Ernst Raupach (1840)

Raupach scheint jetzt Berlin gegenüber einen schweren Stand zu haben.

Selbst seine Freunde fühlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu

schenken pflegten, erschöpft. Und doch find' ich, daß seine neuern Sachen

nicht schlechter sind, als die früheren, daß sie denselben Zuschnitt

haben und dieselbe Kenntnis der Bühneneffekte verraten. Sollte vielleicht

die sehr glückliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat

von der königl. Bühne einen jährlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht

für jeden Akt seiner Dramen außerdem noch 50 Taler. Seine Dramen (müssen)

zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls

wird jedes angenommene Stück außerordentlich begünstigt und kann auf

schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schöne Kräfte könnten nicht für die

Bühne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen

Teil dieser Begünstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen

Anschließen an eine Bühne, die willfährig selbst schwächere Versuche

darstellte, kann Lust und Kraft fürs Theater gezeitigt werden. Wird man

seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Daß

Raupachs Stellung für die in der dramatischen Literatur aufkeimende

Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen

werden an der hiesigen Bühne nach alten eingegangenen Verpflichtungen

bevorzugt und jährlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die

Hälfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen.

Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der

Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewähren? Nein, er ist dafür

anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenkönnen?

Das schon eher: Ich glaube sogar, daß Raupach nach dem Maß seiner Kräfte

von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewiß noch zehn

Jahre gönnen müssen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus

seinem unverwüstlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt'

es nicht da eine Grenze geben? Besäße Raupach die Vielseitigkeit eines

Kotzebue, dann wäre die Aussicht minder abschreckend. Allein immer

derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben

den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen

Charaktere--man muß das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig-

faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler,

weil sie die Kraft ihres Gedächtnisses an das nur allzuleicht

Vergängliche verschwenden ...

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 34 / 48 题