Himmel! Berlin sei unschön? höre ich einen nationalliberalen Enthusiasten
ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemäßen Begriff aufstellen! Sie
machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu
unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, groß, selbst
die Zukunftsgärten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein müssen!
Die Opportunität, die große deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations-
frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Städte! Die Stadt auch
der Schönheit! Höchstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg
wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehört ja Graubünden und die
Schweiz auch zu Berlin!
Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe
unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird.
(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen.
Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Straßengewühl, wenn es
gerade geregnet hatte oder noch das Straßenpflaster vom Morgentau
beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefährte aller Art
sich zum Markte drängten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt,
in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in
Paris in der mächtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es
auf Plätzen, Brücken, Verbindungswegen, Toren, Triumphbögen, selbst
Magazinen und Warenschuppen wie auf Bedürfnis nur nach dem Schönen
angelegt und konsequent durchgeführt!
Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schönheit Wiens) war die
Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang
sehr fühlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schweiß
der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat
auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Wälder abgehauen
und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle
Mittel schienen dafür gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der
Wilhelmstraße entstand geradezu aus einem--verweigerten Heiratskonsense
des Despoten, den man gewöhnlich Friedrich den Großen nennt. Kolonisten
mußten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise
einstöckig, diese Hütten neben den neuerdings errichteten
Prachtzinshäusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem
Großen Kurfürsten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu
einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern würdigen Schemel an ihrem Throne zu
machen. Schlüter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff mußten sich an
Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann später
Berlin. Friedrich der Große, Egoist wie er war, baute lieber Paläste für
sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute,
waren gleichsam nur "ungern gegeben", halb Marzipan, halb Kommißbrot.
Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der
Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in
Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen
Straßenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn würde die Geschichte am
besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekrönte
Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar
trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine
entlegene Votivkirche Roms erinnern könnten. Seitdem stockt die
Verschönerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als
was ihre nächste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschönerung
Berlins geregt hat, wird überholt durch die riesenmäßig gesteigerte
Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der häßlichste Abbruch, Schutt,
ein trauriger Anblick wie Straßburg nach der Belagerung geworden ist.
Großartigkeit und in ihrer Art auch--Schönheit liegt in der Avenue vom
Brandenburger Tor bis zum Schloß; aber man könnte noch hundert Jahre so
fortbauen wie jetzt und brächte doch nicht den Eindruck permanenter
Unschönheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im großen und ganzen, in
der Nähe und in der Perspektive, durch einen größeren diktatorisch
befohlenen Schönheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der
Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das
kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Straße, wo nur
allein elegante Welt sichtbar würde, gibt es in ganz Berlin nicht!
Überall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der
Köchin, das Produkt des Handwerkers oder die Bürde des Lastträgers
zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fuß Breite bestehende
Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, läßt einen am anderen
dicht vorüberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souverän auf, selbst
auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den
Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Börse
oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes
neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel-
Betriebslokalen, zu Werkstätten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem
immerdar werkeltätigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die überall
geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins.
Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schloß ist ein Prospekt, der,
wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis
zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs mächtigste gehoben
fühlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in
Paris möchte dagegen zurückstehen. Plötzlich aber am Dome sieht der
Wanderer eine kleine Brücke, die in die innere Stadt führt. Noch eben
denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich
geschwungenen Brückchen, die über die Seine führen. Welcher Anblick wird
ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbrücke, früher um sechs Pfennige
passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf
demnächstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den
Grabstätten der Könige, ein Pendant zu den faulenden Fischerkästen, die
in dem trüben Flusse vom Fuße des Schlosses nur allmählich weichen zu
wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und Äpfelkähne.
Besonders unschön wird Berlin durch die über alle Beschreibung große
Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste
Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der
umfassendsten Räumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschäfte solche in
Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen
sind. Nun hat man keineswegs die häßlichklaffenden Lücken von Holz-,
Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Straße in Harmonie
gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache,
verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lückenhaft,
verhäßlicht durchweg die Stadt, wie denn überhaupt der offne
Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher
Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schöneberger Ufer, eine
ganze elegante Straße entstellen. Endlich ist der ordinäre Bretterzaun
doch auch von dem königlichen Lustschlosse in Bellevue gewichen!
"Aber das Reich! Das Reich!" Ruhe, lieber Streber! An eine partie
honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach
Reichstagspalaststätten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder
Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den
Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstraßen liegen, mehr in Schwung zu
bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche
staatumwälzende Proklamation von einem Ständehause herab verlesen wurde,
das deutsche Kapitol aus strategischen Gründen isolieren? Die Architekten
scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes
von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit
vor diesen großen Plätzen, wo man in der Sonne keuchen muß, bis man
endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung
von dem großen Meilenzeiger am Dönhofsplatz, um welchen herum doch die
meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwägung wert? Schreckte nicht
die Erinnerung an die Grausamkeit König Ludwigs I. von Bayern, der die
neue Münchener Universität an die äußerste Grenze der Stadt baute und die
Studenten zwang, täglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch
seine endlose, in der Hitze unerträgliche Ludwigstraße zu machen? Nun
gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn für einen anderen Plan, den etwa
mit der Königgrätzer Straße, Gärten zerstört werden müssen, alte
ehrwürdige Linden abgesägt oder im Deckerschen Garten Bäume, die zu den
Wundern Nordeutschlands gehören, wenn Millionen für Grund und Boden
gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Gärten dem Privatbesitz oder
der Öffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt
Statuen auf diese freigelegten Gärten! Mehr als jetzt Berlin aufweist!
Man kann auch Fontänen dazu springen lassen, Ruhebänke anlegen,
goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gußeisens
bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen öffentlichen
Gebäuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach
Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht.
Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom früheren "Katzenstiege",
jetziger Georgenstraße, rechts von der Friedrichstraße bis zum Gegenüber
des Monbijou. In unmittelbarer Nähe eines der schönsten Prospekte der
Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Königswache oder vom
Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert,
plötzlich an der Georgen- und Universitätsstraßenecke wie unter die
Bedienten-, Küchen- und Remisengebäude einer fürstlichen Hofhaltung
versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die nächste Nachbarschaft des Kaisers,
sein vis à vis sogar, gleicht einem--"Wo die letzten Häuser stehen".
In der Tat hieß auch früher die vorherliegende, jetzt noch leidlich
gefällige Dorotheenstraße die "Letzte Straße". Wahrlich, hier fängt die
Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum
Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenplätze, Milltärmontierung-Aufbewah-
rungen, Kavallerieställe und das ungeheure schiefwinklige Gebäude der
Artilleriekaserne, das an den Wänden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf
grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend
ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die großen Flächen
vor den Toren verwiesen werden muß, die schon Kasernen genug aufgenommen
haben. Gefällig ließe sich hier der Quai regulieren, die hölzerne
Ebertsbrücke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das
gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebäude in Einklang bringen mit der
Börse, dem Museum, dem Schloß, der Universität und dem grünen Baumkranze,
der drüben jenseits der Spree vom Schloß Monbijou herüber winkt. Wer
jetzt diese Gegend durchwandert, muß sich sagen, daß hier alles den
Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des Überlebten
trägt. Alles ist arm, unschön, unkaiserlich.
An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse
entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben,
Eindrücke von einem so erhebenden Reize, als befände man sich in Genf im
neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der
Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst überall
unvermeidlichen "Theatern" zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem
Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien,
im Hintergrunde die neue Thomaskirche--man wünschte, dieser Charakter
wäre allgemein festgehalten und für das Ganze maßgebend. Hier bildet der
Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schönen Gemäldes. Auch an anderen
Stellen könnte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn--des
Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten?--den schon gebotenen Anfängen zu
Hilfe käme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1straße kommt und die
Waisenhausbrücke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von
jener Großartigkeit, die in Wasserstädten wie Hamburg, in den Seestädten
Hollands so mächtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen.
Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Häuserabbruch offengelegten
Hinterfronten einiger Straßen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von
Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrückliche Gebote an
die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens
dem Auge etwas gefälliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen
Kolonnadengang des Mühlendamms über die Spree hinweg links zur
Stadtvoigtei könnte trotz des mehr als wüsten Gegenübers für die vollere
Wirkung einer belebten, echten Hafenstraße gewonnen werden.
Für solche und ähnliche Ideen schwärmten in alter Zeit die Kronprinzen!
Jetzt, wo der Fiskus für ein Reichstags-Gebäude im Tiergarten auf Grund
und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Gründer Unter den Linden
gefordert haben würden, muß man sich schon begnügen, wenn nur die
städtische Baukommission Künstler zu Referenten hat, die für Berlins
Zunahme und Wachstum einen gewissen schöpferischen Plan im großen und
ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt
sich nicht darum, allmählich die Netze und Linien eines neuen
Anbauungsentwurfes auszufüllen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten,
es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden
Lücken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstören. Freilich
ist die Macht des Besitzes so groß, daß selbst eine in solchem Grade die
Straße entstellende Novantike wie der sogenannte "Eisbock" noch immer
nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehörde gewichen ist! Das ist
die Mühle von Sanssouci! Das soll nun groß sein! Begierig bin ich, was
aus der großen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht
dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastraße eine Litfaßsäule
gegenüber.
Auf das Häßliche in den Staffierungen der Straße durch ihr gewohntes
Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Häßliche
in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner
Überzeugungen selbst beim schönen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr
mißlich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu fürchten unserer alles
im rosenroten Lichte sehenden Optimisten.
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