doktor Bartelmes bei der gestrigen Revision recht schlecht

abgeschnitten hatte. Er hatte es sich aber nicht weiter anfechten lassen,

sondern auf der Stelle gekündigt. Was bedeutete ihm Markburg! Er hatte

übrigens wieder ein neues ästhetisches Buch geschrieben, das kam zum

Herbst heraus und würde seinen Ruhm verstärken. Aber hier --! Ironisch

blinzelte er zu Christiane hin und strich den Bart.

Diesmal fand sie kein Beschönigen mehr. Vor allen Mädchen rief sie das

Frauenschicksal auf, das vor ihnen hingeglitten war, ohne daß einer es nur

recht erfaßt hätte. Desto mehr aber war seit gestern geflüstert worden.

An verborgener Niedrigkeit brachten auch diese planmäßig zur Schönheit

erzogenen Mädchen genug auf.

Nun aber hörten sie die Wahrheit.

Christiane sprach von den Frauen, in deren Leben kein anderes Feuer brennt,

als das, das sie sich selber anzünden. Ada Wehrendorf hatte nie nach

fremden Feuern gespäht, hatte nie eine Gnade, ein Glück erwartet, als aus

ihrer Arbeit allein. Sie hatte so an der gehangen, daß sie ihren Verlust

nicht überwinden konnte. Es hatte ihr Ruhe gewinkt, Pflege, ein Schutz.

Sie hatte aber ohne ihr Werk nicht leben mögen. Nicht an irgend einer

Sehnsucht war sie gestorben, sondern an dem Verlust ihres Schaffens. Sie

hatte ihre Arbeit lieb gehabt.

Christiane riß die Kinder an sich heran -- wie glühender Draht brannte

es wieder in ihrer Rede auf -- die Wehrendorf war einstmals eine von ihnen

gewesen, eine der verwöhntesten -- und wie mancher konnte es gehen wie

ihr.

Sie spürte auf einmal: an diesem Leben hing auch Kampf, war nicht nur

ästhetisches Genießen -- das Blatt wandte sich für viele -- und manche

Seelen waren unter ihnen, die einen Schutz brauchten.

Sie fühlte auf einmal: auch sie hing an ihrer Arbeit. Wenn sie gescheitert

wäre, wenn es ihr irgendwie gegangen wäre, wie der Wehrendorf -- -- sie

atmete heimlich auf -- der häßliche Sturz war nahe gewesen -- -- dann

hätte sie auch nicht mehr leben können. Ihr Werk hätte sie nicht

zerbrochen und besudelt aus der Hand legen können. Sie fühlte auf einmal

Fäden, die sie mit ihm verbanden, mit diesem allen hier, so fest, wie

mit keinem anderen, weil Kampf daran hing, letzter Aufruhr, weil hier die

Krisis gekommen war.

Sie starrte auf die Mädchenköpfe, und ihre Seele rang sich ganz fest an

das Werk heran.

Man empfand wieder die alte Christiane Dorreyter, die im Übermaß ihrer

schweren Kraft und ihres harten Erkennens ihre Leitsätze gegeben hatte.

Alle wußten, daß ihre Worte ein Vernichten des System Bartelmes

bedeuteten und des Schiefen, das für die Leiterin daran gehangen hatte.

Man konnte nichts mehr reden.

Leise gingen die Mädchen dann aus dem Saal -- so leise waren sie selten

gegangen.

Die Herren und Damen redeten nachher noch über die kleine Wehrendorf.

Natürlich hätte ihr jeder beigestanden, wenn er es gewußt hätte.

Christiane sprach noch mit der Jong. Da kam ein Bote und gab ihr ein

Telegramm.

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 41 / 50 题