Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)

Herr von Küstner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine

Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter für ihn gesprochen haben, als

alle Verteidigungen der Presse, als sämtliche Paragraphen seines mit

Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als

eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr überwiegend ein

notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die

Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls

ist es gefährlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater

sein sollen, einen zu großen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die

Leidenschaft für "Überschüsse" ist eine der gefährlichsten

Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln,

bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren.

Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze wären mit Unrecht

angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen

alten und den zu verhütenden neuen Mißbräuchen gegenüber eine

Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung hätte konstitutionell verfahren werden

sollen, d.h. die Mitglieder der Königlichen Bühne hätten in die

Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repräsentanten müssen wählen dürfen.

Aller Zeitungslärm und Kulissenärger wäre durch dies konstitutionelle

Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen

aus einem Bewußtsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben

Willen bei jedem treufleißigen Künstler voraussetzte. Dagegen sich

auflehnen und einen Lärm schlagen, als wenn dem redlichen Künstlerstreben

das Palladium der Freiheit entwendet wäre, verrät geringe Überlegung. Die

Theatergesetze des Herrn von Küstner sind nicht ohne Fehler, aber in den

Hauptgrundsätzen nur zu billigen.

Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel

beabsichtigt zu werden. Dem Fräulein von Hagn soll die Last, das ganze

Repertoire auf ihrem schönen griechischen Nacken zu tragen, endlich

erleichtert werden. Sie fühlt sich gewiß sehr glücklich, einen Teil ihrer

Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie während drei

der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Händen

zurückzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fräulein Viereck ist

vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen

Bühnenkräfte besitzt, nach Berlin übergegangen, eine hohe, plastisch edle

Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in

empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen

repräsentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafür sich schon

mit den Rollen entwickeln. Was Fräulein Viereck nicht besitzt, diesen

unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten

weiblichen Natur, das wird Fräulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein

Talent, das an der Elbe hochgerühmt wird und, wie man vernimmt,

gleichfalls von der großmütigen Entsagung des Fräuleins von Hagn Vorteile

ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und

Talent, dessen Erwerbung Herrn von Küstner alle Ehre macht. Clara Stich

für die Naivität, Charlotte von Hagn für die keck gestaltende, geniale

weibliche Charakterrolle, Fräulein Viereck für die Salondamen, Fräulein

Wilhelmi für die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragödie, Frau

von Lavallade für duldende und zurückgesetzte Gemüter, Madame Crelinger

für die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf----

Halt! Wir kommen aus der Sphäre des Personals in die des Repertoires; denn

es scheint, als hätte Herr von Küstner die fruchtbare Bühnendichterin mehr

aus Rücksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert.

Sie ist ihm als Schriftstellerin benötigter, denn als Mimin. Er wünschte

ihre Stücke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den

Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Lücke, um diese

mit Madame Birch-Pfeiffer auszufüllen.

Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen

sehen. Vor dreizehn Jahren in München die Maria Stuart und vor zwei

Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterließ sie mir

einen sozusagen großartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in

ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen

Dialekt, was für Maria Stuart eine eigentümliche Nuance war; aber auf

Maria Theresia paßte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria

Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der

Königlichen Bühne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer

stattete die Kaiserin mit vielem Gemüt und mancher derben Gestikulation

aus. Kenner wollten finden, daß sie übertreibe, andere, daß sie monoton

wäre. Genug, über ihre Verdienste als Künstlerin gestehe ich, kein

Urteil zu haben.

Auch gegen ihre Stücke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie

ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris würde sie wie

der Koloß von Rhodos das ganze Repertoire vom Odéon jenseits der Seine

bis zu den Délassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie

würde klassisch sein für das Théâtre français, romantisch für die Porte

St. Martin. Sie würde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von

deutschen und englischen Romanen (nicht von französischen, denn dem

französischen Romandichter muß der Dramatiker sein Sujet abkaufen!)

befruchten lassen. Die Bühnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die

Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst über eine kühle

Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst.

Dennoch ist es ein Unglück, daß Herr von Küstner in seiner Bewunderung

von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin

mäßigen. Er sollte einsehen, daß ein Stück mit folgendem Titel:

(Anna von Österreich.

Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman:

Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl.

Birch-Pfeiffer.

Erste Abteilung. Ein Taschentuch.

Zweite Abteilung. Der Musketier.

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 36 / 48 题