»Wir wären sehr dankbar, wenn wir Ihre Entwürfe und Pläne schon in
kurzer Zeit erhalten könnten, Fräulein Doktor,« fügte der Präsident
noch hinzu.
Christiane machte sich zu Hause sofort an die Arbeit, suchte alte Pläne,
Ministerialerlasse und Verordnungen heraus, verglich, entwarf, überlegte,
zeichnete auf, und darüber wurde es Abend.
Sie fuhr plötzlich hoch und sah es rot über dem Walde stehen.
Das ist der Johannisabend, fiel ihr auf einmal ein.
Sie schob ihre Papiere zurück und sah starr in das ferne Glühen hinaus.
Ein feiner Dunst kam aus dem Walde und schlich herein.
Sie schaute in ihren Garten -- der war schwarz.
Eine wahnsinnige Angst überkam sie. Der Sommer gleitet vorbei. Alle
ansteigenden Zeiten sind vorbei. Mein Leben tritt in das Dunkle ein. Hier
sind die Pläne, die Ministerialerlasse, die Prüfungsordnungen -- haha --
das ist mein -- -- das ist mein -- --
Sie warf noch einen Blick zur ›eisernen Wehr‹ empor, dann nahm sie
ihren Hut und ging.
Wie leicht kann ich schreiten, dachte sie, als sie in den lichten Staub der
Straße trat. Wie -- jung --
Vom Sonnenrot sah sie hier nichts. Der Wald stand dunkelnd. Eine verwischt
blaue Stimmung war zwischen den Straßenbäumen. Die Kinder kletterten
darauf herum, rissen Lindenblüten los und warfen sie herab.
Sie eilte. Nun war sie im Walde. Fahrtgeleise gingen tief hindurch -- ach,
es war die Allee, auf der sie damals gegangen war, als das Gewitter kam,
vor einem Jahre -- --
Sie schritt rasch und empfand: Johannisabend.
Hinter allen Büschen schien es zu leben, tiefer, als bei jenem
Taggewitter, heimlicher, als in den hellsten Stunden, seltsamer, als an
anderen Abenden. Sie fühlte: hier ist Leben über Leben um mich. Sie sah
an den Tannen empor, sah, wie die silbergrauen glatten Stämme der Buchen
grünumflimmert zur Höhe stiegen und oben ihr Laub ausbreiteten, sie sah
Bäume, die über und über grün waren, bei denen die Äste schleppend auf
den Boden hingen, so voller Sommer waren sie. Und dann sah sie noch etwas.
Mitten unter den Waldbäumen stand eine Linde, über und über blühend.
Hoch stieg sie empor, höher, als die Buchen und Tannen, und oben blühte
sie ganz allein, über allem Laub. Diese Blüten konnte keiner pflücken.
Das Abendlicht überglänzte sie. An die konnte keiner heran.
Sie ging weiter.
Auf einmal scholl es hinter ihr. Sie horchte: Klippklapp, Klippklapp.
Sie blieb stehen.
Da kam es sacht näher. Ein Reiter.
Sie wandte das Gesicht. Das Herz schlug ihr hoch auf, sie wußte, wer das
war. Er wandte sich ihr flüchtig zu, eine halbe Sekunde schauten sie sich
in die Augen. Es war Ludwig.
Klippklapp, klippklapp, trabte das Pferd.
Weit hinten auf der Schneise verschwand es. Er war vorbeigeritten.
Sie wußte, wohin er ritt.
Langsam ging sie weiter, es dunkelte.
Und nun kam es wie Gesang näher -- sie horchte gierig. Es war kein
Hufschlag. Es war Gesang.
Das Lied kam ihr sonderbar vor. Sie, die so viele Kinderlieder gehört
hatte, horchte wie verzaubert auf dieses Lied.
Es kam ihr vor, als hätte sie es noch nie vernommen, aber als müßte
sie es vernehmen, eben jetzt zu dieser Stunde. Auf einmal verstand sie die
Sprache der Melodie.
Sie blieb stehen, ihr Herz versagte.
Und nun kam der Zug aus dem Walde heraus.
Mitten zwischen den Stämmen kamen sie hervor -- o, es sah schön aus! Es
war, als ob die Elfen dieses Johannisabends kettengleich vorüberzögen im
Reigentanz.
Sie sangen noch immer, und immer noch mehr kamen aus dem Walde, helle,
singende Gestalten.
Das war keine Ausgelassenheit.
Jäh packte es sie: das war Feier.
Er hatte es wieder fertig gebracht. Er hatte ein kleines Kunstwerk
geschaffen, hatte in diesen verwöhnten oberflächlichen Dingern das
Verständnis für Weihe, für die Schönheit des Waldes und für den
sonderbaren schwülen Zauber dieses Abends geöffnet. Er konnte das, denn
er war ein Künstler.
Nun kam er.
Ein paar große Mädel waren dicht um ihn und glitten jetzt fort. Betty war
dabei und wandte noch das Gesicht nach dem Fräulein Doktor.