Wütend trat sie aus dem Park heraus.
Es war ja nicht das erste Mal. Schlingen um Schlingen waren ihr in den
Jahren um die Füße geworfen worden -- sie hatte sich in keiner verfangen.
Nur weil sie arbeitete und ihr Brot selber verdiente, glaubte man in dieser
Stadt, wo die Töchter ihr Leben nur mit Tennisspielen und ›Kränzchen‹
ausfüllten, sie müßte zu haben sein!
Der Schuft!
Zitternd kam sie die Stiege herauf und horchte vor der Korridortür --
kamen sie nicht etwa eben aus dem Eßzimmer?
Nein, es war still. Sie ging an der Wäschemangel und den Fahrrädern
vorbei und öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer -- ach herrje, da war
ja die Mutter mit den beiden Schwestern. Sie hatte im Augenblick vergessen,
daß sie ihr gleich von der neuen Aussicht geschrieben hatte, nun war die
wieder gleich gekommen. Und Paula und Eva waren mit.
Paula war Wochenpflegerin und hatte wohl grade einen freien Tag, und
Eva suchte eben wieder eine Stellung als Hausdame. Beide hatten sie die
gleichen zartrosa Marquisengesichter, das helle, schöne, wie gepuderte
Haar -- nur ihre Gestalten waren nicht so prächtig entwickelt, nicht so
germanienhaft, wie die Mais, und nicht so elegant. Frau Friedlein sah man
an, daß sie die -- Mutter dieser köstlichen Mädchen war -- sie hätte
gar nicht anders aussehen können. Und fein hatte sie sich gemacht, ein
seidenes Kleid aus dem Schrank genommen -- es war noch nicht bezahlt. Aber
sie hatte sich vor dem reichen Schwiegersohn doch ins rechte Licht setzen
wollen.
Unterwegs hatten sie schon hin und her überlegt: wenn Mai jetzt so eine
gute Partie machte, konnte eine der beiden anderen immer abwechselnd zu ihr
auf Besuch kommen, und dadurch war es sehr leicht möglich, daß sich auch
vornehme Partieen für die fanden, so daß die Familie allmählich in ihr
altes Milieu zurückdrang.
Die Mutter fragte Mai gleich: »_Wie_ heißt er?« denn sie hatte den Namen
vergessen.
Die Schwestern spitzten die Ohren, doch Paula, die Wochenpflegerin, die
etwas psychologische Beobachtungsgabe und ziemlich viel Pessimismus besaß,
merkte gleich, daß etwas nicht in Ordnung war.
Und nun fuhr es Mai auch gleich heraus: »Es ist nichts, ich habe mich in
ihm getäuscht, er hat nur -- nur -- anbändeln wollen -- --«
Die Mutter klappte den schönen Mund zu. Eva sagte: »Na ja,« denn sie
hatte auch ihre Erfahrungen.
Paula meinte gleichmütig: »Mai muß doch noch mehr Verehrer haben,« aber
die Mutter sprach eifrig: »Erzähle nur -- vielleicht läßt sich noch
etwas machen --«
»Da läßt sich nichts machen,« seufzte Mai, fuhr sich über die
Stirn und begann zu berichten: »Der Schuft -- der Schuft -- so hat er's
angefangen --«
»Du warst allerdings sehr unvorsichtig,« sagte Frau Friedlein
vorwurfsvoll, »wenn dich jemand mit ihm am Teich gesehen hat, ist die
Sache sehr schlimm --«
»Aber was sollte ich anders tun,« rief Mai, »an welche Weise kann ich
sonst einen Mann kennen lernen. Ach, und an dem Teich war es so wunder --
wunderschön. Das blaue Wasser und der blaue Himmel und das rote Laub. Und
selbst die zerplatzten Kastanien hat er schön gefunden. Ach,« sie weinte
plötzlich auf, »wir haben uns doch so gut verstanden --!«
Die Mutter nahm sie in den Arm an ihre volle Brust und tröstete sie.
»Mein armes Kind, ja, ich glaub's, es ist schwer für dich. Für deine
Schwestern auch. Für uns alle. Eva hat ihre Stelle in Stettin doch auch
verloren, der Amtsrichter hat sich wieder verheiratet, und sie glaubte
doch -- Wie oft kommt das vor. Und Paula hat jetzt eine Frau bis zu Tode
gepflegt. Nachher ließ sie sich überreden, bei dem Kind zu bleiben. Es
war so verlassen. Sie hatte es gern. Es war ein so hübsches Kind, nicht
wahr, Paula? Und um des Kindes willen hätte sie auch den Vater in Kauf
genommen. Aber da ist er vorgestern über alle Berge. Über alle
Berge, sage ich. Mit der ganzen Kasse des Chefs. Nur das Kind hat er
zurückgelassen. Das hat Paula nun in Gemeindepflege geben müssen. Sie hat
sehr geweint.«
Mai sah die Schwester an, und die nickte ihr zu. Auch Eva nickte. Ja, sie
wußten Bescheid.
Draußen klirrte es. Was war denn --? Ach -- Kaffeekränzchen bei der
Mehlmann! Da gab es kein Ausschlagen.
»Ihr müßt auch dabei sein,« sagte Mai zu der Mutter, und die wehrte
sich nicht weiter, denn nach der Fahrt und der Aufregung hatte sie Durst
bekommen.
Gleich darauf klopfte auch die Handarbeitslehrerin, begrüßte die
Damen Friedlein zierlich und bat, sie möchten doch an ihrem Kränzchen
teilnehmen. Es sei alles reichlich da.
Das war es. Der runde Tisch sah noch einmal so wichtig aus mit der weißen
Decke, den vielen Tassen, Untertassen und Tellerchen, den Sahnennäpfchen,
Zuckerdosen, den Marmeladenbüchsen, den Kuchenbergen, Waffelhäufchen und
der großen Weinbeertorte in der Mitte. Die war vom Konditor, ebenso
die Schlagsahne. Alles andere dagegen hatte Fräulein Mehlmann selbst
verfertigt.
Frau Friedlein bog sich in kluger Liebenswürdigkeit vor und bewunderte die
glasklaren Früchte und die Marmelade -- ja, die war gut geraten! Eben war
die Einmachezeit vorbei. Frühmorgens, ehe sie in die Schule ging, hatte
Fräulein Mehlmann auf dem Markte eingekauft, und wer nachmittags etwa zu
ihr kam, erhielt unversehens ein Messer in die eine Hand gedrückt und in
die andere eine Gurke -- jetzt hieß es helfen! Da nahm das Fräulein keine
Rücksicht!
Frau Friedlein mußte auf dem Sofa Platz nehmen. Neben ihr saß Fräulein
Seifert, ein Platz war noch frei, denn die Oberlehrerin hatte der kleinen
Meckebier Stunde zu geben und kam erst später. Frau Dorreyter hatte sich
mit einem Ecksitz begnügt, sie mußte auch oft hin und her laufen, denn
das kleine Dienstmädchen war so stutzig. Trotzdem fühlte sie sich sehr
behaglich und sah mit Blicken voll Genugtuung auf ihre Damen. Der Kater
wußte schon Bescheid, er bettelte bald bei der, bald bei jener und bekam
überall etwas.
Die Jong hatte Mais Miene erkannt. An der Weinbeertorte vorbei flüsterte
sie ihr zu: »Und stürzt der Himmel ein, kommt doch eine Lerche davon!«
was die schöne Mai zu einem Dankesblick veranlaßte, obwohl sie das Zitat
im Augenblick nicht unterzubringen wußte, so poetisch sie sonst war.
Die kleine Wehrendorf saß still dabei.
Es war ein schweres Leben für sie. Wenn nur der Husten besser und das
erste Jahr vorbei wäre. Dann -- dann -- wieder kam Ada der ungeheure Traum
von der eigenen Stube.
Wie sollte die aussehen? Ein weiches Liegesofa, ein Arbeitstisch, ein paar
Stühle, ein Schrank und ein richtiges Bett. Ihrer Eltern Sachen waren
damals alle verkauft worden.
Sie schrak zusammen -- ach, nun hatte sie übersehen, daß Fräulein
Seifert die Sahne gereicht haben wollte. Nie fand sie im Verkehr das
Richtige. Das war, weil sie schon so weit ab vom Leben gewesen war,
wochenlang hatte sie einer an der Hand gehabt -- sie wußte über die
Höflichkeit bei Kaffeekränzchen nur noch geringen Bescheid.
Die Damen aßen und tranken, immer wieder wurde eingeschenkt, immer wieder
herumgereicht, der Sahnenberg senkte sich, die Kuchenteller leerten sich,
die Torte wurde ganz schmal -- es schmeckte allen sehr gut.
Nun waren sie satt.
Die Mehlmann fragte noch ein-, zweimal herum. Sie hielt Fräulein Seifert
die Tortenplatte noch einmal hin -- die dankte. Sie bot sie Frau Friedlein
an -- die dankte auch. Sie fragte noch einmal vorsichtshalber ringsum --
alle dankten.
Da räumte sie mit Hausfrauenzärtlichkeit ab. Sie sperrte ihren Schrank
auf -- man sah noch allerhand gute Sachen darinnen stehen -- und packte
alles sorgfältig hinein -- für Fräulein Haberkorn wurde etwas besonders
aufgehoben. Sie schloß wieder zu, nahm den Tischbesen und die kleine
Schaufel und kehrte Krümelchen um Krümelchen vom Tisch. Jetzt sah man die
Decke -- ein schönes Muster -- und darüber gelegt den feinen Läufer --
die Damen besahen ihn sich genau. Die Seifert fragte, wo man die Vorlage
bekommen könnte, aus Markburg sei die doch nicht.
Sie sprachen über Handarbeiten, danach über Kleider, jede schilderte die
Art und Weise ihrer Schneiderin.
Mai starrte mit melancholischen Blicken gradeaus: nun mußte sie sich doch
zum Winter das gelbe Kleid machen lassen, das ihr gar nicht stand. Den
Stoff hatte sie von einer Tante bekommen. Sie hatte gedacht, als Braut --
ach, wo waren die Träume wieder hin!
Fräulein Mehlmann kam heran und trug Gläschen auf Gläschen. Feierlich
stellte sie sie vor eine jede hin, und jede guckte darauf. Sie wußten,
was nun kam: die Likörchen. Plötzlich stutzte das Fräulein und zählte
verdutzt, guckte in ihren Schrank und zählte von neuem -- ja, die Gläser
reichten nicht!
»Ich hole Ihnen gleich welche,« rief Frau Dorreyter, »aber ich habe nur
Weingläser.«
»O, Weingläser,« entsetzten sich die Damen lachend.
»Meine Likörchen sind nicht gefährlich,« beteuerte Fräulein Mehlmann
eifrig, »aber wir können ja auch Eierbecher nehmen --« Sie griff in den
Schrank.
Die Seifert machte eine kritische Miene -- nein, Frau Dorreyter sprang
schon nach den Wirtschaftsräumen.
Jetzt kam sie und zählte mit den Augen: hatte sie sich noch vergriffen?
Nein, es reichte.
Es waren gewöhnliche, schlecht geschliffene Gläser aus dem Warenhause,
nur ein einziges war dabei, das war anders. Es stammte noch aus dem knappen
Brautschatz der Freiin von Rhane.
Die merkte es gar nicht. Ahnungslos stellte sie es hin. Es kam grade zu der
kleinen Wehrendorf.
Fräulein Mehlmann ging mit der klebrigen Flasche ringsum und schenkte ein.
Die Weingläser goß sie auch voll, so sehr die betreffenden Damen sich
auch dagegen sträubten.
»Aber ich bitte Sie, ein Likörchen --«
Dann stießen alle an.
»Worauf?« rief die Jong. Ihre Finkenaugen lachten gemütlich.
»Worauf?« fragte die Seifert säuerlich.
Sie wußten es gar nicht. Aber die Gläser klangen.
Das der kleinen Wehrendorf tönte sonderbar auf. Sie horchte verwundert.
Sie stieß mit Paula Friedlein an, da klang es wieder. Wieder und wieder
klang es ganz zart, ganz silbern. Die anderen merkten es nicht. Aber Ada
saß ganz erschrocken vor dem Wunder.
In ihr zerschlagenes Herz kam ein kleiner Traum.
Es war der einzige ihres Lebens.
Der kam von dem feinen, singenden Kristall.
Frau Friedlein schrak plötzlich auf. »Wo hast du denn die ... Rosen
gelassen?« flüsterte sie der Tochter zu.
Die fuhr herum, ihre Augen glänzten schon wieder. Die Mutter sah sie
an und wünschte heiß, jetzt möchte einer die Tochter sehen, ein ganz
Reicher, einer ohne Schulden, ein solider Mann.
»Die ... Rosen ... ich hab sie ihm ja doch hingeworfen -- du weißt
doch,« murmelte sie, nur der Mutter verständlich.
»Dann müssen sie noch dort liegen --«
»Was muß dort liegen?« flüsterte Paula von der anderen Seite.
Die Mutter erklärte ihr's verstohlen.
»Die sind längst fort. Die haben andere genommen,« meinte Mai, die in
dem Gesicht ihrer Schwester und dem der Mutter schon etwas aufsteigen sah.
»_Wo_ liegen sie?« flüsterte Frau Friedlein.
»Ich hab dir's ja gesagt. An dem kleinen Heckenweg hinter der
Gärtnerei.«
»Da kommen selten Leute hin. Das ist ein ganz einsamer Platz. Die Rosen
liegen sicher noch da -- --« Sie flüsterte mit den Töchtern.
Nach einer Weile stand Paula auf und verschwand unauffällig.
Frau Friedlein erhob sich auch und setzte sich ans Klavier. Es war ein
altes Stück, Fräulein Mehlmann hatte es geerbt. Aber sie spielte gut.
Perlend flogen die Töne auf -- alle horchten -- das klang schön --! Es
war aus dem ›Zigeunerbaron‹: »Wer hat uns getraut --« Jetzt sangen
alle mit: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht --«
Auf einmal war Paula wieder da. Sie schlich in die heitere Gruppe und hatte
die Hände voll Rosen: rote, purpurrote, weiße, gelbe Rosen. Sie waren
noch ganz frisch.
Die Kanarienvögel schrieen verwundert auf: »Im Oktober so schöne Rosen?
Woher kommen die --?«
Paula blinzelte Mai zu, die eine regungslose Miene machte. Dann begann
sie zu verteilen, der einen eine weiße, der anderen eine rote Rose und so
fort. Alle bekamen eine, sogar die Wehrendorf, und für Fräulein Haberkorn
wurde eine aufgehoben und in ein Gläschen gestellt.
Fräulein Mehlmann goß noch einmal ein, und nun sangen alle wieder, von
Rosen umduftet: »Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht -- --«
Auch Mai sang mit.
Jetzt ging die Tür auf. Es war ungefähr so wie im Märchen, wo sich
die verregnete, vergnügte Musikantengesellschaft unter den großen Pilz
gestellt hat und wo unverhofft die böse Besitzerin, die große Kröte,
erscheint.
Es kam Fräulein Haberkorn.
Alle überboten sich in Liebenswürdigkeit, die Wehrendorf raffte sich
sogar auf und rückte ihr einen Stuhl zurecht, es war nur leider verkehrt.
Die Oberlehrerin nahm stirnrunzelnd auf dem Sofa Platz, bekam ihren Kaffee
frischgewärmt, ihre Torte, ihre Knusperchen, ihre Sahne und ihre Rose.
Darüberweg besah sie sich die Kleider der Anwesenden. Die Kanarienvögel
bekamen gleich ein paar versteckte Lehren, weil sie augenscheinlich zu
munter geworden waren.
Fräulein Haberkorn mußte die Luft dieses vergnügten Kränzchens erst
eine Weile einatmen, um eingewöhnt zu werden; sie hatte auch noch nicht
genug Kaffee getrunken. Vom Likör gar nicht zu reden.
Fräulein Mehlmann erzählte eifrig mit lauter Stimme von ihren letzten
Einmachetagen. Sie hatte sich mit Tomaten beschäftigt. Es war das erste
Mal.
Im nächsten Jahr wollte sie sich einen Einkochapparat anschaffen, dann
konnte sie noch mehr fertig bringen!
Endlich merkte sie, durch das Schweigen der anderen aufmerksam gemacht,
daß Fräulein Haberkorn von Meckebiers erzählen wollte.
»Frau Geheimrat war _sehr_ liebenswürdig,« begann sie nun, ihren Kuchen
in den Kaffee tunkend, »die kleine Lydia ist aber auch so begabt. Ich habe
heute gesagt, sie brauchte eigentlich gar keine Privatstunde, da meinte die
Frau Geheimrat, ›ja, das ist wohl möglich. Aber wir, mein Mann und ich,
ziehen es doch vor, eine so bewährte Lehrkraft noch weiter um unser Kind
zu haben.‹ Das war doch nett, nicht wahr?«
»Sehr nett,« bestätigten alle ringsum.
Fräulein Haberkorn tunkte den Kuchen wieder ein. Jetzt sah sie auf. Ihre
Blicke flogen funkelnd über alle. Frau Dorreyter war hinausgegangen.
»Ja, und was ich noch weiß,« sagte sie.
»Was wissen Sie?!«
Alle waren hochgespannt.
Fräulein Haberkorn wählte sich noch ein Stück Torte.
»Sehr schön ist die,« lobte sie, »haben Sie die auch selber gebacken,
liebe Mehlmann?«
»Nein,« erwiderte die verlegen.
Fräulein Haberkorn wußte es auch so.
Fräulein Mehlmann brachte, um ihre Ehre wieder herzustellen, jetzt ihr
Likörchen an und goß ein.
Die anderen warteten atemlos. Was war das für eine Neuigkeit? Von
Meckebiers brachte die Haberkorn oft wichtige Schulneuigkeiten, die sie
dort erlistet hatte.
Die Oberlehrerin trank prüfend. Fräulein Mehlmanns Blick hing an dem
ihren. Sie nickte ihr gönnerhaft zu. »Ganz gut, wirklich.«
»Ja, also, ich habe nun erfahren, wer unserm lieben verstorbenen Kollegen
Diermann im Amt nachfolgen wird,« begann sie endlich.
»Ach!« Die Neugier flackerte noch höher.
Die Mehlmann war ungeschickt und sagte: »Nu, das wird doch das Fräulein
Doktor Arndt sein, die neulich bei unserer Vorsteherin war. Die schienen
doch gut Freund.«
»Nein,« sprach die Haberkorn triumphierend, »das wird die nicht. Man hat
mit vielen Opfern einen Oberlehrer gewonnen. Einen _Mann_!«
Sie sagte das so stolz, als ob sie selber einer sei.
»Wer denn? Wer denn? Ist er hier bekannt?« Die Fragen wirbelten ringsum.
Die Haberkorn zuckte die Achseln.
»Das weiß ich nicht. Auch den Namen weiß ich nicht. Aber wir werden ja
sehen.« Sie merkte, daß Frau Dorreyter wieder eintrat.
Die anderen schwiegen.
Sie tranken ihre Likörchen aus. Dann ging das Kränzchen unter vielen
begeisterten, immer wiederholten Danksagungen auseinander. Gruppenweise,
wie sie grade zueinander stimmten, wanderten die Damen ab. Mai begleitete
ihre Familie zum Bahnhof. Sie ging dann durch die Nebenstraßen zurück, um
dem Assessor nicht etwa noch einmal zu begegnen. Ihre Rose, die sie hatte
nehmen müssen, schenkte sie der Wehrendorf.
Die ging mit zwei roten Blumen und einem kleinen, zart klingenden Traum im
Herzen in das Zimmer der Jong. Die Lehrerin hatte schon Adas Betten, die
tagsüber in einer Lade verwahrt wurden, auf das Sofa geworfen und räumte
bereits das darüberhängende, zu stark belastete Bücherbrett ab.
Ada half ihr eilig und legte die Bücher beiseite.
Es waren ein paar alte Lexika, ein Dictionnaire, ein paar Reclamheftchen
und ein Band Fulda: ›Die Hochzeitsreise nach Rom‹.
Dann ging Ada schlafen.
* * * * *
Frau von Cöldt saß in ihrem bequemen Liegestuhl am Fenster ihres Zimmers.
Eine sacht behagliche Stimmung erfüllte sie, ohne daß sie ganz
genau darum wußte. Der Haushalt war in den Händen des Fräuleins gut
aufgehoben, auch Hanni war unter Aufsicht.
Frau von Cöldt überdachte die gestrige Vereinssitzung bei Frau Colb
und wühlte wichtig in ein paar Drucksachen, die eben gekommen waren --
Vereinsangelegenheiten. O, sehr interessant! Ob man die Wöchnerinnenpflege
noch weiter ausdehnte?
Sie sann lange darüber nach.
Dann fiel ihr Ludwig ein. Er war heute schon früh nach dem Walde gegangen.
Es war ein Wintertag, dick lag der Schnee draußen, der Himmel war
förmlich finster gegen alles Weiß.
Merkwürdiges Sonntagsvergnügen, dachte sie. Aber an Wochentagen machte er
es oft ebenso. Eine Unruhe war in ihm.
Er war schon eine Weile fort.
Sie dachte ein paar Sekunden darüber nach, dann vertiefte sie sich weiter
in ihre Vereinsangelegenheiten. Nur nicht grübeln -- mit ihren Nerven war
es dann sofort vorbei. Ein Sturz und alles war wieder beim alten. Hardi
hatte manchmal das Gefühl, als ob sie auf einer ganz dünnen Eisdecke
lebte. Nur sich nicht rühren, sonst brach sie ein.
Aber das Leben auf diesem schwachen, einsamen Fleck gefiel ihr.
»Sie haben einen sehr guten Ehemann,« sagten ihr die Damen, obwohl
sie auf ihre eigenen auch nichts kommen ließen, so vertraut waren sie
miteinander nicht.
Ja gewiß. Er mußte sich nur mehr Bewegung machen. Reiten oder Brunnen
trinken. Sie hatte ihm selber gesagt, er solle sich wieder ein Pferd
anschaffen, aber er hatte nicht gewollt.
Da lief er im Walde herum.
Mochte er.
Wieder spürte Frau von Cöldt die ganz dünne Eisdecke, auf der ihr Leben
aufgebaut war -- sie spürte, daß sie zitterte.
Nur Ruhe --! Sie verkroch sich innerlich. Der Verein -- das war ja genug.
Jetzt fing ein starker Schnee draußen an.
Sie ließ ihre Hefte wieder sinken und starrte hinaus, eine ganz sonderbare
Stimmung überkam sie, etwas von einer ungeheuren, ratlosen Angst, wie aus
Kindermärchen. Als brächte ihr der Schnee draußen ein Verschütten und
Vergehen, ein Verschwinden vor Frühlingsanfang. Als fiele dieser Schnee
langsam über ihr Leben hin, das doch so wohlgewahrt hinter den Scheiben
saß. Wo war sie übers Jahr -- --?
O, was war denn das -- was war denn das -- --?
Sie starrte wieder hinaus.
Wie das fiel. Auf Dach, Straße und Haus. Wie das in den Wald fiel und
über alle weiten Felder. Schnee auf Schnee.
Sie reckte sich. Es war doch schon Januar. Das Schlimmste war doch schon
vorbei. Noch vier, acht Wochen, und die Amseln pfiffen wieder. Noch vier,
acht Wochen, und der Winter war vorbei.
Warum fürchtete sie sich?
Sie saß doch so warm.
Da kam Ludwig ja wieder. Er sah ganz weiß aus. Sie ging selbst auf den
Flur und rief ihn an.
»Wie siehst du aus,« sagte sie.
Er blickte sie aus dunklen Augen an und antwortete nicht.
Sein Gesicht war gelb. Er wurde alt.
Sie ging in ihr Zimmer zurück und dachte weiter: wie alt war er denn
schon? Er war ja nicht mehr ganz jung gewesen, als er sie heiratete.
Ja, und was hatte er gehabt?
Sie fühlte wieder, wie die Eisdecke erbebte, mein Gott, er hatte doch
seinen Beruf. Es ging ihm gut. Er stand glänzend beim Präsidenten, sie
wußte es, aus den Reden und dem Wesen der anderen hatte sie es gemerkt.
Und sie kannte ihn ja doch. Er war die altpreußische Gewissenhaftigkeit
selber. -- -- Und sein Herz hing ja doch nicht mehr an ihr. Sie hatte es in
der Sekunde erkannt, in der sie damals wieder zu ihm gekommen war.
Vorher glaubte sie sein verändertes Wesen nur auf die Enttäuschung
zurückführen zu müssen, auf die feige und mutlose Art, die sie ihm
gegenüber gezeigt hatte -- aber dann spürte sie: es war etwas anderes,
sein Sinn war bei etwas anderem -- er machte sich nichts mehr aus ihr.
Und bald hatte sie Klarheit gehabt.
Wie er auf jeden Brief Christianens paßte, wie er es so gern übernahm,
ihr zu antworten, wie sorgfältig und ruhig er schrieb, und doch war etwas
darin -- sie überlas die Zeilen -- ja, sein Herz war darin!
Beim zweiten Mal war sie viel tapferer, obwohl ihr Zustand bewies, daß ihr
Schrecken einen guten Grund gehabt hatte, und zugleich fühlte sie sich wie
von einer Last erleichtert -- sie hatte ihm ihre Gesundheit geopfert, sie
hatte genug getan!
Nun konnte _sie_ fordern!
Und er gab ihr alles, was sie wünschte, und alles war gut, bis das Kind
größer wurde.
Da sahen sie beide, wie sonderbar Hanni in ihre Ehe hineinpaßte, und
wußten, daß sie sich nicht geliebt hatten.
Nun also -- was wollte er noch?
Christiane konnte er ja niemals haben, das stand weder in seinem, noch in
ihrem Katechismus, solche Dinge taten sie nicht.
Die Gartentür klirrte -- es kam wohl Besuch. Sonntagsvisiten. Mochte
Ludwig annehmen, wenn er Lust hatte, sie ließ sich von Fremden niemals
sprechen, wenn es nicht in Vereinsangelegenheiten war.