Christiane fuhr in die ›Götterdämmerung‹. Unterwegs, während der
kurzen Eisenbahnfahrt, sah sie erst, wieviel Schnee in der Welt war. Schnee
um Schnee.
Aber in der großen Stadt war er weg, oder wenigstens unkenntlich. In der
Vorhalle des Opernhauses mußte sie plötzlich an den Wald denken, und
jetzt wußte sie: ich werde ihn gleich sehen. Oder etwas Ähnliches.
Und es kam so, wie sie gesagt hatte: erst saß sie fremd, ja, sie lächelte
sogar flüchtig, dann aber warf sie ihre Seele in die Musik hinein, sehr
spät, denn die anderen, die ihre Gläser vor die Augen und die Textbücher
auf dem Schoß hielten, hatten das vermutlich längst getan.
Der Gesang der Rheintöchter berührte sie besonders. Dieses Klingen,
dachte sie. Meine Stimme hat in meinem ganzen Leben nicht so geklungen. Wie
das perlt.
Ich kann mir denken, daß Frauen, die so singen können, ein ganz anderes
Leben führen, als eine -- Schulmeisterin.
Nachher dachte sie an Doktor Bartelmes Schwester. Eine Tochter aus gutem
Hause -- nein, so ganz gut war es wohl nicht. Sie hatte es von Ludwig
gehört. Ein wenig Schmutz war ihr wohl schon in der Seele angehangen, als
sie auf die Bretter kam, und ihre Seele war jedenfalls ebenso bereit für
den Schmutz wie für die Kunst.
In Christiane wehrte es sich auf einmal gegen alle heuchlerische
Bühnenkunst, und sie sehnte sich nach der reinen Kunst der Bücher und der
Bilder.
Wenn ich dergleichen getan hätte, dachte sie.
Das ist auch ein Lebenpacken, vielleicht sogar ein -- Sichanwenden.
Dann reckte sie sich.
Dazu hätte ich nie gepaßt. Ich, eine Dorreyter -- nein. Nie. Zum Reiten
über die Heide hätte ich gepaßt. Zu Ludwig. Zu keinem anderen, als zu
Ludwig und zu seinem Werk.
Aber wenn ich diesen Stempel nicht empfangen hätte -- wäre ich dann nicht
vielleicht -- -- nein, was denke ich, keiner wird anders, als er ist.
Ich bin die Urenkelin der Frau von Rhane und habe heißes Blut. Aber --
hochmütiges. Sehr hochmütiges.
Zu Ludwig hätte ich gepaßt. Aber Sünde hätten wir nicht tun können. Er
nicht und ich nicht.
Dazu ist unser Blut zu stolz. Wir lassen unser Feuer hinter dem Berge
niederbrennen.
Ja, niederbrennen.
Ich bin aufgeregt, dachte sie, als sie aus dem Theater kam und nach dem
Bahnhof fuhr.
Es war der letzte Nachtzug nach Markburg.
Und morgen früh -- -- was war mit ihr? Sie war ja ganz aus dem
Geleise -- --? Hastig stieg sie ein und lehnte sich zurück. Allein sein,
allein fahren, fahren, irgendwohin.