Raupach scheint jetzt Berlin gegenüber einen schweren Stand zu haben.
Selbst seine Freunde fühlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu
schenken pflegten, erschöpft. Und doch find' ich, daß seine neuern Sachen
nicht schlechter sind, als die früheren, daß sie denselben Zuschnitt
haben und dieselbe Kenntnis der Bühneneffekte verraten. Sollte vielleicht
die sehr glückliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat
von der königl. Bühne einen jährlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht
für jeden Akt seiner Dramen außerdem noch 50 Taler. Seine Dramen (müssen)
zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls
wird jedes angenommene Stück außerordentlich begünstigt und kann auf
schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schöne Kräfte könnten nicht für die
Bühne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen
Teil dieser Begünstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen
Anschließen an eine Bühne, die willfährig selbst schwächere Versuche
darstellte, kann Lust und Kraft fürs Theater gezeitigt werden. Wird man
seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Daß
Raupachs Stellung für die in der dramatischen Literatur aufkeimende
Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen
werden an der hiesigen Bühne nach alten eingegangenen Verpflichtungen
bevorzugt und jährlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die
Hälfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen.
Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der
Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewähren? Nein, er ist dafür
anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkönnen?
Das schon eher: Ich glaube sogar, daß Raupach nach dem Maß seiner Kräfte
von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiß noch zehn
Jahre gönnen müssen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus
seinem unverwüstlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt'
es nicht da eine Grenze geben? Besäße Raupach die Vielseitigkeit eines
Kotzebue, dann wäre die Aussicht minder abschreckend. Allein immer
derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben
den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen
Charaktere--man muß das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig-
faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler,
weil sie die Kraft ihres Gedächtnisses an das nur allzuleicht
Vergängliche verschwenden ...