[Illustration: Dieselbe in Chortracht.]

Ordenstracht der ehemaligen Zisterzienserinnen (Bernhardinerinnen)

von Clairefontaine. (Nach einem alten Holzschnitt).

Donnerstags vor dem ersten Adventssonntag kam der päpstliche Zug in

Arlon an, wo man übernachten sollte. Aber Kuno, der Verwalter der

Bardenburg, erschien vor dem Papste und bat ihn untertänigst, seinen

Weg bis zum besagten Schlosse fortzusetzen, wo man sich auf die Ankunft

eines hohen Gastes gerichtet hätte. Der Papst sagte zu, und vom

heiligen Bernhard begleitet, kam er zur Bardenburg.

Auf diesem Schlosse lag eines der Kinder des Verwalters krank. Es litt

an einem schrecklichen Übel, und kein Arzt hatte ihm zu helfen

vermocht. Bernhard, ganz ergriffen von den Seufzern, die das

unglückliche Wesen ausstieß, neigte sich über dessen Lager, um dem

Kleinen Mut zuzusprechen und ihn zu segnen. Und plötzlich einer

göttlichen Eingebung folgend, nahm er das Kind, hüllte es in seinen

Mönchsmantel und stieg mit ihm zur klaren Quelle. Er segnete das

Wasser, gab dem Kinde zu trinken, und augenblicklich war es geheilt.

Anderntags zog der Papst mit Bernhard fort, aber die Erinnerung an ihr

Vorüberkommen ist nicht mehr geschwunden.

Von da ab wurde die klare Quelle noch berühmter als zuvor, und in der

Folge gab man ihr den Namen „Quelle des heiligen Bernhard“. Durch eine

besondere Gunst der göttlichen Vorsehung hat sich die wunderbare Kraft,

die der Segen des Dieners Gottes dieser Quelle vermittelt hat, ständig

erhalten, und bis in unsere Tage fährt sie fort, Wunder zu wirken für

die, welche sie mit Glauben und Vertrauen benützen.

So wollte dieser von Gott und seiner heiligen Mutter geliebte Mann, der

zu Lebzeiten wohltätig und heilbringend für alle Leidenden sein mußte,

durch das Wasser dieser heiligen Quelle auch nach seinem Tode die

gleichen Wohltaten auf jene gießen, die sich an ihn wenden würden ...“

Über dem Lesen hatte sich das Gesicht der Gräfin mehr und mehr zu

offenkundiger Freude erschlossen, und als sie die Rolle in die Hände

des Eremiten zurückgab, jubelte sie mit tränenerfülltem Auge: „Ja, nun

ist alles klar! Ich zweifle nicht mehr, daß es auch St. Bernhard war,

der mir durch sein Gebet die unschätzbare Gnade erflehte, mit der die

Gottesmutter mich vorgestern beglückt hat. Deshalb will ich mich auch

dankbar erweisen. Nicht bloß werde ich hier eine Abtei bauen lassen,

auch die Quelle soll von heute ab Gegenstand höchster Ehre werden. An

ihren Ufern soll ein Heiligtum der Muttergottes erwachsen. Klar und

friedlich soll sie immerdar fließen inmitten der Stille, die ich hier

für die Seelen gründen werde, die dem Lärm und Hasten der Welt

entfliehen und hier unter dem Schutzmantel Mariens den Frieden finden

wollen ...“

[Illustration: Der hl. Bernhard

nach einem alten Porträt des Heiligen im Schlosse von Fontaine bei

Dijon.]

In Gedanken versunken, kehrte die Gräfin freudig heim.

Am Himmel zogen weiße Wolken langsam gegen Westen. „Schäflein der

Höhe,“ flüsterte sie, „wandert friedlich weiter! Wandert über Land und

tragt mit euerm Regen Wachstum und Gedeihen auf die Felder der

Menschen! Und wenn ihr nach Jahren wiederkehrt, so schauet nieder ins

stille Tal der Eisch! In ungestörter Einsamkeit werdet ihr dort andere

Schäflein sehen, die in Gebet und Buße Gottes Segen, Gottes Frieden

tragen in mein Volk und auch in meine Seele!“

* * * * *

[Illustration]

9. Kapitel.

Sich weitender Weg

Das Gewitter verzieht. In seine letzten sich lichtenden Regenfäden

fallen schon wieder die glitzernden Sonnenstrahlen und wecken auf dem

in der Ferne verdämmernden Gewölk das liebliche Bunt des Regenbogens.

Allmählich steigt es höher und höher, wird schärfer und heller, und

schließlich steht es da in siebenfacher Pracht als das ewige Bild des

Friedens über der vom Regen neu belebten Erde.

So hatte auch in Ermesindens Seele der Sturm nachgelassen. Die dunkeln

Wolken der Trauer hatten sich gelichtet; das beklemmende Düster ihrer

früheren Niedergeschlagenheit war geschwunden. Die himmlische

Erscheinung hatte mit einem Schlage ungeahnte Stille und beglückenden

Trost in ihre nach Ruhe dürstende Seele gegossen.

Nur noch eine Frage zitterte von Zeit zu Zeit wie verziehendes

Wetterleuchten in ihrem Herzen nach: — Ob wohl der Allerhöchste nichts

weiter von ihr verlangte als den Bau des Klosters? Ob er nicht auch sie

selbst als weißes Schäfchen im Tale von Clairefontaine sehen möchte in

stiller Einsamkeit menschenferne und gottesnahe Wege gehen?

In der Frühe des folgenden Morgens kehrte sie zu Rhabanus zurück. Er

sollte ihr ein zweites Mal Aufschluß geben und den Willen Gottes

künden.

Geduldig hörte er sie an. Nach kurzem Gebet gab er die Entscheidung:

„Gnädige Frau, Euer Platz ist nicht im Kloster! Ihr sollt auf dem

Throne bleiben und die herrlichen Geistes– und Herzensgaben, mit denen

Gott Euch ausgezeichnet hat, zu seiner Ehre im Dienste Eures Hauses und

des ganzen Luxemburger Volkes verwenden. Das ist Euer Beruf, das ist

das Einzige, was er außer dem Bau des Klosters von Euch verlangt.“

Enttäuscht sah ihn die Gräfin an. Tausend Gedanken drangen auf sie ein,

und wie der Sturmwind Spreu und Blätter durcheinanderwirbelt und ganze

Straßenzüge in undurchsichtigem Staub verwischt, schwand ihr der eben

gefundene Frieden plötzlich wieder fort.

„Aber, Bruder Rhabanus,“ hastete sie, „dann werde ich weiter

unglücklich, weiter ruhelos und elend bleiben! Die Welt hat mich so

sehr enttäuscht; nein, ich will ins Kloster eintreten; nur in der

Einsamkeit wächst das zarte Blümlein des Friedens!“

„Es sproßt auch in der Welt,“ lächelte der Einsiedler, „wenn man es zu

pflegen weiß! Seht, gnädige Frau, die Königin des Friedens, die

allerseligste Jungfrau, die Euch im Tal erschienen ist! Sie lebte nicht

im Kloster! Im Getümmel der Welt vielmehr, in Bethlehem, am

dichtbelebten Nil, in der Großstadt Jerusalem verflossen ihre

aufgeregtesten Tage. Und dennoch war ihre Seele still. Seht unsern

ewigen Meister selbst! Vom Volk umlagert, Tag und Nacht in Anspruch

genommen, wirkte er in breitester Öffentlichkeit die Jahre seiner

Wunder– und Lehrtätigkeit. Und doch lag auf seinen Zügen der

bezaubernde Widerschein ungetrübtester innerer Freude und lauterster

Glückseligkeit. Gnädige Frau, reden wir nicht weiter! Ihr werdet auf

dem Throne bleiben und Großes wirken zur Ehre Gottes und zum Wohle

Eures Volkes!“

Die entschiedene Antwort des Eremiten legte sich wie kühlender

Sommerregen auf das schon wieder aufgeregte Gemüt der Fürstin und

brachte es zur Ruhe.

„Wohlan denn,“ sprach sie ergeben, „vom Geiste Gottes erleuchtet, habt

Ihr mir die Erscheinung gedeutet. Auch in Eurer heutigen Antwort will

ich eine Weisung des Himmels sehen und ihr getreulich nachzukommen

suchen, wenn sie auch ganz anders lautet, als ich sie erwartet hatte.“

Und wie man auf einen Wegweiser schaut und dann, ohne weiter

umzublicken, in der angegebenen Richtung rüstig fürbaß schreitet,

kehrte sie ohne weiteres Grübeln nach ihrer Burg zurück. Endgültig

hatte sie das Programm ihres künftigen Lebens erkannt und großmütig den

Entschluß gefaßt, ihm von nun ab rückhaltlos zu folgen.

Mit Zukunftsplänen beschäftigt, ging sie dahin. „Auch im Getriebe der

Welt blüht das Blümlein des Friedens,“ wiederholte sie, „und Wohltaten

spenden heißt sein eigenes Herz erfreuen.

Willst du glücklich sein im Leben,

Trage bei zu anderer Glück,

Denn die Freude, die wir geben,

Kehrt ins eigene Herz zurück.“

So waren die verworrenen Pfade ihres Lebens schließlich doch in einen

einzigen, weiten Weg gemündet, der sich, von hellster Sonne erleuchtet,

offen und ohne Krümmung, in die Zukunft dehnte.

* * * * *

[Illustration]

10. Kapitel.

Nach hohen Zielen

Schäumend brausen die Meereswogen an das felsige Land. Von der Höhe

grüßt der Leuchtturm. Wetterfest und sturmerprobt sendet er bei

eintretender Dunkelheit seine grellen, kegelförmigen Lichtmassen weit

hinaus über die nächtliche See. Über Wellen und Wogen huschen sie

dahin. In der Ferne treffen sie das Auge des suchenden Seefahrers und

erfreuen sein Herz. Nun braucht er nicht mehr Ausschau zu halten nach

matten, vielleicht von Nebel und Wolken verdeckten Sternen. Nun braucht

er nicht mehr niederzuspähen auf die blaue, zitternde Kompaßnadel;

seine Richtung ist gegeben. Froh und furchtlos läßt er seinem Schiffe

vollen freien Lauf.

So sollten auch die Worte des Eremiten Ermesinde und ihrem kommenden

Leben eine neue, lichterfüllte Richtung geben.

Wenige Wochen später zogen die Holzhacker in hellen Scharen an der

klaren Quelle auf. Vöglein und Rehe flohen erschreckt davon. Denn ein

solches Hämmern und Sägen und Splittern hatten sie noch nie gehört. Wo

die Mauern des künftigen Klosters sich erheben sollten, wurde der Wald

gerodet.

Weiter westlich pickelten die Steinarbeiter. Auch sie waren nicht

müßig. Aus den zahlreichen Gruben förderten sie das Baumaterial. Kleine

und größere Quadersteine wurden ausgebrochen, sorgfältig behauen und in

langen, niedrigen Mauern längs der Wege aufgeschichtet. Nur beim

Aveläuten war das Tälchen still, und Rhabanus fügte seinem Gebet die

stille Berechnung bei: „In Bälde wird das Werk vollendet sein, und

Gottes Lob auf immerdar an dieser Stätte klingen.“

„Doch, Clairefontaine ist nur ein Punkt des Luxemburger Landes!“

flüsterte die Gräfin, „was ist ein Blümlein auf weiter Au? Auch sonstwo

müssen Stätten des Gebetes geschaffen und gefördert werden.“

Reichbeladen zogen ihre Boten nach den andern Klöstern, die zur selben

Zeit errichtet wurden, nach Differdingen, Bonneweg, Marienthal.

Der erste Teil des Programmes war in die Wege geleitet, und Rhabanus

konnte nicht umhin, der Gräfin eines Tages anerkennend das Wort des

Lavabopsalmes zuzurufen: „Gnädige Frau, Ihr liebt die Pracht des Hauses

Gottes und den Ort, wo seine Herrlichkeit wohnt!“ Aber er versäumte

nicht, hinzuzufügen: „Das zweite Gesetz des Christentums aber ist dem

ersten gleich: ‚Liebe deinen Nächsten!‘ — Gräfin, sorget auch für das

Wohl Eures Volkes!“

Ermesinde lächelte. Auch dieses hatte sie nicht vergessen.

Wo der wahre Frieden im Herzen wohnt, da fühlt sich der Mensch

gedrängt, auch andern diese Gottesgabe mitzuteilen und die Segnungen

des Friedens weiter auszubreiten. Aber das hatte im damaligen Luxemburg

seine besonderen Schwierigkeiten. Die einzelnen Adelshäuser waren von

keinem gemeinsamen Band umschlossen. Sie herrschten auf ihren Burgen

nebeneinander, und so gab es manchmal Streit und Fehde, und nach außen

waren alle schwach. — Wenn es da gelingen könnte, die Einzelnen

zusammenzuschließen, eine Einheit zu bilden zu stetem, brüderlichem

Zusammenstehen in guten und bösen Tagen ...! —

‚Frisch gewagt, ist halb gewonnen.‘ Auf die Pfingsttage des folgenden

Jahres berief die Gräfin Barone und Ritter des Landes zu einem frohen

Fest in ihrem Schlosse Luxemburg. „Das Trauerjahr sei vorüber, und in

der Lützelburg würde der frühere Glanz unvermindert wieder aufleben.“

Auf Wegen und Stegen zogen die Geladenen herbei. Als habe der Gedanke

eines engeren Zusammenschlusses auch ihnen längstens vorgeschwebt, war

man einmütig für die Darlegungen der Fürstin eingenommen, und ehe die

Teilnehmer an der Tagung auseinandergingen, lagen die Hauptbestimmungen

des neuen Staatsverbandes, eidlich bekräftigt, fest. Wie bisher sollten

die einzelnen Adelsfamilien ihre Unabhängigkeit weiterführen, in

Frieden und Wohlwollen einander treue Nachbarschaft halten und in

Gefahren von außen einer für alle und alle für einen einstehen.

Nur eine Frage war auf dieser Pfingstversammlung nicht besprochen

worden: die nämlich, wer im neuen Staatsgefüge den Vorrang und ersten

Platz einnehmen sollte. Sie fand ihre Lösung auf einer zweiten

Verbandstagung in Körich, wo Ermesinde einstimmig zu dieser Ehre

bezeichnet wurde und die Anwesenden ihr feierlich huldigten und sich

unter Eid verpflichteten, ihren, das Wohl der Gesamtheit betreffenden

Anordnungen willigen Gehorsam zu leisten.

Den Abschluß der Feierlichkeiten dieses Jahres bildeten im Spätsommer

die Grundsteinlegung des Klosters in Clairefontaine und im Herbst die

zweite Vermählung der Fürstin mit dem tapfren Herzog Walram von

Limburg, der ihr als Mitgift die Markgrafschaft Arlon und damit eine

glückliche Abrundung des Landes gegen Westen mitbrachte.

Unter den Hochzeitsgästen fanden sich die edeln Herren Wilhelm,

Verwalter der Bardenburg, Stephan von Betzdorf, Otto von Bissen,

Albrecht von Brandenburg, Simon von Clerf, Walter von Weysenburg und

viele andere. In den Turnieren und Pferderennen taten sich hervor

Robert von Esch, Bernard von Ell und Wirich von Körich. Während der

gleichen Festlichkeiten wurden unter allgemeiner Zustimmung Arnold von

Hüncheringen, Theodorich von Mersch, Ado von Zolver und Godfried von

Daun mit den herrlichen Insignien der neugeschaffenen Würden eines

gräflich–luxemburgischen Mundschenken, Truchsessen, Kämmerers und

Marschalls bekleidet. Im Kriege aber sollte Arnold von Fels das mit

rotem Löwen geschmückte Banner des Luxemburger Landes tragen.

Jubel und Begeisterung erfüllte die Gaue. Reich und arm, hoch und

niedrig fühlten, daß sie alle zusammengehörten in guten und bösen

Tagen, ein einig Volk von Brüdern.

Währenddessen baute man an den Fundamenten des Klosters unverdrossen

weiter. Aber es sollte noch längere Zeit dauern, bis die weiten

Räumlichkeiten zur Aufnahme einer geordneten Zisterzienserabtei

vollendet wären und damit ein regelrechtes klösterliches Leben in

Clairefontaine beginnen könnte. Und so entschlossen sich die ersten

bereits vorgemeldeten späteren Schwestern in einem notdürftig auf den

Ruinen einer Römervilla errichteten Baues vorläufig Unterkunft zu

suchen und dort auf die Vollendung ihrer künftigen Heimat zu warten.

So läutete denn im Frühjahr des folgenden Jahres frühmorgens das

Glöcklein der einstigen Klause zum täglichen Chorgebet, zur fleißigen

Arbeit und frommen Betrachtung. Unter den Händen der nimmermüden

Beterinnen ebneten sich im Tale die Flächen der späteren Wiesen und am

Abhang die Etagen des kommenden Klostergartens.

[Illustration: Ruinen der Margaretenkapelle der ehemaligen Abteikirche

von Clairefontaine, wo Ermesinde ihre Ruhestätte fand.]

Was Wunder, daß die Gräfin gelegentlich ihrer häufigen Besuche auf der

Bardenburg herzlich aufjubelte und, wenn am Abend das traute

Aveglöcklein in die Berge schallte, ein inniges Dankgebet zum Himmel

sandte!

Mit dem Tode seines Vaters, übernahm Walram die Leitung des Herzogtums

Limburg und übergab die volle Verwaltung des Landes Luxemburg in die

Hände seiner Gattin. Mehr als je sollte dem Wohlergehen der ganzen

Grafschaft gedient werden. Um etwa unter dem Adel ausbrechende

Rechtshändel und Streitigkeiten zu schlichten, schuf Ermesinde den

Gerichtshof des Adels.

Nicht minder sorgte sie für das gewöhnliche Volk. Die Einwohner von

Diedenhofen, Echternach, Luxemburg und vieler anderer Ortschaften

erhielten ihre Freiheitsbriefe. Damit wurde ihnen das Recht

zugestanden, die Angelegenheiten ihrer Gemeinde selbst zu ordnen und

das Vermögen derselben zu verwalten. So traten ihre Bürger aus den

Fesseln der Leibeigenschaft heraus und durften nicht mehr von den

Schlössern zu willkürlichem Frondienst herangezogen werden. Nur an den

Landesherrn hatten sie eine jährliche kleine Abgabe zu entrichten und

im Kriegsfalle Heeresdienste zu leisten; im übrigen waren sie

selbstständig und unabhängig.

An der Münsterabtei und den Klosterschulen blühte der Unterricht.

Eine Periode des Fortschrittes hatte sich allenthalben aufgetan. Weit

und breit förderte die Fürstin den Gedanken des Friedens. Während der

ganzen Dauer ihrer Selbstregierung wurde sie auch nicht in einen

einzigen Krieg verwickelt. Ganz Luxemburg lebte in Frieden und zehrte

von dessen mannigfachem Segen.

* * * * *

[Illustration]

11. Kapitel.

Heim, zum ewigen Frieden

Fünfundzwanzig Jahre hatte die Fürstin mit milder Hand das Zepter des

Landes geführt und unverdrossen am Wohlergehen ihres Volkes gearbeitet.

Herzog Walram war längstens gestorben. Ihr Sohn, Heinrich der Blonde,

war großjährig geworden, und sie konnte daran denken, die Last der

Regierung auf seine jüngeren und stärkeren Schultern abzuwälzen.

Ostern 1245 dankte sie ab. Großes Bedauern und rührende Trauer

erfüllten das Land. Alle, die an den Hof kamen, klagten weinend ihr

Leid. — Warum sie doch, fragte man, auf einen so schönen Thron

verzichten und so liebe, anhängliche Untertanen verlassen wolle? —

„Ich will mich zur letzten Reise und zum ewigen Frieden vorbereiten,“

lautete ihre Antwort.

Heftiges Schluchzen durchzog den Saal, als Friedrich von Useldingen den

versammelten Rittern und Grafen die Abschiedsurkunde vorlas.

Nur eine weinte nicht, Ermesinde. Sie hatte sich seit langem auf diesen

Tag gefreut.

Von wenigen Dienern begleitet, zog sie andermorgens zur Bardenburg. Mit

jubelnden Lippen flüsterte sie die Worte: „Als Israel wegzog aus

Ägypten, dem Lande der Verbannung ...“

Noch waren Kirche und Kloster von Clairefontaine nicht gänzlich

fertiggestellt, aber sie gingen ihrer Vollendung entgegen. Mit dem

folgenden Jahr hoffte man die Gebäulichkeiten ihrem Zweck übergeben und

das kirchliche Klosterleben beginnen zu können. Bis dahin wollte die

Fürstin sich den frommen Jungfrauen zugesellen, die seit Jahr und Tag

in dem provisorischen Klösterlein an der klaren Quelle unausgesetzt dem

Gebet, der Arbeit und strengen Bußübungen oblagen. Mit ihnen würde sie

dann selbst in das neue Abteigebäude übersiedeln und ihr mühsames,

verdienstreiches Leben teilen.

Doch sollten ihre zuversichtlichen Pläne diesmal keine Erfüllung

finden.

* * * * *

Über dem Eischtal lag die Kälte des Winters 1247. Weit und breit lag

alles begraben unter Schnee und Eis.

Sonntag war es. In der Kirche hatte man die Messe „_Invocabit_“

gesungen, die da redet vom Wohlergehen dessen, den der Allerhöchste

gnädig schützt. Aber nur vom Krankenzimmer aus hatte Ermesinde der

tröstlichen Worte lauschen dürfen. Heftige Fieber zehrten an ihren

Kräften und ließen für die nächste Zukunft das Schlimmste erwarten.

Da tönte gegen Abend, zu ungewohnter Stunde, das Glöcklein der nahen

Kapelle, ernst und wimmernd, in vierfach wiederholten Schlägen. Das war

das Zeichen, daß eine der Angehörigen des Klosters sich zur letzten

Reise rüstete, daß das Tal der Bardenburg ihr zu eng geworden, und sie

nun weiter wolle nach einer größeren, besseren Heimat.

Wehmütig lauschten alle auf. Sie wußten, wem das Zeichen gelten mußte.

Denn nach dem Mittagessen hatte die Vorsteherin des Hauses den Vers:

„Lasset uns beten für unsere abwesende Schwester“ mit auffallend

starkem Nachdruck gesprochen und darnach eine so eigentümlich lange und

bedeutungsvolle Pause gemacht.

Schweigend traten sie an die Türe einer ärmlichen Zelle, um in frommem

Gebet der sterbenden Fürstin beizustehen.

Schon leuchtete die Sterbekerze. Vor einer Stunde hatte ihr der Pfarrer

von Arlon die Tröstungen der Kirche gespendet. Nun liegt sie da in

ihrem schwarzweißen Kleide und harrt der nahen Auflösung.

Ein friedliches Lächeln ist über ihre Züge ausgebreitet. Mit dankbarem

Blick schaut sie zu den Betenden hinüber. Ist es nicht, als wollte sie

sprechen: „Gott sei Dank! Das Sterbeglöcklein hat geläutet! Ich freue

mich in dem, was mir gesagt worden ist: „Wir gehen in das Haus des

Herrn!“

— „Ziehe hin, christliche Seele, aus dieser Welt! Selig sind die

Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden! Heute sei

deine Stätte in Frieden und deine Wohnung im heiligen Sion!“ —

Wieder tönt das Glöcklein, noch leiser und langsamer wie zuvor.

Ergriffen knien die Anwesenden nieder und flehen eindringlicher für die

scheidende Seele.

Friedlich verläßt sie ihre irdische Hülle. Ermesinde ist gestorben.

* * * * *

Weinen und Wehklagen durcheilen das Land. Auf Wegen und Stegen zieht

man zur Leiche.

Aber nicht mit irdischem Pomp, in aller Einfachheit wird sie zu Grabe

getragen. Dicht an der murmelnden Quelle, wie sie es zeitlebens

gewünscht hat, findet sie ihre letzte Ruhestätte.

Nur ein schlichter Sarkophag wurde über ihrer Gruft aufgerichtet. Er

trug die Inschrift:

„Hier liegt die hochedle Gräfin Ermesinde, Herrscherin der Länder

Luxemburg und Namür. 1216 hat sie dieses Kloster gegründet und ist

gestorben im Jahre 1247, am Sonntag, wo man ‚_Invocabit_‘ singt.“

[Illustration: Das 1875 errichtete Grabmal Ermesindens.]

So schlafe denn wohl, edle, tote Fürstin! Im Rauschen der Wälder, beim

Murmeln der klaren Quelle, neben dem Bilde der Himmelskönigin, die dir

an dieser Stätte gütig zugelächelt, schlafe wohl!

Deine Seele hat sich heimgefunden. Beim Posaunenschall der Engel wirst

du erstehen. Im Kreise vieler Hundert weißer, heiliger Schäflein mögest

du dann jubelnd heimwärts schweben zum ungetrübten, ewigen Frieden!

[Illustration: Ansicht der ehemaligen Zisterzienserinnenabtei von

Clairefontaine.]

[Illustration]

_CLAIREFONTAINE_

1.

Daß sie kühle Ruhe finde,

Stieg im Mittagssonnenschein

Von der Bardenburg allein

Gräfin Ermesinde

In das tiefe Tal hinein.

2.

In des Grundes duft’gem Schweigen

O, wie liegt der Tag so weit

Mit dem schwülen Sonnenleid!

Goldig von den Zweigen

Träuft der Bann der Einsamkeit.

3.

Nur ein Quell singt träum’risch leise,

Durch die Dämm’rung glanzdurchflirrt

Dann und wann ein Käfer schwirrt,

Und im müden Kreise

Ein lichttrunkner Falter irrt.

4.

Langsam folgt die hohe Fraue

Dem gewohnten Buchenpfad,

Bis sie sich der Lichtung naht,

Wo auf sonn’ger Aue

Leuchtend steht die Blumensaat.

5.

Doch auch hier im bunten Kreise

Alles still und feierlich,

Blum’ und Blümlein neigen sich,

Nur der Quell singt leise:

„Niemand wacht umher als ich.“

6.

Und auch ihr sinkt Kraft und Wille,

Müde blickt sie in die Pracht,

Auch an ihr übt sachte, sacht

In der Mittagsstille

Sonnenzauber seine Macht.

7.

An dem Quell läßt sie sich nieder,

Wunschbefreit, gedankenlos,

Legt die Hände in den Schoß

Und die weichen Glieder

Lehnt sie auf das weiche Moos.

8.

Neben ihr mit hellem Rieseln

Rinnt die Quelle silberrein,

Singt und springt ins Tal hinein

Unter Schilf und Kieseln —

Ei, das liebe Wässerlein!

9.

„Clere fountaine! Clere fountaine!“

Haucht die Gräfin vor sich hin,

Dann hüllt Schlummer ihren Sinn. —

Clere fountaine! Clere fountaine!

Ei, die liebe Schläferin! —

10.

Doch auf einmal, linde, linde

Weht ein Hauch durch Strauch und Baum. —

An der Quelle kühlem Saum

Träumt Frau Ermesinde

Einen wunderbaren Traum. —

11.

Durch die Nacht der Bäume schreitend,

Naht ein hohes Frauenbild,

Wie ein Mutterlächeln mild,

Sanften Glanz verbreitend

Wie die Lilien im Gefild.

12.

Nicht ein Halm bebt ihrem Tritte,

Wie sie durch das Waldgras schwebt,

Doch manch Blümlein neubelebt

Unter ihrem Schritte

Sein glutwelkes Krönchen hebt.

13.

Vor der Gräfin hielt sie inne,

Setzt sich an der Quelle Rand,

Klatscht in ihre weiße Hand

Und mit heiterm Sinne

Blickt sie aufwärts unverwandt.

14.

Sieh, da nahte auf das Zeichen

Eine märchenhafte Schar:

Vorn ein Knab’ im Lockenhaar,

Lieblich ohnegleichen,

Still und sittig wunderbar.

15.

Hinter ihm auf weichen Füßen

Wallten, traulich dicht geschart,

Viele Schäfchen süß und zart;

Solche zarten, süßen

Nimmer sind sie ird’scher Art.

16.

Freudig folgten sie dem Kleinen,

Und an seinem Lilienstab

Führte sie der Himmelsknab’

Zu dem hohen, reinen,

Milden Frauenbild hinab.

17.

Lächelnd saß die hohe Holde,

Hieß sie trinken aus dem Quell,

Und o Wunder! sonnenhell,

Wie vom pursten Golde,

Strahlte da ihr Silberfell.

18.

Und den Wald durchfloß ein Klingen,

Und entzückend scholl das Lied,

Das, wie Sehermund verriet,

Der allein darf singen,

Der des Lammes Straße zieht. —

19.

Dann verschwinden Kind und Schafe,

Eingehüllt in ros’ges Licht,

Und die hohe Holde spricht,

Während froh im Schlafe

Glüht der Gräfin Angesicht:

20.

Ermesinde · 第 3 / 4 段