Sie ging -- -- --

Nachher winkte Christiane sich das Fräulein Jong heran, in dessen

Abteilung die kleine Hanni Cöldt heute eingetreten war, und befragte sie

wegen ihrer Nichte.

Die Finkenaugen des Fräuleins kniffen sich ein bißchen.

Sie zauderte eine Sekunde.

Dann sprach sie offen: »Es scheint ein sonderbares Kind zu sein. Sehr

hart, sehr einsam. Und sehr zurück und sehr gleichgültig im Lernen. Na,

wir wollen abwarten.«

Nachmittags ging Christiane zum Präsidenten. Der empfing sie sofort. Er

trug einen uralten Namen, der an Landsknechtslieder und verbrannte Städte

erinnerte, und irgend etwas war an ihm, das ihr nicht unsympathisch war.

Überhaupt hatte sie in ihrer ganzen bisherigen Laufbahn selten einen

Widerstand auf männlicher Seite gefunden, ihre bittersten Gegner waren

immer nur die Frauen gewesen.

»Ich hoffe, daß gnädiges Fräulein -- pardon, Fräulein Doktor, sich

in Markburg eingewöhnen werden. Wir reiten Schnitzeljagden, haben einen

Kunstverein und einen Regierungsball --«

»Die Markburger Kunst werde ich mir ansehen,« antwortete sie, »die

Schnitzeljagden sind für mich vorbei.«

Rasch kam sie auf ihr Thema.

Der Präsident erhob keinen Widerstand.

Er war ein Fünfziger. Seine Frau, eine Wandlenburg, war eine Zeitlang

Christianens Schulkameradin gewesen und vor einigen Jahren verstorben. Die

Söhne besuchten die Ritterakademie.

Seine schwarzen Augen maßen sie aufmerksam.

Sie sprachen von mancherlei und kamen wieder auf die Reutterschule zurück.

»Der gute Diermann wird schon recht alt,« sagte der Präsident.

»Ich fürchte, es wird nicht mehr lange mit ihm gehen,« erwiderte

Christiane, »sein Gehör ist nur noch sehr schwach.«

»Hm,« machte der Präsident. »Wir müssen nun allerdings bedenken,

daß wir erst kürzlich einen sehr tüchtigen Mitarbeiter an der Anstalt

verloren haben -- deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als das noch

Vorhandene so gut wie möglich festzuhalten.«

Sie begann lebhaft von ihrem Plan, der Ausgestaltung der Reutterschule,

aber er streckte die schmale weiße Hand ein wenig aus: »Zunächst wollen

wir Sie noch gar nicht mit solchen Dingen behelligen, Fräulein Doktor,«

sagte er liebenswürdig.

Zum ersten Mal spürte sie an diesem verbindlichen Weltmann eine Spur

Mißtrauen. Wir haben dir ja den Willen getan, aber -- aber -- -- --

Sie lächelte in sich hinein. Was dachte er? Woher kam das auf einmal? War

das die Kleinstadt? Sie lächelte wieder.

Wißt ihr denn nicht, daß meine Hände eisenstark sind und eisenstark sein

müssen? Denn was hätte ich sonst, wenn ich mein Werk losließe --?

Ich will schaffen!

* * * * *

Sie ging nach dem Stieglitzberg. Die Straße lag am Stadtpark und hatte die

Aussicht ins Grüne. Grade gegenüber dem Hause Nummer zwei war die große

Fontäne, der Stolz der Stadt. Sie sprang, wenn es viel Wasser gab. Das

Haus war einer der in Markburg üblichen stuckreichen Maurermeisterbauten

und nicht mehr ganz neu.

Im ersten Stock war das Türschild: ›Verw. Frau Hauptmann Dorreyter, geb.

Freiin von Rhane.‹

Die Mutter hatte es in den ersten Zeiten anfertigen lassen, als die Pension

noch nicht so gut ging. Um einen Anziehungspunkt zu haben, nicht, um etwas

Besonderes vorzustellen. Denn sie war nie etwas Besonderes gewesen, auch

in ihrer Jugend nicht. Es hatte nicht in ihr gelegen, so schön sie auch

gewesen war. Das große Feuer des Blutes, das wilde Begehren ans Leben,

jedes Wagen hatte ihr gefehlt. Das sich zum Glück selber Berufenkönnen.

Wie es Hardi fehlte. Darum waren alle goldenen Äpfel, die das Schicksal

ihr etwa hätte reichen können, an ihr vorbei in den Staub gerollt. Darum

war sie Frau Dorreyter geworden und hatte alle Not gekostet. Jetzt ging

die Pension recht gut. Die Tischwäsche mit der Krone aber war längst

verschlissen und durch solche aus dem Warenhause ersetzt. Aus der

›weißen Woche‹.

Christiane hatte manchmal gedacht: wie gut ist es, daß ich niemals ein

Kind haben werde. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es anders würde als

ich. Wenn es -- zurücktauchte.

Jetzt aber hatte sie an Hanni Cöldt gesehen, daß es noch viel

wunderlichere und sonderbarere Dinge gibt als ein einfaches Zurückgleiten

der Generationen.

Die Mutter öffnete selbst. Sie hatte ein Staubtuch in der Hand. In

einem der Zimmer, dessen Inhaberin grade nicht da war, wurde Reinmachen

abgehalten. Frau Dorreyter hatte Christiane vor vier Tagen bei der Ankunft

begrüßt und ihr dann ein wenig beim Einzug ins Reutterschloß geholfen,

hierauf war sie gleich wieder in ihre Pension zurückgeeilt, denn die gab

zu tun.

»Warst du bei Hardi?« fragte sie gleich eifrig. »Wie fandst du sie?«

»Nervös, wie immer.«

»Sie ist sehr krank. Hättest du sie nur gesehen, wie ich sie gesehen

habe! Die ganze Heirat war eine Torheit. Wäre sie nur bei mir! Nur die

allergrößte Schonung kann ihr Leben erhalten --!«

Christiane zuckte die Achseln.

Frau Dorreyter öffnete die Tür zu ihrem Wohnzimmer, das zugleich

allgemeines Eßzimmer war. Sie schlief auch darin. Abends wurde das Sofa

für sie zurechtgemacht, und sie lag darauf besser, als in irgend einem

Bett. Sie war es gewohnt. Früh, ganz zeitig, stand sie auf.

Jetzt war alles tadellos aufgeräumt. Auf dem Büfett lagen die

aneinandergereihten Serviettenröllchen der Damen neben einem blanken

Nickelkaffeegeschirr.

Auf dem Tisch stand noch eine Kanne mit dem Wärmer.

»Das ist für die Friedlein und die Kanarienvögel. Die sind ausgegangen.

Ich glaube --« ihr Gesicht wurde besorgt, »die Friedlein hat wieder

eine ... Aussicht.«

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 17 / 50 题