Cöldt ging durch die Allee wieder zurück. Er atmete den Wald.
Weiter oben am Bahnübergang sah er noch einmal nach dem Reutterschloß
zurück.
Auch von dort glühten ihm zwei helle Fenster entgegen, wie vorhin von
Hardis Zimmer.
Ein schweres Begehren schwoll in ihm auf, das Mannesbegehren überhaupt und
das Begehren nach Christiane.
In den Wochen nach ihrer damaligen Abreise, als nur die spröde,
jüngferlich feindliche Frau um ihn war, hatte er sich entschlossen sich
freizumachen, trotz allem, was daran hing. Von Tag zu Tag wurde sein Wille
fester. Und dann wollte er mit Hardi davon sprechen.
Es war Abend, rot stand es über den Wällen, im Zimmer brannte noch kein
Licht. Da fing er an zu reden. Er ging dabei auf und ab -- sie richtete
sich empor und sah nach ihm. Sie kam zu ihm. Er merkte, daß sie ihn gar
nicht verstand. Sie schluchzte. Sie legte die Arme um ihn. So hatte sie es
nie getan. So -- nicht.
Sie war seine Frau.
Und dann kamen wieder die Stunden, in denen sie mit ihrem furchtbaren
Leiden kämpfte. Und die Wochen, in denen es nicht besser werden wollte
und Arzt auf Arzt ins Haus kam und die Krankenluft durch alle Zimmer drang.
Aber er war getrost: er hatte ja das Kind.
In der Zeit war Christiane für ihn verschwunden.
Geduldig ließ er Hardi von Bad zu Bad reisen, begleitete sie zu
verschiedenen Kuren, geduldig nahm er es hin, daß sie immer und immer
schonungsbedürftig blieb -- es war ja noch Licht da, eine rührende
Kostbarkeit, ihr Liebesopfer.
Bis ihm allmählich der Charakter des Kindes klar wurde, bis die Züge sich
unerbittlich zusammenfügten, bis das Erkennen überhaupt über ihn kam und
er alles -- begriff. Das Kind gehörte ihm im Herzen nicht, so wenig wie
die Mutter im Herzen aufrichtig sein gewesen war; es verriet in seiner Art
allen inneren Widerstand, alle Starrheit, alles feindliche Muß; es liebte
keinen.
Und nun ging das Leben weiter. Wie ein Gewicht hing sich Hardi an ihn, nahm
ihm sein liebstes Werk, und die Leute fanden es ehemännisch korrekt, daß
er es gab. Er kehrte in die Stadt zurück, in der keine besondere Leistung
ihn erwartete, aber die kranke Frau hatte hier einen harmlosen Zeitvertreib
in ihrem Verein, ein flaches Sichbeschäftigen mit dem Kind und den
Haushaltsdingen und fühlte sich im Grunde ganz behaglich.
Sie verlangte nichts weiter, als Rücksicht, Rücksicht.
Und er?
Er war in der ganzen Zeit nie vom Wege abgewichen.
Jetzt kam er an sein Haus zurück und sah, daß Hardis Zimmer schon dunkel
war.
Im Eßzimmer räumten noch die Mädchen und das Fräulein. Sonst war alles
still.
Er ging in sein Zimmer und machte Licht. Er wollte noch ein Buch holen und
griff einen bekannten Band.
Der Abend -- allein -- dachte er bitter.
* * * * *
Gesenkten Kopfes und sehr hurtig ging die kleine Wehrendorf nach dem
Reutterschloß. Ein wenig stolz war sie schon, aber das Bangen ließ sie
nicht los.
Ihre Gesundheit war so sehr schwach. Der Husten blieb und blieb und störte
nachts die Jong, obwohl die es nicht wahr haben wollte.
Das kam von den vielen heimatlosen Jahren. Nach den verschiedenen
Stellungen gab es immer nur ein angstvolles Intermezzo in irgend einem Heim
oder Hospiz, ein unruhiges Zählen des Geldes -- wie lange reichte es noch?
Ihre Aussichten wurden immer ungünstiger. Sie wußte, wenn sie diesmal
nicht festwurzelte, anderswo kam sie nicht mehr an, dann war sie zu alt.
Und neuen Kampf, neues Sicheinrichten hielt ihr Körper auch nicht mehr
aus.
Christiane hatte ihr eine junge und kleine Klasse gegeben. Nein, da war es
nicht schwer. Diese achtjährigen Dinger waren so sanft und niedlich, das
Herz wurde ihr immer wärmer bei ihnen -- irgend etwas stieg aus ihrer
Seele herauf, das klammerte sich gierig an sie. Abends konnte sie
schweigsam sitzen und an die eine oder die andere denken, jedes Lächeln,
jedes reine Wort, jeden lieblichen Kinderblick vergegenwärtigte sie sich
dann -- von oben bis unten war sie in Wärme gehüllt.
Sie schaute auf. Da kam Fräulein Friedlein. Wie leicht die ging, und wie
schön sie aussah. Da kam ja auch ein Herr, der sie grüßte, ein großer,
schwarzer -- häßlich war er -- aber sie schienen sich doch wohl ganz gut
leiden zu können --?
Er blieb sogar stehen und sah ihr nach.
Ach, nun nahte die Schlimmste -- die Haberkorn. Tausend verquälte
Lebensstunden erschienen vor Ada, wenn sie die Oberlehrerin sah. Die gibt
es vielmals auf der Welt, dachte sie.
Aber die Haberkorn guckte jetzt nur nach der Friedlein, ihr Gesicht war
scharf.
Wahrscheinlich hatte sie den überaus höflichen Gruß des Herrn auch
gesehen.
Ada war dergleichen sehr gleichgültig, sie hatte keinen Sinn für
Liebesgeschichten. Nie war ihr der unerhörte Gedanke gekommen, daß sich
jemand für sie interessieren, daß einer sie hätte heiraten können! Ihre
Wünsche und kühnsten Träume hatten sich nie so weit verstiegen.
Ihr ganzes Lebensideal war -- die Arbeit, die Kinder, ein gutes, sicheres
Schaffen! Und dann noch etwas -- ein eigenes Zimmer zu besitzen. Einmal im
eigenen Raume ungestört zu sein, Tag und Nacht, eigene Sachen um sich zu
haben. Sie dachte an das Wohnen im Glaserker, im Badezimmer -- in ihrem
Erzieherinnenleben hatte sie noch manches andere Derartige kennen gelernt
-- oder sie hatte bei den Zöglingen schlafen müssen, wie in der Villa
Cöldt.
Wenn sie angestellt würde! An der Schule bleiben könnte -- dann
vielleicht! Jetzt betrug ihr Gehalt als Hilfslehrerin nur sechzig Mark,
mehr hatte das Patronat für sie nicht bewilligen wollen, und dann war in
der Pension auch kein anderes Zimmer frei.
Scheu bewundernd sah sie am Reutterschloß empor -- wie schön war es, hier
zu wohnen -- so zu sein, wie Christiane. Fräulein Doktor -- sie sagte es
lautlos vor sich hin, es schien ihr unerhört und sehr groß, daß eine
Frau so weit kommen konnte!
Im Schulhaus senkte sie den Kopf wieder. Wie die Großen nur guckten. Jetzt
lachten sie -- sicher über sie -- über ihre verschossene Bluse. Ach ja,
darüber hatte schon manche gelacht.
Als sie in die Klasse trat, wurde ihr wieder tröstlich zumute. All die
braunen und blauen Augen, die sich auf sie richteten, all die Locken und
Zöpfchen, die jetzt mit in Bewegung kamen -- die ganze Schar drängte auf
sie zu und gab ihr die Pfötchen.
Eben wollte sie mit ihnen beten, ein Kindergebet, das sie so gläubig
sprechen konnte, als ob sie selbst ein Kind sei -- da ging die Türe auf.
Die Vorsteherin, und hinter ihr -- erbarm sich der Himmel -- die kleine
Cöldt! Sie sah schon die grünschillernden, kalten, höhnischen Augen --
ja, das war sie.
»Hier ist deine ehemalige Schülerin,« sagte Christiane, »sie soll jetzt
hier sein, denn für die höhere Klasse ist sie noch nicht reif genug.«
Ein jäher Zweifelblick brach aus ihren Augen. Dann fügte sie aber hinzu:
»Das Pensum hier wird sie sicher schaffen.«
Ada konnte nichts weiter sagen.
Die Leiterin ging.
Ada setzte Hanni Cöldt weit nach hinten. Sie mochte sie nicht so nahe
haben. Dabei kam ihr aber wieder Besorgnis -- dort war sie ja kaum zu
beobachten! Und Hanni -- Hanni Cöldt! Ein Schauder überlief sie, wenn sie
an das vergangene Jahr dachte -- davon hatte niemand etwas gewußt, und
es war auch ganz lautlos geschehen -- dieses hartherzige, erbarmungslose
Quälen. So konnte nur die kleine Cöldt quälen! Ada sah die grünlichen,
engen, klaren Augen vor sich -- die hatte kein Herz. Kein Fünkchen Liebe.
Überhaupt keine Seele. Die war hart in sich.
Sie begann ihren Unterricht. Die Augen der kleinen Mädchen taten sich
groß auf -- so schön hatten sie die Geschichte noch nie gehört! Ada
wunderte sich selbst, wie leicht es ging, wie die Worte ihr so glatt und
farbig kamen -- wenn sie es immer so machte, auch wenn der Schulrat kam,
dann wurde sie angestellt. Ihr Herz wurde leicht.
Da -- auf einmal -- ein Kichern. Es verflog. Sie sprach weiter, wollte
es nicht gehört haben, es gab so leicht Unannehmlichkeiten -- da, schon
wieder. Sie guckte. Die eiskalten Augen der kleinen Cöldt begegneten ihr.
»Hanni,« sagte sie.
Nach einer Weile ertönte wieder das Lachen. Jetzt merkte sie, daß alle
Kinder unruhig waren, sie hörten kaum auf ihre Erzählung. Irgend etwas
war ihnen zugeflüstert worden und machte die Runde -- ein Wort über sie.
Ada starrte in die verwandelten Gesichter, sie fragte -- keine Antwort. Die
Cöldt sah sie mit spöttischer Ruhe an.
In der Pause überlegte die Wehrendorf verstört: sollte sie es
Christiane sagen? Sie bitten: nimm das Kind wieder fort? Aber das war ein
Eingeständnis ihrer Machtlosigkeit. Und sie wußte auch, daß Christiane
ihr das Kind auch nicht wieder gebracht haben würde, wenn ein anderer
Ausweg möglich gewesen wäre.