Dabei sah er sie an. Das Licht im Abteil war blau gedämpft, ganz genau
konnten sie einander nicht erkennen. Aus dem Nebencoupé tönten lebhafte
Stimmen. Da fuhren auch welche aus der Oper nach Markburg oder in ein
anderes Nest.
»Ach, meine Schwester,« sagte er. »Ich versichere Sie, die braucht keine
Hilfe und keinen Rat. Sie sollten Sie sehen: klein ist sie nur, aber ein
stahlfestes, geschmeidiges Tierchen und -- ach, ich glaube, ich habe
wohl ein Bild von ihr da.« Er griff seine Brieftasche heraus und suchte
zwischen anderen Photographieen.
Jetzt hielt er ihr eine hin und riß am Lampenschleier.
»Hier, bitte, gnäd -- -- Fräulein Doktor --«
Hatte er ganz vergessen, wer sie war?
Jetzt war nur das kleine Bild zwischen ihnen.
Ein keckes Persönchen. Sie wußte sofort, es war so, wie sie gedacht
hatte: an der war nichts Reines und Bewahrtes, die war durch alle Feuer
gegangen.
»Aber nun --« er steckte das Bildchen ein -- »darf ich erfahren, wie
Ihnen der Siegfried gefallen hat --?«
»Ein dicker Sänger,« sagte sie.
Er fuhr zurück.
»Erbarm sich -- -- Pardon, gnädiges Fräulein -- Sie scheinen überhaupt
keine Musikkennerin zu sein und auch wohl keine Bühnenillusion gelten zu
lassen?«
»Musik verstehe ich nicht,« sagte sie, »und die Bühne -- mir scheint es
nicht, daß das Kunst ist -- -- Kunst ist meiner Ansicht nach -- vornehmer.
Kunst war es, als es _wurde_.«
»Vornehm, ja, vornehm,« höhnte er. Es versank fast im Rattern des Zuges.
»Ja, allerdings. In den Klöstern gab es auch nur das Buch und die Musik,
die den frommen Frauen die Zeit vertrieben. Aber eine andere Musik. Ach,
kleine Spiele gab es auch, fromme Spiele.«
Er lachte. Irgend etwas an ihm schien verwandelt, und in ihr begann es
heimlich gierig zu spähen: kam sie jetzt auf den eigentlichen Kern des
Doktor Bartelmes?
»Ich dachte, Sie kämen vom Siegfried anders zurück,« sagte er nun, und
sie zuckte: »Wußten Sie denn --? Daß ich --«
»Ach, ich glaube, ich war in der Telephonzelle, als die Hausmeisterin Ihr
Billett bestellte,« sagte er gleichmütig. Jetzt war er wieder korrekter.
»Ich bin aber oft hier,« setzte er noch hinzu.
Sie saß regungslos.
Das hieß ja fast, es könnte auch möglich gewesen sein, daß er um
ihretwillen hierhergefahren wäre! Sie hätte fast gelacht. Und zugleich
schraubte sich ihr ganzer Hochmut herauf: wer war er denn? Was erlaubte
sich dieser Mann?
Er hatte wohl gemerkt, was in ihr vorging. Seine Stimme veränderte sich
vollkommen. Kühl holte er ein Schulthema heran, ein extra langweiliges.
Sie hörte kaum zu. Ihre Blicke hingen sich mechanisch an die
schwarzspiegelnden Scheiben -- da merkte sie, daß er auch dahin guckte. Er
suchte ihr Bild heimlich aufzufangen.
Und plötzlich kam über sie, was noch keine Gestalt angenommen hatte, aber
schon dagewesen war. Sie dachte wieder an ihren weißen Garten, durch den
er gegangen war. Irgend etwas in ihr neigte sich ihm zu: sie waren einander
im Geistigen wohl ebenbürtiger, als er dachte, und wenn ein Feuer sein
sollte, so konnte es diesseits brennen, offen, ganz offen -- -- --
Ludwig!
An wie vielen war sie in den Jahren schon vorbeigegangen!
Und jetzt sollte es so kommen?
Hier vor seinen Augen?
Eine Stimme sagte ihr: früher hattest du noch Hoffnungen und mehr
Idealismus. Früher war Ludwig noch groß vor dir, und etwas in dir fand
keinen Größeren.
Jetzt ist deine Seele in einem atemlosen Harren über ihn hinausgeflackert.
Hier ist einer, der dich zwar noch nicht kennt, aber doch über
dich nachdenkt, der Macht über dich gewinnen will. Nicht einer der
Gleichgültigen und Dutzendleute -- nein, eine Basis wäre wohl da, auf der
ihr euch treffen könntet -- er würde dir geben, was du verlangst -- --
und du ihm, was er -- braucht -- -- --
Sie zuckte.
Was war das?
Wie verirrte sie sich in solche tollen Dinge?