Sie strich über die Scheiben, die nun angelaufen waren, und brachte den
Kopf ganz nahe. Auf einmal sah sie die vorbeistreifenden Schneefelder, und
plötzlich überkam sie eine ganz lichte Empfindung, als glitten weiße
Büsche an den Rainen entlang, als seien blütenhelle Bäumchen da, als sei
ein ganz zarter, heimlicher Frühling draußen. Eine Frühlingsnacht.
Und sie dachte: Wieviel hast du versäumt. Mit Büchern und mit fremden
Leuten. Mit Tränen hast du es versäumt. Mit Sehnsucht. Nach einem fernen
großen Jugendfeuer hast du hingestarrt und dabei jeden deiner neuen
Frühlingstage übersehen.
Und bald kommt der Herbst. Dann wird dir die Rechnung präsentiert. Dann
-- was dann kommt, ist bitterer als Sehnsucht, ist die ganze Qual des
Unerlebten, ist die Erkenntnis, daß du leben _konntest_ und hast es nicht
getan. Und hast es nicht getan.
Sie saß regungslos.
Und drüben saß der Mann.
Sie sprachen nicht mehr.
Er begleitete sie auch nicht nach ihrem Hause, denn Christiane winkte sich
rasch eine Droschke heran und fuhr dem Reutterschloß zu.
* * * * *
Am anderen Abend kam sie zu Cöldts.
Sie blieb erst eine Sekunde vor dem Hause stehen und besah es sonderbar
genau, und als sie nachher Ludwig gegenüberstand, schaute sie ihm auch
sonderbar ins Auge.
Er kam an dem Abend zeitiger aus seinem Zimmer als sonst. Immer, wenn
Christiane da war, tat er es, aber heute war es noch zeitiger. Und dann bat
er sie, sie solle zu seinen Büchern kommen.
Hardi folgte und beobachtete Hanni, die ein Schulbuch vor hatte. Sie
schaute auch zu Christiane, die mit Ludwig zusammen Neuausgaben alter
Bücher besah.
Und es überkam sie auf einmal: was tue ich denn hier? Wer bin ich denn
hier? Was für ein Recht habe ich hier --?
Sie fühlte wieder den Schnee draußen.
Christiane aber sah, Ludwigs Auge vermeidend, die Neudrucke an und dachte:
Ja, es sind Kostbarkeiten, für ihn wenigstens. Stille Kostbarkeiten, wie
er sie so gern hat, wie er sie an sich genommen hat, statt seines Werkes,
statt seiner eigenen Ideen, statt jeder Tat, zusammen mit meiner Liebe.
Alles stille Kostbarkeiten.
Aber später? Wie werden wir das später ansehen?
Ludwig, man bleibt nicht zusammen, wenn man sich immer ferne ist. Eine
Lücke bleibt -- es bricht. Ludwig, zwischen uns ist eine Lücke, und wir
spüren sie jetzt -- beide.
Beide spüren wir sie jetzt.
Ich habe ja keine anderen Erinnerungen, als an die Ritte über die Ebene
und an die Stunde, in der du die Tür leise hinter mir schlossest.
Soll ich hinter der Tür stehen bleiben?
Frau von Cöldt merkte, wie wenig geredet wurde. Die beiden sahen
aufmerksam auf die Bücher und kaum auf einander.
Eine Stille zog durch den Raum und wurde schwer.
Es war gut, daß unvermutet noch jemand kam: eine der Vereinsdamen. Sie
wollte einiges mit Hardi besprechen und tat es auch, und dann ging sie mit
Christiane zusammen fort. Andere Begleitung war nicht nötig.
Sie wohnten nicht weit voneinander.
Hardi Cöldt sah ihren Mann nachher flüchtig an.
Irgend ein Triumph schwoll in ihr, ein ungewisser roher Hohn, vor dem sie
selbst erschrak.
Sie sagte nichts.
* * * * *
Das Jubiläum der Reutterschule rückte näher.
Fünfzig Jahre war es her, seit Fräulein Sophie Reutter sich in ihrem
Hause aufgehängt hatte. Von dem Tage datierte die neue Zeit, wie die
Blätter schrieben. Natürlich erwähnten sie den Selbstmord der alten Dame
nicht, sondern priesen nur ihren sozialen Weitblick, der der Regierung die
Mittel zur Entwicklung der Anstalt an die Hand gegeben hatte.
Die Haberkorn gab ihr Jubiläumsbuch heraus. Wochenlang hatten ihr die
Kanarienvögel bei den Korrekturen helfen müssen. Jetzt lag es beim
Buchhändler in der Rädelgasse im Schaufenster, gleich neben den Schriften
des Doktor Bartelmes.
Und der hatte auch darin abgefärbt. Wenn man genau zusah, so kehrten
seine Wendungen wieder, und seine Schlager waren unbewußt angenommene
Geleitsworte geworden. Das System Bartelmes feierte hier einen Triumph.
Es kamen viele Gästeanmeldungen. Christiane staunte, wie weit die
Provinzschule ihre Zöglinge ausgeworfen hatte. Die meisten hatten Mann und
Kinder, waren Regierungsrätinnen und Professorsfrauen, Offiziersgattinnen
und große Damen. Einige wenige hatten sich selber Brot schaffen
müssen, das waren Lehrerinnen. Alle waren der Zucht und Pflege des
Reuttersschlosses entsprechend geraten -- die Ungeratenen meldeten sich
erst nicht.
Am Vormittag des Festtages fand der offizielle Aktus statt, für den Abend
aber waren künstlerische Aufführungen der Schülerinnen geplant, über
denen Doktor Bartelmes wachte.
Christiane zog sich von diesen Vorbereitungen zurück, der Doktor hatte sie
darum gebeten, es sollte eine Überraschung für sie sein.
Lange vor Ostern wurde schon geprobt. Die Gedanken der Kinder waren
von nichts anderem mehr erfüllt, und den Auserwählten, den schönsten
Mädchen, wurde von den anderen neidisch nachgeguckt.
Christiane verlor ihre stillen Nachmittage und Abende, an denen keiner in
dem Hause war, als sie und die alte Hausmeisterin und etwa der Geist des
aufgehängten Fräuleins -- wenn der Lust dazu hatte. Sie atmete nicht mehr
die schwere, herrschaftliche Ruhe, die noch von der Besitzerin her stammte,
gleichsam aus der Sekunde, in der sie ihren letzten Atemzug getan hatte,
diese Ruhe, die alles wegstrich, was gerauscht und gerüttelt hatte.
Vom frühen Nachmittag an gingen Türen, wanderten Mädchenschritte,
erscholl Mädchenlachen, ertönte das Klavier. Mai Friedlein hatte
Seele für das, was sie zu spielen hatte. Es begann mit Mozarts zartem
Frühlingslied: ›Ein Veilchen auf der Wiese stand --‹ und kettete einen
leichten Rhythmus an den anderen.
Es war dann, als ob lichte Wolken zogen, der Rasen grünte, und die Amseln
schrieen.
Und es kam so: während man so sang und spielte und probte, zerfiel der
Schnee, und es wurde viel schneller Frühling, als man es nach diesem
sibirischen Winter erwartet hatte. Viel schneller zog es blau hinter den
Bäumen auf, liefen die Wasser ab und pfiffen die Amseln vom Giebel des
Griechentempels.
Und dann kam der Tag.
Morgens, beim Ankleiden, dachte Christiane: ich kann begreifen, daß Sophie
Reutter an einem solchen Tage Schluß machte. Der treibt ja dazu. Der
Frühling hat tausend Fäuste gegen den, der ihm widerstrebt. Seinen
ungeheuren blauen Schild deckt er über alles, was nicht mit ihm leben
kann.
Wie das funkelt.
Herein in den Saal oder -- heraus!
Sie erschauerte: was denke ich?
Der Garten war ganz trocken, ganz grün, voller Sonne. Die Linden waren
noch hochmütig kahl, aber lebendig waren sie auch. Alles, alles war
lebendig.
Das Griechenbild verschwand fast dahinter.
Christiane dachte: mit einem Siebenmeilensprung bin ich über die
Felder des Lebens hinweggekommen, auf denen die Frauen am längsten und
zärtlichsten stehen und auf denen sie ihre Blumen pflücken. Weit, weit
unter mir hat es unsicher geleuchtet. Ich dachte nicht daran. Ich durfte
nicht.
Ist jetzt ein Wind gekommen, der mich -- zurückträgt?
Auf einmal fiel ihr ein, daß sie am Abend auch Ludwig sehen würde. Gewiß
würde er kommen. Aber mit Hardi. Sie lachte vor sich hin. Mit Hardi! Mit
seiner Frau!
Draußen auf den Gängen trappelte es schon -- Herrgott, sie kamen! In dem
Augenblick empfand sie jäh, wie eisig einsam sie in tiefster Seele doch
war.
Nun vollzog sich die offizielle Jubiläumsfeier unter der Teilnahme
des Präsidenten und vieler Stadtspitzen. Orden wurden allerdings nicht
verteilt. Der einzige, der dafür reif gewesen wäre, Professor Diermann,
war nicht mehr da.
Christiane mußte auch wieder reden.
Ein bißchen verborgener Spott über die ganze Kleinstädterei, über das
gesamte menschliche Narrenspiel war in ihr. Sie sprach anders, als sonst,
leichter, gleichgültiger. Verschiedene Gesichter hoben sich und staunten
zu ihr herauf, die Jong, der Zeichenlehrer, sogar der Präsident.
Komödie, Komödie, dachte sie.
Auf der anderen Seite fuhr Lächeln über ironische Mienen.
Sie merkte es nicht.
Draußen vor den Fenstern glitten Wolken wie weiße Vögel. Siegfrieds Tod
stand wieder vor ihr auf, der ganze schwere, tönende, verlangende Rausch
der Musik.
Jetzt sangen sie. Sie erschrak.
›Der dich mit Adlersflügeln -- -- --‹