Ein preußischer Roman (1849)

Die kluge und soviel man wußte ziemlich demokratisch gesinnte Fanny

Lewald hat einen Roman ("Prinz Louis Ferdinand") geschrieben, der ihr die

Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre

sonst so freiheitglühende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmückt,

das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und

Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom

Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die

Etikette und eine gewisse loyale Pietät für hohe und höchste Personen

gesündigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preußenvereine wissen

sehr wohl, daß man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann.

Dies edle Kern- und Grundgefühl preußischer Herzen kann nicht mehr

überall der Ausfluß unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der

Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte,

sondern dies Gefühl muß jetzt "vermittelt" werden, in der Sprache der

Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat

Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu

jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den

Beweis führen, daß auch in jenen Regionen menschlich empfunden,

liebenswürdig geschwärmt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal

den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgänge der Literatur, die schon die

Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Gräfin

Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin

Diogenens, rettete ihr wieder die Könige und die Prinzen.

Wir erfahren in diesen drei mit großer Gewandtheit geschriebenen Bänden,

daß es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preußen

gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war,

sich vom Zopf Friedrichs des Großen und derer, die diesen Zopf für das

Palladium des preußischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik

trieb, viel Schulden machte, Militärexzesse begünstigte, die Franzosen

und ihre Republik haßte und um jeden Preis dem "Korsen" den Glanz

preußischer Waffen fühlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806

seinen Willen tat und den Krieg erklärte, fiel er in dem ersten Gefecht

gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber

deren liberale Grundsätze er haßte. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand

so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander

gerühmt worden, daß man sein Leben wohl für beachtenswert, seinen Tod

rührend finden kann. Wie aber sieht es mit einer näheren Prüfung dieses

Ruhmes aus? Wie muß sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese

äußerlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen näher

zu bringen?

Wir gestehen, daß Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes

sehr wahr auffaßte. Statt aller Kritik über ihn hat sie sich ganz einfach

in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche für den schönsten.

Da ist kein nüchternes Räsonnement, da ist keine Prüfung, kein Abwägen

von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt

hat. Und gerade das muß den Treubund entzücken, gerade daraufhin kann

Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Jüdin, eine

eifrige Verfechterin der Grundsätze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht

da eine Märzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten

für preußische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkränzen unsern

Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den

Bahnhöfen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefärbten Bajonetten in

ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Männer und Frauen

einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts für die Menschheit leistete,

sich aber als Hohenzoller fühlte! Und eine Demokratin trägt uns hier die

schwarzweiße Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur!

Die berühmte Gegnerin unserer unübertrefflichen Ida!

Fanny Lewald wird sich über den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber über

mich, der ihn so reden läßt, sehr erzürnen. Sie wird, ich seh' es, alle

diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung für einen preußischen

Prinzen zurückweisen, sie wird, ich hör' es, ausrufen: Kleinliche

Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens

folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr

möglich bleiben, daß man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt,

sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer

George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels

und Prinzenpaläste, mit Interesse, ja mit Liebe umfaßt und das Schöne,

Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das

hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie

hat sich ohne Zweifel noch größeres gedacht. Sie hat das Bild eines

zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt

unüberwindlich dünkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit

vorhalten zu können, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militär und

Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die

Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische

Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist,

ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung

festzuhalten und so den Vorwürfen zu begegnen, gegen die sie als strenger

demokratischer Charakter empfindlich sein mußte.

Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie

hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern

wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott "Musen und Grazien in der

Mark" begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre "Kreise"

mit einem liebenswürdigen, genialen Prinzen des königl. Hauses in

Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen,

mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg

ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen.

Statt, wie eine künstlerische Intuition ihr sagen mußte, den Prinzen

episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren

Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und

alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu

lassen, macht sie diese selbst zu Hauptträgern der Handlung und gibt eine

romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der

Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie

gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll

erscheinen läßt, während sie doch meist nur frivol und sittenlos sind.

Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane berüchtigten

Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und

interessant, so drapiert mit dem großen Umschlagetuch grell-moderner

Ideen und großblumiger Empfindungen, daß man erstaunt, wenn man sich

denken muß: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser

Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbröckeln und in

die ihr eigene großstaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblättern, wo

Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfümierte Billetts, von

galonierten Jockeys auf silbernen Tellern präsentiert, alle Schmerzen

"unverstandener" Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens

Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny

Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentöchter interessant zu finden,

die beim Blasen der Gardekürassiere an die Fenster rennen, sich in Helme

und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewähren, was Prinzen

nur von Bürgerstöchtern fordern können. Henriette Fromm, Pauline Wiesel

sind "Damen" dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von

der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch

geschieht. Welche großen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche

gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt

nicht jene Buhlerei der Mütter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie

nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Später mögen die Opfer dieser

Zustände mehr gelernt haben als Madame Rietz wußte, sie mögen französisch

parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in

Berührung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag

auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter über sie ausgegossen haben.

Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Jüdin Rahel

Levin mit Prinzen von Preußen in Verbindung gebracht darzustellen, ist

hier von ihrem Herzen und dessen kühnsten Flügen geblendet gewesen und

hat eine Sphäre für dichtungswürdig gehalten, die es nicht war. Mamsell

Cäsar, die Berliner Geheimsekretärstochter, verdiente ebensowenig diesen

Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der

Verlobung an einen Ökonomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein

Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer

Bürgerlichen schmeicheln, nur in aller Kürze sie auffordern: Sei mein!

Einen (Roman) von Gefühl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe

des Menschen gibt es da höchst selten und im vorliegenden Fall gewiß

nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als bloß

mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu

machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit

Spannung, würde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie

hätte beim Niederschreiben dieser Blätter auch nur im entferntesten

gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!)

Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen;

unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrückten, leidenden Zustandes

der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem

gedemütigten Stolze, mit der getretenen Menschenwürde. Sie hat in ihrem

reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der

Beobachtung und des Mitgefühls für die Nachtseiten der Gesellschaft

durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie über

die Militärzustände Preußens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die

Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Dünkel der Minister

anstellte, nicht auch zur Wahrheit über ihren aristokratischen Helden

selbst und noch mehr zur Wahrheit über das prahlende Zuschautragen des

Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemälde aufrauschen? Warum wandeln

diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefühlskram

unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle

Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende

Großgefühligkeit um die königliche Hoheit affektierter Kram? Erschließen

uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie müssen es wohl, da

Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine

große Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der

Verfasserin überall folgen, wo sie praktisch und verständig ist. Wo sie

aber Gefühl geben will, Idealität in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch

eben nur in derselben Sphäre, die sie an der Gräfin Hahn hat bekämpfen

wollen: Haß gegen das Übliche, Feindschaft gegen die gewöhnlichen Gleise

der Liebe, die sich in ihrer süßen Monotonie Jahrtausende lang durch die

Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Mütter, die verheirateten

Frauen ewig gleichgültig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und

Paulinen der poetischen Betrachtung würdig? Es wäre eine rechte Erquickung

gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem

Herzen auch ein junges, schönes und bedeutendes mit einem nur guten

angetroffen hätten.

Das Buch schließt wie eine Symphonie mit unaufgelöster Dissonanz! Der

Held stirbt, und--das Ganze ist zu Ende. Alle Fäden, welche die

Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch

Licht, und plötzlich Nacht. Dieser Schluß ist eine Kritik des Werkes. Er

sagt, daß mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts

zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein

wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach

Wahrheit, so die schöne, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger

Überzeugung, daß sie unstreitig fühlte: Die Menschen, die ich da mit dem

Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unnütz, und keine Seele

mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden,

ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach

vielen Gräbern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den

Immortellenkranz verdient.

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 43 / 48 题