Fräulein Mehlmann stammte aus dem benachbarten Neukirch. Sie war so gut
wie vom Lande.
»Nu, ich meine --« sie verbesserte sich jetzt rasch. »Ich dachte, wenn
unser Fräulein Doktor so fein aussieht, müssen wir auch was übriges tun.
Ich mochte ihr in der alten braunen Bluse nicht mehr begegnen.«
»Hm,« machte die Seifert.
Ein Schweigen ging durch die Runde. Die beiden kleinen Vögel wagten kaum
zu atmen.
Da sprang die Türe auf. Es war aber der Professor Diermann, der immer zwei
Minuten vor Anfang kam. Neugierig lugten seine Augen voraus, dann kam er
näher.
»Morjen, morjen.« Er griente die Damen an.
Zwischen ihm und den Kolleginnen galt unsichtbar auch der Satz aus der
Bibel: ›Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe --‹, wie
er in allen Berufen herrscht, in denen es auf eine ernstliche Konkurrenz
hinausgeht.
Professor Diermann verachtete die Kolleginnen, zunächst weil er ein
geborener Markburger war, die alle arbeitenden Frauen geringschätzten,
dann als Akademiker gegenüber geringwertiger Frauenbildung, dann wegen
noch anderer Dinge. Er machte aus seiner Richtung nicht immer ein Hehl, in
seinem Alter glaubte er Ritterlichkeit nicht mehr nötig zu haben und
-- die Damen brauchten ja nicht in die Schule zu kommen, wenn sie
Ritterlichkeit beanspruchten.
Er hatte vier Töchter, die eifrig Tennis spielten und sich dadurch noch
Männer zu erobern hofften. Wenn nun nicht so viel Damen an der Schule
gewesen wären, so wären eben Männer hingekommen, und damit auch wohl der
eine oder der andere Heiratskandidat. Denn der einzige Unverheiratete im
Reutterschloß, der behäbige Oberlehrer Dreher, war wohl nicht mehr zu
rechnen. --
In der Beziehung hatte Diermann Sorgen. Wie schwer fiel es ihm nicht, die
Kleider für die vier herbeizuschaffen! Er mußte auf seine alten Tage
noch Pensionäre halten, und wenn sie ihn zur Ruhe setzten -- was dann?
Er hörte von Tag zu Tag schwerer. Ja, das knappe Gehalt für einen
Familienvater! Und hier diese sogenannten Kolleginnen bezogen für sich
allein so viel Geld! Wozu brauchten sie es denn? Doch nur für Putz!
Er richtete einen bösen Blick auf Mai.
Sie übte keine Wirkung auf ihn aus, lächelte aber so freundlich, wie sie
gewohnt war, Männer anzulächeln. Einmal fiel es doch hoffentlich auf den
richtigen Boden, wenn es auch auf keinen Fall der Professor Diermann sein
sollte!
»Gut geschlafen?« fragte er bissig die Oberlehrerin. »Ja, in unseren
Jahren -- --«
Er freute sich, daß er ihr einen Stich versetzt hatte. Sie gab ihn rasch
zurück, indem sie ganz leise antwortete: »Haben Sie unser Fräulein
Doktor schon gesehen?«
Ihr wichtiges Gesicht machte ihn unruhig -- was hatte sie gesagt? Er hatte
nichts verstanden, obwohl er ihr das beste Ohr hingehalten hatte. Rasch
schaute er ringsum.