Hastig fuhr er zurück und starrte zur Tür -- da stand aber nur
Mehlmännchen, die in ihre Klasse wollte.
»Hm,« sagte er nur. Sein Blick wurde eine Sekunde höhnisch. Nach einigem
Irren traf er sich mit dem der Oberlehrerin.
Jetzt läutete es.
Die Glocke, ein rostiges Werk, hing unten im Erdgeschoß, durchgellte aber
alle Räume wie ein Feuersignal.
Sie eilten alle hinaus. Der Professor warf dabei noch einen unzufriedenen
Blick auf Mai. Keine von seinen Töchtern war so hübsch!
Ei -- da stand ja das Fräulein Doktor!
Der Alte hatte es noch nie so eilig gehabt. Er riß sich in allen Knochen
zusammen und bedachte nicht, daß er es vor einem männlichen Chef
wahrscheinlich ebenso getan hätte, so lange ihm noch an seinem Amt gelegen
war.
Aber Christiane sah doch, wie es um ihn stand. Ein ganzes Schulmeisterleben
zog an ihr vorüber: ein bißchen zahme Jugend, dann Schaffen, Sorgen,
Schaffen. Gleichmaß. Schritt auf Schritt. Und auf einmal die Senkung des
Weges, das hilflose Verfallen ins Alter hinein. Die Pensionierung.
Ja, geschah es einem anderen anders? Geschah es ihr einmal anders? Ihre
Wimpern zuckten scheu. An alles Anfangen schloß sich ein Aufhören. An
jeden Sieg, wie er auch aussah, wie heiß er war, wie mühsam errungen,
schloß sich die Stunde, in der die Waffen abgegeben werden mußten. Alle
Waffen und aller Schmuck.
Sie wandte sich.
Da stand jemand.
»Sie wünschen mich zu sprechen?«
Da erkannte sie erst die kleine Wehrendorf.
Ein Schreck lief ihr durchs Herz.
»Du --« sagte sie.
Es war noch immer das alte Pechkind, über das die jungen Damen im
Erziehungskasten so gelacht hatten. Es mußten noch manche andere über
das Mädchen gelacht haben, so arm stand es da, so scheu, so still. Das
Gesicht, das nie hübsch gewesen war, war jetzt alt, sehr, sehr alt,
verblichen und geschrumpft.
Schweigsam folgte sie Christiane in das Arbeitszimmer, matt sah sie zur
›eisernen Wehr‹ auf, hastig drehten ihre Finger den Briefumschlag, den
sie mitgebracht hatte. Sie wagte sich kaum zu setzen.
»Du möchtest hier am Reutterschloß unterrichten?«
»Die Damen haben mir den Rat gegeben,« flüsterte die Wehrendorf, »ich
sollte ... ich weiß ja nicht ...«
Christiane griff nach den Papieren.
»Zuletzt erzogst du meine kleine Nichte -- --?«
»Ein Jahr,« antwortete die Wehrendorf. Sie vermied jede direkte
Ansprache, denn sie wußte nicht, ob sie das Fräulein Doktor noch so
anreden durfte, wie die sie. »Ich habe schon viele Stellungen gehabt.«
»Wo warst du überall?«
»Damals aus der Schweiz ging ich nach der Lüneburger Heide. Dann --« Ada
suchte in ihrem Gedächtnis. »Dann ging ich nach dem Rhein. Nach Mainz.«
»Nach Mainz,« sagte Christiane.
»Da hab ich es sehr gut gehabt. Ich wär so gern geblieben, die Leute
haben mich auch gemocht. Und die Kinder erst -- Schön war's --! Aber da
wurde ich krank.« Ihre Blicke flirrten.
»Was fehlte dir?«
»Die Nerven,« murmelte Ada, »und ein bißchen an der Lunge.
Erschöpfung. Danach wurde ich Erzieherin in einer Anstalt für
verwahrloste Mädchen.« Sie schauderte ein wenig. »Das war schwer. Sehr
schwer. Da ging ich --« sie ließ plötzlich die Hände sinken, »ach, ich
weiß es nicht mehr auswendig, es war so viel. Ich hab kein Glück gehabt.
Ich hab kein Glück gehabt.«
In ihren Augen brannte eine verzehrende Angst.
»Und ich habe doch immer so gern gearbeitet,« sagte sie. Christiane
schlug die Papiere auseinander. Vor allem suchte sie das Zeugnis heraus,
das Ludwig geschrieben hatte. Es sagte gar nichts. Er hat ihr nicht den
Weg verlegen wollen, dachte sie und durchblätterte die anderen Bogen --
so hatten die übrigen auch gedacht! Doch -- da auf dem einen stand:
›Körperlich sehr wenig geeignet.‹
Sie sah das schmächtige Mädchen wieder an.
»Hast du niemals an einen anderen Beruf gedacht?«
»Umsatteln?« fragte die Wehrendorf erschrocken, »das kann ich ja gar
nicht! Wie denn? Was denn? Ich mag doch nichts anderes -- ich passe zu
nichts anderem -- die Kinder immer um mich zu haben -- o, das ist schön!
Ich mag die Kinder so gern! Es war mir so schrecklich, daß ich immer
wieder aussetzen mußte!«
Sie senkte das Gesicht.
Christiane überlegte. An der Schule war noch die Stelle des Akademikers
unbesetzt, der abgegangen war, als ihre Ernennung bekannt wurde. An Herren
waren außer dem Professor nur der kleine Oberlehrer Doktor Korn, der
Junggeselle Dreher und der blonde Zeichenlehrer da, von dem es hieß, daß
er ein verunglückter Künstler sei. Alle Kräfte waren sehr überlastet.
Man konnte die Wehrendorf vielleicht versuchsweise eintreten lassen. Aber
Christiane wußte zugleich, daß sie damit eine Verantwortung übernahm.
Sie legte die Papiere zusammen. »Ich kann dir jetzt noch keinen Bescheid
geben. Morgen sollst du wissen, ob du Aussichten hast.«
Die Wehrendorf stand auf.
»Wo wohnst du?«
»Im christlichen Hospiz.«
Das Mädchen verneigte sich. Christiane drückte ihr die Hand. Ada ging zur
Tür.
Da sah Christiane etwas Merkwürdiges. Es war nur eine Schulterneigung,
eine einzige, geringe Haltungsveränderung. Aber sie sagte: bis morgen
ertrage ich es nicht mehr. Es kommt auch nichts. Es wird auch nichts.
-- -- -- Es soll zu Ende sein.
Sie eilte ihr nach.
Es rief in ihr: hilf ihr! Hilf einer Schiffbrüchigen, einer der ärmsten
unter den Frauen, einer, der nach Schaffen hungert und der es nicht gegeben
wird. Gib ihr einen sanften Platz, einen Anfang -- dann wird sie sich schon
hineinfinden. Sie bringt alle Liebe mit. Nimm es auf dich, auch einmal
gegen deine Pflicht zu handeln.
»Da,« sagte sie zu Ada, »bring deine Papiere dem Patronat. Dem
Präsidenten. Ich will heute noch selber mit ihm sprechen. Dann wird es.
Hörst du? Es wird.«
Die Wehrendorf sagte gar nichts. Sie sah sie nur mit erloschenen Augen an.
»Und geh zu meiner Mutter. Am Stieglitzberg 2. Du wirst schon finden.
Sage, ich schickte dich. Nimm deine Sachen mit, sie wird dir einstweilen
ein Unterkommen geben. Ja, ja, ich meine es im Ernst. Es wird schon werden,
fasse nur wieder Mut. Wir werden dir schon helfen. Du kannst vielleicht
immer da wohnen bleiben, das heißt, wenn es dir späterhin gefällt --«
»Es wird mir -- schon gefallen,« sprach die Wehrendorf.
Sie faßte nach Christianens Hand.
Es war der dumpfe Blick eines geretteten Tieres.