Christiane lächelte. »Gönn's ihr doch!«

»Aber sie hat es doch so gut! Das schöne Gehalt -- keine Sorgen -- wenn

ich es nur so gehabt hätte!«

»Dann will sie es eben -- schlechter haben,« sagte Christiane.

»Du lachst! Ich habe es der Mai neulich ernstlich vorgestellt. Etwas

Besseres als ihre Freiheit hat sie doch nicht. Sie hat es sich angehört

und ist dann gegangen und hat sich einen neuen Hut gekauft!«

Christiane zog die Mutter auf das Sofa. »Hör zu: Du bekommst heute einen

Gast! Schreib ihn auf meine Rechnung, denn nehmen mußt du ihn!«

»Um Gottes willen -- wen denn?«

»Die Wehrendorf.«

»Ach herrje, ich kann sie doch nicht in die Speisekammer stecken. Es ist

wirklich kein Raum mehr frei.«

»Es geht doch,« beharrte Christiane, »sie braucht jemand wie dich --«

Frau Dorreyters herbes Gesicht erhellte sich. In der Arbeit in der Pension

hatte sie endlich die Befriedigung ihres Lebens gefunden. Soweit Hardi ihr

Interesse nicht in Anspruch nahm, gehörte es den Berufsdamen.

»Wie lange ist sie doch von Cöldts fort?« fragte Christiane.

»Vor den Ferien war es. Also seit fünf Wochen.«

»Und seitdem hat sie im Hospiz gelebt. Vermutlich hat sie kaum noch

Geld.«

»So sah sie aus. Ich hab sie manchmal drüben im Stadtpark gesehen und

dachte immerzu: die geht noch in den Teich. Darum hab ich Hardi gebeten,

daß sie noch irgendwie für sie sorgt.«

»Die Vereinsdamen sprachen mir von ihr.«

»Ja, ja. Unter den Mitgliedern mag vielleicht noch die eine oder andere

sein, die ihre Eltern gekannt hat. -- Weißt du, ich will sie bei der Jong

einquartieren und aufs Sofa betten. Die erlaubt das gern. Wir wollen mal zu

ihr gehen, was meinst du?«

»Wer wohnt denn alles bei dir?« fragte Christiane.

»Außer dem Fräulein Seifert alle Damen vom Reutterschloß. Ich komme mit

ihnen aus.«

Auf dem Flur, auf dem die Mangel und ein paar Fahrräder standen,

flüsterte die Mutter plötzlich: »Du, wir klopfen besser erst bei der

Haberkorn. Denn wenn du zur Jong gehst und nicht erst zu ihr, so nimmt sie

das übel.«

»Wie furchtbar.« Christiane lachte.

Aber in dem Augenblick geschah es doch anders.

Fräulein Mehlmann öffnete ihre Tür, noch den roten Schein eines

ausgedehnten Nachmittagsschläfchens auf den Wangen und erstrahlte in

Seligkeit und Respekt, als sie Christiane gewahrte.

»Ach, Fräulein Doktor, ne -- ne« -- sie unterbrach sich hastig -- »ich

wollte nur sagen, das freut mich aber -- jetzt müssen Sie doch bei mir

eintreten, nur auf ein Augenblickchen, ein einziges Augenblickchen --!«

Sie kam hinter den beiden in das große Zimmer zurück und zuckte

erschrocken: »Wirst du wohl! Verzeihen Sie nur -- da ist wieder das dumme

Tier, der Kater, hereingekommen --«

Auf dem gepolsterten grünbezogenen Ohrenstuhl richtete sich ein riesiges

schwarzes Katzentier auf und sprang mit einem Satz auf den Blumenteppich.

»Marsch -- marsch -- fort --.« Fräulein Mehlmann jagte ihn aufgeregt aus

der Tür.

»Sie haben hier Ihre eigenen Sachen?« fragte Christiane, die sich

umgesehen hatte.

»Ja, ja, die von zu Hause. Ich habe nur die leeren Stuben gemietet. Ich

könnte ja auch allein wohnen, aber dann ist mir zu bange. Hier hat man

doch immer eine Ansprache, wenn man sie haben will ...« Sie blickte

Christiane glücklich an.

»Vor zwanzig Jahren sind Sie noch meine Schülerin gewesen ... wissen Sie

noch ...?«

»Ich weiß es noch,« lächelte Christiane.

»Ne, daß es nu so gekommen ist ...! Aber gestickt haben Sie immer fein.

Immer die besten Kanten!«

»Ich kann's nicht mehr,« sagte Christiane.

Das Fräulein riß die Augen auf. »Gar nicht? Ach, Sie scherzen, Fräulein

Doktor ...«

»Durchaus nicht, Fräulein Mehlmann.«

Die Handarbeitslehrerin wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie

schnüffelte ängstlich. »Ach, ich weiß nicht ... riecht es hier nicht

ein bißchen nach Katzen? Es ist ein Schabernack mit dem Tier. Es kommt

immer über den Balkon zu mir.«

»Wem gehört es denn?«

»Dem Fräulein Jong,« sagte die Mutter. »Aber eigentlich wird er von

allen Damen gleich verwöhnt. Nur Mai gibt ihm manchmal einen Schub.«

Fräulein Mehlmann stand verlegen auf. »Ach, ich weiß schon, was das

schwarze Vieh bei mir so anzieht ...«

Wichtig öffnete sie einen gelben Kirschbaumschrank, in dem man Kleider

vermutete.

Darinnen lagen aber auf sauber gezacktem Papier Schinken und

Würste, Kuchen und Plätzchen, Tütchen und Schachteln, Obst- und

Marmeladebüchsen.

Fräulein Mehlmann griff hastig etwas heraus, roch daran, zog die Nase

kraus und murmelte: »Das muß bald gegessen werden ...«

Dann wandte sie sich an Christiane:

»Sie sehen, das ist meine Speisekammer. Ich muß das haben und hab' mir

deshalb auch den großen Ofen setzen lassen. Wenn ich aus der Schule komme,

probiere ich mal das, mal dies -- ich will ja der ausgezeichneten Küche

der Frau Hauptmann durchaus nicht zunahe treten, aber am besten schmeckt

halt, was man sich selber gekocht hat ... Ich kann nicht anders: Ich

muß wenigstens dann und wann wirtschaften! Möchten Sie nicht meine

selbstgebackenen Knusperchen probieren, Fräulein Doktor --?«

»Und hier« -- mit einem Ruck griff sie ganz tief in den Schrank -- »hier

ist noch etwas Besseres ... ein Likörchen! Selbstgemacht, ja, natürlich!

Noch nach dem Rezept von zu Hause! Ein Schlückchen ... ja ...? Was, Sie

danken, Fräulein Doktor? Gar nichts wollen Sie annehmen? Ein Schlückchen

doch wenigstens ... die anderen Damen nehmen es so gern -- Wenn Sie nur

hören könnten, wie die es immer loben ... Na, denn ein andermal ...

andermal, gewiß, nicht wahr -- --?«

Christiane beruhigte sie und stand auf.

Wie war das hier so warm und familienhaft!

»Wirklich kein Likörchen?« bettelte das Fräulein noch einmal.

Sie mußte zusehen, daß die Damen ohne Stärkung gingen.

Draußen flüsterte die Mutter: »Nun schnell zur Haberkorn -- die hat doch

schon sicher was gemerkt.«

Als die Tür aufging, fiel Christianens Blick sofort wieder auf den Kater.

Er stand mit fröhlich gehobenem Schwanz inmitten eines blanken, kahlen

Fußbodens und leckte sich die Lippen.

Die Oberlehrerin schien doch etwas zusammenzufahren.

»Ach,« sagte sie ärgerlich, »verzeihen Sie nur, das Tier hat sich

hierher verirrt -- ich pflege es sonst nicht. Mir bleibt keine Zeit dazu.«

Sie deutete auf ihren Schreibtisch. »Gegenwärtig bin ich mit einer

Geschichte der Sophie-Reutterschule beschäftigt ... fürs Jubiläum im

nächsten Jahr.« Sie ging an die Tür und jagte den Kater hinaus.

»Marsch, marsch -- --«

Das Tier quietschte leise auf.

»Ja, also das fünfzigjährige Jubiläum,« sprach sie zurückkehrend,

während sie Christiane ins Gesicht sah und jeden Zug in ihm und jede Falte

ihres Kleides studierte, »wir werden doch eine große Feier veranstalten

müssen. Mit Herrn Professor Diermann habe ich neulich schon über das

Programm gesprochen. -- Ich meine -- -- vor den Ferien,« setzte sie rasch

hinzu.

Christiane sagte nicht viel.

Sie las in den Augen das wehrhafte Unterlegensein, die echte

Frauenfeindschaft.

Der Raum war der beste der ganzen Etage, denn die Fenster gingen nach

dem Springbrunnen hinaus, und der grüne Rasen schien herein. Christiane

erkannte die wertvollsten Sachen ihrer Mutter, die noch Rhaneschen

Stempel trugen, aber sie waren nüchtern gestellt und hatten durch viele

Nippsachen, Bilder und scharfgelbe Gardinen einen kleinbürgerlichen

Anstrich erhalten.

Keine Phantasie, dachte Christiane, kulturlos, ganz kulturlos.

Gleich nebenan war das Zimmer des Fräulein Dorette Jong, das letzte

auf dieser Seite der Etage. Ein bescheidener Raum mit geringeren,

verbrauchteren Möbeln, aber mit einer Unmenge von Blumen und Büchern.

Nicht nur das Handwerkszeug, sondern eigene Bücher, gelesen, gekannt,

zärtlich gestellt, Reihe an Reihe. Rechts ein Bord, links ein Bord

und über dem Sofa noch ein vollgepacktes Brettchen, an ganz dünnen

Drahtfäden hängend. Es sah ängstlich aus.

Die Lehrerin hatte den Kater im Arm.

»Er ist bange,« sagte sie nach unbefangener Begrüßung, »was hat er

denn erlebt? Wie seine Augen ausschauen, wie seltsam der unbekümmerte

Raubtierausdruck mit einem Schrecken, ich möchte fast sagen, mit einer

seelischen Enttäuschung kämpft --«

Frau Dorreyter lachte. »Verwöhnen Sie das Tier nur nicht gar zu sehr! Was

haben Sie davon!«

»Es ist uns gleich,« sprach Fräulein Jong ruhig.

Sie hob es ein wenig hoch. Es war fast wie eine zärtliche kundige

Mutterbewegung, aber es glänzte auch etwas Selbstironie in den

Finkenaugen.

»Ich bin halt nicht so modern,« sagte sie.

»Vielleicht sind wir das alle nicht,« sprach Christiane.

»Aber es gibt solche, die schon als alte Jungfern auf die Welt kommen,«

erwiderte die Jong. »Ich gehör dazu. Als kleines Mädel hab ich mich

immer nur gewundert, daß ich jung bin. Als ich dann unversehens ins

dreißigste Jahr rückte, dacht ich: nun hast du's ja. Nun kannst du dir

ruhig deine Katze anschaffen und die Blumen ...« Sie deutete zum Fenster.

»Frau Hauptmann schilt wohl immer über den vielen Kram beim Reinemachen,

aber ich bringe sie doch nicht weg.«

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 18 / 50 题