Die -- die -- -- --

Er stotterte etwas. Oder schrie er etwas?

Die Schar der Mädchen fuhr mit einem entsetzten Rauschen auf. Das hörte

er noch. Zugleich verlosch der blaue Tag für ihn. Die Dunkelheit, die

heimlich draußen gelauert hatte, brach herein und riß ihn zu Boden.

Man brachte ihn besinnungslos nach Hause.

* * * * *

Christiane schrieb an Käthe Arndt und fragte, ob sie nicht Lust hätte, zu

ihr zu kommen. Es sei Platz an der Reutterschule.

Der Arzt hatte Christiane verraten, daß der Professor nicht mehr in sein

Amt zurückkehren würde.

Warum denke ich an die Arndt? fragte sich Christiane.

Brauche ich jemand von -- früher?

Langsam stiegen die alten Zeiten vor ihr auf, in denen sie doch

Kameradinnen um sich gehabt hatte.

Jetzt -- -- wie das von allen Seiten an sie stieß. Viel Feind, viel Ehr --

ja, ja! Viel Widerstand, viel Sieg! -- -- Aber es zehrte an den Nerven.

Der Vorgang mit dem Professor war in der ganzen Stadt aufgebauscht und

verzerrt worden. Einer hatte immer mehr gewußt als der andere, sogar die

jungen Mädchen, die den Vorgang überhaupt nicht recht begriffen hatten,

zischelten. Für alle Unbeteiligten stand es fest, daß der alte Herr nur

infolge irgend einer aufregenden Auseinandersetzung mit Christiane krank

geworden war. Sogar die Frau und die Töchter waren zu ihr gekommen und

hatten erkunden wollen, was eigentlich vorgefallen sei.

Christiane hatte dem Patronat berichtet und auch mit dem Präsidenten

gesprochen, sie mußten ihr natürlich glauben, aber ein Rest blieb doch

-- wie war das mit dem alten, verdienten Herrn nur so schnell gekommen! Nun

waren ihre Pläne erst recht hintenan gestellt.

Unter den Mitarbeitern war eine gewisse Scheu entstanden. So gut es

ging, wichen sie Christiane aus. Nur die Jong, Doktor Korn und der junge

Zeichenlehrer nicht, und allenfalls die Friedlein, die ganz andere Gedanken

hatte.

Ja, was kümmerte sich Christiane um dergleichen? War das nicht die

Kleinstadt, die schon abfärbte?

Was gingen sie die guten Leute an, die auf der Straße hinter ihr her

zischelten und die Köpfe wendeten ... die Spießbürger! -- --

Jetzt läutete es draußen.

Sie ging selbst hinaus, denn sie wußte, es war Hanni Cöldt, die sie sich

zum Nachmittag eingeladen hatte. Das Fräulein brachte sie und ging gleich

wieder.

Das kleine Mädchen kam sicher herein und besah Christianens Zimmer.

Die Bücher, die Möbel, die Bilder. Alles etwas von weitem, ohne das

ernsthafte Interesse näher zu treten, alles mit dem gleichen kühlen und

verborgen spöttischen Blick.

Erst mußte sie mit der Tante Kaffee trinken. Dann -- was tat man

mit diesem Kind? Christiane hatte sich Bücher herausgesucht, mit dem

unwillkürlichen Trieb des Kulturmenschen strebte sie danach, des Kindes

Verhältnis zum Gedruckten festzustellen. Hanni sah über Blätter und

Bilder, über Geschichten und Märchen.

»Märchen --!« Ein geringschätziges Lächeln flog über ihr klares,

kaltes Gesicht.

»Die magst du nicht? Hat dir keiner welche erzählt?«

»O, ja, die verschiedenen Fräuleins. Wenn ich nicht still war, bekam ich

immer ein Märchen zu hören.«

»Und das gefiel dir nicht?«

»Nein. Sie sind ja doch nicht wahr.«

»Woraus schließt du das?«

»Weil ich nichts davon sehe. Nirgends. Nirgends. Und dann hat sie mir

jeder anders erzählt. Und doch waren es immer dieselben.«

»Ich würde sie dir auch wieder anders erzählen,« sagte Christiane,

»und siehst du, grade deshalb sind die Märchen wahr.«

»Weil jeder sie anders sagt?« Hanni verzog den schmalen Mund.

»Wenn du mit deinen Gefährtinnen im Wald spazieren gehst, dann sieht jede

von euch dort etwas anderes. Die vielleicht die dicken Pilze zwischen dem

welken Laub, die andere die Kröte am Weg, die dritte den Holunderbusch,

die vierte vielleicht ein rotes Reh. Und wenn sie nachher vom Wald

erzählen, dann denkst du an die Pilze, die andere an den Holunderbusch und

die letzte an das rote Reh. Sieh, so ist das auch mit den Märchen. Gesehen

hat sie jeder schon einmal, aber er hat nicht alles davon behalten, und so

erzählt er immer nur weiter, was er daran am liebsten hat, denn das ist in

seinem Herzen -- -- und dann ist es auch wahr --«

Hanni schien nicht ganz davon überzeugt.

»Sie sind doch erlogen,« sagte sie.

»Du, wir wollen einmal in den Garten.«

»In den Schulgarten?«

»Nein, in meinen. In den Schloßgarten.«

Das Kind horchte auf.

Sie gingen die Treppe hinunter und durch die Hintertür hinaus. Jetzt

schloß Christiane eine eiserne Pforte auf, an der schon manches Kind in

den Jahren sehnsüchtig und neugierig gestanden hatte. Dahinter rauschte

es. Da waren grüne Wipfel.

Christiane dachte flüchtig daran, daß sie als junges Ding auch einmal vor

der verschlossenen Pforte gestanden hatte.

Nun war ihr das, was dahinter war, längst vertraut. Schöne, alte Bäume,

die mit ihren Ästen am Boden schleiften, Rasenflächen, hinten ein

Tempelchen aus Birkenstämmen -- uralt. An der Seite störten ein paar

Obstbäume, die der vorige Direktor gepflanzt hatte, längs der Wand hatte

er Bienenstöcke gehabt und daneben Kohl gepflanzt. Jetzt waren diese

Spuren, so gut es ging, vertilgt. Hoch und grau standen die Mauern um das

Parkstückchen.

Mein Klostergarten, dachte Christiane.

Sie führte das Kind zum Tempelchen. An die Innenwand war mit ziemlich

grellen und anscheinend unvergänglichen Farben das blaue Griechenmeer

gemalt, auf dem Odysseus segelte.

Hanni guckte.

»Ist das auch ein Märchen?« fragte sie.

Christiane erzählte. Sie dachte, vielleicht wirkt das Starke besser auf

das Kind. Seine Phantasie muß vielleicht kräftiger geschüttelt werden.

Sie erzählte das Abenteuer mit Polyphem.

Als sie sich wandte, merkte sie, daß Hanni ein Bündelchen Handarbeit

hervorgezogen hatte.

»Ich will was tun,« sagte sie.

Christiane erinnerte sich. Ja, Fräulein Mehlmann hatte ihre Nichte sehr

gelobt. Von allen Lehrkräften, die sich um den dürftigen Geist bemüht

hatten, war einzig Fräulein Mehlmann zufriedengestellt.

Und Hanni saß auch jetzt vor dem blauen Griechenmeer, von Vögeln

umzwitschert, von Bäumen umrauscht, von einer Sehnsucht umworben, die

ihr Herz suchte, und häkelte mit kühler Aufmerksamkeit Stäbchen um

Stäbchen.

* * * * *

Mai Friedlein ging in den Stadtpark. Es war in der Mittagsstunde, als die

Bürger zu Tisch waren. Auch in der Pension Dorreyter saßen sie jetzt beim

Essen, aber die Jong war eingeweiht und entschuldigte Mai. Sie wußte von

der Sache, hatte auch tüchtig gewarnt.

Mais Herz klopfte. Sie wußte selber, um was es ging.

Ein Rendezvous -- nein, das überließ sie den Ladenmädchen und

Kontorfräulein. Sie ging nur eben am Krähenteich entlang, weil -- der

Assessor von Wratislawski um dieselbe Zeit dort gehen wollte.

Er hatte sie auf der Straße gesehen. Dann war im Theater einmal die

Gelegenheit zu einer Gefälligkeit gewesen. Er hatte sie aber nicht

begleiten dürfen. Von da an kreuzte er fast täglich ihren Schulweg, kein

Tag verging ohne seinen respektvollen Gruß, Woche für Woche strich so

hin, Winter und Frühjahr und Sommer, und nun war es Herbst.

Jetzt mußte die Entscheidung kommen, das hatte Mai gefühlt. Ihr ganzes

Herz hatte sich an die unerhörte Aussicht gehängt -- wenn es doch würde

-- der Triumph -- das Glück!

Er hatte ihr also ein Briefchen gesandt und darin ehrerbietig um eine

Zusammenkunft gebeten, zugleich beklagend, daß ihm kein anderer Weg zu

einer Aussprache mit ihr bliebe.

Ach ja, das war es.

Mai war überzeugt, daß sie bei ihrer Schönheit längst verheiratet sein

würde, wenn nur ein korrekter Anknüpfungspunkt dagewesen wäre, eine

Gelegenheit, bei der sie mit Herren hätte sprechen können. Aber so hatte

jede ihrer Herzensgeschichten etwas vom Wagnis.

Sie pflegte aber als gute Tochter ihrer Mutter sofort Nachricht zu geben,

wenn sich wieder etwas angebandelt hatte, und die kam dann sogleich mit dem

nächsten Zuge an, um den Schwiegersohn zu besehen und die Angelegenheit

ins Korrekte zu bringen. Leider war das bis jetzt noch nie geglückt.

Einmal da, einmal dort ein Aufblinken, eine Hoffnung und immer wieder --

nichts.

Und jetzt -- dies. Mai wußte, der Assessor war reich. Der konnte sich

den Luxus leisten, das schönste Mädchen von Markburg zu seiner Frau zu

machen. Und wenn er sich versetzen ließ -- nach dem Westen oder nach Kiel

-- dann wußte dort kein Mensch, daß sie Lehrerin gewesen war. Und keiner,

der die junge Frau von Wratislawski sah, würde von selber auf den Gedanken

kommen.

Mais feines Marquisengesicht rötete sich ein wenig -- sie sah ihn schon

dort am Teich. Er hatte es eilig. Seine große Dogge, die ihm so ungeheuer

ähnlich sah, war mit.

Unbefangen kam er auf sie zu. »Ich bin außerordentlich glücklich, mein

gnädiges Fräulein -- --«

Sah sie an.

Sie gingen auf und ab. Immer an der Seite des Teiches, an der die

Büsche die Aussicht nach beiden Seiten sperrten. Durch das Gezweig

der Hängeweiden hörten sie nur das Geraschel und Geplätscher der

Wasservögel, das Gequarr der bunten Enten. Rauschend flog mal da, mal dort

ein Tier auf.

Auf dem Wege lagen Kastanienhüllen und Blätter. Wie rote Hände schwebten

da und dort Blätter heran. Der Himmel war hoch und blau.

Herr von Wratislawski wußte das sehr hübsch auszudrücken. Und Mai war

dafür empfänglich, denn sie war sehr poetisch. Alle ihre verflossenen

Verehrer hatten ihr ein künstlerisches Andenken hinterlassen dürfen, ihre

Stube war voll von solchen zart elegischen Erinnerungen.

Jetzt war sie lebendig. Herren gegenüber kam sie gut aus sich heraus.

Ja, der blaue Himmel, die roten Blätter, der ferne Wald -- sogar die

leeren Kastanienschalen waren poetisch. Raschelnd fuhr ihr Fuß durch die

Blätter.

Goldspuren zögen hinter ihr her, behauptete Herr von Wratislawski.

Seine Augen waren ganz rund. Seine Hand im prallen Glacé streifte die

ihre. Er kam näher an sie heran.

Sie standen nun vor der offenen Fläche des Teiches. Der Himmel spiegelte

sich im Wasser wie in Glas. Die Bäume umrahmten das blaue Bild. Das

Wassergevögel hatte sich jetzt ziemlich auf die Schwaneninsel in der Mitte

zurückgezogen, nur ein paar Entchen schwammen noch wie grüne Klümpchen

in glitzernden Streifen da und dort.

Es war ganz und gar einsam.

Er kam noch näher an sie heran.

Lieblicher sei ihm noch kein Mai vorgekommen, als der an diesem Herbsttage,

behauptete er. Wenn sie nur wüßte, wie er auf diese zarte Stunde geharrt

hätte! Aber es sei ja so unendlich schwer gewesen -- -- und sie so

kühl -- --

»Ja, ja,« sagte sie elegisch. Sie hielt es für angebracht, auch einmal

wieder streng zu sein.

Aber er hörte nicht darauf.

Jetzt sei ja das Eis gebrochen.

Und deshalb müßte sie heute Rosen haben, drüben in der Stadtgärtnerei

am anderen Ufer müßte es noch welche geben. Ob sie mitkommen wolle? Der

Weg sei nur kurz und sehr schön -- --

Sie ging mit ihm, unbefangen, sehr damenhaft. Der Hund raschelte hinter

ihnen her. Sie dachte, daß wohl die Stellung der behüteten Haustöchter

angenehmer, aber doch weniger poetisch sei, als die eines einsamen, sich

selbst das Brot verdienenden Mädchens, dem endlich das Glück lächele.

Sie sah ja, wie verliebt er war.

Und nun waren sie an der Gärtnerei. Sie wartete draußen. Nach ein paar

Minuten kam er wieder, einen Strauß Rosen in der Hand, wie sie ihn schon

lange nicht mehr beisammen gesehen hatte, rote, purpurrote, weiße und

zartgelbe.

»Der letzte Sommer,« sagte er, »dem ewigen Lenz.«

Es war sehr poetisch.

Sie drückte das Gesicht in die Blumen, schon, weil sie wußte, wie gut es

ihr stand. Mehrfach war sie so photographiert worden.

Es war still. Die Hecke deckte sie wieder. Da flüsterte er: »Mai,

liebliche Mai -- nun kommen wir nicht mehr auseinander, nicht wahr --?«

Sie hielt das Gesicht noch immer in den Rosen.

»Mai --« bettelte er.

Sie murmelte zag: »So kann ich Sie nicht mehr treffen,« und horchte

scharf auf das, was er sagen würde.

»Nein,« sprach er, »so -- nicht.«

Er schien nachzusinnen.

»Aber es gäbe doch noch vielleicht einen Weg für uns beide --«

Ihr Herz schlug hart auf. Blitzschnell durchmaß ihr Hirn noch einmal alle

Hindernisse ihrer Verlobungen -- hier war keiner vorhanden! Der Assessor

war ganz unabhängig.

Er machte ein paar Schritte und sah sie nicht an.

»Fräulein Mai,« sagte er in resigniertem Tone, »man weiß ja, wie die

guten Markburger sind. Deshalb erlaube ich mir vorzuschlagen -- -- jetzt

kommt der Winter, und ich bin oft in der Provinzialhauptstadt in der Oper

-- Musiknarr, der ich nun einmal bin -- da möchte ich also gehorsamst

vorschlagen -- begegnen wir uns -- dort. Bitte, bitte, denken Sie einmal

darüber nach. Da fiele so manches fort, das uns hier beengen würde.

Zusammen können wir da so viel Poesie genießen, wie wir wollen -- --

auch der Winter und die Großstadt sind poetisch ...« Er bückte sich

plötzlich und faßte mit seinem Handschuh ein Zweiglein harter, weißer

Beeren. »Wie zart das ist, nicht wahr?« fragte er fast flötend, »so

entzückend zart -- liebes Fräulein Mai -- Herzkönigin --«

Er stockte.

Sie warf ihm die Rosen vor die Füße. Rote, purpurrote, weiße, gelbe

Rosen.

»Nein, danke sehr, Herr von Wratislawski.«

Sie wandte sich um und ging.

Ging sehr rasch und sehr anmutig und sehr stolz. Sie wußte, daß man das

alles merkte, wußte, daß er ihr verdutzt nachstarrte, und noch ging ihr

Blut in gewaltiger Erwartung: kam er jetzt nicht doch --? Stürzte er ihr

nicht voller Reue nach -- --?

Sie ging und ging. Die Blätter raschelten rechts und raschelten links. Es

waren lauter Goldstreifen.

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 23 / 50 题