Neues Museum--Schloßkapelle--Bethanien (1854)

Eine derjenigen Schöpfungen des Königs, in denen man unbehindert von

irgendeiner drückenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue

Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen,

er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen

inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Räumen aller lästigen

Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fühlen und im

Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen

Kunstbestrebungen, die uns die Schönheit und Pracht von München, die

Ausschmückung des königlichen Schlosses in Dresden, die neuen Pläne für

Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmäler, Kunstausstellungen,

Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das

Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten,

unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Stätte der

Begrüßung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der prüfenden,

immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die

sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und

gefällig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt

sind. Wir sind in Italien und in München vorbereitet auf das, was wir

hier wiederfinden. Diese Räume hat mit den Eingebungen seines Genius

vorzugsweise eine große, freie Künstlernatur zu beleben, ein Dichter mit

dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem märkischen

Sande stammen. So stört uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer

Schwu1st, keine russischen Pferdebändiger, oder Athleten oder Amazonen

erfüllen uns, während wir an Athen denken wollen, mit lakedämonischen

Vorstellungen; selbst die hier in Berlin überall aushängende Devise:

"Nach einem Schinkelschen Entwurf", stört uns nicht. Man muß Schinkel

einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf

doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei

der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von

Palastentwürfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen Öfen; aber es

fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit

des Stils....

Eine zweite große Schöpfung des Königs ist die (Kuppeldachkapelle des

Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine

Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentümlichen Geschmack, wenn auch

eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die

gewaltige Wölbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet

gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Gerümpel, freilich

aber auch den vortrefflichen Schlüterschen Basreliefs, die jetzt die

Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen

als runden Bogens ist meisterhaft ausgeführt. Einen überraschenden

Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewähren, der sich erst

im Weißen Saale an den schönen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet

hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen

geschmückt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmäßig durch

Milchglasglocken ihre Flammen dämpfen sollen. Man erwartet in der Kapelle

weder diese Größe noch diese Pracht. Bei längerer Betrachtung schwindet

freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf

Goldgrund überladene Gebäude wird dem Auge kälter und kälter. Der Altar,

wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten

Kreuze geziert, die Kanzel, der Fußboden, alles erscheint dann plötzlich

so nur für die Schwüle der südlichen Luft berechnet, daß man das

lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht

innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das

Spiel aller hier zur Verzierung der Wände aufgebrachten Marmorarten. Da

gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der

nicht eine Platte sich hier vorfände wie in einer mineralogischen

Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich

die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken

zusammengestellt, die Förderer der Religion und des Christentums zu

feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner

Kirchengedanke. Huß, Luther, die Kurfürsten von Brandenburg stehen

vis-à-vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da muß es an der einigen

Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man

kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst

halten. Ach, und dieser Fanatismus für das konventionell Religiöse sitzt

ja wie Mehltau auf all' unsern Geistesblüten! Man denkt nicht mehr, man

prüft nicht mehr, man übt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt

sie um ihrer Ehrwürdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren

graues Haar unsere Kritik über die Schwächen, die sie besitzen,

entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will

nicht prüfen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein

die Tradition, die man auf sich beruhen läßt. Man schlägt sein

rauschendes Seidenkleid in künstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl

niederkniet; man schlägt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb

gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Rührung dieser

Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute mußte besiegelt werden, gesteht

wohl auch seine eigenen sündigen Einfälle und Neigungen ein, gibt sich

den Klängen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden

Tränen der Nervenschwäche und Rührung hin und verläßt die Stätte der

Andacht mit dem Gefühl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine

Demonstration gegeben zu haben gegen die anstößige und in allen Stücken

gefährliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Für diese

Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen

zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schloßkapelle.

Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl lästig werdenden

Rücksichten einer solchen Art von Pietät.

Weitentlegen vom Geräusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen,

baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete

Diakonissenanstalt. Man fährt an einer neuen, im Bau begriffenen

katholischen Kirche vorüber und bewundert die großartige Anlage dieses

vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu

erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine städtische sein und ab und

zu wird man von Bitten in den Zeitungen überrascht, die Bethanien zu

unterstützen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein

privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewöhnliche Zahl, für

welche die nötigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxuriös

gespendeten Raume nach könnten noch einmal soviel untergebracht werden.

Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der

Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben

erweckt, als wäre die nächste Bestimmung der Anstalt die, eine Art

Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit

Krankenpflege beschäftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des

Unternehmens auf eine ähnliche Voraussetzung begründet. Bethanien soll

eine Demonstration der werktätigen christlichen Liebe sein; die Kranken,

mag auch für sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen

gewissermaßen die zweite Stelle ein.

Die Oberin der Diakonissen ist ein Fräulein von Rantzau. Unter ihr stehen

etwa zwanzig "ordinierte" Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl

von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten

sind auf Reisen begriffen, um auswärts ähnliche Anstalten begründen zu

helfen. Die Tracht der größtenteils jungen und dem gebildeten Stande

angehörigen Damen ist blau, mit einem Häubchen und einer weißen, über die

Schulter gehenden Schürze. Wie gründliche Vorkenntnisse hier

vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen

allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen

Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Mägde, die im

Souterrain an den höchst entsprechenden praktischen Waschhaus- und

Küchenvorrichtungen beschäftigt sind. Auch Männer fehlen nicht. Die

Diakonissen sind überhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschäftigt

und müssen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und

Umbetten der Kranken besteht, dem stärkern Geschlechte überlassen. Man

bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus,

der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit

verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekämpfen, da unfehlbar

ein zwangloses Behagen in der Nähe von Kranken und Sterbenden die ganze

Stimmung unsers Herzens für sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die

reine Luft, das Gefühl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den

Kranken selbst zugute.

Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste

erklären diese Frauen und Mädchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer

Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig

bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks

auf einen höhern sittlichen Zweck. Dennoch hätt' ich lieber gehört: Diese

Institution wäre von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton

würde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei

gemeinschaftlichem Wirken ist nötig, eine gleiche Stimmung muß alle

verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob

das Herrnhuter, in "Gnadau" gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano

aufgeschlagen fand, dazu gehört, möcht' ich bezweifeln. Ein anderes ist

der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich für

Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt für immer getrennt

haben; ein anderes diese vorübergehende Wirksamkeit einer Diakonissin,

die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder

aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden

kann. Für einen solchen Beruf reicht Herzensgüte, Menschenliebe und eine,

durch äußere Umstände hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz

anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert

die Bildung der Gesellschaft, die Humanität der Gesinnung, die Liebe zum

Gemeinwohl, die Sorge für die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt,

eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werktätiges

(Prinzip) durchgedrungen sein, daß man, um hier dreißig Frauen in einem

Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, nötig hat, nach dem Gnadauer

Herrnhuter Gesangbuche zu greifen?

Man wird ein jedes Krankenhaus mit Rührung verlassen. Auch in Bethanien

sieht man des Wehmütigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von

Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren

Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit

bleiernen Soldaten und hölzernen Häuserchen. Ein blasser Knabe, der an

der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte

freundlich grüßend die Hand. Einen andern hatt' ich gut auf den

Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon

draußen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden

Frühling vertrösten, der Kleine litt am Rückenmark und wird nie wieder

gehen können. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach "Satanella"

und Aladins "Wunderlampe" sehr nützlich, sehr heilsam sein kann. Aber

Bethanien verläßt man doch mit dem Gefühl, daß hier, wie in unserer Zeit

überhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen,

des Arztes bedürftig zu sein.

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 20 / 48 题