Die Jong guckte jäh.
»Ach, die Bücher,« sprach sie langsam, »ja, deswegen bin ich mein
ganzes Leben gefoppt worden. Aber sie sind doch nun mal meine Leidenschaft,
und ich muß immer welche haben, und morgens in der Schule denk ich schon
immer daran, was für ein Glück mich zu Hause wieder erwartet.« Sie sah
vor sich hin.
»Wenn die anderen Sie nicht mit ihren vielen Wünschen stören,« sagte
Frau Dorreyter, »die Mai oder Ihre anderen Schützlinge.«
»Das gehört dazu,« erwiderte die Jong.
Frau Dorreyter hielt es jetzt für an der Zeit, mit ihrer Bitte
herauszurücken, und das Fräulein war gleich dabei.
»Gewiß behalt ich sie. Das stört mich gar nicht. Hier auf dem Sofa kann
sie schlafen. Nur die Bücher muß ich vom Bord nehmen, sonst fallen sie
ihr schließlich noch auf den Kopf.« Sie lachte.
Da klingelte es an der Korridortür.
»Das wird sie sein,« sprach Frau Dorreyter.
Klein und ängstlich trat die Wehrendorf ein. Die Kartons, die ihre Habe
enthielten, hatte sie draußen auf dem Flur gelassen.
Sie war sehr verlegen.
»Immer Courage,« sagte die Jong, »vor mir brauchen Sie sich nicht zu
genieren, wir sind ja Kolleginnen, da hilft doch mal eine der anderen.
Und später rücken Sie hier ganz in unseren hohen Kreis ein -- in den der
Damen vom Reutterschloß!«
»Wenn es nur würde,« sprach die Wehrendorf.
»Es wird schon. Nur immer Mut. Es stört Sie doch nicht, daß Sie noch
keine eigene Stube haben?«
Ada hob nur die Schultern. Leise sagte sie: »Ich hätte dort im Hospiz
morgen ... nicht mehr wohnen können.«
»Sie armes Tier. Na, das ist keine Beleidigung, mir sind die Tiere so gut
wie die Menschen. Kommen Sie, wir wollen auspacken!«
Frau Dorreyter eilte hinaus, um Kaffee zu holen, und Christiane folgte ihr.
Auf dem Gang begegneten ihr Mai Friedlein und die Kanarienvögel, die eben
heimkamen. Die prangende Schönheit Mais bestürzte sie wieder wie beim
ersten Anblick -- die gehörte nicht vor Schulbänke, sondern in seidene
Kleider und in heiße Hände, zu Liebe und Verlangen! Das war die Eva aller
Zeiten.
Während des Gesprächs wurde ihr Urteil kühler -- viel Temperament und
Intelligenz schien nicht vorhanden. Flüchtig sah sie in Mais Zimmer, einen
überputzten, hellen Mädchenraum mit dem Geruch von Parfüm und gebrannten
Haaren.
Die Kanarienvögel hausten dagegen in einem engen Hofkämmerchen, dessen
einziger Schmuck ein großes Plakat über den Betten war: ›Mensch,
ärgere dich nicht!‹ Auf dem Tisch stand eine Schachtel Schokolade.
Als Christiane nachher heimging, hatte sie neben dem Eindruck ihres seltsam
verwandelten und belebten Jugendheims das Gefühl, ihre Mitarbeiterinnen an
dem Nachmittag ganz gut kennen gelernt zu haben.
* * * * *
Es war nach einem Abendessen beim Regierungsrat von Cöldt.
Der Kreis war nur klein, denn große Gesellschaften gaben Cöldts nicht,
nur das Allernotwendigste, denn die Hausfrau war zu leidend.
Übrigens sah sie an dem Abend sehr gut aus, oder sah sie abends
immer besser aus? Es war viel Reiz an ihr, etwas gradezu sentimental
Schmachtendes. Und doch wußte man in der Stadt, daß sie
nicht schmachtete, oben und unten wußte man's; oben durch ihre
Frauenvereinsdamen, unten durch die Dienstboten. Schon manches hübsche
Mädel, das im Hause gewesen war, hatte dem schlanken Hausherrn mitleidig
und verlangend nachgeguckt.
Er hatte jetzt eine merkwürdig stille, verschlossene Art, und grade
die widerstrebte Christiane plötzlich an ihm. Absichtlich, um ihn
aufzuscheuchen, um zu forschen, brachte sie die Rede auf die Ostmark.
Sie saßen im Salon. Herren und Damen waren nach Tische nicht getrennt
worden, aber es hatte sich in dem großen Raume von selbst eine gewisse
Schiebung vollzogen: links mehr das männliche, rechts fast nur das
weibliche Element. Christiane saß bei den Herren.
Der Präsident war auch anwesend.
Sonst fiel ihr nur der Assessor Wratislaw von Wratislawski auf, trotz
seines Namens ein Deutscher, von großer Rassenhäßlichkeit. Er
hatte einen Doggenkopf, der durch die Korpsstudentenspuren und das
Lebemannsdasein fast gefährlich ausdrucksvoll geworden war. Seine
Sprechweise störte; er redete so zart meckernd, daß man unwillkürlich
glaubte, er hätte noch eine andere in der Tasche, wie etwa ein
zweites Paar Handschuhe. Seine Blicke waren heimlich über Christiane
hingeschossen, aber sie war nicht nach seinem Geschmack. Er sollte
allerhand Verhältnisse in Bürgerkreisen haben.
Der Assessor, der auch im Posenschen bekannt war, horchte bei Christianens
Worten auf und meinte, die Sache ginge jetzt ja gut voran. Er sei vor
einiger Zeit mal wieder durch Posen gekommen und hätte nur immer
gestaunt, wie sich alles verwandelt habe. Überall neue Häuser und
Großstadtstraßen! Alles ganz preußisch!
Ludwig sah auf.
»Ein paar gute Bauten mögen hinzugekommen sein, aber in der Hauptsache
sind es doch Mietskasernen. Wälle und Bäume sind fort, dafür steht ein
kleiner Ring Deutschtum mitten im Polnischen.«
Sie schaute ihn an.
»Es ist also noch nichts gewonnen?«
»Nichts,« sagte er.
Sie sann und sah wieder die Wälle und Bäume, die wilden Kirchhöfe. Sie
sah das Sonnengold hinter dem Dom stehen und sah die unendliche Ebene.
Die Bäume und Wälle hatte man entfernt. Aber die polnische Ebene war
geblieben.
Sie blickte Ludwig wieder an und wartete auf eine Äußerung, die ihr
verriet, daß er mit der Sache noch immer nicht ganz fertig war, sondern
daß seine Gedanken noch immer darum spielten, daß seine Hände heimlich
nach dem alten Werk griffen.
Aber er sagte nichts mehr.
Sein Blick glitt zerstreut durch den Raum, um sich sofort voll
verbindlicher Aufmerksamkeit auf den Präsidenten zu richten.
Auch die übrigen sprachen längst von etwas Anderem.
Christiane merkte, daß sie nicht mehr in diesen Kreis paßte.
Sie sprach nur flüchtig mit, aber ihre Blicke glitten umher, und alles in
ihr spannte sich in hellsichtiger Menschenbeobachtung.
Sie erkannte wieder, wie gering die Schicht Bildung auch bei den Menschen
ist, die sich doch zu den Oberen zählen. Mit welch eng begrenztem
geistigem Weidegebiet sich die meisten begnügen, wie unendlich bescheiden
in dieser Richtung die sonst so Unbescheidenen sind.
Sie empfand wieder, daß geistige Kultur in der Gegenwart etwas ganz
Seltenes ist, die nur eine mäßige Zahl besitzt, während Tausende in
dumpfem Jammer vergeblich danach tasten und die große Mehrheit ganz gut
ohne sie fertig wird.
Ironisch horchte sie auf Flugergebnisse, die eben berichtet wurden, und
dachte: ja, das ist etwas, das auch vom engsten Weideplatz aus begriffen
wird. Aber daß es noch anderes gibt, immer gegeben hat, daß unendliche
Massen geistigen Schaffens längst vorhanden sind, das wissen und brauchen
die Vielen weder für ihr Leben noch für ihren Tod.
Daß grade Ludwig trotz seiner Erziehung in seinem Denken nicht einseitig
war, sondern alle Dinge und Gedanken des Lebens suchend und blitzend
umfaßte, daß man bei ihm nie an die sperrende Hürde kam, hatte sie
früher, wenn auch anfangs mehr unbewußt, am meisten gepackt. Er war ein
Aristokrat der Kultur.
Jetzt konnte er nicht anders geworden sein und war es auch nicht. Aber
nach außen war es verkapselt, auch ihr gegenüber, so daß sie wieder und
wieder ins Irren kam -- -- Nach dem Schaffen hin war er verkapselt, stummer
regloser, gleichgültiger, und nach der Kleinstadt hin hatte er sich
geöffnet -- --
Er war glatt geworden, sehr glatt.
Die Unterhaltung mit dem Chef plätscherte -- Jagd oder wovon redeten sie
sonst? Sie mußten ausgezeichnet harmonieren. Christiane erschien der Herr
mit dem uralten Namen plötzlich als ein rechter Spießer.
Der Assessor von Wratislawski stand leise auf und pirschte sich sacht nach
der weiblichen Seite hinüber, wo die Unterhaltung kürzeren Wellenschlag
hatte. Die Frau Geheimrat Meckebier hörte man aus allem heraus.
Christianens Gedanken strömten unwillkürlich zu ihrer Arbeit hin, was ihr
sonst in geistvollem Kreise selten geschah. Im Gegenteil konnte sie sie oft
kräftig vergessen.
»Ach, Fräulein Doktor, wie macht sich meine Jüngste?« Frau Colb
rauschte zu ihr heran, der Titel wollte nicht so recht über ihre Zunge;
sie quetschte ihn. »Es freut uns sehr, daß Sie hier sind, wir rechnen
ganz besonders auf gute Mitarbeiterschaft.« Sie setzte sich neben sie.
»Das war Ihnen doch wohl eine kleine Überraschung, daß in der Heimat
inzwischen auch moderne Frauen entstanden waren --? Ich nehme an, daß Sie
von unserem Verein gehört haben. Meine Nichte, die jetzt zu Besuch ist,
war von unseren Arbeiten ganz entzückt.«
»Kann ich erfahren, was Sie schon erreicht haben, gnädige Frau?«
»Nun -- das warme Frühstück für die Schulkinder, dann eine Flickstube.
Und jetzt sind wir dabei, dafür zu sorgen, daß alle bedürftigen
Wöchnerinnen wenigstens acht Tage lang eine warme Suppe bekommen. Wir
lassen auch Vorträge halten, und ich bin eben dabei, unsern Herrn
von Wratislawski zu gewinnen -- er soll uns über die Reichsverfassung
belehren.«