Eine nächtliche Unterkunft (1870)

In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehörenden

Tagen, wo Berlin rundum keine andere große Stadt in der Nachbarschaft

hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen

zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen

überwundene eigentümliche Naivität oder, nennen wir es beim richtigeren

Namen kleinstädtische Unzulänglichkeit aus, die den Charakter des

Berliner Pfahlbürgertums in manchem bezeichnen dürfte. Die Sperre gegen

eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam für gleichsam wie

"mit Brettern vernagelt" galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch

die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung

Preußens erst allmählich, ja mit Beweisen völliger Unbeholfenheit und

Unreife anschickte, dem Fortschritt des übrigen Europa zu folgen.

Noch bis zur Märzrevolution befand sich im königlichen Schlosse, dicht

unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848

dem Publikum nicht mehr als Durchgang geöffnet ist, ein alter Rumpelkasten,

Portechaise genannt, an deren mit grünem Kattun verhangenem Fenster

unorthographisch zu lesen stand: "Wer sich dieser Portechaise bedienen

will, melde sich in der Nagelgasse." Letztere, jetzt zur "Rathausstraße"

avanciert, begrenzt die südöstliche Front des neuen Rathauses--gelegentlich

bemerkt eines Baues, dessen Großartigkeit den Stil, den kräftigen Griffel

des 19. Jahrhunderts in so überwältigendem Maße bezeichnet, daß bei allem

Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die "Gerichtslaube", für die

Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch für ihre

Überlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstörenden--Druckfehler

beseitigen darf.

Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des "französischen

Turms", die dem Wechselgeschäft der Herren Brest und Gelpke gerade

gegenüber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den dürftigen

Anbauten der beiden stolzen "Gensdarmenmarkttürme" gebildet werden, das

helle, frische, grüne Gras, untermischt zuweilen mit "Butterblumen",

sondern es war sogar möglich, daß die damalige schutzmannlose, nur auf

jene "Polizeikommissarien" mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen

und Aufschlägen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel--einen

alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein

Mißverständnis zur Überwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem

Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstraße ausgestrichen war.

Die Deichsel für die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte

nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen

Rötliche. Die Totengräber Hamlets hätten hier Betrachtungen anstellen

können über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drüben

von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der

große Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick

hinübergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte,

nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewölbten

Türmen, um deren Säulen und Säulchen die Spatzen und die Krähen und die

Habichte nisteten. Berlin, das gegenwärtig alles brauchen kann, selbst

die Denkmäler von den Gräbern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der

Toten von den Kirchhöfen stiehlt, ließ diesen alten Leichenwagen

unangetastet.

Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal

quer über die Straßen hinweggezogen, in ächzenden Tönen hin und her

schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf über ein noch

naturwüchsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem

Keller wie ein ferner Unkenruf ertönte und in den Straßen jener

gespenstische Mann umging, der ein Fäßchen in der Hand tragend, aus einer

bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten

Kravatte mit einem gewissen würdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl,

den Ausruf hervorpreßte: "Neunaugen! Neunaugen--!", da schlich sich

fröstelnd, die Hände in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider

gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen

mannigfach brüchigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine

verwitterte, magere, kleine Gestalt über den Markt, auf welchem öde

Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses,

die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten.

Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den

Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die

Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit

leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne

überstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung,

nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig nähert

er sich dem Leichenwagen ... Bist du heute wieder da, alter Freund--? Hat

dich Charon heute Nacht nicht nötig, um vom "Türmchen" im "Voigtland"

eine Leiche auf die Anatomie zu fahren--? Schont der "Leichenkommissarius"

seine Gäule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im

"Nasenquetscher" auf Saturns großes Brach- und Nivellierungsfeld, auf den

Friedhof, zu fahren--?.... Und husch--! Die verwitterte Gestalt,

herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte,

weil die Geschäfte der üblichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die

Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein

damaliges--Asyl für Obdachlose.

Fand sich wohl ein Stück Holz, eine Planke darin vor--den Trägern mit den

langen Flören am Dreimaster benötigt, um den Sarg in die Grube zu

senken--so rückt sie der lebende Tote so, daß sein Haupt mit den langen

weißen Haaren eine Stütze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet

er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder,

wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte

Wange aufstützt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen

Wagen huscht die von einem Ball bei "Dalichows" in der Dorotheenstraße

kommende Schöne aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines

"Italieners"--wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone

--einen glücklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um

Mitternacht sein Coupé nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu

vorüber. Selbst der Nachtwächter hält sich in der Ferne, dort, wo ein

Ruf: "Wächter--!" ihm ein Trinkgeld fürs Einlassen in ein verschlossenes

Haus, dessen Schlüssel an seinem klirrenden Eisenbunde hängt, sicherer

einbringt, als wenn er hier Posto faßte in der düster-unheimlichen Ecke

an einer Kirche, wo vielleicht damals--der junge Fournier als feuriger

Kandidat in französischer Sprache predigte und sich nicht träumen ließ,

wie übel später einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft-

lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte.

Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo

die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren

war schon die allerglücklichste Chance für--"Belletristik". Ein Honorar

von einem Taler zahlte man für ein Gedicht, von fünfzehn Silbergroschen

für eine Reihe von Lückenbüßern, damals "Aphorismen", "Streckverse",

"Sternschnuppen" oder ähnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es

dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes

angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder--alles in einem Stil,

der an Pindar erinnerte--seiner Unverständlichkeit wegen. Aber schon in

jener Zeit war die Lektüre frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als

Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die

Ästhetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer

des "Italieners" Rosoglio, so an den "Teufelselexieren" von Hoffmann. Was

war da der verkommene Träumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean

Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen

Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen (--und wo denken wir wahrer,

fühlen wir tiefer als in der Nähe der Toten!--) nur dadurch schlagend,

zündend, lapidar zu machen glaubte, daß er ihn immer enger und enger,

immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen

drängte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze

Welt--aber--die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis

vier Pfennige!

Dieser Obdachlose hieß Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den

Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Mühe geben will, in

alten Jahrgängen des "Freimütigen", des "Gesellschafters" zu blättern,

der wird dort--dem nächtlichen Bewohner des Leichenwagens am

Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen.

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 44 / 48 题