Die Haberkorn flüsterte mit der Seifert. Frau Geheimrat Meckebier habe
neulich eine Andeutung über das Fräulein Doktor gemacht -- keine sehr
wohlwollende --! Zwar hatte sie sich nicht näher geäußert, aber es war
doch zu verstehen: die Dorreyter mußte bei den Patronatsdamen irgendwo
angestoßen haben! Na, wenn man sie auch schon sah -- dieser Hochmut!
Dieses steile, kühle Wesen! Die guckte ja über alle hinweg!
Die Herren, der Junggeselle Dreher und Doktor Korn, kümmerten sich nicht
weiter um solche Dinge, nachdem sie erkannt hatten, daß das Fräulein
Doktor ihnen durchaus in vornehmer Weise Freiheit ließ. Korn erzählte
manchmal ein paar listige Beobachtungen der Kolleginnen seiner Frau zu
Hause. Sie waren sehr glückliche Leute, die lange aufeinander gewartet
hatten, und waren mit ihrem Los zufrieden.
Der Zeichenlehrer aber war von Christiane ganz entzückt.
Mit großer Zartheit war er von ihr auf einen neuen Weg geleitet worden,
auf dem er etwas aus seiner melancholischen Kleinstadtlethargie aufwachte.
Jetzt merkte er auf einmal, daß sich hier im verachteten Amt auch etwas
wie eine feine Kunst bot, neben der seine bisherigen eigenen, gänzlich
erfolglosen künstlerischen Versuche kläglich verblichen.
Oberlehrer Dreher beobachtete Christiane von seinem phlegmatischen
Junggesellenstandpunkt aus.
Dieses viel beredete und beguckte Fräulein Doktor Dorreyter -- eigentlich
eine ganz interessante Erscheinung! Er sah ihr manchmal sinnend nach,
schattenhaft stieg ein ungewohnter Begriff vor ihm auf: große Dame.
Die paßte kaum hierher.
Seine Kollegen vom Stammtisch im ›Deutschen Kaiser‹ begannen ihn zu
necken -- er suchte ja eine Frau! Wenigstens war er schon seit langem weder
mit seiner Wirtin, noch mit seinem Essen zufrieden. Ob er denn da nicht
vielleicht den Versuch machen wollte -- es böte sich ihm doch die beste
Gelegenheit -- Brr -- er erschrak förmlich, wenn er's hörte!
Die Friedlein dagegen, die blonde Mai -- eben huschte sie wieder in seiner
Nähe vorbei -- schön war sie, und mehr als einmal hatte er sich schon
in sie verliebt. Aber entschließen konnte er sich nicht -- ihre Toiletten
kosteten sichtlich recht viel Geld und -- sie war ihm eigentlich zu
schön. --
Christiane traf Professor Diermann auf dem Korridor. Sein Hut glitt lässig
vom Kopfe, seine Augen blickten sie gehässig an -- sie hielt ihn fest und
sprach mit ihm.
Er verbarg seine Aufregung -- er hatte nichts verstanden! Diese dunkle
Stimme war so schwer zu vernehmen. Er hatte auf ihre Lippen geguckt, aber
es war ihm keine Klarheit geworden.
Nun ging er zu seinen Schülerinnen. Für heute hätte ich eigentlich schon
genug, dachte er.
Es war sehr heiß. Die Sonne brannte sommertagswarm über den
Oktoberfeldern. Er fühlte sich sehr schlecht. Als er in den Physiksaal
trat, empfand er wieder: ich kann heute nicht. Er winkte dem jungen
Mädchen ab, das ihm bei den Apparaten behilflich sein wollte, und stellte
sich ans offene Fenster. Hier war Schattenseite. Aus dem Garten stieg ein
herbstlicher Würzduft herauf. Ah -- was war das nur, das ihm die Lungen so
zusammenschnürte -- was war das -- --?
Hinter ihm hatten die Mädchen sacht zu zischeln begonnen, jetzt schwatzten
sie ungeniert. Sie redeten über seinen Kopf weg -- er verstand ja doch
nichts!
Er hörte auch nichts. Der Schweiß kroch auf seine Stirn -- was war denn
das -- -- --
Er bog sich vor, um noch mehr von der frischen Luft zu spüren, aber von
draußen aus dem blauen Tag schien eine sonderbare Dunkelheit zu ihm zu
kommen -- was -- was -- -- ah -- jetzt war es wieder weg!
Er wandte sich -- da sah er das Fräulein Doktor mitten im Saal. Sie redete
mit den jungen Mädchen.
»Ich hatte Sie eigentlich sprechen wollen, Herr Professor,« sagte sie
nun, auf ihn zutretend, »Sie wissen --«
Nein, er wußte nichts. Er hatte ja nichts verstanden. Der Ärger
durchlohte ihn.
»Sie scheinen krank, Herr Professor,« sagte sie nun, »ich bin gern
bereit, Sie zu vertreten -- --«
Er starrte sie an -- ihm schien Klarheit zu kommen.
Er sah auch die betroffenen Gesichter der Mädchen.
»Nein, nein, danke,« murmelte er, »sehr liebenswürdig -- mir ist wohl.
Ganz wohl.«
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, sein Herz raste. Jäh huschte
sein Blick zum Fenster.
»Mir ist ganz wohl.«
Krank sein kann man wohl, wenn man jung ist. Wenn nichts in Gefahr ist.
Aber jetzt -- jetzt -- zwei Jahre mußte es noch gehen -- die letzte
Gehaltszulage mußte er noch haben! Zwei Jahre noch!
In seinen Augen stand die Angst. Seine Hände zitterten, als er nach den
Apparaten griff. Er hatte keine Ahnung, was heute eigentlich durchgenommen
werden sollte ... jetzt winkte er Betty von Kramer und befragte sie leise
-- nun wußte er's.
Er griff nach dem Reagenzglase, das ihm Betty reichte. Ganz deutlich sah er
eine bräunliche Lösung darin und wollte es nehmen, aber dicht vor seinen
Fingern fiel es zu Boden und zerschellte.
»Herr Professor, ich bitte Sie herzlich -- ruhen Sie sich heute lieber
aus.«
Er fuhr herum.
Da stand sie ja noch.
Sein Fuß trat in die Splitter.
Wahnsinnige Verwirrung erfüllte ihn. Was war das denn? Was wollte sie?
Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe? Die sollte fort -- fort -- --