— War sie denn wirklich so elend geworden? War denn eine Flucht in die

Einsamkeit, in das wohltuende Schweigen der Wälder die einzige

Möglichkeit, ihr neue Stunden des Glückes erblühen zu lassen? — War

sie denn nicht mehr jung? — Kaum 27 Jahre zählte sie, und weder die

Zeit, noch die Härte der Schicksalsschläge hatten ihre einstige

Schönheit vernichtet. Nur ernster war sie geworden, überlegender, mehr

in sich zurückgezogen.

Auch an Reichtum fehlte es ihr nicht. Theobald hatte sogar in

glücklichen Feldzügen einen Teil der einst verlorenen Güter

zurückerobert und den früheren Besitzungen neue hinzugefügt.

Und der Hofstaat der Lützelburg war glänzender denn je. Neue Aemter und

Würden waren eingeführt worden, und die edelsten Männer des Landes

stritten sich um die Ehre, eines derselben bekleiden zu dürfen.

[Illustration: Ermesinde in der Waldeinsamkeit der Bardenburg.]

Doch was lag der Fürstin an alledem? Was lag ihr an Schönheit,

Wohlstand und Glanz! Das alles hatte sie genugsam betrogen. Wie eine

herrliche, scheinbar goldene Wolke war es gewesen, und sie hatte sich

unversehens in eine dunkle Gewittermasse verwandelt, die nur Unheil und

Trübsal in ihrem dunkeln Schoße barg! Wie ein buntes, gefangenes

Vöglein war es gewesen, das unerwartet den Händen eines Kindes

entschlüpft und mit gestreckten Flügeln das Weite sucht! Warum sich ein

weiteres Mal der Gefahr aussetzen, von trügerisch schillernden Farben

geblendet und enttäuscht zu werden? —

Sie konnte nicht mehr beten.

Trüb und abwechslungslos verflossen ihre Tage. Nur dann und wann sandte

sie einen Boten. Der sollte ihrem Statthalter in Luxemburg kurze

Anweisungen bringen. Weiter wollte sie sich um nichts mehr kümmern.

Stunde um Stunde saß sie einsam auf der Bardenburg. Gedankenlos schaute

sie den Vögeln nach, die im hohen Äther eilig vorüberstrichen, oder sie

blickte in das nimmermüde Spiel der Wellen, das die Eisch eintönig zu

Tale führte und spurlos in die Ferne trug. War aber das Wetter

schlecht, dann hockte sie am fest verschlossenen Fenster, schaute in

die vom Wind gejagten und zerfetzten Wolken und ließ ihre nassen Augen

an den Regentropfen haften, die wie Tränen lautlos und zitternd an den

Scheiben niederrollten.

— Sollte denn nichts imstande sein, ihren Trübsinn zu brechen und

neuen Lebensmut in ihre wunde Seele zu gießen? Kunigunde von

Schockweiler riet ihr und mahnte sie, in stärkenden Spaziergängen, in

längeren Wanderungen durch Feld und Wald Ablenkung und Trost zu suchen.

Aber sie hörte nicht den lieblichen Gesang der Vögel und achtete nicht

auf das einlullende Murmeln der Quellen.

Alles, alles war umsonst.

Nur eines schien sie dann und wann zu fesseln. Das war die alte, graue

Mühle am Fuß des Berges. Wie friedlich lag sie da im Grün der Wiese, am

stillen, dunkeln Wasser! Wie friedlich spiegelte sich ihr Bild in dem

weiten, schilfumsäumten Teiche! Frieden atmete sogar ihr eintöniges,

regelmäßiges Klappern und die großen, moosbedeckten Räder, die sich

knarrend im schäumenden, rauschenden Gischte drehten. Und erst ihre

Bewohner! Bei aller Arbeit waren sie zufrieden und sichtlich glücklich.

Doch auch dieses schöne Bild wollte im Herzen der Leiderfüllten keine

frohe Stimmung wecken. Es zwang sie nur zu neuen Klagen und bittern,

unaufhörlichen Tränen.

Gottes Gedanken sind nicht die Gedanken der Menschen; seine Wege nicht

die Wege der Erdgeborenen. Sollte er vielleicht seine eigenen Pläne mit

dieser Fürstentochter vorhaben? Sollte er sie vielleicht deshalb immer

tiefer in den Feuerofen der Leiden senken, damit sie für später ein um

so brauchbareres Werkzeug in seinen Händen würde? Es erfüllt sich ja so

manchmal im Leben das bedeutsame Wort des Dichters:

„Durch Druck und Schläge mannigfalt

Wird rein geglättet jeder Stein,

Bevor des weisen Vaters Hand

In hohen Bau ihn füget ein.“

* * * * *

[Illustration]

7. Kapitel.

Schwindende Nacht

Septuagesima 1213. Tagszuvor hatte die Fürstin lebensmüde die

Bardenburg verlassen, um über Hobscheid und Körich nach Luxemburg

zurückzukehren. Nicht, als ob neue, wichtige Ereignisse ihre dortige

Anwesenheit notwendig gemacht hätten; auch der Einsamkeit und Stille

war sie überdrüssig geworden und sehnte sich zurück nach der Stätte, wo

ihre Kindheits– und Jugendjahre verflossen waren.

Von der Münsterabtei riefen die Glocken in feierlichen Tönen zur

Konventsmesse. Mit ihrem ersten Schlage erschienen vom Kreuzgang her

die zum Gottesdienst schreitenden Mönche. Zu zwei und zwei kamen sie

daher, schweigsam und gemessenen Schrittes. Ihre Augen waren

niedergeschlagen: ihre Hände in den weiten, herabhängenden Ärmeln ihrer

Kutten vergraben. Sie machten eine fromme Kniebeugung zum Altare,

verneigten sich ehrerbietigst zum Throne ihres Abtes und reihten sich

lautlos in das braune, kunstvoll geschnitzte Chorgestühl, in dem sie

mit geöffnetem Buch dem Beginn des heiligen Opfers entgegensahen.

Im Mittelschiff, als Erste vor den Schranken, kniete die Gräfin. Ihre

Wangen waren abgezehrt. Das fahle Weiß ihres Gesichtes hob sich

schreckhaft und gespenstermäßig von dem tiefen Dunkel der Trauerkleider

ab, die sie seit dem Tode ihres Gatten nicht mehr ablegen wollte.

Verstohlen blickten die Kirchgänger zu ihr hinüber. „Arme Frau!“

lispelten sie, „nicht lange mehr wirst du ihm nachtrauern! Nicht lange

mehr, ... dann wirst du Frieden finden!“

Schon wogte der rythmische Chorgesang, wie Flut und Ebbe, feierlich

getragen zwischen den Mönchen hin und her. Der Fürstin klang es wie

banges Rufen, wie leiderfülltes Ringen in dunkeln, tiefen Grüften.

Sie weinte. In allem fand sie ein Bild des Todes.

Und wieder waren es die Gedanken ans Sterben, die mit den Worten des

Introitus auf sie eindrangen. „Die Schmerzen des Todes umringen mich;

die Gefahren der Unterwelt hüllen mich ein.“ — Als ob sie eigens für

sie geschrieben und nur deshalb in Töne gefaßt wären, um desto

nachhaltiger auf ihre Seele einzuwirken! — Und so hörte sie nicht das

trostvolle, im gleichen Introitus angegebene Mittel, sich aus Trauer

und Bedrängnis emporzuranken: „... und in meiner Trübsal habe ich zum

Herrn gerufen, und er erhörte meine Stimme.“ So ist ja der Mensch. In

großer Freude, in tiefer Trauer achtet er nur auf das, was seiner

augenblicklichen Stimmung zusagt und den Höhenflügen oder Tiefengängen

seiner Gedanken entspricht.

Auch in Luxemburg fand sie nicht den Frieden.

Nach schlaflos verbrachter Nacht eilte sie in der Frühe des folgenden

Tages zurück zur Bardenburg. Sie glich eben dem auf den Tod Erkrankten,

der unaufhörlich seine Kissen rückt und rückt und doch keine Ruhe

findet.

Wie ein gehetztes Wild irrte die bedauernswerte Frau durch Feld und

Wald. Scheu wich sie allen Menschen aus, und diese wieder machten

Umwege, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Von ferne nur flüsterten

sie: „Wenn das junge Laub erscheint ...! Arme, arme Fürstin! den

Kuckuck wirst du wohl schwerlich noch einmal singen hören!“

* * * * *

Alleluja! Osterjubel! — Über Nacht verging die Winterstarre und

wandelte sich in neues, flutendes Leben. Heller flossen die Brunnen.

Die graue Mühle umhüllte sich mit einem farbenbunten Kleide von roten,

blauen und weißen Blumen. In blühenden Bäumen sangen die Vögel.

An einem herrlichen Frühlingstage war die Gräfin ihrer Gewohnheit gemäß

von der Bardenburg herabgestiegen und wandelte sinnend am Ufer des

murmelnden Bächleins drunten im engen Waldtal.

Wie war es hier so still! — Nur das Wasser rauschte und raunte, als ob

es in seiner Art von der Größe des Allmächtigen plaudern wollte.

Alles atmete Frieden.

Als fürchtete sie, die weihevolle Stille zu verscheuchen, schritt die

Gräfin mit vorsichtigen Füßen langsam auf dem moosbedeckten Pfade

weiter und fand sich schließlich am Fuße einer dichtbelaubten Eiche,

unter deren knorrigen Wurzeln die sogenannte „klare Quelle“

hervorsprudelte. Die Sonne hatte ihren Höhepunkt erreicht und schaute

friedlich in das helle Wasser, wie ein eitles Mädchen, das vor dem

Spiegel steht und seinem eigenen Bilde selbstgefällig zulächelt.

Auch die Fürstin blickte in das Wasser. Aber schon meldete sich wieder

die Wehmut. Sie schüttelte den Kopf und wollte weiterwandern.

Aber etwas hielt sie zurück.

Sie begann zu grübeln und zu sinnen, und ohne es recht zu wissen, ließ

sie sich nachdenklich am Fuß der alten Eiche nieder.

Sie lehnte das müde Haupt an den Stamm des Baumes zurück und sah zu den

goldumsäumten Wolken, die kaum bewegt, langsam, ganz langsam über dem

Tälchen daherzogen.

Ihre Augen waren halb geschlossen.

Durch die Bäume klingelte das Glöckchen eines Einsiedlers, der in der

Nähe sein Kapellchen hatte und durch das Zeichen des Glöckleins von

Zeit zu Zeit die frommen Bewohner der Gegend zum Gebete aufforderte.

Sie hörte es und lauschte. Ihre Hände legten sich unwillkürlich

ineinander; auf ihre Lippen stieg das |Ave|, der Gruß an die Königin

der Königinnen.

Das Quellchen murmelte weiter. Kaum hörbar lispelten die Bäume. —

Da! — Ging nicht ein Rauschen durch das Dickicht? — Es teilten sich

die Sträucher. Nebelhaft, verschwommen, erschien ein menschliches

Wesen. Es wurde heller und heller. Der Nebel verfloß, und endlich stand

vor den Augen der erstaunten Gräfin eine andere Fürstin, so voll Licht

und Hoheit, wie sie niemals eine solche gesehen hatte. Ein blendend

weißes Kleid, gesäumt mit Gold und Silber, umschloß ihre Glieder. Um

ihre Stirne wallte ein blauer Schleier, in dem die herrlichsten Sterne,

wie kleine Sonnen, glänzten.

In ihren Armen trug sie ein Kind, aus dessen Zügen die Schönheit selbst

zu leuchten und überirdische Güte zu strahlen schien.

So kam die Erscheinung näher und näher. Schon stand sie am Rande des

Quellchens, Ermesinde gegenüber, und setzte sich gleichfalls an den

Rand der Quelle nieder. Holdselig winkte sie Ermesinde einen

freundlichen Gruß, in den auch das Kindlein huldvollst einstimmte.

Das Staunen der Fürstin sollte noch größer werden. Mit einemmal

breitete das Kindlein seine Händchen aus, und von der Höhe stiegen,

leise durch die Sträucher huschend, viele, viele Schäflein, weiß wie

Schnee. Sie hüpften im weichen Grase und tranken aus der Quelle in

langen, durstigen Zügen. Dann schmiegten sie sich furchtlos zu Füßen

der holden Dame nieder, die sie liebevoll streichelte und denen sie

ihre makellose Hand freundlich auf das weiße, wollige Fell legte. Nicht

minder freute sich das Kindlein am Anblick der sanften Tierlein, die es

herzte und koste. Die Lämmlein aber waren sichtlich froh und

überglücklich.

[Illustration: Die Erscheinung an der klaren Quelle.]

Doch eines erregte die besondere Aufmerksamkeit der Gräfin. Was war das

denn für ein Zeichen, das jedes Schäflein auf dem Rücken trug. Ein

schwarzes Band zog sich über denselben hin, ging über die Schultern

auseinander und vereinigte sich erneut unter dem Halse. Ein Skapulier

hätte man sagen können, wie es manche Mönche tragen, mit dem

Unterschied, daß letztere das ihrige ablegen können, während dieses

inmitten der Wolle von selber wuchs.

Noch immer staunend verkostete die Gräfin das eigenartige, liebliche

Bild.

Nun wurde sie gar von der himmlischen Erscheinung angeredet. „Meine

Tochter,“ sprach sie freundlich, „dieses sind meine Lämmchen. Einige

von ihnen kommen weit her, von den hohen Bergen, die in der Sonne

glänzen. Andere steigen aus den Tiefen der Täler, aus Brachfeld und

unwirtlicher Steppe. Bei mir finden sie fette Weide und köstlichen,

labenden Trank. Keines dieser Schäflein hat Sorgen. Sie schenkten sich

meinem Sohne, ganz und ohne Rückhalt, und er gab ihnen das, was ihnen

die Welt nicht bieten konnte, das Höchste, was es gibt, was auch du

suchst und nirgends findest, ... den Frieden.“

Erschrocken fuhr die Fürstin auf. — Klang das nicht wie die letzten

Worte, die ihre sterbende Mutter an sie gerichtet hatte? —

Aber die Erscheinung fuhr fort. „Jetzt kennst du meine Schäflein. Du

kennst die Liebe, die ich zu ihnen hege. Soll ich sie dir anvertrauen?

Hier wären sie gut! Das Tal ist dein! Gestatte ihnen, hier zu bleiben!“

Nach diesen Worten stand die Dame auf. Von ihren Schäflein gefolgt, zog

sie von dannen, talaufwärts, gegen die Hütte des Einsiedlers hin, und

verschwand in einem silbern leuchtenden Nebel. Einige Zeit noch

schwebte dieser Nebel über dem Tälchen, hob sich in die Lüfte und

verging.

Wie aus einem Traume erwachend, blickte die Gräfin auf. Ihr Auge

suchte, aber das Tälchen war wieder still und einsam, wie zuvor. Nur

das Quellchen murmelte, und kaum hörbar lispelten die Bäume.

Freudig erhob sich die Gräfin, und kehrte jubelnden Herzens zu ihrer

Burg zurück. So leichten Schrittes war sie seit langem nicht mehr

gewandelt.

In ihrem stillen Kämmerlein saß sie am Abend lange Zeit sinnend am

Fenster. Am Himmel stand der volle Mond mit den goldschimmernden

Sternen, ein Bild dessen, was sie an der |klaren Quelle| geschaut

hatte.

Und ehe sie zur Ruhe ging, betete sie aus voller Seele, inbrünstig, wie

schon lange nicht mehr, das ihr früher so geläufige Abendgebet, in das

sie einige Verslein einfügte:

„Ich will schlummern; wache du,

Herr und Hirte deiner Schafe,

Schließ die müden Augen mir,

Schütze mich in meinem Schlafe!

Gib mir deiner Engel Wacht,

Liebster Jesu, gute Nacht!

Wenn ich träume, sei’s von dir

Und den lieben Englein allen,

Die wie Schäflein, voller Zier,

Durch den Himmel mit dir wallen!

Grüße, die mir sind bekannt,

Dort, zu deiner rechten Hand!

Gute Nacht, Herr Jesu Christ!

Hirte, der du gütig bist,

Deiner Lieb’ sei nicht verhehlet,

Was ich klagend hab’ gefehlet,

im Trübsinn, sonder Maß,

Ich auf deine Huld vergaß!

Hilf mir fortan besser sein,

Gute Nacht, jetzt schlaf ich ein!“

In ihren Träumen hüpften und spielten die Schäfchen.

Ehe die Sonne am Himmel stand, kniete sie wieder am Fenster. Aus ihrer

längstverschlossenen Truhe hatte sie eine silberbeschlagene Bibel

hervorgeholt, um aus den Psalmen das Morgengebet eines neuen Lebens zum

Himmel zu senden:

„Gott ist mein Hirt, nichts wird mir mangeln;

Am Ort, wo Weide ist, läßt er mich weilen,

Am Wasser, wo Erquickung, versorgt er mich,

Labt meine müde Seele;

Lenkt mich auf Pfade der Gerechtigkeit,

Um seines Namens willen.

Und mußt’ ich wallen durch die Todesschatten,

Ich würde keinen Unfall fürchten,

Denn du bist bei mir.“

($Ps. 22$)

* * * * *

[Illustration]

8. Kapitel.

Beim Klausner

Doch wer mochte die holde Dame sein, die Ermesinde mit ihrer

Erscheinung beehrt und ihr mit gütigem Lächeln unerwartet süßen Trost

ins müde Herz gegossen hatte? Wer war das liebe Kindlein, dessen

freundlicher Blick endlich wieder einen Schimmer des längst vermißten

Friedens in ihrer wunden Seele geweckt hatte? Und die weißen,

schwarzbebänderten Schäflein, die so freudig an den himmlischen

Gestalten vorbeizogen und von ihnen geherzt worden waren, hatten doch

sicher ebenfalls ihre besondere Bedeutung! —

Diese und ähnliche Fragen traten an jenem Abend immer wieder vor den

grübelnden Geist der Gräfin und ließen ihr keine Ruhe. Sie suchten und

suchten nach einer Antwort, aber diese Antwort ließ sich nicht finden.

In der Frühe des folgenden Morgens wanderte sie zurück ins Tal. Sinnend

durchschritt sie die Pfade, die sie tagszuvor gegangen war.

Nachdenklich stand sie an der klaren Quelle. Bald blickte sie ins

murmelnde Wasser, bald nach der alten Eiche, bald nach der Anhöhe, von

der die Schäflein niedergestiegen waren ... Aber alles Spähen blieb

umsonst. Kein Lüftlein störte die eindrucksvolle Stille. Nur der

gewöhnliche Frühlingsmorgen webte geräuschlos um Baum und Strauch, und

die hellen Sonnenstrahlen glitten wie weiße Fäden lautlos durch das

junge Grün.

Da tönte mit einem Male von der nahen Kapelle her der sanfte, feierlich

getragene Klang des Klausnerglöckchens. Wie ein feines, helles

Stimmchen kam er daher; wie suchend wand er sich durch die Bäume;

verklingend stieg er in die Grüfte, um gleich darauf wieder

anschwellend nach der Höhe zurückzuschnellen ... Als wollte er in alle

Klüfte, in alle Winkel die Mahnung tragen:

„Grüße die Mutter,

Die himmlische Frau!

Ihr deine Leiden

Sorglos vertrau!“

Die Menschen hörten den Klang. In der Nähe und Ferne falteten sie die

Hände und beteten, wie man sie gelehrt hatte:

„Gruß dir, o Mutter,

Du himmlische Frau!

All meine Sorgen

Dir ich vertrau!“

Auch die Fürstin hatte das Gebetchen gesprochen. Aber ihre Gedanken

waren augenblicklich von demselben abgebogen. Der Ton des Glöckleins

hatte sie an jemanden erinnert, der ihr auf ihre Fragen Antwort geben

konnte, der fromme Einsiedler Rhabanus. — Wie sie bloß seiner so lange

vergessen konnte ...! —

Seit Jahr und Tag wohnte er an der klaren Quelle. Von Ginster und Farn

umstanden, hockte sein Hüttlein am Fuße eines hohen Felsens.

Die ganze Gegend kannte ihn.

Und doch kannte man ihn wiederum nicht. Niemand wußte um seine Familie

und sein Vaterland. Von weither war er gekommen. Vielleicht aus

fürstlichem oder königlichem Hause. Das verrieten seine vollendete

Höflichkeit, mit der er allen, auch den Ärmsten begegnete und die tiefe

Wissenschaft und Weisheit, mit denen er in allen Fragen bescheidenen,

klugen Rat erteilen konnte.

[Illustration: Der Klausner in Betrachtung.]

Nun aber lebte er in gänzlicher Zurückgezogenheit. Eines nur

beschäftigte ihn, die Ehre Gottes und das Wohl seines Nächsten. Zu

verschiedenen Stunden des Tages läutete er das Glöcklein seiner Kapelle

und mahnte damit die Gegendbewohner zum Gebet. Hatte er selbst seine

langen Betrachtungen vollendet, so wandelte er durch den Wald. Dort

sammelte er Kräuter und Heilblumen, die er sorgsam trocknete und für

die aufhob, die in ihren Krankheiten zu ihm kamen. Unentgeltlich gab er

seine Arzneien an die leidenden Mitmenschen ab und vergaß niemals auch

ein Wort der Erbauung und Belehrung für ihre Seele beizufügen.

An regnerischen Tagen schreinerte er. Damit ihn der Teufel niemals

müßig fände.

In der Ecke seines Hüttleins stand sein Sarg. Der sollte ihn zu

Lebzeiten an den Tod erinnern und ihm die Kostbarkeit des schnell

verrinnenden irdischen Daseins ins Gedächtnis rufen. Deshalb grüßte er

ihn immer wieder mit den wohlbedachten Worten: „_Memento mori!_

Gedenke deines Sterbens!“

Bruder Rhabanus hatte eben sein Glöcklein zu Ende geläutet und wollte

nun auf seinem Betschemel niederknien, um die Tagzeiten der

Muttergottes zu verrichten, wie es die Priester zu tun pflegten. Da

trat die Fürstin ehrerbietigst an ihn heran.

„Bruder Rhabanus,“ flüsterte sie, „dürfte ich auf einen Augenblick Eure

tröstliche Hilfe in Anspruch nehmen?“

Schweigend schloß der Mann Gottes das eben geöffnete Buch. Demütig

folgte er der Gräfin auf die Schwelle des Kapellchens.

Es lag ein eigenartiger Gegensatz zwischen den noch unruhigen Zügen der

Gräfin und dem abgeklärten, von himmlischer Ruhe und überirdischem

Frieden versonntem Wesen des Einsiedlers.

„Ehrwürdiger Bruder, ich brauche Euern Rat!“

„Gnädige Fürstin, wenn es in meiner Macht steht, will ich Euch mit

größter Freude helfen. Redet!“

Da griff Ermesinde weiter aus. Sie schilderte mit bewegter Seele all

das Ungemach, das sie seit Kindheittagen unablässig verfolgt, die Nacht

der Trübsal, die immer dichter und dunkeler um sie geworden war und sie

schließlich an den Rand der Verzweiflung getrieben hatte. Dann sprach

sie von der lieblichen Erscheinung, die ihr an der klaren Quelle wieder

einigermaßen Ruhe und Frieden verschafft hatte, deren Sinn sie sich

aber trotz eifrigstem Nachdenken nicht deuten könnte.

Mit gespanntester Aufmerksamkeit hörte Rhabanus zu. Punkt um Punkt

prägte er sich die Einzelheiten der Erscheinung ein. Als die Gräfin

geendet hatte, gab er freundlichst zurück: „Wie ich bereits

hervorgehoben habe, gnädige Frau, will ich gerne alles tun, was ich zu

Euerm Trost und Euerm fürstlichen Wohlergehen vermag. Aber einstweilen

muß ich von einer sicheren Deutung Eures Gesichtes absehen. Erst will

ich beten und den Allwissenden, von dem alle Erkenntnis kommt, um

Erleuchtung anflehen. Stammt die Erscheinung von ihm, so wird er uns in

seiner Güte restlose, eindeutige Erklärung finden lassen. Die gnädige

Frau wollen ebenfalls in eifrigem Gebet zum Himmel rufen, mein

schwaches Flehen bei Gott unterstützen und morgen wiederkommen!“

Ermesinde versprach es.

In stiller Stunde der Nacht betete Rhabanus eindringlicher noch als

sonst. Am Himmel standen die Sterne. Sie leuchteten in ungetrübter

Klarheit und sahen zur Erde nieder wie eine in der Ferne grasende,

friedliche Herde.

Anderntags, lange vor der festgesetzten Stunde, war die Fürstin auf der

Schwelle des Kapellchens. Rhabanus weilte noch im Gebet.

Als er schließlich aus dem Heiligtum hervortrat, lag ein frohes

Leuchten auf seinem friedlichen Antlitz.

„Heil Euch, gnädige Frau!“ jubelte er, „die Lösung ist gefunden. Es war

kein Spiel trügerischer Einbildungskraft oder teuflicher Bosheit, das

Euch an der klaren Quelle blendete. Was Ihr geschaut habt, war

himmlischen Ursprungs. Ihr sahet die allerseligste Jungfrau; Ihr sahet

das Kindlein Jesu. Die Königin des Friedens, die Mutter der

Barmherzigkeit, hat Euch gnädig zugelächelt. Wohl Euch! Wer sie findet,

findet das Leben und schöpfet Heil vom Herrn!“

„Aber was bedeuten die weißen, schwarzbebänderten Schäflein, Bruder

Rhabanus!“

„Auch dieses kann ich Euch deuten, gnädige Frau. Die allerseligste

Jungfrau hat eine Bitte an Euch!“

„Eine Bitte? Was könnte ich für die Königin des Friedens tun?“

„Gnädige Frau, dieses Tälchen gehört Euch. Hier möchte die Mutter der

Erbarmung ein Heiligtum haben; hier an der klaren Quelle möchte sie

verehrt werden von frommen, gottgeweihten Jungfrauen,

Zisterzienserinnen, die hier ein Kloster gründen und ihr das Ave singen

sollen von früh bis spät.“

„Ein Kloster Zisterzienserinnen?“ wiederholte die Gräfin mit wachsendem

Staunen. „Bruder Rhabanus, das verstehe ich nicht. Woher entnehmt Ihr

denn, daß Maria gerade Mitglieder dieses Ordens an der klaren Quelle

wünscht?“

„Ich sehe es an der Farbe der Lämmchen, gnädige Frau. Ein Irrtum ist

ausgeschlossen. Weiß sind nur die Zisterzienserinnen gekleidet, und ihr

Skapulier ist schwarz.“

Die Gräfin nickte. Schon sah sie im Geiste den Wald gelichtet, die

klare Quelle umbaut mit hohen, friedlichen Mauern, in ihrer Mitte ein

schmuckes Kirchlein mit niedrigem Turm, und durch die stillen Bäume

hörte sie ein frommes Raunen gehen, ein Flüstern und Ave Beten bis in

die fernsten Zeiten.

„Übrigens,“ fügte der Bruder hinzu, „kein Wunder, daß die

Himmelskönigin gerade Zisterzienserinnen in diese Gegend ruft! Ist doch

dieser Orden gestiftet zu Ehren Unserer Lieben Frau und hat die

allerseligste Jungfrau stets eine besondere Vorliebe für die Stiftungen

von Citeaux bekundet. Und ist nicht der berühmte Zisterzienser, St.

Bernhard, selbst an dieser Stätte vorübergekommen und hat auf seiner

Durchfahrt die klare Quelle gesegnet?“

Die Gräfin lauschte auf. Wohl hatte man ihr früher von dieser

Durchreise des Dieners Gottes erzählt, aber sie hatte damals der

flüchtig erwähnten Begebenheit keine besondere Bedeutung beigelegt. Nun

aber fragte sie mit steigender Neugierde, ob Rhabanus vielleicht nähere

Einzelheiten darüber wisse.

Statt der Antwort entschuldigte er sich auf einige Augenblicke und

verschwand in seiner Hütte. Mit einem Stoß sorgsam verpackter Schreiben

kam er zurück. Eine der Urkunden rollte er auseinander und reichte sie

der Fürstin mit untertäniger Verbeugung hin. „Wollen gnädige Frau

selbst lesen, was Bruder Wolfram, einer meiner Vorgänger in dieser

Klause, darüber schreibt!“

Die Gräfin las:

„Im Jahre des Heils tausendeinhundertvierzigundsieben war unser

heiliger Vater, Papst Eugen, der dritte dieses Namens, nach Frankreich

gekommen, um einer Kirchenversammlung in der Stadt Reims vorzustehen.

Zugegen war auch Adalbero, Erzbischof von Trier. Der lud den Papst und

die ganze erlauchte Versammlung nach seiner Stadt Trier ein, wo sie die

Weihe der St. Matthiaskirche vornehmen sollten. Der Papst nahm an.

Begleitet von seinem geistlichen Sohne Bernhard und einem auserlesenen

Gefolge von Kardinälen, Bischöfen und anderen Prälaten machte er sich

auf den Weg. Die Reise war ein ununterbrochener Triumphzug, denn die

Verdienste des Dieners Gottes Bernhard waren allgemein bekannt, und

überall, wo er durchkam, eilte ihm das Volk entgegen und bat um seinen

Segen und sein Gebet.

[Illustration: Chorschwester in Haustracht.]

Ermesinde · 第 2 / 4 段