Herr von Küstner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine
Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter für ihn gesprochen haben, als
alle Verteidigungen der Presse, als sämtliche Paragraphen seines mit
Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als
eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr überwiegend ein
notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die
Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls
ist es gefährlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater
sein sollen, einen zu großen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die
Leidenschaft für "Überschüsse" ist eine der gefährlichsten
Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln,
bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren.
Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze wären mit Unrecht
angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen
alten und den zu verhütenden neuen Mißbräuchen gegenüber eine
Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung hätte konstitutionell verfahren werden
sollen, d.h. die Mitglieder der Königlichen Bühne hätten in die
Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Repräsentanten müssen wählen dürfen.
Aller Zeitungslärm und Kulissenärger wäre durch dies konstitutionelle
Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen
aus einem Bewußtsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben
Willen bei jedem treufleißigen Künstler voraussetzte. Dagegen sich
auflehnen und einen Lärm schlagen, als wenn dem redlichen Künstlerstreben
das Palladium der Freiheit entwendet wäre, verrät geringe Überlegung. Die
Theatergesetze des Herrn von Küstner sind nicht ohne Fehler, aber in den
Hauptgrundsätzen nur zu billigen.
Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel
beabsichtigt zu werden. Dem Fräulein von Hagn soll die Last, das ganze
Repertoire auf ihrem schönen griechischen Nacken zu tragen, endlich
erleichtert werden. Sie fühlt sich gewiß sehr glücklich, einen Teil ihrer
Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie während drei
der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Händen
zurückzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Fräulein Viereck ist
vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen
Bühnenkräfte besitzt, nach Berlin übergegangen, eine hohe, plastisch edle
Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in
empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen
repräsentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafür sich schon
mit den Rollen entwickeln. Was Fräulein Viereck nicht besitzt, diesen
unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten
weiblichen Natur, das wird Fräulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein
Talent, das an der Elbe hochgerühmt wird und, wie man vernimmt,
gleichfalls von der großmütigen Entsagung des Fräuleins von Hagn Vorteile
ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und
Talent, dessen Erwerbung Herrn von Küstner alle Ehre macht. Clara Stich
für die Naivität, Charlotte von Hagn für die keck gestaltende, geniale
weibliche Charakterrolle, Fräulein Viereck für die Salondamen, Fräulein
Wilhelmi für die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragödie, Frau
von Lavallade für duldende und zurückgesetzte Gemüter, Madame Crelinger
für die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf----
Halt! Wir kommen aus der Sphäre des Personals in die des Repertoires; denn
es scheint, als hätte Herr von Küstner die fruchtbare Bühnendichterin mehr
aus Rücksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert.
Sie ist ihm als Schriftstellerin benötigter, denn als Mimin. Er wünschte
ihre Stücke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den
Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Lücke, um diese
mit Madame Birch-Pfeiffer auszufüllen.
Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen
sehen. Vor dreizehn Jahren in München die Maria Stuart und vor zwei
Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterließ sie mir
einen sozusagen großartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in
ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen
Dialekt, was für Maria Stuart eine eigentümliche Nuance war; aber auf
Maria Theresia paßte ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria
Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der
Königlichen Bühne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer
stattete die Kaiserin mit vielem Gemüt und mancher derben Gestikulation
aus. Kenner wollten finden, daß sie übertreibe, andere, daß sie monoton
wäre. Genug, über ihre Verdienste als Künstlerin gestehe ich, kein
Urteil zu haben.
Auch gegen ihre Stücke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie
ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris würde sie wie
der Koloß von Rhodos das ganze Repertoire vom Odéon jenseits der Seine
bis zu den Délassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie
würde klassisch sein für das Théâtre français, romantisch für die Porte
St. Martin. Sie würde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von
deutschen und englischen Romanen (nicht von französischen, denn dem
französischen Romandichter muß der Dramatiker sein Sujet abkaufen!)
befruchten lassen. Die Bühnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die
Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst über eine kühle
Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst.
Dennoch ist es ein Unglück, daß Herr von Küstner in seiner Bewunderung
von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin
mäßigen. Er sollte einsehen, daß ein Stück mit folgendem Titel:
(Anna von Österreich.
Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman:
Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl.
Birch-Pfeiffer.
Erste Abteilung. Ein Taschentuch.
Zweite Abteilung. Der Musketier.