»Allerdings. Unser Verein bekennt sich zu fortschrittlichen Grundsätzen.
Wir wollen die Leistungsfähigkeit der Frau auf allen Gebieten heben. Mit
dem alten Kram räumen wir auf. Alle unsere Mitglieder sind tapfer dabei.
Unsere gute Frau von Cöldt opfert sich förmlich, trotz ihrer schwachen
Gesundheit.«
Christiane sah nach der Schwester, die in eifriger Unterhaltung mit der
Kommerzienrätin saß, wobei ihre Lider wie immer in süß unbewußtem
Schmachten niedergeschlagen waren.
So, tat sie das?
»Ich könnte Ihrem Verein ein sehr dankbares Werk weisen, gnädige Frau,«
sagte Christiane langsam, »haben Sie wohl einmal der Frauen in der Stadt
gedacht, die da -- arbeiten? Die also praktische oder -- ich will lieber
sagen -- unbewußte Frauenrechtlerinnen sind --?«
»Wie meinen Sie, Fräulein ... Doktor?«
»Nicht die Unterschicht, sondern die gebildeten Mädchen, die hier ihr
Brot verdienen.«
»Ja, aber ... ich verstehe noch nicht ...«
»Ich meine, daß sich zwischen Ihnen, den fortschrittlich gesinnten
Frauen, und diesen jungen Mädchen, die der Fortschritt gepackt hat,
vielleicht eine Brücke schlagen ließe. Es wird so manche hier sein, der
das einsame Geldverdienen noch schwer fällt, so manche aus gutem Haus,
die in der fremden Luft und in den fremden Gefahren zittert und einen guten
Anhalt ersehnt. Ich glaube, da sind viele, die zwar in ihrer Arbeit froh
sind, aber sich in den Freistunden vor Einsamkeit verzehren, weil sie von
ihrer Familie versprengt und im Herzen wählerisch sind, denen könnten die
modernen Markburger Damen ein wenig helfen --«
Frau Colbs befremdeter Blick schoß nach links und nach rechts zu ihren
Freundinnen. Eine kleine Stille trat ein. Sogar der Assessor hörte zu.
Hardi sah Christiane merkwürdig spöttisch an.
»Ich sehe da ein schönes Arbeitsgebiet für Ihren Verein,« sprach
Christiane, »allerdings keine -- Wohltätigkeit.«
»Aber diese jungen Mädchen gehören doch nicht zu uns,« sagte Frau Colb.
»Sie _arbeiten_,« antwortete Christiane, indem sie die Dame fest
anblickte.
»Ja eben deshalb ... solche Elemente ...« Frau Colb biß sich auf die
Lippen, denn ihr fiel ein, daß die Sprecherin ja auch dazu gehörte,
wenngleich sie die Schwägerin des Herrn von Cöldt war.
Ratlos sah sie sich um.
»Unter meinen Lehrerinnen sind einige, die, wie ich genau weiß, sehr
einsam sind,« fuhr Christiane ruhig fort, »denn der Verkehr untereinander
ist auf die Dauer doch recht einseitig.«
»Es steht ja nichts im Wege, daß die Damen sich an unserem Wirken
beteiligen.«
»Verzeihen Sie, gnädige Frau -- ich glaube nicht, daß es sie nach ihrem
strengen Schaffen noch nach -- Wöchnerinnenpflege zieht,« entgegnete
Christiane ironisch, »aber eine Heimat brauchten sie, Anschluß, etwas
Geselligkeit und Freude -- Erholung --! Grade da müßten sich Ihre
Interessen über alle herkömmliche Wohltätigkeit hinweg berühren,«
fuhr sie fort, »die Mütterlichkeit der modernen lebenserfahrenen Frau
gegenüber den einsamen Schwestern, von denen ein volles Werk verlangt
wird.«
Frau Justizrat räusperte sich und schickte ein unsicheres Lächeln voll
Hochmut ringsum.
»Man merkt, daß Sie hier doch recht ... fremd geworden sind, Fräulein
Doktor,« sprach sie, und diesmal kam der Titel scharf heraus, fast
zugespitzt und verächtlich hingetan, »wir Damen der Gesellschaft haben
da so vielerlei Rücksichten zu nehmen, dergleichen geht nicht so leicht,
nicht wahr, meine liebe Frau von Cöldt? Auch würde uns die Zeit dazu
wirklich fehlen ...«
Sie wandte sich rasch dem Assessor zu und begann ihn von neuem wegen der
Reichsverfassung zu bearbeiten.
* * * * *
Als Christiane an dem Abend in Mantel und Tuch ziemlich als die Letzte aus
dem Cöldtschen Hause trat, kam ihr Ludwig nach.
»Verzeih,« sagte er, »der Präsident hielt mich eben noch fest --«
»Du willst mich begleiten?« Ihre Augen kniffen sich lustig, »Ludwig,
glaubst du nicht, daß ich unter ähnlichen Umständen schon oft allein
gegangen bin?«
Er sagte nichts.
»Genau so, wie die jungen Mädchen, die die Markburger modernen Frauen
verachten.« Sie lachte.
Er entgegnete noch immer nichts. Sein Blick fuhr am Hause empor. Eben
erhellte sich Hardis Schlafzimmer.
Sie gingen an den dunklen Gärten der Villenstraße entlang. Man roch den
Rasen, die Sträucher, die Erde und, ach, von drüben her den Wald. Man
sah ihn nicht. Aber man fühlte die Stämme mit ihren ungeheuren Massen von
luftgierigen Blättern oder Nadeln, die Eichen, die Tannen, die Buchen und
versprengten Linden und fühlte ihren tiefen Herbst.
Christiane dachte jetzt nicht an die törichte Süßigkeit des Vergangenen.
Ihr Sinn wühlte sich in die andere Seite ihres Lebens zurück, in das
Schaffen, Grübeln und einsame Leisten, in Gedanken an die vielen, die
ebenso wirkend ihren Weg gekreuzt hatten, an so manches Mädchen, so manche
Frau aus der Höhe, gleichfalls getrieben vom Muß oder vom Entschluß. Sie
sah die Zeiten voll eiserner Aufsichgestelltheit, voll Konzentration, voll
hoch emporflackernder Zweifel, voll geistiger Belebtheit, die durchlesenen
oder durchlernten Nächte, ganz nahe am starken Wissen der Menschheit, die
Stunden in der Schule, in denen immer und immer Energie da sein mußte, in
denen stets die Kritik neben dem Schaffen stand und kein Nachlassen sehen
durfte, und verglich damit die Existenzen dieser kleinstädtisch gehegten
und gepflegten, in ihren Sippenerlebnissen aufgehenden Frauen, an die
ganz von fern ein neuer Wind gestrichen war und die die fremde Sache
in gänzlichem Unverständnis zu einer Art Kränzchensport und sanftem
Zeitvertreib machten -- ach, da gab es keinen Vergleich -- --!
Sie ging rasch und federnd. Alles in ihr war Frische und Bejahen des
Lebens, so wie es für sie war!
Er schritt müde, gebeugt.
An nichts rühren, dachte sie. Leise, leise gehen -- wir wandern aneinander
vorbei.
Ich will es auch. Ich brauche ihn nicht mehr. Etwas in mir klingt nicht
mehr. Es mußte alles so sein. Aber -- ich brauche ihn nicht mehr.
Jetzt waren sie am Gartengitter des Reutterschlosses und schauten beide
an dem Hause empor, dessen feste, schöne Linien sich abzeichneten, vom
Waldduft umweht.
»Wie wundervoll, daß ich hier wenigstens _das_ habe,« sagte sie lebhaft,
»eine Welt abseits aller Spießer! Ludwig, wie stolz bin ich auf mein
Heim, auf alles selber Erworbene -- immer wieder schaue und staune ich --
es ist so schön!«
»Ja, das ist dein Reich,« sagte er langsam.
Er küßte ihr die Hand und ging.
Die Hausmannsfrau leuchtete Christiane in ihre Wohnung hinauf. Das Licht
fiel grade auf die ›eiserne Wehr‹.