... Für die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der
gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter
österreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen--wozu die dem
norddeutschen Ohr unerträglichen falschen Reime (reiten und leiden)
gehören. Eingeführt sind hier beide--dieser durch Studenten, die in
Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher
verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig
zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt würde der gebildete Kalkulator
(Rechnungsrat), der einen gefühlvollen Sonntagmorgenspaziergang im
Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand
befriedigt fühlen, der vor 30 Jahren in Berlin für einen klassischen
galt. Die Berliner Poeten, die sich später auf einem traurig
untergegangenen Schiffe "Argo" versammelten, sind teils aus dem Leben
geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige,
z.B. Theaterkritiken zu schreiben, übergegangen. Wir kommen hiebei, ohne
diese Metamorphose heute näher zu besprechen, der "Vossischen Zeitung"
sehr nahe, und nehmen vom Büchertisch ein in Goldschnitt gebundenes
zierliches Bändchen: "Gedichte von Hermann Kletke." (Berlin, Schröder
1873).
Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer
mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von
hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwägungen technischer
Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stündlich in
Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann,
sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der
Kontraste und dem selbst für das politische Gebiet zum Rechnungtragen,
zur Rücksichtnahme, zur Mäßigung gestimmten weichen Naturell des hier in
Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem
politischen Redakteur (glücklich, wer um 9 Uhr abschließen darf!) allein
zur Erholung übrig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond
und den Sternen, dem Brunnengeplätscher, den Wächtern usw. in den
wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten
Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod,
Jenseits, die vollkommenen Gegensätze des Leitartikels, der uns des
Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Für jede "Ente", die unser
Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen müssen,
rudert hier ein Schwan. Die Schwäne, die Blumen, die Nachen, die Sonne
und besonders das sonst den Lyrikern wenig zuströmende Gold, der ganze
Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen
anziehender Art, das Gold in Abendröten, ins Glühen der Mädchenwange, in
den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen
Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und
zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich
reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es
ein Leben nach der Richtschnur überlieferter Traditionen. Selbst den
Greis ergreift noch der Reiz des Schönen, die mächtig wieder auflebende
Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des
Hafis über--aber bald (und vielleicht zu oft für diese immer gleiche
Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die
Tür und macht so dem vorgeführten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als
tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der
Form sprechen, so ist allerdings damit zunächst ein Lob ausgesprochen,
das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixität; aber doch ist die
Übertragung der stündlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde
führen muß: "Nur kurz! Nur kurz!" auf den lyrischen Mitteilungsdrang
bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist
diesen zarten Eingebungen schädlich, wenn man sie zweimal lesen muß, um
sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der
"Vossischen Zeitung". In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so
kompreß in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zufälligen, dem
Leser nicht sofort geläufigen Umstande veranlaßt, daß es ein längeres
Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die
Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt
sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des
täglichen Lebens, besonders der Familie, fließt die dichterische Sprache
mit kristallner Klarheit voll und mächtig. Den Gesellschaftsliedern läßt
sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachrühmen.
Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer
eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert
besonders zu gefallen scheint, nur für eine Tafelrunde geröteter
Nasen bestimmt.