Um zwei Uhr erschien Christiane mit ihrer Mutter, wie sonntäglich üblich,
zu Tische und blieb hernach bis zum Abend.
Ludwig erzählte von dem Besuch.
»Er war bei mir,« sagte Christiane ohne Aufregung, aber mit einem seltsam
konzentrierten Blick, »allzu gewaltig können seine Reformideen nicht
sein, da er beim Provinzialschulkollegium so in Gunst steht.«
»Und du wirst ihm wohl nicht mehr Einfluß gönnen, als ihm gebührt?«
Sie sah ihn ruhig an.
»Er bekommt den Raum, der ihm gehört. Nicht einen Zoll mehr.«
Er merkte, daß ihr Gesicht in seinen Linien schärfer und härter geworden
war.
Sie begaben sich in Ludwigs Zimmer, die Mutter blieb bei Hardi im Salon.
Dort redeten sie vom Verein. Hanni saß gleichmütig und kaltblütig dabei
und häkelte.
Frau Dorreyter hatte nie eine Ahnung von dem gehabt, was Christiane und
Ludwig verbunden hatte. Hardi hatte niemals etwas angedeutet und verriet
auch jetzt nichts, obwohl sie den beiden merkwürdig nachgeschaut hatte.
Christiane ging drinnen an einen Tisch, auf dem neue Bücher lagen.
»Hier,« sagte Ludwig und hielt ihr einen Band hin.
Es war ein neues Buch von Mereschkowski über Tolstoi und Dostojewski.
Sie las, in einen der tiefen Ledersessel gedrückt. Er saß ihr gegenüber
und las und rauchte. Sie liebte den feinen Zigarrenrauch sehr, wenngleich
sie selbst nie rauchte. Dann und wann hielten sie inne und sprachen ein
wenig, oder sie ließen nur ihre Bücher sinken und sahen sich kurz in die
Augen.
Es war etwas von einem alten Rausch dabei.
Als Christiane und ihre Mutter gegangen waren, trat Ludwig wieder in sein
Zimmer zurück und zog die Schiebetür leise zu. Hardi war noch im Salon
mit Hanni beschäftigt und hörte das sachte Vorfallen des Holzes.
Der Zigarrenrauch war ein wenig eingedrungen und durchwebte die Luft des
Salons. Hardi erhob sich, machte ein paar Schritte und vertrieb den Rauch
mit der Hand. Sie ging näher an die verschlossene Tür heran, und es war,
als ob sie horchte oder etwas überlegte. Dann aber wandte sie sich, nahm
ihr Kind an die Hand und ging mit ihm die Stiege hinab in ihr eigenes
Zimmer.
* * * * *
In der Reutterschule war doch einiges anders geworden.
Christiane beobachtete es aber von einem stillen gleichmütigen
Lauscherposten aus.
Doktor Bartelmes hatte den Ton im Kollegium verändert. Er war der
Haberkorn so liebenswürdig entgegengetreten, daß sie ihre kratzbürstige
Art wider Willen vergaß; sie kam in seiner Gegenwart einfach nicht dazu.
Er war anders als ihr Freund, der Professor Diermann, dem noch ganz und
gar die alte Zeit in den Gliedern gesteckt hatte, und auch anders, als die
übrigen Herren, die den Damen mit wenigen Ausnahmen doch am liebsten aus
dem Wege gingen. Bartelmes nahm die Haberkorn so wichtig, wie sie sich
selber vorkam, und wenn ein heimliches Blinzeln und Flirren manchmal dabei
in seinen Augen war, so merkte sie das nicht.
Auch mit den anderen wußte er fertig zu werden. Nicht nur, daß er das
gute Mehlmännchen allerorten neckte und von ihr schon einmal eine Büchse
köstlicher Marmelade geschenkt bekommen hatte (sie erkundigte sich nachher
bei sämtlichen Damen, ob man auch nichts ›dabei gefunden‹ hätte),
sich von Fräulein Jong Fußtouren sagen ließ, den jungen Praktikantinnen
und Mai mit viel Ritterlichkeit gegenübertrat, das physiologische
Phänomen der Seifert und ihre sonstige Vortrefflichkeit genügend
anerkannte -- auch mit den Kollegen wußte er sich zu stellen, und mit dem
Zeichenlehrer sah man ihn sogar oft. Nur die kleine Wehrendorf beachtete er
nicht, aber die hatte ja immer Pech.
Man begriff manchmal nicht mehr recht, wie man sich innerlich so schroff
vom anderen getrennt und nur bei feierlichen Gelegenheiten offiziell
zusammengefunden hatte --, man war ja gleich und beim gleichen Werk
eingespannt.
Bartelmes widersprach seinen Büchern nicht. Er hatte noch Idealismus.
Die Haberkorn wurde auch idealistisch. Bisher hatte ihre Stimmung sich
immer nach ihren Nerven gerichtet oder je nachdem sie geschlafen hatte --
jetzt kam sie alle Morgen strahlend frisch, und ihr zweites Wort war
immer ›Die Kindesseele --‹. Sie schwärmte jetzt nicht nur für die
geheimrätliche Meckebier, sondern auch für alle anderen Zöglinge, ihr
Herz wurde butterweich -- es war doch ein schöner, edler Beruf!
Sie fühlte sich glücklich.
Auch den anderen ging es ähnlich, und Christiane mußte sich sagen: er
hatte es gemacht, nicht sie. Obwohl sie mit gutem Willen, mit Gerechtigkeit
und Liebenswürdigkeit begonnen hatte -- er hatte es gemacht, nicht sie.
Sie wußte, woran es lag. Es war etwas Uraltes, das in diesen älteren und
jüngeren Mädchen unbewußt lebendig wurde. Es war auch ein heimlicher
wissender Trotz gegen sie dabei. Sie wollten das Tun dieses herangerufenen
Fremden doppelt wiegen.
Christiane beobachtete ihn mit kühler Zurückhaltung, fand, daß er
anscheinend eine gute unterrichtliche Begabung und vor allem ein gewisses,
verschleiertes Künstlertum besaß, von dem freilich nicht zu ersehen war,
wie weit es reichte.
Er hatte Christianens Pläne, von denen sie ihm gesprochen hatte, mit
großer Entschiedenheit abgelehnt.
Ein Seminar, eine harte, nüchterne Beruflichkeit, ja nur ein Hineinmischen
solcher Dinge hier an der vornehmen Schule war für ihn ein Unding. Man
sollte froh sein, daß diese moderne Unumgänglichkeit hier noch
umgangen werden konnte! Diese Mädchen stammten sämtlich aus solchen
Verhältnissen, daß man sie zu echten Frauen erziehen konnte, zu der
modernen Weibpersönlichkeit, die die Frauenbewegung niemals zu schaffen
vermochte.
Kultur, ja, die brauchten diese jungen Markburgerinnen herzlich notwendig,
Schönheit, die mußte man ihnen geben. Man sollte sie das reine Genießen
lehren, die schöne Haltung, das ganze Begreifen der Gegenwart, aber man
sollte sie nicht mit häßlichen Klammern verzerren.
Christiane kannte sein Buch ›Die unerreichbare Frau‹, das nach
einem neuen, noch unbekannten Frauentypus rang, während er die
›Karrenschieberinnen‹, wie er sie nannte, als ewig kulturlos beiseite
warf. Er wollte hohe, starke Geister, volle Teilhaberinnen am modernen
Leben, aber keine Frauen mit Examen, mit dem Sinn an ein enges Fach
gebunden, mit den Gedanken an Geldverdienen. Er knüpfte an die großen
Frauen des achtzehnten Jahrhunderts an und rief ein hohes Idealbild auf.
Warum sattelte er nicht um und ritt mit seinen Gedanken ganz in die bunten
Felder der Phantasie?
Denn er war ein Phantast.
Sie begriff nicht, wie die Frauen ringsum sich so für ihn begeistern
konnten -- er lehnte sie ja alle ab. Er verachtete sie innerlich grausam,
obwohl er ihnen äußerlich zu Hilfe kam; diese Hilfe war verkappter Spott.
Christiane fühlte: er sah sie auch nicht anders. Sein Schauen war ihr
gegenüber wenigstens geteilt. Halb ließ er sie gelten, halb lehnte er sie
auch ab.
Ihre Schriften ignorierte er vollständig.
* * * * *
Christiane begegnete dem Doktor Bartelmes eines Abends bei Cöldts. Er
machte eine sehr gute Figur, und plötzlich horchte sie überrascht: er
suchte wahrhaftig Geist in die Unterhaltung zu bringen! Mit zweien, dreien
hatte er ein interessanteres Thema angefangen -- jetzt horchten schon
mehrere darauf.
Er kam aus geistig reger Stadt, kannte viele Großstädte und Künstler. Es
war nicht die geringste Prahlerei an der Art, in der er das vorbrachte, es
kam ganz zufällig.
Er war vorzeiten Gast im literarischen Kreise zu Schreiberhau gewesen,
kannte Reicke und Bölsche -- für Bölsche interessierten sich sogar
die Markburger jungen Damen, der war ja populär! Er hatte etwas von der
merkwürdigen Friedrichshagner Zeit kennen gelernt, war in München und in
Bayreuth bekannt und hatte in Weimar Beziehungen. Vieles war durch seinen
Bruder gekommen, der aber ein etwas schwankendes und unklares Genie zu sein
schien und einmal eine preußische Wachtparade im Stil des alten Fritz, ein
andermal eine Oper komponierte und jetzt an einer modernen Operette war.
Die Schwester war in Dresden und bei der Dumont engagiert gewesen und
sollte jetzt zu Reinhardt kommen.
Es schien doch Leute in Markburg zu geben, die da wußten, was Reinhardt
augenblicklich bedeutete.
Bartelmes kannte auch Yse Bernhart.
Christiane sah ihn überrascht an.
»Ich traf Fräulein Bernhart erst vor kurzem in Weimar.«
»Dann hat sie gewiß auch von mir gesprochen.«
Christiane sah starr in die flimmrigen schwarzen Augen des Mannes.
»Ihren Namen nannte sie allerdings, Fräulein Doktor,« erwiderte er
langsam, während sein Blick etwas nach unten strich -- und Christiane
begriff jäh: der wußte mehr von ihr, als sie geahnt hatte. Der hatte
sie schon gekannt, ehe er hierher kam! Er wußte, aus welcher Flut sie
gestiegen, wie ihre Entwicklung war -- grade aus dieser Verbindung heraus!
Sie fühlte sich ihm gegenüber plötzlich rätselhaft ärmer, als ob sie
ihm gebeichtet hätte. Etwas zwischen ihnen war verschoben. Nicht, daß Yse
etwas verraten hätte, aber ihre Freundschaft sagte dem Psychologen schon
genug! Und Bartelmes war ein Frauenpsychologe, wollte es wenigstens sein,
und so fühlte sie sich ihm gegenüber plötzlich nicht mehr als das ruhig,
straffe Fräulein Doktor, die moderne Herrscherin, sondern --
Rief noch immer etwas in ihr nach dem verbotenen Gestade -- --?
Ihr Blick irrte zu Ludwig. Er stand nicht weit entfernt von ihr.
Er war nie weit entfernt von ihr.
Sie sahen sich an.
In dem Augenblick wurde ihr Bartelmes von einer Dame weggewinkt. Es ging
wohl um den Frauenverein, in dem der Doktor Kunstvorträge halten sollte,
vielleicht aber auch um andere Dinge, denn sie wären im Alter zu einer
Partie grade recht gewesen.
Er schien aber nicht daran zu denken.
Sie merkte, daß er während aller Liebenswürdigkeiten, die auf ihn
einkamen und die er weltmännisch und mit dem kleinen Künstlerhauch
erwiderte, doch immer wieder zu ihr schaute.
Sie kannte den Blick.
Es war etwas von dem darin, den Ludwig für sie hatte. Den schon mancher
Mann für sie gehabt hatte: das eigentümlich überlegende Sinnen, das
innere Festgehaltensein.
Ludwig! Ludwig!
Nachher brachte Bartelmes sie nach Hause.
Es war Tauweiche in der Luft. Noch lag alles voll Schnee. So viel Schnee
hatte man in den Jahren hier nicht mehr gehabt. Schnee auf Schnee lag im
Walde. Wälle, die vorm Feind geschützt hätten, waren um die Felder und
Dörfer geschichtet. Schnee um Schnee war in der Welt. Aber ein flüchtiger
Tauwind zog darüber.
Sie begann unwillkürlich wieder von Yse.
»Ich sah sie lange nicht. Sie schreibt mir auch nicht mehr.«
»Dafür liest man, was sie für alle schreibt,« sagte er.
»Das lassen Sie also gelten?« fragte sie. »Das, was _sie_ schafft?«
»Was sie schafft, ja. Denn es ist etwas Gegebenes, die Aussprache einer
inneren Kultur. Ich freute mich herzlich, wenn ich unter meinen Mädchen
ein solches Fünklein entdecken könnte -- blasen und blasen würde ich --
aber leider glimmen solche Feuer in Markburg nicht auf!«
Christiane fragte plötzlich nach seiner Schwester.
Er sagte langsam: »Fräulein Doktor Dorreyter, Sie werden sich wohl
darüber klar sein, was für einen Weg sie gemacht hat. Vor Ihnen will ich
das nicht verhehlen. Es hängt etwas daran, ehe eine arme Offizierstochter
eine bekannte Bühnenkünstlerin wird.«
Sie nickte schwer.
»Aber meine Schwester ist echtes Künstlerblut,« setzte er hinzu, »und
es hat keinen Ballast für sie bedeutet.«
»Und Sie, Herr Doktor?« fragte Christiane plötzlich, »wie stellen Sie
sich als Bruder dazu?«
»Daß sie diesen Weg machen mußte,« sagte er leichthin. »Vielleicht
ist in späterer Zeit auch der Bühnenberuf eine Versorgung für untadelige
höhere Töchter und mit allerhand Besen gesäubert. Aber ich -- möchte es
nicht hoffen. Ich -- glaub's nicht. Dickicht muß sein. Grade hier. Unkraut
muß sein. Grade hier.«
Er bog sich ihr zu.
»Nicht wahr, das sind nette Anschauungen? Aber ich bringe sie nicht in das
Reutterschloß.«
Er sah blinzelnd nach dem Haus, das jetzt inmitten der weißen Nacht
sichtbar wurde.
Sie wußte gar nicht, was er da zu schauen hatte, legte die Hand auf den
Knopf und klingelte.
Jetzt tauchte die Hausmeisterin mit ihrem Laternchen auf.
»Ich danke Ihnen, Herr Doktor,« sagte Christiane kühl und reichte ihm
die Hand.
»Auf Wiedersehen, Frau ... Äbtissin,« sprach er langsam mit einem
Lächeln, das sich in seinem Bart verkroch.
* * * * *
Am anderen Tag begegnete er ihr ganz unbefangen und fragte sie, ob sie
nicht einmal ihren Garten öffnen wollte. Er würde seine Mädel gern
mal hineinführen, so lange noch Schnee sei. Jetzt könnten sie ja keinen
Schaden anrichten.
Ihr war es noch nicht eingefallen, den fremden Kindern ihr einsames
Geheimnis preiszugeben, noch viel weniger den Kollegen und Kolleginnen. Der
Garten war auch jetzt ein Märchen. Sie schaute von ihren Fenstern aus oft
hinein, und nur ihre Fußspuren gingen einsam durch den Schnee. Der Garten
war ihr Schönstes.
Aber sie sah keinen Grund nein zu sagen. Denn in ihrem Amt durfte sie
eigentlich gar nichts für sich allein haben. Alles mußte dem Zwecke
dienen, dem sie sich einmal gelobt hatte.
Sie stand am Fenster und gewahrte, daß der Doktor zuerst allein
hineinging. Er schaute auf ihre Fußspuren und verfolgte sie langsam bis
zum Tempel mit dem blauen Griechenbild. Auf einmal hatte sie das Gefühl:
es ist ihm gar nicht um das Schneeballen der Kinder -- er will nur wieder
spähen. Er hat ein halbes Bild von dir und will neue Züge haben. Er sucht
sie sich.
Sie sah, wie er ging und ihre Spuren verdarb.
Sie sah, wie er durch ihren weißen Schneegarten ging.
Auf einmal fühlte sie das Widrigste an ihm, das eine Frau an einem Mann
empfinden kann.
Sie trat zurück. Ihre schwarze Gewandschleppe rauschte.
Dann hörte sie Kinderlärm.
Jetzt flog es da unten hin und her. Ball auf Ball. Der Doktor warf seine
Bälle immer den hübschesten Mädchen zu. Die wußten das und warteten
darauf. Sie lachten.
Christiane dachte jäh: im Grunde wird Bartelmes mit diesen Mädchen gut
fertig.
Bestand da irgend eine geheimnisvolle Wirkung, ein heimliches Gegenspiel --
Funke und Funke -- --?
Oder war er wirklich auf diesem Gebiete besonders begabt?
Ihr fehlte die große Begeisterung, die in dem Werk an den verwöhnten
Kindern eben wirklich ein Werk sah. Heimlich hatte es schon oft in
ihr gerissen: wärst du doch dort geblieben, wo du warst, wo du junge
Kämpferinnen vor dir hattest, Wesen wie du, die ihren Sinn gespannt
auf alle Dinge des Wissens richteten und ihren Lebensgehalt vom Wissen
erwarteten --! Das Nutzlose ihres Schaffens stieg vor ihr auf.
Die hier sind anders. Sie sind vom anderen Ufer. Sie sehen kühl und
lächelnd auf dich und denken: du bist alt. Sie sehen dein Kleid und
denken: hu, so möchte ich nicht sein.
Sie schauen nach dem, was du nie besaßest, und sie werden es besitzen.
Alle, alle werden es besitzen.
Neid kam in ihr auf, Neid auf diese jungen, werdenden, schönen,
leichtbeschwingten Dinger.
Sie vermochte ihnen nichts Dunkles anzudenken, und sie sollten es auch
nicht verstehen. Sie sollten den Weg gehen, den dieser Mann, dessen Nerven
in einem starken, sinnlichen Weibesverstehen zuckten, ihnen anweisen
würde.
Sie selber konnte hier nicht anwenden, was sie eigentlich war, nicht
werden, die sie war.
Vielleicht nie und nirgends.
Sie war in einer Sackgasse verrannt.
Ihre besten Gaben, ihr Geist, ihre Klugheit, ihre Sehnsucht, ihre uralte
Kultur -- das alles war knapp eingespannt und kläglich halb ausgenützt.
Das andere verfiel.
Torheit war es, zu glauben, daß ein Beruf eine jede Frau höher
brächte ... dazu durfte man nicht Vollblut sein. Er entwickelte eine
brave, nüchterne, praktische, manchmal sogar trostlose Seite, aber ein
geistiges Wachsen brachte er nicht. Die ersehnte Hochkultur brachte er
nicht.
Sie hätte eine dieser Frauen werden können, wie sie Bartelmes suchte,
einer der vornehmen, neuen Geister, die alte und neue Kultur, Traditionen
und Erworbenes in sich vereinten -- war es nicht das, was sie Jahre und
Jahre hindurch mit verbotenen Wünschen heimlich ersehnt hatte?
Mit Ludwig hätte sie reiten, an seiner Seite mit an seinem Werk bauen,
das ganze Leben der Nation in seiner Entwicklung, in seinen Kämpfen und
Bedrohungen mit erleben wollen -- sie wäre eine kostbare Teilhaberin
geworden!
Wohin er auch gelangt wäre, immer hätte sie unübersehbar an seiner Seite
gestanden, keine Nichtstuerin, kein Weibchen, sondern mit weiten Flügeln
hinaufstrebend zu dem Hochbild der neuen Frau.
Sie fühlte sich plötzlich umspannt, beunruhigt, in alte Qualen gestürzt.
In ihr spähte es ja immer noch. Es war, als ob ihre ganze Seele dem Leben
gegenüber jetzt atemlos auf dem Lauscherposten stünde, ehe sie sich
enttäuscht für immer abwandte und in Niederungen verkroch.
Sie vergaß ihre Grenzen und ihre Würde.
Sie starrte zu den jungen Dingern hinab, und ihre Hände zuckten, wie ihr
Herz.
* * * * *
Um zwölf Uhr -- das Glockenspiel der Agnetenkirche summte durch die
weiche, dicke Luft -- guckte Mai Friedlein aus dem Tor des Reutterschlosses
sehr bestürzt in das Gewimmel. Schon wieder so viel Schnee, und sie hatte
keinen Schirm. Schon wieder so viel Nässe, und sie hatte ihren guten Hut
auf.
Da kam es von rechts und von links.
Sie wußte gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollte, und war von dem
Übermaß unerwarteter Ritterlichkeit förmlich entzückt. Das war hier
doch sonst nicht Sitte! Sicher hatte Dreher Bartelmes beobachtet, sein
Vorhaben erraten und kam nun von der anderen Seite gleichfalls mit seinem
Schirm und einem galanten Spruch.
Sie warf den Kopf zurück und sah noch viel schöner als gewöhnlich aus.
»Wie soll ich mich da entscheiden?« sagte sie lachend, »am besten ist
es wohl, ich nehme einen Schirm, und die Herren gehen zusammen unter dem
anderen.«
»Ihr Hut muß sehr geschützt werden,« meinte Dreher, der im Herzen
wieder erwog, wieviel solch ein Hut kostete. Er hätte den Vorstoß nicht
gewagt, sondern hätte sie seelenruhig im Schnee gehen lassen und wäre
höchstens zärtlich hinterhergestapft -- wenn er nicht noch rechtzeitig
den anderen gewahrt hätte. Nein, dem gönnte er sie nicht! Dem Bartelmes
nicht!
Sie hatte einen Schirm angenommen, und zwar, vielleicht zufällig, den des
Doktors.
Nun liefen die beiden Herren neben ihr her, einer rechts, einer links.
Jeder im Schnee.
Mai beobachtete das mit großer Schärfe und fand, daß die breiten Flocken
dem Doktor besser standen, als Dreher, dem sie lächerlich an der Nase
vorbeitrudelten. Auf Bartelmes blieb der Schnee förmlich zärtlich liegen
und zerfloß dann schnell, wie von einer ungeheuren Wärme aufgezehrt.
Wenn man nur wüßte, was für Gedanken er hatte!
Sie mahnte sich selber: Vorsicht! Vorsicht!
Die Erinnerung an den Assessor kam wieder.
Noch immer war kein sicherer Bewerber aufgetaucht. Die Mutter war noch
nicht wieder in die Stadt gekommen.
Dreher redete wenig, horchte aber aufmerksam auf den anderen. Der erzählte
vom Theater (das für Mai auch keine ganz angenehme Erinnerung war) und vom
Rodeln, das er für seine flotten Schülerinnen eingeführt hatte. Ein Wall
im Stadtpark war dafür hergerichtet worden.
Er hatte auch Winterwanderungen aufgebracht.
Nun bot Bartelmes sich Mai zum Führer an: »Wenn Sie einmal den Versuch
machen wollen, so bin ich gern bereit, Sie zu unterstützen.«
Sie merkte, was für ein Gesicht Dreher zog, und bedachte sich.
»Ich werde es mir überlegen.«
»Zu unserm Rodeln müssen Sie aber kommen,« redete Bartelmes zu. »Heute
nachmittag sind wir im Stadtpark, meine Mädel und ich.«
Der Stadtpark verursachte ihr auch keine angenehmen Erinnerungen.
»Kommen Sie doch, Fräulein Friedlein,« bettelte er.
Sie besann sich rasch. Wenn sie recht spät kam, war das Rodeln beendet,
und dann hatte sie noch den Heimweg mit dem Doktor. Sie konnten sich einmal
sprechen. Wann war das sonst möglich? Im Reutterschloß war man doch
umspäht und beobachtet. Er war doch schließlich -- -- vielleicht -- zu
rechnen. Der langweilige Dreher entschloß sich doch nie.
Sie blieb stehen, denn sie war am Stieglitzberg. Eben wollte sie zusagend
antworten, in Gegenwart Drehers antworten, und sie wußte, was das für den
bedeutet hätte. Denn der haßte das Rodeln, erstens, weil man sich dabei
erkälten konnte, und dann, weil es unnötige Anstrengung war.
Da sah sie in Bartelmes Augen.
Mai Friedlein war mit der Zeit klug geworden. Sie hatte ihre Erfahrungen
und eine gewisse sehr feine, treffsichere Männerpsychologie.
Lächelnd und sehr unbefangen sagte sie: »Nein, Herr Doktor, es tut mir
sehr leid -- ich rodle, offengestanden, nicht sehr gern. Sie verzeihen
also, wenn ich -- fehle.«
Und damit gab sie dem alten Junggesellen, dem Dreher, die Hand. Instinktiv
sehr fest. Und er antwortete mit einem Druck, der ein Kompliment war, eine
große Anerkennung. Eine Sorge war von ihm genommen.
Sie war doch nicht zu -- schön.
Die Herren sprachen nicht viel untereinander, als sie zu Tisch gingen.
* * * * *
Ludwig brachte Christiane ein Buch, von dem sie gesprochen hatten, und
fragte, ob sie zum Abend zu ihnen kommen könnte. Es sei aber niemand
weiter da.
»Heute abend geht es nicht,« antwortete sie, das Buch leicht in der Hand
drehend, »heute fahre ich nach der Oper. Götterdämmerung.«
»Siegfrieds Tod,« sagte er mit leichter Ironie, die sie nicht verstand.
»Ja, Ludwig, es ist mir hier manchmal zu eng,« sprach sie, aufstehend und
ein paar unruhige Schritte durchs Zimmer machend, »ich muß etwas anderes
haben, wenigstens einen Ton von Ungewöhnlichkeit. Es ist ja nur kurz,«
fügte sie hinzu, »sieh, so musikalisch bin ich nicht, daß ich Wagner
vollkommen verstünde. Ich habe nur _gelernt_, ihn zu verstehen. Das ist
nicht viel. Im Anfang werde ich kalt sein. Ich werde die Pappen und die
Leinwand der Dekorationen am deutlichsten sehen und die koketten Arme der
Sängerinnen. Dann werde ich anfangen zu hören und für eine Weile im
Strudel untertauchen. Aber wenn es aus ist, Ludwig, dann ist es auch
für mich aus,« setzte sie traurig hinzu, »ich nehme nichts mit. Keinen
Rausch, keinen Traum, keine Erhebung. Davon bin ich ausgeschlossen.«
»Aber warum suchst du dir nicht eine Sprache aus, die du ganz verstehst?«
fragte er.
»Ich sage dir ja, ich suche das Ungewöhnliche,« antwortete sie.
Er sah sie schärfer an.
»Christiane, ist es dir zu -- schwer?« fragte er halblaut, »dann --
wirf's doch hin. Wirf die Sache hin. Such dir Größeres. Sieh, ich sprach
damals nicht dagegen, als du kommen solltest, weil ich« -- er stockte eine
Sekunde -- »weil ich dich wieder nahe haben wollte. Weil ich dachte, wir
könnten uns auch so etwas sein. Du mir und ich -- dir.«
»Was können wir uns sein, wenn unser Feuer so hinter dem Berge brennt,«
erwiderte sie leise.
Er schrak zusammen.
»Dafür brennt aber kein anderes, näheres,« sagte er langsam, in sich
versunken.
Sie schwiegen beide.
Als er aufschaute, kam ihm ihr Gesicht wieder verwandelt vor.
Sie blickte in ihren Garten hinaus. Der war voll Schnee. Aber viele Spuren
führten bis zu dem blauen Griechenbild.
»Komm morgen zu uns,« sagte er, »komm jeden Tag. Wenn du _kannst_,«
fügte er halblaut hinzu.
»Ich dachte, damals sei das Schwerste für mich,« sprach sie langsam,
»damals am Morgen auf der Bahn. Weißt du -- als du die Türe hinter mir
schlossest. Aber jetzt -- ich bin doch schon so weit -- aber jetzt --«
sie fuhr plötzlich zusammen. »Ludwig, was sage ich dir,« rief sie, »was
fällt mir ein? An solche Dinge dürfen wir nicht rühren.«
Sie sah wieder nach ihrem Garten.
»Solche Spuren sind ganz fein, und mehr darf nicht sein. Sei ruhig,
Ludwig, ich will dir keine neue Last aufladen. Ich möchte nur, daß du
-- fortgingst. Das quält mich mit, daß ich dich hier weiß und daß du
so --«
Er sah sie an.
»Sprich nicht weiter,« bat er.
Sie schauten sich an.
»Bitte, komm morgen,« sagte er dann, »komm, Christiane.«