Es bestätigt sich denn wirklich, daß nach des Sophokles "Antigone" nun
des Euripides "Medea" die Ehre hat, vom Königl. Hoftheater in Berlin zur
Darstellung angenommen und zu demnächstiger Aufführung bestimmt zu sein.
Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh.
Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Chöre zu instrumentieren.
Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit
denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden füllen können.
Die ästhetische, lebendige, durch und für die Zeit lebende Kritik kann
aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil muß sie dieses
pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfüllen. Sie muß es
unerschrocken aussprechen, daß die Vergeudung der Kräfte, die eine solche
scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet,
eine unverantwortliche Beeinträchtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur
eine Beeinträchtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart.
Tieck mißachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehässigen Gesinnung
gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener
Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, überall, nur nicht da, wo er
durch seinen Einfluß der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des
Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von
Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorführen lassen, nur eine dem
Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehörende Bühne sollte vor dem
Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und
literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v.
Küstner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen
Chimären, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gänzlich fremd,
hinzugeben,--so ist dies schlimm. Ist sein Einfluß so gering, daß er
unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wünsche sein
muß,--so ist es noch schlimmer.
Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine
gründliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches
Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen für Kunst und
Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns "Antigone" bessere
Liebhaberinnen, wird uns "Medea" bessere tragische Mütter bringen?
Bedürfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der
Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht,
jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Bedürfen wir zur
Belebung des Sinnes für höheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die,
überwiegend von der Musik unterstützt, durchaus ein für das rezitierte
Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen können? Ist die Weltanschauung
der antiken Tragödie eine erhebende für das Christentum, eine belehrende
für den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat,
als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter,
Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene
Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln?
Ich höre, ein derlei praktischer Nutzen würde auch mit den Zitierungen
jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die
Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der
befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann muß man herzlich die
Täuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von
Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik
unterstützte Tragödie für die griechische der alten Welt halten kann.
Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterreplätze
für den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefähr aussieht, wie die
Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere
Gymnasiasten klassen- und cötusweise in eure antiquarischen Spielereien
führen! Das, was uns da als des Sophokles "Antigone" und als des
Euripides "Medea" gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich,
ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am
Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen
polemischer Tendenz. Ihr lügt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie
existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart,
die das Unglück hat, jünger zu sein als ihr! Um von den "Götzen des
Tages" abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Götter, Götter, die nie
existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, Ölgötzen, Ödipe mit Souffleur-
kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgänge spielen, Chöre, die sich auf
den Kontrapunkt verstehen! Lüge ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige
Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schämt euch, so eure Zeit zu betrügen
und die Kunst zu hintergehen.
Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolität.
Frivol nenn' ich alles, was Maschine ist und sich für Organismus ausgibt,
alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkür ist und den
Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck über das belletristische
Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller
Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm
lästig, Ernst drückend, das Erhabene nur willkommen, wenn es möglicher-
weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer ließe ihn nicht in dieser
seiner Art gewähren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre
Grenzen. Die Ironie hört auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter
Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei
der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum
Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner
Häuslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und
Trollgeistern, die dich im grünen Waldrevier deiner Talente bewundern und
bedienen--aber laß vor den heiligen Räumen des Ernstes deine Schelmenkappe
zurück: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Bühne, was sie
jetzt ist, die Bühne als Träger und Organ höherer Sittlichkeit: das sind
Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten
darf.
Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurück, so muß sich
unwillkürlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen,
reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen
weiß, wenigstens keinen, der über einige heitere und witzige Schriften
hinausging. Das Theater schien sein nächster Beruf. Er wäre gern
Schauspieler geworden und würde in dieser Laufbahn, von der ihm Schröder
abriet, vielleicht Großes geleistet haben. Er persiflierte in seinen
unaufführbaren Komödien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes
für ihn geben zu können. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten
Richtungen lächerlich, von denen sie später eingestehen mußten, daß sie
noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmächtigen romantischen
Produkte, über welche Tieck in seinen spätern dramaturgischen Blättern
berichten mußte. Aus Verzweiflung, daß "Ion", "Alarcos", "Oktavian" usw.
für die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf
Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so überpries, daß sich
zwischen Altem und Neuem förmlich eine unüberschreitbare Kluft öffnete
und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier
Anbetungswürdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines
Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber überschwenglich nur loben
konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer
Bühnenkenntnis, nicht ein einziges Bühnenstück schreiben können. Nicht
ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das
diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, für
jeden Produzierenden gefährlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so
viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich
muß das Bewußtsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und
ihn gegen seine Zeit so mißstimmen, daß er sich lieber in die antike
Bühne wirft, als frei und tüchtig der Gegenwart Rede zu stehen....