Louise Mühlbach und die moderne Romanindustrie (1873)

Heute ist Auktion des Louise Mühlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer

Manuskripte--denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort

in die Druckereien--sondern ihrer Möbel, Teppiche, Vorhänge, Pendülen,

Gemälde, Vasen und der ägyptischen Andenken, die alle in einer Etage der

Potsdamer Straße charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die

enthusiastische Überschätzung, die der so plötzlich der Welt Entrückten

jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von

amerikanischen Steigerern herbeigeführt, das auch für eine alte

Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fünfzig Dollars zu zahlen bereit

ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt über die Zerrüttung der Louise

Mühlbachschen Vermögensverhältnisse! Die Verstorbene hatte die

glänzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive außergewöhnliche

Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer

Fülle. Sie reiste ohne die mindeste Einschränkung wie eine Fürstin. Bei

alledem soll für ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine

Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht

genötigt sein dürfte, die Erbschaft nur "unter der Wohltat des Inventars"

anzutreten.

Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer

Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die

merkwürdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen

Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch für

sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1ständig "diesseitige"

Menschen gibt, Individuen, für die man sich im Jenseits, falls man nicht

mit den alten Ägyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends

eine passende Unterkunft und Anknüpfung denken kann, so sind dies die

reinen Lebens- und Genußnaturen. Louise Mühlbach war eine solche. Sie war

die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende.

Imperterrita hätte sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama

genannt, das sich vielleicht aus ihrem frühern romantischen Leben selbst

hätte formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine

Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang

ihrer Stimme unvergeßlich bleiben. Keine Niederlage drückte sie zu Boden.

Die freudigste Zuversicht, Siegesgewißheit, Trotz bei jedem Unternehmen

lag in ihren Zügen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so

hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen

Schlacht doch noch seinen Rückzug imposant zu maskieren versteht.

Auf den "Berliner Büchertisch" könnte nur ihr letztes, von Flüchtigkeiten

wimmelndes Werk "Kaiser Wilhelm und seine Helden" gehören, verlegt von

einer hiesigen Buchhandlung (Werner Große), die nur einen massenhaften

Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon

von ihren zerrütteten Finanzen herstammende Unsitte, daß sich die in den

Stoffen bedrängte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern

wollte, an lebende mächtige Persönlichkeiten anschloß, schon den

Erzherzog Johann von Österreich als Romanstoff verarbeitete, während der

ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schloß in Steiermark saß,

an Napoleon schrieb (siehe die "Enthüllungen aus den Tuilerien"), weil

sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch à tout

prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein

wollte usw. Die Unsitte der "Aktualität" ist jetzt durch den ehemaligen

Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, daß wir Romane

zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck über einen

Kompromiß unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und

Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgültig eine englische

Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres

Zeitalters sind die Beförderer dieses ans Kindische streifenden

Mißbrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht

mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen füllen will,

bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den

Urzustand von Wilden erinnernde maßlose Schausucht, die gierig durch die

Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles

belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will,

Hinrichtungen, Schreckensvorfälle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz

Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, während sich doch Europa,

nach einigen Aufregungen, längst, wenigstens in den Kreisen der Bildung,

beruhigt hat. Sollte man glauben, daß ein New-Yorker Blatt Louise

Mühlbach nicht bloß nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort

das diesjährige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten

"Sensation" begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Krähnchen-Quelle zu

beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann

selbst in Marienbad eine Kur, erkältete sich, legte sich in Berlin ohne

die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im

bewußtlosen Zustande, ohne Schmerzgefühl, aus dem Leben geschieden. Als

man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die

Grube senkte und manchem des würdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb

noch im Ohre klang, hätte ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte wären, dem

Thema: "Richtet nicht--!" erwidern mögen: Auch diese Prunk- und

Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst--forsche nur nach,

Priester!--, es lag ihr bloß die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst

zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn

die schulmäßige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder

diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden

imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmählich die

mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt

annahm, die sich allmählich des Gatten und zurückgesetzten Professors

bemächtigt hatte! Liebe, Liebe allein ließ den Schein entstehen, als wenn

die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den

tausend Anmaßungen und hochgetragenen Nasen der Anmaßung ringsum

rivalisieren könnte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur

wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herrührend anführt, daß unsere

Fehler die Übertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings

erschreckende Système de bascule angewandt, wie Louise Mühlbach

verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und

Genußgegenständen einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten,

gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere.

Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persönlichen

Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz

geistig Schaffender der breitspurigen, vom Glücke begünstigten

Alltagswelt leisten möchte. "Erlaubt"--? sagte ich von ihrem Ehrgeiz?

Nun, in Bezug auf "Friedrich der Große und die Seinen" und "Kaiser

Joseph" möchten wir in unsers Helmerding so köstlich vorgetragenes

Couplet mit dem Refrain: "Dazu gehört wahrhaftig doch Talent!" mit

einstimmen.

In fast allen Berichten über die Gegenwartsliteratur findet man den Satz

aufgestellt: daß der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman

sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung über einen neu

erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmäßig diesem Axiom von

fragwürdiger Tragweite. Hätte der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad

und wahrscheinlicher täglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu

sein pflegt, zufällig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so würde

ihm niemand, der die Unzahl der überall erstehenden Theater erwägt und

das trotz der "Krachs" wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen

können. Aber genau erwogen ist jener Satz weder für den Roman noch für

die Bühne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und

Naivität geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur,

die ähnliches nur in den Ansätzen einiger verschollener "Naturdichter"

besitzt, geschenkt werden könnte, warum sollte er nicht in den Vordergrund

treten und wieder auch für die Berechtigung der Lyrik zeugen können! Von

einem Hindurchgehenmüssen des ästhetischen Begriffs, wie Carrière sagen

würde, in "welthistorischer Entwicklung", ausschließlich durch den Roman,

scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon

erfüllt sein! Macht ein "reizendes" Epos (ich spreche berlinisch), und es

wird auf jedem Toilettentisch liegen!

Schon deshalb muß man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen über die

Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der

schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat,

die schreckenerregend ist. Junge Mädchen ohne jede Lebenserfahrung, nur

von den Reminiszenzen ihrer Lektüre erfüllt, häufen Bogen auf Bogen und

finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen

"erfinden"--man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: "auf Teufelholen"

--Geschichten von geraubten Kindern, unterdrückten Testamenten,

Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen,

die sich, nachdem sie das Herz einer Gräfin gewonnen haben, als

Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer

Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Küchenrezepte

entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9

Bände zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer

illustrierten Blätter verwertet worden waren, schreiben mit umso größerem

Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite

gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert für diese

Buchmacherei nicht. Wer soll sie üben, wer soll sie lesen, durchblättern,

als höchstens ein auf massenhaftes "Abtun" angewiesener Rezensent in den

"Blättern für literarische Unterhaltung"? Nur die Reklame hält sie,

worunter nicht die Anzeige "unterm Strich" zu verstehen ist, sondern die

den obern Zeilen ebenbürtige redaktionelle Meinungsäußerung, in der Regel

ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden

Tadel ausschließt. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind

froh, wenn sie nur irgendwie die Bücherstöße, die sich bei ihnen

namentlich gegen Weihnachten aufhäufen, in solcher Art erledigen können.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Berlin--Panorama einer Weltstadt,

von Karl Gutzkow.

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 47 / 48 题