Ach so, das war wohl der neue Oberlehrer an der Reutterschule? Was wollte
der bei ihm? Nahm's wohl sehr gewissenhaft, klapperte alle Honoratioren ab.
Na, den wollte er sich ansehen.
Es war ja schon im voraus genug über ihn erzählt worden. Man sollte ihn
an gewisser Stelle förmlich gebeten haben, anzunehmen. Er war ein Licht.
So eine besonders moderne Sorte Reformlehrer. Schriftstellerte über
allerhand Ästhetisches und hatte die neuesten Ideen, die es gab. Kunst
in der Schule! Es hieß, er sei aus der westdeutschen Stadt nur privater
Verhältnisse wegen weggegangen. Einzig diesem Grunde verdankte Markburg
das Glück seiner Zusage.
Jetzt kam der Reformoberlehrer.
Was er sagte, war gewandt. Ludwig entdeckte auf den ersten Blick weder
eine Teutonische Wucht, noch eine Spießbürgerlichkeit. Der Mann sah ganz
weltmännisch aus.
»Sie werden sich an meinen Namen wohl nicht mehr erinnern, Herr
Regierungsrat,« sagte er verbindlich, ihm mit den etwas runden dunklen
Augen im Gesicht forschend.
»Ihren Namen hat man in der letzten Zeit hier oft im Blatt gelesen,«
erwiderte Ludwig.
»Es war aber auch einmal eine Erinnerung für Sie damit verbunden -- wenn
ich nicht sehr irre. -- Ich bin ein geborener Westpreuße, mein Vater war
zuletzt in Thorn Major vom Platz.«
»Der alte Bartelmes,« fuhr Ludwig ein wenig vor -- bis jetzt hatte
er eine kühle Gleichgültigkeit gezeigt, fast mehr, als korrekt war --
Christianens wegen! Er wußte doch, daß dieser Mann ihr als Stein in
den Weg geschoben war, daß seine, grade seine Berufung etwas wie
ein verstecktes Mißtrauensvotum war -- im Reutterschloß sollte die
Persönlichkeit eines bedeutenden Mannes wieder mit ins Gewicht fallen!
Man hatte deshalb keinen ganz Jungen gewählt.
Bartelmes war nicht sehr viel jünger als er selbst.
»Ja, Major Bartelmes kannte ich,« fuhr er nun ruhiger fort, auf seine
Hände schauend, »aber an seine Familie erinnere ich mich nicht mehr.«
»Das ist leicht erklärlich. Mein Bruder und ich waren damals im
Kadettenhaus und kamen nicht oft nach Hause. Freilich haben wir es in der
militärischen Zwangsjacke nicht sehr lange ausgehalten.« Er lächelte und
fuhr leicht über seinen sehr gepflegten, kurzen dunklen Vollbart. »Leider
sind wir alle etwas aus der Art geschlagen. Mein Bruder ist Musiker, meine
Schwester Schauspielerin.«
Es war, als ob er das dem Herrn Regierungsrat mit besonderem Wohlgefallen
sagte.
»In der Tat? Ganz künstlerisch! Herr Major Bartelmes --«
»War es nicht,« ergänzte der Doktor mit einer etwas sonderbaren
Stimmfärbung.
Cöldt entsann sich. Der Major hatte getrunken. Und hatte dann unklarer
Dinge wegen weggemußt.
Also die Kinder dieses Trinkers waren Künstler geworden, und der Herr
Doktor war vermutlich Abstinenzler.
Er sah ihn mit leiser Ironie an.
Etwas stieg in ihm auf, das wehrte sich riesenstark gegen den Menschen. Er
horchte in sich hinein: wie kam er zu solch vorweltlichen Haßgefühlen?
Ach, ein Grund war wohl da: Christiane.
Sie soll es aufgeben, dachte er plötzlich, sie soll die Sache einfach
hinwerfen. Sie ist doch kein Mensch, dem man mißtrauen darf.
Und plötzlich kam es erlösend über ihn: sie wird sich nicht ducken
lassen.
Jetzt wurde er freundlicher. Befragte den Herrn nach seinem Studiengang und
seinen Werken.
Der antwortete zurückhaltend.
Also immerhin ein Offizierssohn, vermutlich doch wohl noch in einigem
wesensverwandt. Wahrscheinlich wollte er in der Gesellschaft verkehren? Ob
er keine Frau hatte? Es schien doch nicht.
Und plötzlich überkam Cöldt wieder ein neues Gefühl: die Eifersucht.
Er sah, daß Richard Bartelmes gut gewachsen war, sich gut hielt und ein
regelmäßiges, gesundes Gesicht hatte, nicht junggesellenhaft zerknittert.
Der hat gelebt, erkannte er plötzlich. Ein Mucker ist der Herr Doktor
nicht, trotz seiner Reformen.